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Stuttgarter Pflege-“Tatort”:Wann ist ein Mord ein Mord?
Der Teufel erscheint einem ja manchmal in ziemlich verhuschter Gestalt. Sitzt zum Beispiel da, eine Kanne Tee vor sich in einem ungemütlichen Raum, angetan mit einem hilflosen Pullover und lügt in zwei Minuten mehr als der amerikanische Präsident auf einer Pressekonferenz. Der Teufel heißt Anne Weber.

Den Teufel werden sie später in sozialen und den andern Medien aus ihr machen, wenn der Tatort, in dem sich alles um sie dreht, vorbei ist. Anne Weber ist Altenpflegerin in Stuttgart.

Das scheint ein deutsches Lebenslügenleistungszentrum zu sein. Was Anne Weber tut, was die Kommissare Bootz und Lannert mit ihr tun, setzt fort, was Jakob Gregorowicz vor einem halben Jahr im Fall Der Mann, der lügt tat und was die Kommissare ihm antaten. Er log sich um den Verstand, die Kommissare folgten ihm wie Wölfe einem waidwunden Wild. Man hätte beinahe Mitleid bekommen mit ihm.

Sie tut dies gelassen und stets mit einem Lächeln. Zwar steht die alleinerziehende Mutter unter großem finanziellen Druck. Das Auto ist kaputt, die Wohnung zu klein, der pubertierende Sohn klaut Kreditkarten, um sich teure Kleidung zu kaufen. Doch Anne bleibt im Verhör entspannt. Ihre Chefin beschreibt Anne als freundlich, korrekt und einfühlsam. Auf dem Handy der Pflegerin befinden sich keine verdächtigen Nachrichten. Als sie  dann noch beweisen kann, dass der mysteriöse Erzeuger ihres Sohnes die Familie regelmäßig mit Bargeld versorgt, müssen sich die Kommissare eingestehen, dass sie Anne vielleicht wieder laufen lassen müssen.

Mit Anne Weber hat man Mitleid. Man kann nicht anders. Will den Bildschirm anschreien und die Kommissare, dass sie die arme Frau in Ruhe lassen. Diese Heldin des Alltags, die scheinbar so unbescholten ist, so unschuldig, die diesen Scheißjob mit einem übermenschlichen Maß an Mitgefühl ausübt, ihren hedonistischen Sohn erträgt, ihre Pflegebefohlenen und ihren Vater.

Dabei scheint schon zu Beginn des Falls alles klar zu sein. Die Altenpflegerin Anne (Katharina Marie Schubert) hat drei alte, sehr kranke Männer umgebracht. Das erste Opfer war ein ans Bett gefesseltes Scheusal, das seine Familie terrorisierte und die Pflegerin sexuell bedrängte. Sohn und Schwiegertochter feierten kurze Zeit nach dem Todesfall ein rauschendes Fest. Das zweite Opfer war seiner tyrannischen Frau schutzlos ausgeliefert und lag den ganzen Tag einsam im Bett. Der dritte Patient trank trotz Leberzirrhose weiter Wodka aus der Flasche und versank unrettbar im Kummer über sein gescheitertes Leben.

Die soll Schuld am Tod des alten Mannes sein, der – von seiner Frau, die sie Godzilla nennen, mehr oder weniger eingekerkert – tot am Fuß einer Treppe liegt? Und am Tod des gefürchteten Hoteliers? Und noch an ein paar anderen Leichen?

Teilen Weiterleiten Tweeten Weiterleiten Drucken Von Christian Sieben Nach Jahren der eher gediegenen Mittelmäßigkeit entwickelt sich der Stuttgarter Tatort langsam zum Highlight am Sonntagabend. Der neue Krimi Anne und der Tod dürfte schon jetzt zu den besten Folgen des Jahres gehören.

