Steinmeier wirbt für demokratischen Patriotismus
Steinmeier: Wer Hass anfacht, hat kein Recht auf Schwarz-Rot-Gold
In der Gedenkstunde des Bundestages erinnerte der Bundespräsident an den “Schicksalstag der Deutschen”. Er sprach sich für einen demokratischen Patriotismus aus, der ein “beständiger Ansporn” sein sollte.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Ausrufung der Republik am 9. November 1918 als “Meilenstein der deutschen Demokratiegeschichte” gewürdigt. Der 9. November 1918 habe in der Erinnerungskultur nie den Platz gefunden, der ihm zustehe, sagte Steinmeier in einer Gedenkstunde im Bundestag.

An dieser Stelle schlägt er besonders deutlich den Bogen in die Gegenwart. Es ist ein sensibler Moment während dieser Rede, sowohl wegen der gesellschaftlichen Polarisierung als auch wegen ihrer politischen Abbildung im Parlament. Man müsse streiten für die Demokratie, handeln, wo auch immer die Würde des anderen verletzt werde, sagt Steinmeier; gegensteuern, wenn eine Sprache des Hasses um sich greife, wenn einige behaupteten, allein für das Volk zu sprechen, andere ausgrenzten und einzelne Gruppen zu Sündenböcken erklärten, “wenn Menschen einer bestimmten Religion unter Generalverdacht gestellt werden”. Deutlicher kann ein Staatsoberhaupt kaum werden, angesichts der Angriffe der AfD auf den Islam. Der Applaus aus dem Plenum, der Steinmeier an einer Stelle unterbricht, ist nicht geschlossen, aus den Reihen der AfD kommt er nur vereinzelt.

Die Weimarer Republik werde fast nie von ihrem Anfang her gedacht, sondern meist ausgehend von ihrem Ende im Jahr 1933 durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Nico Fried leitet seit 2007 die SZ-Parlamentsredaktion in Berlin. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen berichtet er über die Personen und Ereignisse im Kanzleramt, den Ministerien, dem Parlament und anderen Orten, wo Politik gemacht wird. Der gebürtige Ulmer lebt seit 1996 in der Hauptstadt, wo er vier Jahre lang für die Berliner Zeitung arbeitete. 2000 kam Fried zur Süddeutschen Zeitung und berichtete aus der Parlamentsredaktion über die deutsche Außenpolitik, die damalige PDS und später über die Grünen. 2004 übernahm er die journalistische Beobachtung der SPD, drei Jahre später die Büroleitung. Nico Fried, geboren 1966, hat in München und Hamburg Politikwissenschaften studiert und mit einem Magister Artium abgeschlossen.

9. November: Steinmeier ruft zu Kampf gegen “neuen aggressiven Nationalismus” auf

Vollständige Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Geschichte der deutschen Republik 09.11.2018

Deshalb will er an diesem Tag den 9. November 1918 besonders herausstellen. Ein “Meilenstein der Demokratiegeschichte” sei dieser Tag gewesen, der “einen herausragenden Platz in der Erinnerungskultur unseres Landes” verdiene. Es stimme auch nicht die Behauptung, dass die Weimarer Republik eine Demokratie ohne Demokraten gewesen sei. Viele Frauen und Männer hätten allen Anfechtungen zum Trotz Verantwortung übernommen und danach “viel zu lange im Schatten der Geschichte” gestanden. Und ein großes Verdienst der Weimarer Republik sei gewesen, dass man aus ihren Irrtümern habe lernen können, so Steinmeier.

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und “Ziel speichern unter …” auswählen.

Doch Steinmeier warnt auch in eine andere Richtung: “Wenn bisweilen in raunenden Tönen vor Weimarer Verhältnissen gewarnt wird, dann weise ich das entschieden zurück.” So mache man “unsere Demokratie kleiner und ihre Gegner größer, als sie sind”. Da erhält er breiten Applaus. Später sagt er: “Berlin ist nicht Weimar und wird es nicht werden.” Wer immer nur vor der Wiederkehr des Gleichen warne, “droht neue Herausforderungen aus den Augen zu verlieren”. An dieser Stelle kommt der Beifall nur aus der AfD. Der Bundespräsident wirkt für einen Moment irritiert.

