Eishockey-WM - Nach Sieg gegen Finnland beste Vorrundenbilanz für Deutschland - Deutschlandfunk
Deutschland bei der Eishockey-WM – Ziemlich nah an der Idealvorstellung
Das deutsche Eishockey-Nationalteam hat bei der Weltmeisterschaft überraschend gegen Finnland gewonnen und die Vorrunde so erfolgreich wie noch nie abgeschlossen.

Die Auswahl setzte sich am Dienstag (21.05.2019) im slowakischen Kosice gegen das Heimatland von Bundestrainer Toni Söderholm mit 4:2 (1:1, 1:1, 2:0) durch. Marc Michaelis (18. Minute), Dominik Kahun (34.) und Leon Draisaitl (45./59.) erzielten die Tore.

Für Draisaitl wird es sein 93. Spiel in dieser Saison sein. Dass die Belastungen einer langen Saison, bei der er im Klub mit Bestmarken glänzte, nicht folgenlos vorübergegangen sind, ließ sich in den vergangenen Tagen beobachten. Der 23-Jährige ist der mit Abstand qualifizierteste Profi im deutschen Kader. Dass er mit seiner individuellen Klasse als Dreh- und Angelpunkt der Kollegenschar neue Möglichkeiten eröffnen kann, deutete er wiederholt an. Draisaitl stach vor allem dann heraus, wenn es ihm gelang, in Torraumnähe von seiner Technik in Eins-zu-eins-Situationen zu profitieren; so bereitete er gegen die Finnen im zweiten Dritteln erst den abermaligen Ausgleich vor, ehe er später das wichtige 3:2 und dann noch per Empty-Net-Goal den Endstand folgen ließ. Mit acht Punkten (fünf Toren, drei Vorlagen) ist er vor dem Mannheimer Markus Eisenschmid (ein Tor, sechs Vorlagen) bester Scorer der Deutschen.

"Wir haben alle an einem Strang gezogen und unseren Job gemacht. Das muss man machen, wenn man die Finnen schlagen will", sagte Draisaitl, der mit Blick auf das Viertelfinale meinte: "Jede Mannschaft ist eine Top-Nation. Wir freuen uns darauf." Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass Deutschland in der Runde der acht besten Mannschaft auf Tschechien treffen wird. Gespielt wird am Donnerstag in Bratislava.

In Kosice sparte Draisaitl dagegen zwischenzeitlich nicht mit Kritik an der eigenen Person. Als er gegen die Slowaken 27 Sekunden vor Schluss das 3:2 erzielt hatte, sagte er anschließend, dass er dadurch das Beste aus einer bescheidenden Vorstellung machte: Bis dahin habe ich nicht wirklich was Gutes hinbekommen. Da habe ich mir gedacht, eine gute Aktion muss ich noch irgendwie zustande bringen. Söderholm probierte vor dem Duell mit den Finnen, den Star seiner Truppe mit Worten anzustacheln. Ein Schachzug, der aufging. Leon versucht sehr viel auf dem Eis, meinte der Coach und wies zugleich unverblümt auf Draisaitls ausbaufähiges Abwehrverhalten hin: Er kann auf alle Fälle besser in der Defensive arbeiten. Ich denke nicht, dass das ein Geheimnis ist.

+++ Eishockey-WM im Liveticker +++: 4:2 – Deutschland besiegt Finnland

Draisaitls NHL-Stürmerkollege Dominik Kahun sagte nach dem Sieg gegen Finnland: "Wir haben uns noch einmal gesteigert im Vergleich zum Spiel gegen die USA. Es war eine super Teamleistung mit einem super Torhüter. Wir haben es ihnen sehr schwer gemacht und waren sehr gut mit der Scheibe. So können wir gegen die Guten bestehen."

Die Arbeitsauffassung hat er sich vom Papa, ehedem selbst Eishockey-Nationalspieler, abgeschaut. Auch Peter Draisaitl war nicht der Typ, der lange haderte oder ins Grübeln geriet. Ähnlich erzog er den Sohn, der früh bereit war, mehr zu investieren als andere, um besser zu werden als sie. Statt sich im Urlaub auf die faule Haut zu legen, engagieren beide lieber zusammen Privattrainer, stemmen Gewichte und bolzen den Sommer über Kondition. Damit ist Leon Draisaitl weit gekommen – und es könnte ihm alsbald ein Wiedersehen mit der Steel-Arena bescheren, aus der er und die Deutschen am Dienstag mit Applaus verabschiedet wurde: Vater Peter unterschrieb gerade eine Vertrag als Cheftrainer des HC Kosice.

Fünf Vorrundensiege hatte zuvor noch nie ein deutsches Team bei einer WM geschafft. Für das Viertelfinale war die Auswahl von Bundestrainer Toni Söderholm bereits zuvor qualifiziert gewesen. 

Doch Draisaitl traf eben auch schon auf Konkurrenten, die ihm durch intensive Verteidigungsarbeit das Leben wesentlich schwerer machten als die Finnen und dafür sorgten, dass die Passwege zugestellt waren, auf denen die Scheibe zu dem 100-Kilo-Kraftprotz kommen sollte. So auffällig wie bei den Edmonton Oilers trat Draisaitl bei der WM bis zur Gala gegen die Finnen nicht in Erscheinung; was auch damit zu tun hat, dass ihm bisweilen die Unterstützung ähnlich hochveranlagter Nebenleute fehlte, die ihn ansonsten in Szene setzen. 50 Tore und 55 Assists bedeuteten für ihn zuletzt in der NHL ein Karrierehighlight.

