Millionen-Spiel: Was der Abstieg für den VfB Stuttgart bedeutet - SWR
VfB Stuttgart: Das Protokoll der Abstiegs-Nacht
Exklusiv München – Nach dem Abstieg des VfB Stuttgart spricht Ex-Profi Thomas Berthold bei SPORT1 über den Niedergang der Schwaben und übt dabei harsche Kritik.

Nicht nur viele Fans des VfB Stuttgart sind nach dem Abstieg des Traditionsklubs wütend – auch der frühere VfB-Profi Thomas Berthold geht mit den Schwaben hart ins Gericht  

Nach dem Spiel hatte sich der 70-Jährige via Klubwebsite mit einem Statement zu Wort gemeldet und verkündet: “Der VfB steigt wieder auf!” Doch die Fans würden dieses Unternehmen gerne ohne Dietrich, der bis 2020 gewählt ist, angehen. Der frühere Unternehmer zieht schon länger den Unmut vieler Anhänger auf sich. Der hat sich nach dem erneuten Sturz in die Zweitklassigkeit nicht verringert. Im Gegenteil. Spätestens am 14. Juli wird sich der VfB-Präsident bei der Mitgliederversammlung massivem Gegenwind ausgesetzt sehen.

“Das ist schon sehr traurig, dass dieser Verein jetzt abgestiegen ist, es gibt nur Verlierer. Der Abstieg ist katastrophal für das Image des Klubs”, sagt der 50-Jährige im Gespräch mit SPORT1 – und er sieht die Ursachen der Fehlentwicklung in der Vereinsspitze. 

Dietrich war beim VfB angetreten, um den Verein mit der Ausgliederung in eine glorreiche Zukunft zu führen. Nach der verlorenen Relegation bei Union Berlin und dem erneuten Gang in die 2. Bundesliga steht der Präsident nun vor den sportlichen Trümmern des Traditionsvereins. Den Ort des Geschehens in der Alten Försterei in Berlin hatte er am Montagabend als einer der ersten in Begleitung eines bulligen Sicherheitsmanns verlassen. Kreidebleich, wortlos und sichtlich erschüttert.

Abstieg in die 2. Bundesliga: Der tiefe Fall des VfB Stuttgart

“Ich brauche in einem Unternehmen, das Fußball verkauft, in den obersten Entscheidungsgremien Leute, die dieses Geschäft verstehen. Es fehlt an Fußballsachverstand und Stallgeruch. Dann entscheiden leider Leute aus der Wirtschaft oder aus der Politik, wer Trainer oder Sportdirektor wird.”

Der VfB Stuttgart steht auch einen Tag nach dem erneuten Abstieg in die 2. Bundesliga unter Schock. Neben den Spielern steht vor allem Präsident Wolfgang Dietrich in der Kritik. Nach kicker-Informationen wird am Mittwoch der Aufsichtsrat zusammenkommen, um über die Situation zu beraten. Ein bereits vorher terminiertes Treffen, bei dem sicher auch die Zukunft und Perspektive des Kluboberhauptes thematisiert werden dürfte.

Bundesliga: VfB Stuttgart nach Abstieg – das sind die Folgen

Die Meinung vieler VfB-Fans, die Präsident Wolfgang Dietrich als Sündenbock des Abstiegs sehen, teilt Berthold uneingeschränkt. “Dietrich hat diesen Klub gespalten. Es gab in Spielen, in denen es um viel ging, immer Unmutsäußerungen gegen ihn. Für eine Mannschaft in so einer prekären Lage ist das einfach schlecht. Und diese Spaltung war ein definitiver Nachteil.”

Der Super-GAU ist eingetreten, der VfB Stuttgart steigt zum zweiten Mal innerhalb drei Jahren in die 2. Bundesliga ab. Der Abstieg reißt ein Loch ins Herz der Schwaben – nicht nur ein emotionales, sondern auch ein finanzielles.

Berthold, der von 1993 bis 2000 191 Bundesligaspiele für den VfB absolvierte, skizziert sogar ein Horrorszenario, falls gewisse Entwicklungen nicht aufgehalten werden: “Der VfB hat einfach ein Strukturproblem. Wenn da keine richtigen Strukturen reinkommen, wird der Verein in der Versenkung verschwinden.” 

Welche Auswirkungen hat der Abstieg auf die Finanzen der Schwaben? Welche Spieler könnten bleiben, welche müssen gehen? Welche Veränderungen in der Führung des Vereins wird es geben? SPORT1 klärt auf.

