Abstieg des VfB Stuttgart: Die Geschichte einer Selbstüberschätzung - SPIEGEL ONLINE
Relegation: Union Berlin steigt in Bundesliga auf, Stuttgart muss in die zweite Liga runter
Vor einem Jahr träumte der VfB Stuttgart noch von Europa, nun ist er zum dritten Mal aus der Bundesliga abgestiegen. Nach dem tiefen Fall folgt der Umbruch – mit weniger Geld, aber etwas Hoffnung.

Geboren 1983 in Parchim. Nach dem Abitur Studienstipendium in Springfield/Missouri. Danach Studium der Kulturwissenschaft in Weimar und Berlin. Von 2011 bis 2012 Volontariat bei der “Welt”/”Welt am Sonntag” und im Anschluss von 2013 bis 2019 Sportredakteur bei der “Berliner Morgenpost” und der Funke Mediengruppe. Berichte von Fußball-Welt- und Europameisterschaften. Seit Februar 2019 Redakteur im Sportressort von SPIEGEL ONLINE.

Der 1. FC Union Berlin hat den ersten Bundesliga-Aufstieg seiner Clubgeschichte geschafft, der VfB hat den dritten Abstieg in die 2. Bundesliga nach 1975 und 2016 nicht verhindern können. Nach dem 2:2 im Hinspiel war Union vor dem Rückspiel in Berlin wegen der beiden Auswärtstore leicht favorisiert. In dem mit 22.012 Zuschauern ausverkauften Kultstadion An der Alten Försterei wird gefeiert.

Ein Gesicht kann ein ganzes Spiel nacherzählen. Oder eine ganze Saison. Und manchmal ist die Geschichte dann dieselbe.

Fußball  Das Relegations-Rückspiel zwischen dem VfB Stuttgart und Union Berlin ist 0:0 ausgegangen. In der nächsten Saison wird Union Berlin erstklassig spielen, der VfB ist abgestiegen.

Thomas Hitzlsperger ist eigentlich in seinen besten Jahren. Aber Montagnacht, als sein VfB Stuttgart mit dem Abstieg aus der Bundesliga einen der dunkelsten Momente erlebte, sah Hitzlsperger aus wie der älteste 37-Jährige der Welt. Tief waren die Augenringe des Stuttgarter Sportvorstands. Leer war sein Blick. Hitzlspergers Gesicht sah aus, als höre es nie wieder auf, schockiert zu sein.

“Ich wusste, dass es passieren kann”, sagte Hitzlsperger, “aber nun damit umgehen zu müssen, das ist hart.” Neben ihm dröhnte Ballermann-Musik aus der Kabine von Union Berlin, wo gerade der erste Bundesliga-Aufstieg der Klubhistorie gefeiert wurde. Für Hitzlsperger war es der Soundtrack zum eigenen Niedergang. Der VfB Stuttgart ist zum dritten Mal nach 1975 und 2016 abgestiegen. Das 0:0 im Relegationsrückspiel beim Zweitliga-Dritten reichte nach dem 2:2 im Hinspiel in Stuttgart wegen der Auswärtstorregel nicht.

Ein paar Bengalos. Ein bisschen Rauch. Halb so wild. Dafür gibt es Hingucker. Erstens der Doppelturban in der Stuttgarter Innenverteidigung: Bei einem Klärungsversuch rauschen Holger Badstuber und Kabak mit den Köpfen zusammen und müssen ab der 20. Minute mit einem Verband spielen. Zweitens Unions Präsident Dirk Zingler. Der sitzt auf der Tribüne nicht mit Sacko und Krawatte, sondern im Trikot. Wunderbar. Wir freuen uns jetzt schon auf die Blicke von Hoeneß und Rummenigge, wenn Zingler in diesem Outfit demnächst im Vip-Bereich der Allianz-Arena aufschlägt.

