Knobloch mahnt starkes Engagement gegen Antisemitismus an
80. Jahrestag der Novemberpogrome: “Es braucht endlich einen Aufschrei”
Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht mehr Engagement gegen Antisemitismus gefordert. “Wir haben in Deutschland sehr viele aufrechte Demokraten”, sagte Knobloch, die inzwischen Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist, dem Tagesspiegel. Doch gerade auf der politischen Ebene müssten sie sich lautstark zu Wort melden, um Judenfeindlichkeit anzuprangern. 

“Es braucht endlich einen parteiübergreifenden Aufschrei”, sagte Knobloch. Es sei zu wenig, Antisemitismus nur zu bedauern. “Die Politiker müssen sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennen, ihr Wohlergehen zur Staatsräson machen.” 

Bürger und Politiker erinnern an diesem Freitag an die Reichspogromnacht in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Am Morgen spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier während einer Gedenkstunde im Bundestag. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Zentralratspräsident Josef Schuster werden außerdem auf der Gedenkveranstaltung des Zentralrats der Juden in der Berliner Synagoge in der Rykestraße Ansprachen halten, Steinmeier spricht am Abend ein weiteres Mal bei einer Veranstaltung in der Akademie der Künste.  

Am 9. November 1938 hatten die Nationalsozialisten den Befehl für den inszenierten “Volkszorn” gegen die Juden in ganz Deutschland ausgegeben. Es war der erste systematische Angriff auf die deutschen Juden, der bis zum 13. November andauerte. Hunderte Synagogen und Geschäfte wurden angezündet und geplündert, mehr als 1.500 Menschen wurden ermordet. Am 10. November wurden bis zu 30.000 Juden in Konzentrationslager verschleppt.

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat in Erinnerung an die Reichspogromnacht ebenfalls zur Wachsamkeit vor Antisemitismus und Rassismus aufgerufen. Geschichte müsse als Beispiel gesehen werden, “wohin Sündenbockpolitik, Hetze, Ausgrenzung führen können”, sagte Van der Bellen bei einer Gedenkveranstaltung am früheren Standort der Synagoge Leopoldstädter Tempel in Wien, die im November 1938 zerstört wurde.

In Österreich waren durch antisemitische Gewalt rund um die Reichspogromnacht mindestens 30 Juden getötet worden, 7.800 Juden wurden festgenommen, 4.000 in das Konzentrationslager Dachau deportiert.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, über Antisemitismus, den Umgang mit der AfD und den 9. November 1938.

Zu mir kommen immer wieder Gemeindemitglieder, die verunsichert fragen: Haben wir in Deutschland noch eine Zukunft? Ich spreche ihnen dann Mut zu. Verweise darauf, dass schlimme Entwicklungen hoffentlich nur vorübergehend sind. Aber sie sollen auf jeden Fall Augen und Ohren offenhalten.

Der Antisemitismus! Mit dem ist mittlerweile im Grunde jeder Jude konfrontiert. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. Der Anschlag auf die Synagoge im amerikanischen Pittsburgh hat viele entsetzt.

Ich habe schon lange davor gewarnt, dass sich Judenfeindlichkeit wieder ausbreitet und unverhohlener zum Ausdruck gebracht wird.

Nein, weil ich so etwas ja schon früher erlebt habe. Dennoch bin ich erschüttert, dass so etwas im Jahr 2018 wieder möglich ist, zumal in Deutschland mit seiner Vergangenheit. Ich hoffe sehr, dass die Politik alles in ihrer Macht Stehende tut, damit so etwas künftig nicht mehr passiert. Ich bin zumindest verhalten optimistisch, dass dies auch geschieht.

In der Art und Weise, wie hierzulande mit dem Problem umgegangen wird. Das gilt vor allem für die Jugend. Ich habe den Eindruck, die jungen Menschen sind heute viel interessierter an den dunklen Kapiteln der deutschen Vergangenheit als zum Beispiel vor zehn Jahren. Das freut mich vor allem insofern, als die jungen Menschen ja den Stab der Erinnerung an die kommenden Generationen weitergeben müssen. Und sie scheinen dazu fest entschlossen.

Ja, die gibt es. Zum Beispiel, wenn eine klare Ansage gegen Antisemitismus ausbleibt. Keine Frage: Wir haben in Deutschland sehr viele aufrechte Demokraten. Doch gerade auf der politischen Ebene müssen sie sich lautstark zu Wort melden, um Judenfeindlichkeit anzuprangern. Das vermisse ich. Es braucht endlich einen parteiübergreifenden Aufschrei! Einen regelrechten Knall.

Lange Zeit hat man diese Partei gewähren lassen, nun sitzt die AfD in allen Landtagen und im Bundestag. Und sie kann ungestraft Dinge von sich geben, die Antisemitismus befördern und ihn so gewissermaßen gesellschaftsfähig machen.

