Streit um CNN-Journalisten Acosta: Weißes Haus soll Video manipuliert haben
Donald Trump: Lügenvorwurf gegen das Weiße Haus
Seit Jahrzehnten berichtet Brian Karem über das Weiße Haus, er war auch beim jüngsten Streit zwischen Präsident und CNN-Reporter dabei. Im SPIEGEL-Interview macht er Trump und seiner Sprecherin schwere Vorwürfe.

(32) geboren in Nordhessen (Witzenhausen), Studium der Geschichte, Politik, Journalistik an der Universität Gießen, Leipzig und ein Jahr in den USA (Athens, Ohio). Ab September 2011 Volontariat bei der “Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen” in Kassel – 2013 Burns-Stipendiat beim “Miami Herald”. Danach Lokalredakteur in der Stadtredaktion Kassel, von 2014 bis 2016 landespolitischer Reporter in Wiesbaden. McCloy-Journalistenstipendium in den USA. Seit September 2016 Redakteur in der Politikredaktion von SPIEGEL ONLINE.

Wie geht es weiter mit den USA im Allgemeinen und Präsident Donald Trump im Speziellen nach den Midterms 2018? Die deutschen und internationalen Zeitungskommentatoren sind sich uneins. Sicher sind sie sich nur: Es bleibt eine aufregende Zeit. Die Presseschau.

Wenn CNN-Reporter Jim Acosta und US-Präsident Donald Trump aufeinandertreffen, dann knallt es meistens. Acosta nervte den Republikaner schon häufiger mit seinen Fragen. Doch die jüngste Begegnung bei der Pressekonferenz im Weißen Haus hat eine neue Qualität – aus mehreren Gründen.

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Erstens entzog das Weiße Haus dem Journalisten die Presseakkreditierung “bis auf Weiteres”. Damit ist ihm der Zugang zum Weißen Haus verwehrt. Schon das ist ein ungewöhnlicher Schritt. Doch für wesentlich mehr Kritik sorgte die Begründung von Trumps Sprecherin Sarah Huckabee Sanders. Acosta soll sich vehement dagegen gewehrt haben, das Mikrofon zurückzugeben und dabei die “Hände auf die Praktikantin gelegt” haben. Das könne nicht toleriert werden.

Als Beweis veröffentlichte Sanders ein Video, das die strittige Szene zeigen soll. Tatsächlich behielt Acosta trotz mehrfacher Aufforderung das Mikrofon. Doch das angebliche Beweisvideo ist äußerst umstritten. Wie sich herausstellte, stammt es von der rechten Verschwörungsseite “Infowars” – und ist laut mehreren Medienberichten bearbeitet worden.

The intern's reach for the mic is slowed down, and the "chop" motion is accelerated. Here's an annotated side by side comparison: pic.twitter.com/wLCG5GVdo1

So entsteht der Eindruck, Acosta habe den Arm der Mitarbeiterin des Weißen Hauses massiv weggedrückt. Andere Aufzeichnungen zeigen ein etwas anderes Bild.

Korrespondent Brian Karem war als Journalist bei der Skandal-Pressekonferenz dabei und zeigt sich im SPIEGEL-Interview entsetzt vom Verhalten und den Anschuldigungen der Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Sie berichten seit Jahren aus dem Weißen Haus, lieferten sich mit Trumps Sprecherin Sarah Huckabee Sanders selbst schon Wortgefechte. War das Verhältnis zwischen Präsident und Medien jemals so schlecht?

Karem: Seit Donald Trump Präsident ist, versucht die Regierung, Journalisten einzuschüchtern. Der Vorfall mit Jim Acosta ist eine Fortsetzung dessen. Dem Weißen Haus ist die freie Presse ziemlich egal. Sie sind eher daran interessiert, sie zu drangsalieren und schikanieren. Wie sich Trump und sein Team gegenüber Jim Acosta verhalten haben, war eines Präsidenten nicht würdig, unverschämt und nicht legal.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Acosta weigerte sich bei der Pressekonferenz, das Mikrofon abzugeben und stellte weiter Fragen. Trumps Sprecherin verurteilte dieses Verhalten. Sie teilte ein Twitter-Video, auf dem zu sehen sein soll, wie Acosta die Hand der Mitarbeiterin mit Gewalt wegdrückte. Experten sprechen von einer Fälschung.

