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Pogromnacht: “Politiker müssen sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennen”
In der Nacht des 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland zahlreiche Synagogen, andere wurden verwüstet. Genauso wie jüdische Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden misshandelt und gedemütigt. (Quelle: t-online.de)

Novemberpogrome: Die Nacht des 9. auf den 10. November 1938 war eine Nacht der Gewalt und der Zerstörung. (Quelle: t-online.de)

Mein Vater hatte den Hinweis bekommen, es sei etwas gegen die Juden im Gange, er solle unbedingt sein Haus verlassen. Also nahm mich mein Vater an die Hand, und wir sind auf der Suche nach einer sicheren Bleibe durch München gelaufen. Auf unserem Weg haben wir dann die vielen eingeschlagenen Scheiben gesehen und die brennende Synagoge. Und ich habe mitansehen müssen, wie “Opa Rothschild”, ein Kollege meines Vaters, den ich sehr mochte, mit Fußtritten misshandelt wurde. Es war ein fürchterlicher Fußmarsch, bis wir endlich Unterschlupf gefunden hatten. Das werde ich nie vergessen.

Charlotte Knobloch, die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, erhebt schwere Vorwürfe gegen die AfD. In Frankreich ist die Zahl antisemitischer Übergriffe massiv angestiegen.

In der Art und Weise, wie hierzulande mit dem Problem umgegangen wird. Das gilt vor allem für die Jugend. Ich habe den Eindruck, die jungen Menschen sind heute viel interessierter an den dunklen Kapiteln der deutschen Vergangenheit als zum Beispiel vor zehn Jahren. Das freut mich vor allem insofern, als die jungen Menschen ja den Stab der Erinnerung an die kommenden Generationen weitergeben müssen. Und sie scheinen dazu fest entschlossen.

Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat die AfD zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht scharf angegriffen. “Diese Partei hat bis jetzt nur bewiesen, dass sie die Demokratie strapaziert, dass sie die Meinungsfreiheit strapaziert und dass sie einen richtigen Judenhass in Gang gebracht hat”, sagte Knobloch am Freitag im ZDF-“Morgenmagazin”. Der tägliche Antisemitismus in Deutschland sei eine Tatsache, so die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Ich will diesen ganzen Unsinn nicht wiederholen. Aber denken Sie nur an Björn Höckes unseliges Gerede vom Berliner Holocaustmahnmal als Mahnmal der Schande. Oder den empörenden Hinweis, die Nazizeit sei nicht mehr als ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte gewesen. Derartige Äußerungen werden einfach als Normalität hingenommen. Und das ermuntert vor allem jene, die ohnehin antisemitisch eingestellt sind.

Bürger und Politiker erinnern am Freitag an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Am Morgen gab es eine Gedenkstunde im Bundestag, bei der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und weitere Regierungsmitglieder nehmen anschließend auch an der zentralen Gedenkveranstaltung des Zentralrats der Juden in einer Berliner Synagoge teil.

Der Antisemitismus – von rechts, von links und aus muslimischen Milieus – bereitet mir schon sehr große Sorgen. Aber die Demokratie in Deutschland ist gefestigt und stabil. Sie hat allen Extremen bisher widerstanden. Auch wirtschaftlich sind wir stark. Das alles unterscheidet die Berliner Republik grundlegend von der Weimarer. Dennoch ist Wachsamkeit angebracht, nicht zuletzt mit Blick auf die AfD.

Eine neue Dimension scheint der Hass auf Juden in Frankreich zu erreichen. Dort ist die Zahl der antisemitischen Übergriffe in den ersten neun Monaten des Jahres um fast 70 Prozent gestiegen. Das teilte die Regierung in Paris mit. Mit Bezug auf den Gedenktag in Deutschland, schrieb Premierminister Edouard Philippe am Freitag auf Facebook, jeder Angriff auf einen jüdischen Mitbürger klinge “wie ein neuer Kristallbruch”.

Ja, die gibt es. Zum Beispiel, wenn eine klare Ansage gegen Antisemitismus ausbleibt. Keine Frage: Wir haben in Deutschland sehr viele aufrechte Demokraten. Doch gerade auf der politischen Ebene müssen sie sich lautstark zu Wort melden, um Judenfeindlichkeit anzuprangern. Das vermisse ich. Es braucht endlich einen parteiübergreifenden Aufschrei! Einen regelrechten Knall.