VfB Stuttgart: Der Abstieg 2019 ist ein Desaster – ein Kommentar

Entsprechend rät der frühere VfB-Star dem jetzigen Präsidenten, seinen Platz zu räumen. “Dietrich wäre gut beraten, jetzt die Konsequenzen zu ziehen, denn der Karren ist zu verfahren mit ihm. In der Sommerpause wächst da kein Gras drüber.”

Der Bundesliga-Abstieg reißt ein Loch ins Herz des VfB Stuttgart – und zwar auch ein finanzielles. Welche Veränderungen drohen bei Spieler und Personal? SPORT1 klärt auf.

Ein großes Problem sei es, “dass man immer von großen Zielen träumt. Doch die Frage ist: Wer hat überhaupt die Kompetenz, kann alles gut einschätzen und definiert diese Ziele?” Es fehle an klarem Sachverstand, betont Berthold. “Wenn man viele Leute ohne Fußball-Kompetenz hat, dann entstehen schnell leere Blasen.” 

Vor allem haben die Verantwortlichen nicht aus den Fehlern des Abstiegs 2016 gelernt, stattdessen schnell den Mund wieder zu voll genommen und Erwartungen geweckt, die die Mannschaft nie erfüllen konnte. Zur Erinnerung: Der Fünfjahresplan des Präsidenten Wolfgang Dietrich sah nach dem geglückten Wiederaufstieg vor, den VfB von 2020 an wieder konstant im oberen Tabellendrittel der Bundesliga zu etablieren. Dieses Vorhaben ist, man muss es klar und deutlich sagen, krachend gescheitert. Der Imageschaden ist immens, die finanziellen Einbußen werden gewaltig sein. Bis zu 40 Millionen Euro dürften dem Klub in Liga zwei weniger zur Verfügung stehen.

Neben Dietrich attackiert Berthold vor allem den früheren Sportvorstand Michael Reschke (jetzt Schalke 04). “Der VfB hatte immer eine gute Jugendarbeit. Und Reschke hat sofort darüber nachgedacht, die zweite Mannschaft abzuschaffen. Was bitte war das für ein Signal? Und das hat man auch noch zugelassen! Reschke durfte frei schalten und walten und es gab einen Totalschaden.”

Der VfB hat sich selbst ins Aus geschossen – mit Ansage. Das muss man erst mal schaffen bei diesen guten finanziellen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten in Stuttgart, bei solch einer Fan-Unterstützung, einem Zuschauerschnitt jenseits der 50.000 pro Heimspiel. Der Abstieg des VfB ist Resultat eines Versagens auf vielen Ebenen. Miserables Management, verfehlte Kaderplanung, keine Kontinuität in der Vereinsführung, die Aufzählung ließe sich noch ein Weilchen weiterführen.

Dietrich: “Schwer geschockt über den Abstieg” – Bundesliga

Geringere Schuld an der Misere gibt Berthold Sportvorstand Thomas Hitzlsperger – auch wenn das lange Festhalten am Trainer wohl ein Fehler war. “Markus Weinzierl hätte man vielleicht früher entlassen müssen, da bringt Nibelungen-Treue nichts. Aber Thomas Hitzlsperger ist ein unerfahrener Mann in dem Job.”

Wie bitter. Der VfB Stuttgart ist tatsächlich abgestiegen. Zum dritten Mal in seiner Geschichte, zum zweiten Mal binnen drei Jahren. Was für ein Desaster. Wer in der Bundesliga-Saison nur ganze 28 Pünktchen sammelt, es mit dieser mageren Ausbeute dank glücklicher Umstände dennoch in die Relegation schafft und dort in zwei Spielen gegen einen Zweitligisten scheitert – nun ja, der hat den Klassenerhalt nicht verdient. Punkt.

Große Hoffnung hatte der Weltmeister von 1990 nach dem 2:2 in Stuttgart jedoch ohnehin nicht, dass der VfB im letzten Moment noch den Kopf aus der Schlinge ziehen könnte. “Nach dem Hinspiel ist das keine große Überraschung, dass der VfB abgestiegen ist”, meint Berthold. “Wenn ich zu Hause 2:2 spiele und zwei Mal in Führung gehe, dann ist die Ausgangslage im Rückspiel nun mal sehr schwer.”

Nun ist der VfB erneut am Boden, der Fall noch heftiger als 2016. Doch die Verantwortlichen denken offenbar nicht daran, ihr Scheitern einzugestehen. Im Gegenteil, sie kleben an ihrem Stuhl: Noch vor wenigen Wochen sagte Dietrich, er wolle auch in der 2. Liga Präsident bleiben. Selbst Enthüllungen über indirekte Beteiligungen am Finanzdienstleister Quattrex und damit verbundene Interessenskonflikte können den Mann nicht erschüttern, obwohl er schon längst Hassobjekt weiter Teile der Anhänger ist.