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes Einverstanden erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR. Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich. Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Der 9. November 1918 stehe “für den Durchbruch der parlamentarischen Demokratie”, sagte Steinmeier, “und deshalb verdient er einen herausragenden Platz in der Erinnerungskultur unseres Landes!”

Die Revolution von 1918 stehe für “eine tiefgreifende Zäsur” in der deutschen Geschichte, sagt das Staatsoberhaupt. Das Wahlrecht für Frauen – an dieser Stelle erhält Steinmeier den ersten Applaus, begleitet von einem Lächeln der Bundeskanzlerin -, die republikanische Verfassung einer parlamentarischen Demokratie, aber auch die Fundamente des Sozialstaats, von Tarifpartnerschaft und Mitbestimmung stammten aus dieser Zeit. Trotzdem sei der 9. November 1918 “ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte”, sagt der Bundespräsident.

Denn wer heute glaube, die Demokratie sei mittlerweile eine Selbstverständlichkeit und der Bundestag ein “Alltagsgegenstand, ganz wie ein altes Möbelstück”, der solle auf das Jahr 1918 blicken. “Nein, dieses Parlament ist keine Selbstverständlichkeit und erst recht keine Nebensache”, sagte Steinmeier. Es sei eine historische Errungenschaft, “und für diese Errungenschaft, für dieses Erbe müssen wir streiten”.

Der 9. November sei von Ambivalenz geprägt. “Am 9. November erinnern wir Deutsche an beides: an Licht und an Schatten unserer Geschichte”, sagte der Bundespräsident mit Verweis auf die Novemberpogrome von 1938. Sie stünden “für den unvergleichlichen Bruch der Zivilisation, für den Absturz Deutschlands in die Barbarei”.

Steinmeier plädiert für einen “aufgeklärten Patriotismus” , der stolz sein könne auf die Traditionen von Freiheit und Demokratie, die sich auch am 9. November 1989 manifestiert hätten, “dem glücklichsten 9. November unserer Geschichte”, ohne aber den Blick in den Abgrund der Shoah zu verdrängen. Es sei “ein Patriotismus mit leisen Tönen und mit gemischten Gefühlen”. Dazu gehöre auch, den Verächtern der Freiheit nicht das Schwarz-Rot-Gold, die Farben der Freiheitsbewegung, zu überlassen.

“Wir können stolz sein auf die Traditionen von Freiheit und Demokratie, ohne den Blick auf den Abgrund der Shoa zu verdrängen”, sagte Steinmeier und warb für einen “aufgeklärten Patriotismus” anstelle eines “aggressiven Nationalismus”.

Beginn der Demokratie in Deutschland, der Putschversuch Hitlers, die Reichspogromnacht und der Fall der Mauer – all das ist am 9. November passiert. Alexander Westermann blickt zurück. | video

Steinmeier warnte in der Gedenkstunde zum “Schicksalstag der Deutschen”: “So wenig der Demokratie am 9. November 1918 ihr Scheitern schon vorherbestimmt war, so wenig ist heute, 100 Jahre später, ihr Gelingen garantiert!” Es gebe ein wachsendes Unbehagen an der Parteiendemokratie, bis hinein in die Mitte der Gesellschaft.

Nationalisten würden die Vergangenheit vergolden und eine heile Welt beschwören, die es so nicht gegeben habe. “Ein demokratischer Patriotismus aber ist kein wohliges Ruhekissen, sondern ein beständiger Ansporn.” Der 9. November 1918, als Philipp Scheidemann die Republik ausrief, habe in der deutschen Erinnerung nie den Platz gefunden, der ihm zustehe, beklagte Steinmeier. “Er ist ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte.”

Am Ende kehrt Steinmeier an den Anfang zurück. “Es lebe die deutsche Republik”, sagt er. Aber er fügt noch einen Satz hinzu: “Es lebe unsere Demokratie.” Steinmeier erhält langen Applaus. Die Abgeordneten erheben sich. Soweit sichtbar: alle.

Vor 100 Jahren rief der SPD-Politiker Scheidemann in Berlin die Republik aus. Ein historischer Moment, der allerdings nicht filmisch festgehalten wurde. Alle bekannten Aufnahmen wurden nachgestellt. Von Patrick Gensing. | mehr

Steinmeier erinnerte auch an den Fall der Mauer 1989 – “den glücklichsten 9. November in unserer Geschichte”. Es bleibe aber die “schwierigste und schmerzhafteste Frage der deutschen Geschichte”, wie wenige Jahre nach dem demokratischen Aufbruch 1918 Feinde der Demokratie Wahlen gewinnen konnten und das deutsche Volk seine europäischen Nachbarn mit Krieg und Vernichtung überzog, “jüdische Familien in Viehwagen pferchte und Eltern mit ihren Kindern in Gaskammern schickte”, sagte Steinmeier weiter.