Der Pflegenotstand hat nun schon zu einigen hochnotpeinlichen und wahnsinnig gut gemeinten Fernsehfilmen geführt. Lannert und Bootz stolpern in Anne und der Tod durch keine einzige der Bettpfannen des Klischees. Was sie vor allem dem Drehbuch von Wolfgang Stauch zu verdanken haben.

Das wiederum macht eine kleine Bedienungsanleitung nötig. Nehmen Sie sich nichts vor, tun Sie, denken Sie nichts anderes während Anne und der Tod. Das ist ein sorgsam konstruiertes Uhrwerk sorgsam ineinander geschachtelter Erzählwerke, Geschichte, Sub- und Seitenerzählungen, die ineinandergreifen, sich überlappen, ergänzen, am Ende erklären.

Der zweite Grund, weswegen man sich nichts vornehmen sollte, hat einen Namen: Katharina Marie Schubert. Diese milde Kratzbürstigkeit, dieser zerbrochene Stolz, diese verbohrte Bockigkeit, dieses große verstörte Herz, das sie in Gesten, minimales mimisches Changieren legt, in kleinste Farbwechsel der Stimme – gebt ihr den Grimmepreis für die nächsten zwei Jahre.

0 Anzeige Der Teufel erscheint einem ja manchmal in ziemlich verhuschter Gestalt. Sitzt zum Beispiel da, eine Kanne Tee vor sich in einem ungemütlichen Raum, angetan mit einem hilflosen Pullover und lügt in zwei Minuten mehr als der amerikanische Präsident auf einer Pressekonferenz. Der Teufel heißt Anne Weber.

Den Teufel werden sie später in sozialen und den andern Medien aus ihr machen, wenn der Tatort, in dem sich alles um sie dreht, vorbei ist. Anne Weber ist Altenpflegerin in Stuttgart.

Das scheint ein deutsches Lebenslügenleistungszentrum zu sein. Was Anne Weber tut, was die Kommissare Bootz und Lannert mit ihr tun, setzt fort, was Jakob Gregorowicz vor einem halben Jahr im Fall Der Mann, der lügt tat und was die Kommissare ihm antaten. Er log sich um den Verstand, die Kommissare folgten ihm wie Wölfe einem waidwunden Wild. Man hätte beinahe Mitleid bekommen mit ihm.

Mit Anne Weber hat man Mitleid. Man kann nicht anders. Will den Bildschirm anschreien und die Kommissare, dass sie die arme Frau in Ruhe lassen. Diese Heldin des Alltags, die scheinbar so unbescholten ist, so unschuldig, die diesen Scheißjob mit einem übermenschlichen Maß an Mitgefühl ausübt, ihren hedonistischen Sohn erträgt, ihre Pflegebefohlenen und ihren Vater.

So wird der Tatort Wer lügt, der lebt nicht lang Die soll Schuld am Tod des alten Mannes sein, der – von seiner Frau, die sie Godzilla nennen, mehr oder weniger eingekerkert – tot am Fuß einer Treppe liegt? Und am Tod des gefürchteten Hoteliers? Und noch an ein paar anderen Leichen?

Der Pflegenotstand hat nun schon zu einigen hochnotpeinlichen und wahnsinnig gut gemeinten Fernsehfilmen geführt. Lannert und Bootz stolpern in Anne und der Tod durch keine einzige der Bettpfannen des Klischees. Was sie vor allem dem Drehbuch von Wolfgang Stauch zu verdanken haben.

Ist sie ein Todesengel: Nach dem Tod zweier Patienten gerät Anne Werner (Katharina Marie Schubert), Altenpflegerin in der häuslichen Pflege, unter Druck Quelle: SWR/Maor Waisburd

Das wiederum macht eine kleine Bedienungsanleitung nötig. Nehmen Sie sich nichts vor, tun Sie, denken Sie nichts anderes während Anne und der Tod. Das ist ein sorgsam konstruiertes Uhrwerk sorgsam ineinander geschachtelter Erzählwerke, Geschichte, Sub- und Seitenerzählungen, die ineinandergreifen, sich überlappen, ergänzen, am Ende erklären.