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Abschiedsstimmung kommt auf. Am Standort Kosice haben sich die Dinge nicht ganz so entwickelt, wie es sich die WM-Organisatoren vorgestellt hatten. Auch viele Schwarzmarkthändler verrechneten sich, wie in der Fan-Zone rund um die Steel-Arena festzustellen ist: Bei den Ticketpreisen für den finalen Vorrundenspieltag waren alle jene, die sich das große Geschäfte erhofft hatten, zu erheblichen Abschlägen bereit. Eintrittskarten für 50 Euro, die zum Auftakt für das Fünffache gehandelt wurden, kosteten nur noch die Hälfte.

NHL-Torwart Philipp Grubauer stand nach einer Zwangspause wegen muskulärer Probleme erstmals seit einer Woche wieder im Tor und überzeugte mit einer starken Leistung. Harri Pesonen (16.) und Juhani Tyrväinen (25.) trafen vor 6.685 Zuschauern für die Skandinavier, mit denen Söderholm 2007 als Spieler Vizeweltmeister geworden war.

Nach vier Siegen zum Turnierbeginn hatte die DEB-Auswahl zuletzt gegen Kanada (1:8) und die USA (1:3) verloren.

Johannes Schnitzler, Jahrgang 1969, geboren und aufgewachsen in Augsburg. Seine ersten Worte waren angeblich “Ball” und “Papier” – was die Berufswahl vielleicht erklärt. Über erste Erfahrungen bei einem Augsburger Radiosender und ein Journalistik-Studium in München führte der Weg zur SZ. Hat früher Fußball gespielt und ein Elfmeterschießen gegen Inter Mailand überlebt. Hat auch schon Politik und Kultur gemacht. Kümmert sich zurzeit als Teamleiter um den Sport im Großraum München, schreibt über Fußball, DEL-Eishockey und die Nationalmannschaft.

Man muss Morten Green als Fachmann ernst nehmen, unbedingt. Der Mann versteht was von Eishockey. Der Rekordnationalspieler Dänemarks arbeitet bei der Weltmeisterschaft in Kosice als Experte fürs dänische Fernsehen. Im Normalfall seien die ersten drei Plätze in Gruppe A, in der Dänemark und Deutschland spielen, an Kanada, die USA und Finnland vergeben, sagte Green; um den vierten Platz fürs Viertelfinale würden sich Gastgeber Slowakei, Dänemark und Deutschland rangeln. Am ehesten, meinte Experte Green, seien wohl die Finnen schlagbar.

Green gab diese Einschätzung am Tag vor dem Turnierbeginn ab. Einen Tag, bevor die Finnen die Kanadier 3:1 schlugen und danach die Slowaken, die Briten und die Dänen; noch ehe in dem 18 Jahre alten Stürmer Kaapo Kakko ein neuer Stern am Eishockey-Himmel aufging. Nur gegen die USA gaben sie zwei Punkte ab. Dem deutschen Team mit seinem finnischen Trainer Toni Söderholm begegneten sie am Dienstag als Tabellenführer.

Toni Söderholms Berufung zum Bundestrainer war eine Überraschung, nun steht er mit Deutschland im WM-Viertelfinale. Ein Gespräch über finnische Klischees und letzte Schwächen von Leon Draisaitl.   Interview von Johannes Schnitzler

Aber “die Mannschaft hat daran geglaubt, dass sie Finnland schlagen kann”, sagte der Bundestrainer. Und sie schlugen Finnland, 4:2 (1:1, 1:1, 2:0). Es war der fünfte Sieg im siebten Spiel für das DEB-Team, das zuletzt 1983 bei einer WM so oft gewonnen hat – in einer Vorrunde aber noch nie. Und es war, wie Söderholm betonte, “ein verdienter Sieg”. Das Abwehrverhalten seiner Mannschaft sei seiner Vorstellung von guter Organisation “ziemlich nah” gekommen. Beste Grüße an Morten Green.

Beide Teams waren schon vor der Partie fürs Viertelfinale qualifiziert. Und Söderholm hatte seine Reihen für dieses letzte Gruppenspiel vor dem Umzug nach Bratislava noch einmal neu modelliert. Erstmals seit seinem Kurzeinsatz gegen Frankreich stand NHL-Profi Philipp Grubauer (Colorado Avalanche) zwischen den Pfosten. Der 27-Jährige hatte zuvor drei Spiele aussetzen müssen. Verteidiger Moritz Seider, 18, pausierte weiterhin. Bei dem Verteidiger wollten die Trainer nach dessen Kopfverletzung aus dem Spiel gegen die Slowakei kein Risiko eingehen.

Trotz zweier Siege wirkt die deutsche Nationalmannschaft bei der WM noch etwas verkrampft. Gut, dass nun Torwart Philipp Grubauer mitspielt.   Von Johannes Schnitzler

In der Mannschaft hatte es nach dem 1:8 gegen Kanada, das nicht nur NHL-Stürmer Dominik Kahun als “furchtbar” und “nicht akzeptabel” empfand, ein leichtes Grummeln gegeben über die Arbeit im Verbund und die richtige Einstellung zum Backcheck. Als lobendes Beispiel für die Einheit auf dem Eis hatte Söderholm explizit die Finnen genannt. Gegen die USA (1:3) sahen dann alle die bis dahin beste deutsche Defensivleistung bei diesem Turnier. Bis zum Dienstag. “Wir haben über alle Reihen den Job gemacht, den man machen muss, um diese giftigen, sehr, sehr talentierten Finnen zu schlagen”, sagte Doppeltorschütze Leon Draisaitl, der die interne Scorerwertung mit fünf Toren und drei Vorlagen anführt.