“Es lebe die deutsche Republik”, sagt der Schauspieler Ulrich Matthes, der am Rednerpult vor dem nicht voll besetzten Plenum des Bundestages von mehreren überlieferten Versionen der Rede Scheidemanns die wahrscheinlichste vorträgt.

Vor 100 Jahren hatte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die erste deutsche Republik ausgerufen. Zugleich steht der 9. November auch für eines der dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte: Am 9. November 1938 inszenierten die Nationalsozialisten die reichsweiten Pogrome gegen die Juden. Die gewaltsame Verfolgung und spätere Vernichtung der jüdischen Bevölkerung nahm damit ihren Anfang. Mit der DDR-Grenzöffnung am 9. November 1989 wiederum wurde der friedlichen Vereinigung der beiden deutschen Staaten der Weg geebnet.

Emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation, bzw. Vaterlandsliebe sind doch seit 2015 rechtspopulistische, nationalistische Begriffe der rechten "Szene", oder? Warum plötzlich diese Umkehr bei der Verwendung von Begriffen Herr Steinmeier? Ist plötzlich doch nicht jeder rechtsextrem, der mit seiner Nation verbunden ist und sein Vaterland liebt! Gut, dass wenigsten sie das erkannt haben, wenn auch fast schon zu spät….

Vor 100 Jahren hatte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die erste deutsche Republik ausgerufen. Zugleich steht der 9. November auch für eines der dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte: Am 9. November 1938 inszenierten die Nationalsozialisten die reichsweiten Pogrome gegen die Juden. Die gewaltsame Verfolgung und spätere Vernichtung der jüdischen Bevölkerung nahm damit ihren Anfang. Mit der DDR-Grenzöffnung am 9. November 1989 wiederum wurde der friedlichen Vereinigung der beiden deutschen Staaten der Weg geebnet.

Der 9. November wird oft als Schicksalstag der Deutschen bezeichnet, weil er (mindestens) dreifach Wendepunkte in der deutschen Geschichte gebracht hat.

Heute gedachte der Bundestag allen drei historischen Anlässen: Novemberrevolution 1918, Pogromnacht 1938, Mauerfall 1989

Steinmeier kritisierte auch eine um sich greifende Sprache des Hasses. Ohne eine Partei namentlich zu nennen, wandte sich der 62-Jährige gegen Nationalismus und die Herabsetzung demokratischer Spielregeln. Die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold reklamierte er für die demokratischen Traditionen Deutschlands und betonte: Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, der hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot-Gold.

Im Mittelpunkt stand in diesem Jahr der 100. Jahrestag der Ausrufung der Republik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Dazu sprachen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (62) und Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble (76, CDU).

Steinmeier sagte, der 9. November 1918, als Philipp Scheidemann die Republik ausrief, habe in der deutschen Erinnerung nie den Platz gefunden, der ihm zustehe. Der Tag sei ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte.

9. November Ein Schicksalstag – für die Welt und die SPD Gefährden wir Frieden und Freiheit nicht, niemals wieder – das sei die beständige Mahnung des 9. November. Der 9. November ist der Schicksalstag der Deutschen, sagte Schäuble. An diesem Datum verdichtete sich deutsche Geschichte.Das Tragische und das Glück, der vergebliche Versuch und das Gelingen, Freude und Schuld: All das gehört zusammen. Untrennbar.

Es war die Geburtsstunde der Demokratie und das Ende der Monarchie in Deutschland. Vor 100 Jahren wurde der Kaiser gestürzt.

Zuvor hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in der Gedenkstunde dazu aufgerufen, Frieden und Freiheit nie wieder zu gefährden – und vor einem wachsendem Antisemitismus in Deutschland gewarnt. Aktuelle Übergriffe auf Menschen jüdischen Glaubens zeigten, wie nötig deren besonderer Schutz im 21. Jahrhundert immer noch sei, sagte Schäuble. Der Firnis der Zivilisation sei dünn.