Katharina Marie Schubert Ich brauche keine Religion, ich brauche Freiheit Der zweite Grund, weswegen man sich nichts vornehmen sollte, hat einen Namen: Katharina Marie Schubert. Diese milde Kratzbürstigkeit, dieser zerbrochene Stolz, diese verbohrte Bockigkeit, dieses große verstörte Herz, das sie in Gesten, minimales mimisches Changieren legt, in kleinste Farbwechsel der Stimme – gebt ihr den Grimmepreis für die nächsten zwei Jahre.

Eine Altenpflegerin steht im Verdacht, zwei ihrer Klienten ermordet zu haben. Sie selbst sieht die Sache ganz anders – und das starke Spiel von Katharina Marie Schubert sorgt dafür, dass ihr die Zuschauer bald nachfolgen.

Die Dinge sind selten so, wie sie sein sollten. In einer perfekten Welt wäre die Altenpflege ein hochdotierter Berufszweig, während Hedgefonds-Manager jeden Cent umdrehen müssten. Dass es sich genau andersherum verhält, ist nicht nur ein ziemlich guter Hinweis darauf, dass die Welt alles andere als perfekt ist – sondern auch darauf, wie verschoben unsere Wertschätzung von Arbeit ist. Daran wird der neue "Tatort" aus Stuttgart wohl auch nicht allzu viel ändern können, aber er wirft immerhin mal das Scheinwerferlicht auf eines der großen Probleme der heutigen Zeit.

Anne (Katharina Marie Schubert) ist Altenpflegerin in Stuttgart, schuftet für 1550 Euro gefühlt ohne Unterlass und muss sich nebenher noch als alleinerziehende Mutter um einen schwer pubertären Sohn kümmern. Das ist an sich schon genug Sorgenmaterial, allerdings steht Anne auch noch im Verdacht, zwei ihrer Klienten ermordet zu haben.

"Leute, das kriegt ihr nie raus", lautet das Urteil der Kollegen zu dem ungewöhnlichen Fall, in dem Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) ermitteln. Dass sie überhaupt ermitteln, ist nur dem Misstrauen einer jungen Hausärztin zu verdanken, die nicht an den zufälligen Herztod eines alten Gastwirtes glaubt. Der Verstorbene war bei Anne in Pflege – heiß wird die Spur aber erst, als ein zweiter Klient der Pflegerin die Treppe herunterfällt und stirbt.

Bei "Anne und der Tod" steht die Mörderin zwar bereits in der ersten Minute fest, trotzdem bleibt der Film bis zur letzten Minute spannend. Den Löwenanteil daran haben das geschickt auserzählte Drehbuch und Annes Charakterzeichnung. Die ist so stark, dass die Sympathien der Zuschauer schnell bei der tapferen Altenpflegerin liegen, die am Anfang gar nicht verstehen kann, dass hier überhaupt in einem Mordfall gegen sie ermittelt wird: "Wie soll man jemanden, der schon halb tot ist, noch umbringen?", fragt sie ungläubig die Kommissare, die einfach nicht lockerlassen wollen.

Es ist ein echtes Kunststück, das den Machern damit glückt: "Lasst die arme Frau doch einfach in Ruhe", will man Lannert und Bootz durch den Fernseher entgegenrufen – selbst wenn sie die alten Männer auf dem Gewissen haben sollte. Die Kommissare aber ermitteln weiter, wie es eben ihre Pflicht ist. Ein moralisches Dilemma bleibt am Ende trotzdem. Und die Feststellung, dass "Anne und der Tod" sogar noch ein Stückchen besser hätte sein können, wenn Drehbuchautor Wolfgang Stauch ein paar der allzu arg auf Stelzen daherkommenden Dialoge auf ein erträgliches Maß heruntergekürzt hätte.