Das 0:0 vom Montag kann als Parabel auf die gesamte Spielzeit der Schwaben gedeutet werden: Mit viel Zuversicht begann der VfB gegen Union. Jeder im Stadion an der Alten Försterei konnte sehen, dass hier ein Team angereist war, das über Talent und Erfahrung verfügt – die Mischung, aus der eigentlich Erfolg gemacht wird. Am Ende sollte der VfB in fast jeder relevanten Statistik vorn liegen.

Aber als die ersten Rückschläge kamen, als Schiedsrichter Christian Dingert das direkte Freistoßtor von Dennis Aogo nach neun Minuten wegen Abseits zurücknahm und Anastasios Donis drei Minuten später die zweitbeste Chance vergab, da wurde auch immer sichtbarer, woran der VfB schon in der gesamten Saison krankte, die er mit jämmerlichen 28 Punkten abschloss: Er hatte keine Mannschaft beisammen, die auf den Abstiegskampf vorbereitet war.

Irgendwie jeder Berliner. Aber allen voran Gikiewicz. Weil der Schlussmann sein Team im Spiel hält. Und weil er im Vorfeld diesen Satz sagt: „Wenn wir aufsteigen, sind wir die Könige von Köpenick.“ Ein Krönchen haben sich die Unioner nach diesem aufreibenden Kampf auf jeden Fall verdient.

Seit dem 16. Spieltag stand Stuttgart durchgehend auf Relegationsplatz 16. Und am Montag, als Union den VfB erst einmal hinabgezogen hatte auf das eigene Niveau der spielerischen Beschränktheit und der vielen Zweikämpfe, konnte Stuttgart sich daraus nicht mehr befreien. Nur eine einzige Torchance hatte der VfB in der zweiten Hälfte. “Union Berlin hat schon viel länger so Fußball gespielt und war besser darauf vorbereitet als wir”, sagte Hitzlsperger.

Kommentator Robby Hunke macht wie schon im Hinspiel einen prima Job. Fachlich auf der Höhe und zudem amüsant. Über Stuttgarts grätschenden Santiago Ascacibar sagt Hunke, er sei überall, wo Rushhour ist: „Ascacibar ist die argentinische Reinkarnation von Berti Vogts.“ Herrlich.

Vorbereitet war Stuttgart eigentlich auf das Ringen um den Europapokal. Vor einem Jahr beendete der VfB unter Trainer Tayfun Korkut die Saison als zweitbeste Rückrundenelf und auf Platz sieben. Für 35 Millionen Euro kaufte Hitzlspergers Vorgänger Michael Reschke ein für das Rennen ums internationale Geschäft. Er verpflichtete erfahrene Bundesligagrößen wie Gonzalo Castro oder Daniel Didavi sowie teure Talente wie Rechtsverteidiger Pablo Maffeo von Manchester City oder den Argentinier Nicólaz González. Gegen Union sollte der 20-Jährige das Führungstor verhindern, weil er bei Aogos Freistoß völlig unnötig ins Abseits lief. 60 Millionen Euro an Gehältern kostete der Kader 2018/2019.

Aufstieg in dramatischer Relegation: Union Berlin schickt Stuttgart in die zweite Liga

Und so ist der tiefe Fall des VfB Stuttgart vom Europapokalanwärter zum Absteiger innerhalb eines Jahres auch die Geschichte einer Selbstüberschätzung. Auch Hitzlsperger, der erst im Februar vom Nachwuchschef zum Sportvorstand befördert worden war, konnte den Geburtsfehler dieser Saison nicht mehr beheben. Unbeschadet übersteht auch der Meistertorschütze von 2007 diesen Abstieg nicht. Vom erfolglosen Korkut-Nachfolger Markus Weinzierl trennte er sich erst, als ein 0:6 gegen den direkten Konkurrenten Augsburg keinen Ausweg mehr ließ. Interimstrainer Nico Willig verlor nur eines seiner fünf Spiele. Auf den U19-Coach zu setzen, war die richtige Entscheidung. Hitzlsperger aber traf sie zu spät. “Wir haben zu viele Fehler gemacht”, sagte er und nahm Willig dabei ausdrücklich aus, “jetzt sind wir in der Zweiten Liga.”