“Wir sind sehr weit davon entfernt, mit dem Antisemitismus abgeschlossen zu haben”, schrieb Philippe weiter. Nachdem antisemitische Übergriffe in den vergangenen zwei Jahren rückläufig gewesen seien, seien sie in den ersten drei Quartalen 2018 um “mehr als 69 Prozent gestiegen”.

Angriffe auf jüdische Kinder und die Ermordung einer 85-jährigen Holocaust-Überlebenden in ihrer Wohnung in Paris hatten zuletzt in Frankreich für Entsetzen gesorgt. Im vergangenen Jahr gab es nach offiziellen Angaben 311 antisemitische Übergriffe. Das waren sieben Prozent weniger als 2016. Einen Höchststand hatte es 2015 gegeben.

Der Vorsitzende des jüdischen Dachverbandes Crif, Francis Kalifat, nannte die Zahlen “keine Überraschung”. “Der Antisemitismus ist in unserem Land tief verankert. Wir erreichen ein Niveau, das unerträglich ist”, betonte er. Der Hass auf Juden sei wie ein “Krebsgeschwür, das unsere Gesellschaft vergiftet”.

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Dafür, dass Juden für sich für eine solche Gruppierung hergeben, habe ich kein Verständnis. Die realen Probleme mit Antisemitismus werden nicht dadurch gelöst, dass man als jüdische Menschen das Feigenblatt für eine Partei bildet, die selbst mehr als nur antisemitische Untertöne zulässt.

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Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht mehr Engagement gegen Antisemitismus gefordert. “Wir haben in Deutschland sehr viele aufrechte Demokraten”, sagte Knobloch, die inzwischen Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist, dem Tagesspiegel. Doch gerade auf der politischen Ebene müssten sie sich lautstark zu Wort melden, um Judenfeindlichkeit anzuprangern. 

Nein. Wir Juden haben ja in der Nazizeit auch Schutz gesucht und viel zu oft keinen gefunden. Wenn Menschen in Not sind und Hilfe brauchen, dann muss ihnen auch geholfen werden. Was dann nach 2015 passiert ist, hätte womöglich geschickter geregelt werden können.

“Es braucht endlich einen parteiübergreifenden Aufschrei”, sagte Knobloch. Es sei zu wenig, Antisemitismus nur zu bedauern. “Die Politiker müssen sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennen, ihr Wohlergehen zur Staatsräson machen.” 

“Nie wieder” heißt es gerade dieser Tage, kurz vor dem 80. Jahrestag der sogenannten Reichspogromnacht und den damaligen Ausschreitungen gegen Juden. Ist das Gedenken ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur oder mittlerweile ein sinnentleertes Ritual?

Bürger und Politiker erinnern an diesem Freitag an die Reichspogromnacht in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Am Morgen spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier während einer Gedenkstunde im Bundestag. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Zentralratspräsident Josef Schuster werden außerdem auf der Gedenkveranstaltung des Zentralrats der Juden in der Berliner Synagoge in der Rykestraße Ansprachen halten, Steinmeier spricht am Abend ein weiteres Mal bei einer Veranstaltung in der Akademie der Künste.  

Lange Zeit hat man diese Partei gewähren lassen, nun sitzt die AfD in allen Landtagen und im Bundestag. Und sie kann ungestraft Dinge von sich geben, die Antisemitismus befördern und ihn so gewissermaßen gesellschaftsfähig machen.

Am 9. November 1938 hatten die Nationalsozialisten den Befehl für den inszenierten “Volkszorn” gegen die Juden in ganz Deutschland ausgegeben. Es war der erste systematische Angriff auf die deutschen Juden, der bis zum 13. November andauerte. Hunderte Synagogen und Geschäfte wurden angezündet und geplündert, mehr als 1.500 Menschen wurden ermordet. Am 10. November wurden bis zu 30.000 Juden in Konzentrationslager verschleppt.

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat in Erinnerung an die Reichspogromnacht ebenfalls zur Wachsamkeit vor Antisemitismus und Rassismus aufgerufen. Geschichte müsse als Beispiel gesehen werden, “wohin Sündenbockpolitik, Hetze, Ausgrenzung führen können”, sagte Van der Bellen bei einer Gedenkveranstaltung am früheren Standort der Synagoge Leopoldstädter Tempel in Wien, die im November 1938 zerstört wurde.

In Österreich waren durch antisemitische Gewalt rund um die Reichspogromnacht mindestens 30 Juden getötet worden, 7.800 Juden wurden festgenommen, 4.000 in das Konzentrationslager Dachau deportiert.