Karem: Sarah Sanders ist schlicht eine Lügnerin. Sie sollte gefeuert werden. Sarah Sanders ist die schlechteste Pressesprecherin des Präsidenten, mit der ich in meiner 30-jährigen Karriere zusammengearbeitet habe.

Karem: Noch mal: Sarah Sanders lügt. Sie hat ein manipuliertes Video verwendet, als Beleg für ihre Lügen. Das gehört sich nicht. Diese Regierung hat keinerlei Beziehung zu Fakten und der Wahrheit, sie will nur ihre Propaganda verbreiten – und nennt uns dann noch Lügenpresse.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Hoffnung, dass sich das Verhältnis zwischen Medien und der Regierung bessern könnte?

Karem: Mir fehlt da die Vorstellungskraft für Veränderungen. Trump wird an seinem Kurs festhalten – das heißt: Er hat den Medien den Krieg erklärt und versucht, einen Keil zwischen die Journalisten zu treiben. Wir müssen dagegenhalten, indem wir unsere Arbeit machen und ihm und den Menschen die Auswirkungen dieser Politik vor Augen führen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern haben Trumps Sprache, seine Kritik an Medien, Demokraten und Immigranten bei den Midterm-Wahlen einen spürbaren Effekt gehabt?

Karem: Donald Trump hat bei den Midterms das Repräsentantenhaus und damit viel Einfluss verloren. Auch wenn er das öffentlich anders darstellt. Von nun an kann Trump Anhörungen über seine Vergehen dort nicht mehr verhindern. Die Demokraten werden versuchen, dass die Befragungen öffentlich im Fernsehen ausgestrahlt werden. So können die Menschen von Trumps Machenschaften erfahren. Das, was Trump gestern mit Jim Acosta getan hat, ist übrigens typisch für ihn: Es ist einfacher, sich auf den zu stürzen, der die Fragen stellt, als selbst Antworten zu geben und für diese gerade zu stehen.

Nach dem Eklat bei einer Pressekonferenz zwischen US-Präsident Donald Trump und dem CNN-Chefkorrespondenten Jim Acosta werden dem Weißen Haus Lügen vorgeworfen.

Das Präsidialamt hatte dem Reporter bis auf Weiteres die Akkreditierung entzogen. Präsidialamtssprecherin Sarah Sanders begründete das damit, dass Acostas Verhalten “absolut inakzeptabel” sei. Sie warf ihm vor, bei der Pressekonferenz eine junge Frau angefasst zu haben, die lediglich versucht habe, ihrer Arbeit als Praktikantin im Weißen Haus nachzukommen. Zudem habe Acosta andere Journalisten davon abgehalten, Fragen zu stellen.

Sie twitterte ein Video, das “klar dokumentiert”, dass Acosta sich unangemessen verhalten habe. Dies werde nicht toleriert. In dem Video wird die umstrittene Szene verlangsamt, der Bildausschnitt verkleinert und in Wiederholungsschleife gezeigt. Nicht zu hören oder zu sehen ist, dass Acosta sich bei der Frau entschuldigt. Das bearbeitete Video wurde zunächst von der rechten Newssite Infowars im Netz verbreitet, die dafür bekannt ist, Falschinformationen zu verbreiten und auf Facebook, Twitter und anderen Plattformen gesperrt ist. 

We stand by our decision to revoke this individuals hard pass. We will not tolerate the inappropriate behavior clearly documented in this video. pic.twitter.com/T8X1Ng912y

Im Reuters-Video von dem Vorfall (circa ab Sekunde 15) sieht man, wie Acosta gestikuliert und sich bei der Frau entschuldigt, die ihm das Mikrofon wegnehmen will.

Andere Journalisten, die bei der Pressekonferenz dabei waren, sagten, sie hätten nicht gesehen, dass Acosta die Praktikantin angefasst habe. “Er hielt das Mikrofon fest, als sie danach griff”, schrieb etwa der Reuters-Korrespondent Jeff Mason auf Twitter.

CNN teilte mit, Sanders habe in ihrer Erklärung gelogen. Ihre Vorwürfe seien arglistig und sie verweise auf einen Vorfall, der nie passiert sei. “Jim Acosta hat unsere volle Unterstützung.” Jim Acosta selbst rief auf Twitter dazu auf, den “Lügen des Weißen Hauses” nicht zu glauben. Er verwies auf die in der Verfassung festgeschriebene Pressefreiheit.