Das Stadion An der Alten Försterei ist ausverkauft, logisch. Die Union-Fans singen durch. Eine unglaubliche Geräuschkulisse. Das wirkt wie ein Pokalabend. Der Zweitligist kämpft und verteidigt, was das Zeug hält. Der VfB sucht die Lücken.

Dort steht der VfB vor einem Umbruch – mit weniger Geld. Rund 48 Millionen Euro kassiert Stuttgart aktuell aus TV-Erlösen und internationaler Vermarktung durch die DFL. In der Zweiten Liga dürfte die Summe um fast die Hälfte reduziert werden. Der Gehaltsetat soll auf 40 Millionen Euro schrumpfen, was aber für die Zweite Liga noch viel wäre. Der Kader muss umgebaut werden: Weltmeister Benjamin Pavard geht für 35 Millionen Euro zum FC Bayern. Ozan Kabak, der 19 Jahre junge Innenverteidiger, der im Winter für 11,5 Millionen Euro von Galatasaray kam, besitzt keinen Vertrag für die Zweite Liga und soll via Klausel für 15 Millionen Euro gehen können. Die Verträge von Aogo, Kapitän Christian Gentner und Andreas Beck laufen aus.

Stuttgart – Der VfB Stuttgart spielt in der ersten Halbzeit gegen Union Berlin ein starke Partie, aber das Glück fehlt den Schwaben. Erst wird ein Freistoßtor von Dennis Aogo nicht gegeben, weil Nicolas Gonzalez im Abseits steht. Dann prallen wenige Minuten später die VfB-Verteidiger Ozan Kabak und Holger Badstuber im der Luft zusammen. In der Folge müssen beide mehrere Minuten behandelt werden und bekommen Kopfverbände.

Aber neben der Pavard-Ablöse gibt es auch Hoffnung für den VfB, denn es sind bereits kluge Personalentscheidungen getroffen worden: Mit dem ehemaligen Dortmund- und Arsenal-Chefscout Sven Mislintat hat Stuttgart einen renommierten Talenterkenner als Sportdirektor verpflichtet, mit Tim Walter von Holstein Kiel einen spannenden Trainer. Dazu soll sich der VfB mit Paderborns Mittelfeldspieler Philipp Klement einig sein, der in der abgelaufenen Saison 16 Treffer erzielt und sechs vorbereitet hat.

Die VfB-Verteidiger Ozan Kaban und Holger Badstuber prallen beim einem Luftduell zusammen. Das Netz kommentiert den Vorfall fleißig

Bundesliga: Union Berlin sichert sich Bundesliga-Aufstieg durch 0:0 gegen Stuttgart

Als Stuttgart 2016 abgestiegen war, entstand um den Verein eine Euphorie aus Trotz: Die Mitgliederzahlen wuchsen und Dauerkarten wurden fleißig gekauft. Am Ende stand der Wiederaufstieg. Drei Jahre später ist Stuttgart ein erschöpfter, an sich verzweifelnder Klub. Das Gesicht von Nico Willig verriet das ganz gut am Montagabend: “Es war eine Horrorsaison – von Anfang bis Ende. Das hier ist der Tiefpunkt für den VfB”, sagte der scheidende Interimstrainer. Und dann rang er mit den Tränen: “Es tut mir leid für die Fans und die Region. Ich hoffe einfach, dass der VfB wiederkommt.”