Der Bundespräsident forderte ein entschiedenes Eintreten gegen einen neuen, aggressiven Nationalismus. Gleichzeitig warb er für einen demokratischen Patriotismus und erinnerte an den demokratischen Aufbruch von 1918 als dessen Wurzel.

Wer heute glaubt, unsere Demokratie sei doch mittlerweile eine Selbstverständlichkeit und dieses Parlament hier ein Alltagsgegenstand, ganz wie ein altes Möbelstück, der schaue auf jene Tage damals!, sagte Steinmeier. Nein, meine Damen und Herren, dieses Parlament ist keine Selbstverständlichkeit und erst recht keine Nebensache! Es ist eine historische Errungenschaft, und für diese Errungenschaft, für dieses Erbe müssen wir streiten, überall und zuallererst in diesem Hause!

Gefährden wir Frieden und Freiheit nicht, niemals wieder – das sei die beständige Mahnung des 9. November. Der 9. November ist der Schicksalstag der Deutschen, sagte Schäuble. An diesem Datum verdichtete sich deutsche Geschichte.Das Tragische und das Glück, der vergebliche Versuch und das Gelingen, Freude und Schuld: All das gehört zusammen. Untrennbar.

Starken Zwischen-Applaus bekam der Bundespräsident, als er an die Geschichte der deutschen Nationalfarben erinnerte: Es war insbesondere die Flagge der Republik, auf die es ihre Feinde abgesehen hatten und die sie immer wieder in den Schmutz zogen: Schwarz-Rot-Gold, die Farben der deutschen Freiheitsbewegung seit dem Hambacher Fest 1832, sagte Steinmeier – und fügte an:

Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, der hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot-Gold.

Bundestagspräsident Schäuble warnte vor dem Hintergrund des Gedenkens an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 vor wachsendem Antisemitismus: Aktuelle Übergriffe auf Menschen jüdischen Glaubens zeigten, wie nötig deren besonderer Schutz im 21. Jahrhundert immer noch sei, sagte Schäuble. Die Firnis der Zivilisation ist dünn (…) Gefährden wir Frieden und Freiheit nicht, niemals wieder.

Einen Gedenkmarsch anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht nutzte AfD-Politiker Andreas Wild (55) zur Provokation.

Ihre Eltern trennte noch die Mauer. Ihre Liebe war erst möglich, als Stacheldraht und Beton weg waren.

1918, 1938, 1989. Hätten Sie gewusst, was genau in diesen drei Jahren am 9. November passiert ist? Das sind die drei historischen Ereignisse, derer das politische Berlin heute gedenkt:

▶︎ Der 9. November vor 100 Jahren steht für die Geburt der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, den Sturz des Kaisers.

Der Bundespräsident mahnte auch ein starkes Eintreten für die Demokratie und einen aufgeklärten, demokratischen Patriotismus an. Wir dürfen nicht zulassen, dass einige wieder von sich behaupten, allein für das wahre Volk zu sprechen und andere ausgrenzen.

An diesem Tag übergab der letzte Reichskanzler des Kaiserreichs, Max von Baden, sein Amt eigenmächtig an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert, der Vorsitzender der stärksten Partei im Reichstag war. Dessen Parteifreund Philipp Scheidemann rief am selben Tag unter dem Eindruck von Massendemonstrationen vom Reichstagsgebäude in Berlin die Republik aus. Zugleich proklamierte der Führer der linksradikalen Spartakusgruppe, Karl Liebknecht, die freie sozialistische Republik Deutschland.

Der Bundespräsident mahnte auch ein starkes Eintreten für die Demokratie und einen aufgeklärten, demokratischen Patriotismus an. Wir dürfen nicht zulassen, dass einige wieder von sich behaupten, allein für das wahre Volk zu sprechen und andere ausgrenzen.

Auch der Hitler-Ludendorff-Putsch genau fünf Jahre später hat einen historischen Rückbezug auf die sogenannte Novemberrevolution von 1918.

Angesichts der antijüdischen Pogrome am 9. November 1938 nannte Schäuble es ein Geschenk, dass heute wieder lebendiges Judentum in Deutschland Realität geworden sei.

▶︎ Der 9. November vor 80 Jahren steht für eine der schwärzesten und beschämendsten Stunden der deutschen Geschichte, der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Es brannten unzählige Synagogen. Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet, jüdische Bürger misshandelt und getötet.