Er sei am Abend noch einmal zum Weißen Haus gegangen, doch ein Mitarbeiter des Secret Service habe ihm den Zugang verweigert. Das sei eine ziemlich “surreale Erfahrung” gewesen. “Ich hätte nie gedacht, dass ich in diesem Land nicht in der Lage sein würde, über den Präsidenten der USA zu berichten, nur weil ich versucht habe, eine Frage zu stellen.”

Der Nachrichtensender CNN wertete den Entzug der Akkreditierung als Vergeltung für kritische Fragen: “Das ist eine beispiellose Entscheidung, die unsere Demokratie bedroht.” Acosta sagte, er glaube, dass die Regierung versuche, die Gruppe der Journalisten, die aus dem Weißen Haus berichten, zum Teil stillzulegen: “Das ist eine Bewährungsprobe für uns alle.”

Die Vereinigung der im Weißen Haus akkreditierten Korrespondenten veröffentlichte eine Erklärung, in der sie fordert, diese “schwache und fehlgeleitete Entscheidung”, Acosta die Akkreditierung zu entziehen, zurückzunehmen. Den Zugang zum Weißen Haus zu widerrufen, stehe in keinem Verhältnis zu dem angeblichen Vergehen und sei nicht akzeptabel, heißt es in der Erklärung.

Es ist nicht das erste Mal, dass dem Weißen Haus Lügen vorgeworfen werden. Gleich nach Donald Trumps Amtseinführung im Januar 2017 wurden Bilder und Zahlen verbreitet, die zeigen sollten, dass mehr Zuschauerinnen und Zuschauer gekommen seien als je zuvor. Der damalige Pressesprecher Sean Spicer sagte: “Das war die größte Zuschauerzahl, die jemals einer Amtseinführung beigewohnt hat. Punkt.”

Zudem wurden Fotos veröffentlicht, von denen der vom Weißen Haus beauftragte Fotograf Medienberichten zufolge später einräumte, dass er sie bearbeitet hatte. Demnach schnitt er die Bilder so zu, dass die Menge geschlossener und größer wirkte als in der Realität. Luftbilder unabhängiger Fotografen zeigten erhebliche Lücken im Zuschauerbereich auf der Washingtoner National Mall, die auf den offiziellen Bildern des Weißen Hauses nicht zu sehen waren. Trump hatte sich über Bilder in den Medien geärgert, die nahelegten, dass die Zuschauermenge bei seiner Amtseinführung kleiner war als bei der Vereidigung seines Amtsvorgängers Barack Obama 2009. Den Medien hatte der US-Präsident damals Falschberichterstattung über die Zuschauerzahl vorgeworfen.

Der Streit um die Zuschaueranzahl war so auch der erste große öffentliche Disput um die Wahrheitstreue des Weißen Hauses – am ersten Arbeitstag der neuen US-Regierung.

Trump legt sich immer wieder mit den Medien an, wenn ihm die Berichterstattung nicht zusagt. Unzählige Male hat er ihnen die Verbreitung von falschen Nachrichten – Fake-News – vorgeworfen. Vor allem etablierte Zeitungen und Fernsehsender hat er wiederholt namentlich kritisiert, darunter CNN. Mit Acosta geriet er wiederholt aneinander. So auch am Mittwoch, Trumps erster Pressekonferenz nach den Kongresswahlen, bei denen die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren hatten, aber ihre Kontrolle über den Senat festigen konnten.

Acosta hatte den Präsidenten zu dessen Äußerungen über einen Migrantentreck befragt, der derzeit von Mittelamerika auf dem Weg in die USA ist. Trump hatte diesen als “Invasion” bezeichnet und so im Wahlkampf Stimmung gegen Einwanderer gemacht. Acosta sagte, die Migranten seien Hunderte Meilen von der US-Grenze entfernt. Es handle sich um keine Invasion. Trump entgegnete, Acosta solle seinen Job besser machen und ihn, Trump, das Land regieren lassen.

Acosta versuchte, eine weitere Frage zu stellen, doch Trump unterbrach ihn: “Das reicht”, sagte er mehrmals. Dann versuchte die Mitarbeiterin des Weißen Hauses, Acosta das Mikrofon abzunehmen, doch dieser weigerte sich, um eine weitere Frage zu stellen, diesmal zu den Russland-Ermittlungen. Trump entfernte sich kurz vom Rednerpult und sagte dann: “Ich sag Ihnen was: CNN sollte sich dafür schämen, dass Sie für sie arbeiten. Sie sind eine unhöfliche und schreckliche Person. Sie sollten nicht für CNN arbeiten.”