Union Berlin – VfB Stuttgart 0:0 Union: Gikiewicz – Ryerson, Friedrich, Hübner, Reichel – Abdullahi (82. Gogia), Prömel, Schmiedebach, Zulj (90.+3 Parensen), Hartel (65. Mees), Andersson VfB: Zieler – Pavard, Kabak, Badstuber, Aogo – Ascacibar – Gentner, Akolo, Zuber (68. Castro) – Donis (60. Didavi), González (46. Gomez) Schiedsrichter: Dingert Gelbe Karten: Friedrich, Schmiedebach – Gentner Zuschauer: 22.012

Die Bundesliga ist ein Berliner! Seit Montag hat die Hauptstadt mit Hertha und Union zwei erstklassige Vereine…Im Relegationsrückspiel reicht dem Zweitliga-Underdog ein 0:0 gegen den VfB Stuttgart (Hinspiel 2:2.). Der Ex-Meister beendet die schlechteste Saison seiner Geschichte (28 Punkte) mit dem Abstieg im Nachsitzen.

Trainer Nico Willig (38): Das ist eine Horror-Saison, ein Tiefpunkt für den VfB. Es fühlt sich brutal an. Es tut mir leid für die ganze Region.

Der VfB plant die Zweite Liga mit 40 Mio Euro weniger. Sport-Vorstand Thomas Hitzlsperger (37) zu Eurosport: Das ist brutal enttäuschend. Wir haben uns diese Saison nie wirklich gefunden. Wir haben viel falsch gemacht – zu viel.Es ist der erste Video-Abstieg der Geschichte!

► 9. Minute: Aogo knallt einen Freistoß aus 19 Metern sensationell mit links rein. Dumm nur, dass sein Mitspieler Gonzalez dabei klar im Abseits steht, Union-Torhüter Gikiewicz irritiert. Sieht Schiri Dingert nach Videobeweis auch, nimmt den Treffer zurück.

Willig mit brüchiger Stimme zu der völlig überflüssigen Abseitsstellung: Ich habe die Video-Szene nicht gesehen und werde sie mir glaube ich nie im Leben anschauen…

Abstieg des VfB Stuttgart – Aus und vorbei – passendes Ende einer katastrophalen Saison

Und Union nullt sich so in die Fußball-Geschichtsbücher, ist der 56. Bundesligist seit 1963. Der Aufstieg ausgerechnet an dem Tag, als der Hauptstadt-Klub mit dem 2:4 gegen Magdeburg in der DDR-Oberliga vor 30 Jahren sein letztes Erstliga-Heimspiel bestritt.

Michael Parensen (32), der seit zehn Jahren im Verein ist, zu Eurosport: Was wir diese Saison geleistet haben, heute reingehauen haben, ist Wahnsinn. Ein Traum ist wahr geworden.

Als der Mannschaftsbus jetzt am Stadion vorfährt, empfangen ihn 200 Fans mit roten Bengalos. Pyro-Einstimmung auf die Relegationsschlacht.

Stuttgart startet in Berlin wieder ohne Mario Gomez. Trainer Willig ändert seine Startelf viermal. Spuck-Profi Santiago Ascacibar ist nach Rot-Sperre (sechs Spiele) wieder dabei.Es wird früh blutig. Im Luft-Dreikampf erwischt es aber nur die Stuttgarter Badstuber und Kabak (20. Minute). Union-Stürmer Andersson landet unbeschadet auf dem Rasen. Badstuber und Kabak können nur mit Kopfverband weitermachen.

Der VfB ist besser. Zu richtig Chancen aber kommt er nur ganz selten. Die beste hat noch Zuber. Seinen Fernschuß aber entschärft Gikiewicz (45.). Pyro-Nebel aus dem Union-Block verzögert den Wiederanpfiff mit dem eingewechselten Gomez zwei Minuten.

Kommentar zum Aufstieg von Union Berlin: Lohn für das richtige Team

Der Rest ist eine Party in Rot Und Weiß! Union nullt sich hoch! Nächste Saison gibt es zwei Derbys. Union ist nach Hertha, Tasmania, TeBe und Blau-Weiß der fünfte Bundesligist aus Berlin.

Geschäftsführer Oliver Ruhnert (46): Es ist unbeschreiblich. Die Mannschaft hat es verpasst, den entscheidenden Schritt zu machen und den härtesten Weg zu machen, den es gibt. Ein geiles Gefühl, den Leuten das zu geben, auf was sie seit Jahren warten.