Einen großen Umbruch, wie er nach Abstiegen in der Regel ansteht, wird es nicht geben, glaubt Berthold. “Ich gehe davon aus, dass viele Spieler einen Vertrag für die 2. Liga haben. Es wird sich zeigen, wo die Reise hingeht. Das Entscheidende beim VfB ist, dass erstmal eine Philosophie definiert werden muss, wie man Fußball spielen will. Oft geht es doch zu wie auf einem Bazar, wo viel Geld verbrannt wird.”

Sicher bleiben wird Mario Gomez, der dem VfB auch in der 2. Liga die Treue hält. “Mario will mithelfen, den sportlichen Schaden zu reparieren. In dieser Lage wird er den Verein nicht verlassen”, sagte sein Berater Uli Ferber der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten.

Damit es mit dem VfB möglichst schnell wieder bergauf geht, würde Berthold gerne mit anpacken – allerdings unter einer Bedingung. “Als Aufsichtsratsvorsitzender vielleicht. Aber nur, wenn ich mitbestimmen dürfte, wer in dem Gremium mit dabei ist.”

Bitterböses Ende in Berlin!Nach der schlechtesten Saison seiner Bundesliga-Geschichte (28 Punkte aus 34 Spielen) und zwei Unentschieden in der Relegation gegen Union Berlin (2:2, 0:0) steigt der VfB Stuttgart zum dritten Mal nach 1975 und 2016 ab.

«Die wirtschaftlichen sowie strukturellen Voraussetzungen dafür sind gegeben, die Aufarbeitung dieser Spielzeit läuft bereits und die sportlichen Weichen für die Zukunft werden ebenfalls schon gestellt. Der VfB steigt wieder auf!». Derart optimistisch hatte sich kurz nach dem Abpfiff in den Katakomben des Stadions An der Alten Försterei kein Profi oder Verantwortlicher der schwer kriselnden Schwaben geäußert. Noch spät in der Nacht kehrte die Mannschaft per Charterflieger nach Stuttgart zurück.

Die Bundesliga ist ein Berliner! Im Relegationsrückspiel reicht dem Zweitliga-Underdog ein 0:0 gegen den VfB Stuttgart (Hinspiel 2:2.).

«Es ist heftig, sehr heftig», sagte Sportvorstand Thomas Hitzlsperger. «Wir haben zu viele Fehler gemacht, deswegen sind wir in der 2. Liga.» Kapitän Christian Gentner sprach von einer «großen Leere» in der Kabine. Keiner sprach – aber was gab es auch zu sagen? Es sei noch gar nicht realisiert, meinte der 33-Jährige. Und Torhüter Ron-Robert Zieler sprach nüchtern aber mit leiser Stimme davon, «dass es unterm Strich einfach nicht gereicht» habe.

Berlin dreht durch! Union macht den Aufstieg in die Bundesliga perfekt – daraufhin steigt in der Alten Försterei eine wilde Party.

Nach der Hinrunde hatte der VfB mit 14 Punkten auf Rang 16 gelegen, in der Winterpause leistete sich der im Sommer 2017 aufgestiegene Klub unter anderem noch einen Ozan Kabak (kam für 11,5 Millionen Euro von Galatasaray). Der Tabellenplatz blieb jedoch in der Endabrechnung derselbe. “Alle VfBler werden eine gewisse Zeit benötigen, um diesen Schock zu verarbeiten”, sagte Dietrich. “Aber wir werden definitiv wieder aufstehen und alles daran setzen, den VfB wieder zurück in die Bundesliga zu führen!” Die wirtschaftlichen sowie strukturellen Voraussetzungen dafür seien gegeben, erklärte der Präsident, “die Aufarbeitung dieser Spielzeit läuft bereits und die sportlichen Weichen für die Zukunft werden ebenfalls schon gestellt. Der VfB steigt wieder auf!”

Das Protokoll der Horror-Nacht!22.28 Uhr: Schluss. Ende. Aus. Schiri Christian Dingert pfeift die Partie ab. Blankes Entsetzen bei den Stuttgartern. Sportvorstand Thomas Hitzlsperger schlägt an der Seitenlinie die Hände vor dem Gesicht zusammen. Auf dem Platz sinken etliche Profis wie Chadrac Akolo, Daniel Didavi oder der von seinem Crash mit Holger Badstuber schwer gezeichnete Ozan Kabak zu Boden.22.29 Uhr: Die Spieler rappeln sich schnell wieder auf – weil die jubelnden Union-Fans aufs Feld stürmen. In Windeseile flüchten VfB-Interimstrainer Nico Willig und sein Team in die Kabine.

