Flüchtlingskinder haben schlechte Bildungschancen
Weltbildungsbericht 2018: Wer besser gebildet ist, ist toleranter – Politik Ausland
Die UN-Kulturorganisation Unesco fordert, dass Flüchtlingskinder weltweit besser in die regulären Schulsysteme integriert werden. “Bildung muss inklusiv sein”, sagte Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay bei der Vorstellung des Weltbildungsberichts. Demnach schaffen die meisten Regierungen in Krisenzeiten spezielle Bildungsangebote für Flüchtlinge und damit Parallelsysteme jenseits der nationalen Schulsysteme.

Im deutschen Bildungssystem müsse laut den Autorinnen und Autoren des Berichtes einiges in diesem Bereich verbessert werden. In Deutschland besuchten im vergangenen Jahr 30 Prozent der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten unter 16 Jahren und fast 85 Prozent der über 16-jährigen Sonderklassen, hieß es im Bericht. “Das gemeinsame Lernen aller muss die nächste Aufgabe sein, der sich das Land stellt”, heißt es in dem Bericht.

Geboren 1990. Studium der Journalistik mit Schwerpunkt Fernsehen/Online in Dortmund und Washington, DC. Crossmedia-Volontariat beim “Kölner Stadt-Anzeiger”. Praktika unter anderem beim Westdeutschen Rundfunk, der Deutschen Presse-Agentur und SPIEGEL ONLINE, Bildungsressort. Seit August 2015 Redakteurin in der bento-Redaktion, seit Februar 2018 Junior Textchefin. Seit November 2018 Redakteurin im Bildungsressort von SPIEGEL ONLINE.

Vor allem die Lehrerausbildung in den Zufluchtsländern muss laut dem Bericht verbessert werden. Sie müsse sich neben der Digitalisierung auch daran orientieren, welch unterschiedliche Voraussetzungen die Schülerinnen und Schüler hätten. Auch die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Maria Böhmer, forderte, “interkulturelle Kompetenzen” fest in der Lehrerausbildung zu verankern. Laut Bericht bräuchte Deutschland 24.000 zusätzliche Lehrer und 18.000 weitere pädagogische Fachkräfte für die Bildung der Flüchtlinge.

Laut Weltbildungsbericht fehlt es in Deutschland trotz vieler Helfer außerdem an Personal: 24.000 Lehrer und 18.000 pädagogische Fachkräfte werden zusätzlich für die Integration benötigt. Lehrkräfte sind zudem zu häufig nicht oder unzureichend darauf vorbereitet, mit persönlichen Konflikten und Traumata umzugehen, die Migration und Flucht mit sich bringen. “Wir dürfen Lehrkräfte hier nicht allein lassen”, sagt Böhmer.

Gelobt wurde Deutschland auch: Das Land habe bei der Integration von Flüchtlingen in das Bildungswesen bereits viel erreicht, sagte Böhmer. Dabei ging sie auf die umfangreiche Sprachförderung für Geflüchtete ein und lobte, dass ausländische Abschlüsse für den Arbeitsmarkt häufig anerkannt würden – hierbei rage Deutschland weltweit heraus. Fehlende Qualifikationen seien für viele Betroffene trotzdem ein Hindernis. Vor allem junge Frauen hätten Schwierigkeiten, in den deutschen Arbeitsmarkt integriert zu werden.

Flüchtlingskinder haben generell in wenigen Ländern viele Chancen auf eine gute Bildung, wie aus dem Bericht hervorgeht. Die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) schätzt die Einschulungsraten von Flüchtlingen weltweit auf 61 Prozent an Grundschulen und auf 23 Prozent an Sekundarschulen. Etwa vier Millionen Flüchtlinge im Alter zwischen 5 und 17 Jahren besuchten demnach im Jahr 2017 überhaupt keine Schule. Im Vergleich zu Einheimischen sei es für Flüchtlingskinder fünfmal so wahrscheinlich, nicht zur Schule zu gehen, sagte der beigeordnete Flüchtlingskommissar für Schutzfragen beim UNHCR, Volker Türk.

Laut Unesco ist die Zahl der Menschen auf der Flucht auf dem höchsten Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Von den 19,9 Millionen Flüchtlingen, die derzeit unter dem Schutz des UNHCR stehen, ist mehr als die Hälfte jünger als 18 Jahre.

Die Anerkennung beruflicher Qualifikationen funktioniere in den meisten Fällen, so Böhmer. Das zeigt auch eine Zwischenbilanz der Bundesagentur für Arbeit: Im Mai 2018 gingen demnach 306.574 Personen aus den acht Haupt-Asylzugangsländern einer Beschäftigung nach. Im Mai 2017 waren es noch 203.736 Personen gewesen.

Deutschland werde seinen Beitrag für den eigens für Bildung in Krisen und Konflikten eingerichteten Fonds Education Cannot Wait auf 31 Millionen Euro erhöhen, kündigte der Staatssekretär des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Martin Jäger, an. Damit würde es seinen bisherigen Beitrag fast verdoppeln.

Millionen Menschen sind auf der Flucht! Der Weltbildungsbericht der Unesco hat jetzt untersucht wie sich Migration und Flucht auf Bildung auswirken.

Weltweit haben Kinder von Geflüchteten nur wenig Chancen auf gute Bildung. Etwa vier Millionen zwischen fünf und 17 Jahren besuchen überhaupt keine Schule. In Ländern mit niedrigem Einkommen werden nur knapp die Hälfte der geflohenen Kinder eingeschult; eine weiterführende Schule besuchen nur elf Prozent.