Ich will diesen ganzen Unsinn nicht wiederholen. Aber denken Sie nur an Björn Höckes unseliges Gerede vom Berliner Holocaustmahnmal als Mahnmal der Schande. Oder den empörenden Hinweis, die Nazizeit sei nicht mehr als ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte gewesen. Derartige Äußerungen werden einfach als Normalität hingenommen. Und das ermuntert vor allem jene, die ohnehin antisemitisch eingestellt sind.

Ja, absolut! Auch wenn die Partei jetzt versucht, sich gemäßigter zu geben. Aber wir sollten uns nicht täuschen lassen.

Dafür, dass Juden für sich für eine solche Gruppierung hergeben, habe ich kein Verständnis. Die realen Probleme mit Antisemitismus werden nicht dadurch gelöst, dass man als jüdische Menschen das Feigenblatt für eine Partei bildet, die selbst mehr als nur antisemitische Untertöne zulässt.

Juristisch relevantes Material und eine wirksame Abschreckung möglicher Wähler. Denn das Gift frisst sich voran.

Ihr Grenzen aufzeigen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zum Beispiel macht das im Parlament recht gut.

Nicht nur offensiv, sondern bis an die juristischen Grenzen! Die Politik darf sich nicht wegducken. Es ist einfach zu wenig, Antisemitismus nur zu bedauern. Da muss mehr kommen. Die Politiker müssen sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennen, ihr Wohlergehen zur Staatsräson machen.

Es gibt natürlich immer wieder entsprechende Bekundungen. Aber die sind vereinzelt. Mir fehlt einfach das Verbindende, etwa einen gemeinsamen, öffentlichkeitswirksamen Appell. In Ansätzen haben wir das gesehen, wenn besonders schlimme antisemitische Vorfälle bekannt geworden sind, aber in der Fläche kommt zu wenig.

Die AfD verdankt ihren Aufstieg vor allem der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. Hat die Kanzlerin 2015 mit der Öffnung der Grenzen einen Fehler gemacht?

Nein. Wir Juden haben ja in der Nazizeit auch Schutz gesucht und viel zu oft keinen gefunden. Wenn Menschen in Not sind und Hilfe brauchen, dann muss ihnen auch geholfen werden. Was dann nach 2015 passiert ist, hätte womöglich geschickter geregelt werden können.

In der Debatte über die umstrittene Flüchtlingspolitik ist sowohl von gefährlichem Nationalismus als auch vernünftigem Patriotismus die Rede. Wo verläuft die Grenze?

Patriotismus, der Stolz auf die eigene Heimat, ist im Prinzip nichts Falsches. Und der steht jedem offen, der diese Heimat teilt. Der Nationalismus dagegen grenzt ab und aus.

Spätestens seit den Übergriffen in Chemnitz wird gewarnt, wir hätten womöglich bald Zustände wie am Ende der Weimarer Republik. Sehen Sie das auch so?

Der Antisemitismus – von rechts, von links und aus muslimischen Milieus – bereitet mir schon sehr große Sorgen. Aber die Demokratie in Deutschland ist gefestigt und stabil. Sie hat allen Extremen bisher widerstanden. Auch wirtschaftlich sind wir stark. Das alles unterscheidet die Berliner Republik grundlegend von der Weimarer. Dennoch ist Wachsamkeit angebracht, nicht zuletzt mit Blick auf die AfD.

“Nie wieder” heißt es gerade dieser Tage, kurz vor dem 80. Jahrestag der sogenannten Reichspogromnacht und den damaligen Ausschreitungen gegen Juden. Ist das Gedenken ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur oder mittlerweile ein sinnentleertes Ritual?

Noch ist es auf keinen Fall ein überholtes Ritual. Noch gibt es die Zeitzeugen, die von damals berichten können. Und das Erinnern wird von einer breiten gesellschaftlichen Basis getragen. Vor allem die Jugend kann deutlich machen, wohin Ausgrenzung und Diskriminierung damals geführt haben und heute führen können.

Mein Vater hatte den Hinweis bekommen, es sei etwas gegen die Juden im Gange, er solle unbedingt sein Haus verlassen. Also nahm mich mein Vater an die Hand, und wir sind auf der Suche nach einer sicheren Bleibe durch München gelaufen. Auf unserem Weg haben wir dann die vielen eingeschlagenen Scheiben gesehen und die brennende Synagoge. Und ich habe mitansehen müssen, wie “Opa Rothschild”, ein Kollege meines Vaters, den ich sehr mochte, mit Fußtritten misshandelt wurde. Es war ein fürchterlicher Fußmarsch, bis wir endlich Unterschlupf gefunden hatten. Das werde ich nie vergessen.

Charlotte Knobloch (86) ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Von 2006 bis 2010 amtierte sie als Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.