Das Spiel seiner Stuttgarter in Berlin verfolgte Dietrich vor Ort, im Stadion an der Alten Försterei. Es sollte kein angenehmer Trip in die Hauptstadt werden: “Der heutige Abend ist das absolut bittere Ende einer Bundesliga-Saison, in der aus sportlicher Sicht praktisch alles schiefgegangen ist, was schiefgehen konnte”, ließ er via VfB-Website verlauten. “Wir sind vom ersten Pflichtspiel an in einen Negativstrudel geraten, aus dem wir uns trotz großer Anstrengungen nicht befreien konnten.”

22.30 Uhr: Aus dem VfB-Block steigt schwarzer Rauch auf. Einige der insgesamt gut 2000 mitgereisten Fans versuchen, über den Zaun zu klettern und in den Innenraum zu gelangen, werden von der Polizei aber aufgehalten. Die Situation beruhigt sich schnell wieder.22.40 Uhr: VfB-Finanzvorstand Stefan Heim steht draußen vorm Stadion am VIP-Eingang, tippt gedankenverloren auf seinem Handy herum.22.40 Uhr: Der sichtlich mitgenommene und kreidebleiche VfB-Präsident Wolfgang Dietrich bahnt sich im Bauch des Stadions wortlos seinen Weg durch die wartenden Journalisten – begleitet von zwei Security-Männern.

Ob der Funke dieser euphorischen Schlussworte auf das Umfeld überspringt, bleibt jedoch abzuwarten. Auch Dietrich, seit Oktober 2016 Präsident, steht in der Kritik. “Selbst bei Klassenerhalt sollte Wolfgang Dietrich den Weg für einen Neubeginn freimachen und zurücktreten”, schrieb der frühere VfB-Profi Thomas Berthold am Montag in seiner kicker-Kolumne. “Wenn Stuttgart erneut absteigt, ist er für mich eh nicht mehr zu halten.”

VfB Stuttgart – Das sagt Präsident Wolfgang Dietrich zum Abstieg

22.46 Uhr: Bei aller Feierlaune – so viel Zeit muss sein! Ein strahlender Ordner trägt die Eckfahnen durch die Katakomben und verstaut sie.22.47 Uhr: VfB-Coach Willig kommt zum ZDF-Interview – sichtlich niedergeschlagen. Kurz nach ihm ist Sportchef Hitzlsperger dran. Die Spieler bleiben in der Kabine.23.02 Uhr: Schöne und faire Geste! Union-Trainer Urs Fischer umarmt Willig herzlich, sagt zu ihm: Es tut mir leid.23.05 Uhr: Die Pressekonferenz mit Fischer und Willig beginnt. Stuttgarts Trainer bekommt von seinem Kollegen eine Flasche Wasser gereicht, spricht mit brüchiger Stimme und für seine Verhältnisse auffallend einsilbig.23.37 Uhr: Die ersten Spieler, Bosse und Betreuer des VfB setzen sich in den vor dem Stadion wartenden Mannschaftsbus – darunter Gonzalo Castro, die Sportchefs Hitzlsperger und Mislintat sowie Athletiktrainer Matthias Schiffers.

23.50 Uhr: Mit Kapitän Christian Gentner und Torhüter Ron-Robert Zieler stellen sich doch noch zwei Spieler den Fragen der schreibenden Journalisten. Kurz und knapp analysieren sie den Stuttgarter Absturz.23.55 Uhr: Verteidiger Kabak steht mit großem Pflaster über der Nase draußen zwischen Bus und Stadionumzäunung, unterhält sich mit einem Freund.0.00 Uhr: Exakt zur Geisterstunde rollt der VfB-Bus vom Stadiongelände Richtung Flughafen Berlin-Schönefeld, von dort gehts mit einer Propellermaschine zurück nach Stuttgart.2.02 Uhr: Der VfB-Tross landet wieder auf heimischem Boden. Ganze vier (!) Fans haben sich an den Stuttgarter Flughafen verloren. Und mehr als drei Mal so viele Polizisten…2.08 Uhr: Die Absteiger werden noch auf der Landebahn auf zwei Busse verteilt und verschwinden in die Nacht – und womöglich für längere Zeit aus der Bundesliga.