Angesichts der antijüdischen Pogrome am 9. November 1938 nannte Schäuble es ein Geschenk, dass heute wieder lebendiges Judentum in Deutschland Realität geworden sei.

Drei Jahre vor Beginn der systematischen Massendeportationen und nach zahlreichen rechtlichen Diskriminierungen erhielt die Verfolgung der Juden mit den Ausschreitungen einen neuen Charakter. Als Vorwand für die Übergriffe diente den Nationalsozialisten das Attentat des 17-jährigen Juden Herschel Feibel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris. Propagandaminister Joseph Goebbels gab bei einem Treffen von Parteiführern in München das Signal für Gewaltaktionen in ganz Deutschland und Österreich. In der Öffentlichkeit versuchte die NS-Führung, die Übergriffe als spontanen Ausbruch des Volkszorns erscheinen zu lassen.

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass während und infolge der Gewalt mehr als 1300 Menschen getötet wurden. Zehntausende Juden wurden gedemütigt und deportiert. Mindestens 1400 Synagogen wurden stark beschädigt oder zerstört.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland erinnert in der Berliner Synagoge in der Rykestraße an die antisemitischen Ausschreitungen. Mit mehr als 2000 Sitzplätzen zählt sie zu den größten jüdischen Gotteshäusern in Europa.

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, bezeichnete antisemitische und ausländerfeindliche Angriffe als Schande für Deutschland. Es sei ein Skandal, dass etwa jede zweite Woche eine Synagoge oder eine Moschee mit Hassparolen beschmiert oder – noch schlimmer – angegriffen werde, sagte Schuster (laut Redemanuskript) in Gegenwart der Kanzlerin.

Menschen, die Flüchtlinge, Muslime oder Juden angriffen, würden aus dem Hintergrund angestachelt und aufgehetzt. Eine Partei, die im Bundestag am ganz äußeren rechten Rand sitzt, hat diese Hetze perfektioniert, sagte Schuster in Anspielung auf die AfD. Sie sind die geistigen Brandstifter. Sie wollten zudem die Erinnerungskultur zerstören.

Deswegen habe der Zentralrat die AfD-Fraktion als einzige aus dem Bundestag nicht eingeladen. Ihre Anwesenheit wäre für die jüdische Gemeinschaft unerträglich gewesen, sagte Schuster unter Applaus.

▶︎ Der 9. November vor 29 Jahren steht für viele Deutsche für den glücklichsten Moment der Landesgeschichte, für den Fall der Berliner Mauer.

Am frühen Abend teilte der Sprecher des SED-Zentralkomitees, Günter Schabowski, auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin mit, dass der Ministerrat auf Beschluss des DDR-Politbüros eine Reiseregelung beschlossen habe, die eine kurzfristige Erteilung von Visa ohne Voraussetzungen vorsieht.

Noch am selben Abend strömten Tausende in Ost-Berlin zu den Grenzübergängen. Kurz vor Mitternacht gaben die Grenzbehörden dem Druck nach und ließen die Menschen in beide Richtungen unbehelligt passieren. Damit war die Grenze gefallen, die 28 Jahre lang die beiden deutschen Staaten getrennt hatte, die wesentliche Voraussetzung für die Wiedervereinigung war geschaffen.

An den Jahrestagen gedenkt die Berliner Politik jedoch auch den Opfern der deutschen Teilung, des DDR-Schießbefehls an der Berliner Mauer. Mindestens 140 Menschen sind durch das DDR-Grenzregime ums Leben gekommen.

In der zentralen Gedenkstätte an der Bernauer Straße werden heute Rosen für die Opfer der deutschen Teilung niedergelegt und Kerzen entzündet. In der Kapelle der Versöhnung auf dem früheren Todesstreifen ist eine Andacht geplant. Dazu wird auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erwartet.

In Berlin gab es zuletzt Überlegungen, den 9. November zum arbeitsfreien Feier- und Gedenktag zu erklären – für die Stadt, die besonders für die historischen Ereignisse steht.

Den 9. November bundesweit (statt des 3. Oktobers) als Nationalfeiertag zu begehen, ist aus Sicht des Historikers Heinrich August Winkler unrealistisch: Die Widersprüche der Empfindungen auszuhalten, die mit dem Datum des 9. November verbunden sind, ist notwendig. Die Widersprüche zu feiern ist unmöglich, betonte Winkler in der Zeit.