Laut Weltbildungsbericht gibt es einen Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Zeitpunkt der Migration: Einwanderer in die USA aus El Salvador, Haiti, Mexiko und Nicaragua ohne ordnungsgemäße Dokumente verfügen im Durchschnitt über mehr Bildung als Saisonarbeiter, aber weniger als jene, die einen legalen Aufenthaltsstatus erhielten.

Deutlich sei aber auch, dass fehlende Qualifikationen und Anerkennungen noch immer ein Hindernis für viele Geflüchtete auf dem Weg ins Berufsleben seien, sagt Böhmer. So könne ein Mensch, der in einem Entwicklungsland als Arzt gearbeitet habe, seinen Beruf nicht ohne Weiteres in Deutschland ausüben.

Auf den Philippinen lebt mindestens ein Elternteil von geschätzten 1,5 bis drei Millionen Kindern im Ausland. Die Wirkung von Geldsendungen von Migranten in ihre Heimat auf Bildung kann zentral sein. Weltweit erhielten private Haushalte im Jahr 2017 Geldsendungen aus dem Ausland in Höhe von 613 Milliarden US-Dollar, wovon 466 Milliarden US-Dollar an Haushalte in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gingen – dieser Betrag übersteigt Gelder der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit um das Dreifache. Indien und China erhielten rein rechnerisch den höchsten Betrag, doch anteilig am Bruttoinlandsprodukt gemessen lagen Kirgisistan und Tonga vorn.

"Alle verlieren, wenn Zuwanderer und Flüchtlinge keinen Zugang zur Bildung haben", erklärte Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay. Dem Bericht zufolge ist die Zahl der betroffenen Kinder im schulpflichtigen Alter seit dem Jahr 2000 weltweit um 26 Prozent auf 18 Millionen gestiegen. Sie würden aber häufig nicht ausreichend in das Bildungssystem der Gastländer integriert. Auch an Sprachunterricht mangele es.

In ihrem aktuellen Bildungsbericht hebt die OECD die große Bedeutung der Berufsausbildung in Deutschland hervor.

Die Ergebnisse variieren erheblich, je nachdem ob Lernende am Anfang, in der Mitte oder zum Ende der Pflichtschulbildung in ein neues System eintreten. In den Vereinigten Staaten schlossen 40 Prozent der mexikanischen Migranten, die im Alter von sieben Jahren ankamen, die Sekundarschule nicht ab – im Vergleich zu 70 Prozent jener, die erst im Alter von 14 Jahren kamen.

► Der Anteil an Migranten kann auch die Bildungsergebnisse benachteiligter Einheimischer beeinträchtigen

Integration beginnt früh. Ein Bericht der Unesco lässt daher aufhorchen: Ihm zufolge fehlen hierzulande mehr als 40.000 Lehrer, um Kinder von Flüchtlingen in Schulen zusätzlich zu versorgen.

In Norwegen wurde an einer Schule ein Zusammenhang zwischen dem Anstieg des Migrantenanteils um zehn Prozentpunkte und dem Anstieg von Schulabbrüchen unter Einheimischen um drei Prozentpunkte festgestellt, heißt es in dem Unesco-Bericht.

Die Einschulung aller syrischen Schülerinnen und Schüler in der Türkei würde etwa 80 000 zusätzliche Lehrkräfte erfordern. In Deutschland werden zusätzlich 24 000 Lehrkräfte und 18 000 weitere pädagogische Fachkräfte benötigt. Uganda braucht 7000 zusätzliche Grundschullehrer für die Bildung von Flüchtlingen.

Menschen mit höherer Bildung waren weniger ethnozentrisch, wertschätzten kulturelle Vielfalt mehr und sahen die wirtschaftlichen Auswirkungen von Migration positiver. Untersuchungen zeigten, dass Menschen mit tertiärer Bildung zwei Prozentpunkte toleranter waren als Menschen mit Sekundarschulabschluss, die wiederum zwei Prozentpunkte toleranter als jene mit Grundschulabschluss waren. Jüngere Menschen, insbesondere hochgebildete, haben tendenziell positivere Einstellungen gegenüber Migration.

In der Ausbildung von Lehrkräften wird zumeist mehr Gewicht auf Allgemeinwissen als auf praktische Pädagogik gelegt. Eine Untersuchung von 105 Ausbildungsprogrammen in 49 Ländern stellte fest, dass nur ein Fünftel davon die Lehrkräfte darauf vorbereitete, interkulturellen Konflikten zuvorzukommen und solche zu lösen oder psychologische Behandlungen und Verweisungsoptionen für Lernende mit entsprechendem Bedarf zu kennen.

Die Hälfte aller internationalen Studierenden geht in fünf englischsprachige Länder: Australien, Kanada, Neuseeland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Der Anteil internationaler Studierender in Frankreich und Deutschland ist auf acht beziehungsweise sechs Prozent gestiegen, was teils darin begründet ist, dass diese zunehmend Post-Graduierten-Studiengänge in englischer Sprache anbieten. 2016 stammten allein aus China, Indien und der Republik Korea 25 Prozent aller im Ausland Studierenden. Europa war 2016 die zweitgrößte Herkunftsregion mit einem Anteil von 23 Prozent, wobei 76 Prozent der 0,9 Millionen mobilen europäischen Studierenden innerhalb Europas blieben.