Stuttgart verliert 1:3 - Was-wäre-wenn-Szenarien - Süddeutsche.de
Hertha BSC – VfB Stuttgart 3:1, Bundesliga, Saison 2018/19, 32.Spieltag – Spielbericht
Der VfB Stuttgart ärgert sich über einen verweigerten Handelfmeter, verteidigt aber beim 1:3 in Berlin viel zu schlecht, um Ansprüche auf einen Punktgewinn erheben zu können.

Nico Willig hat einen Satz gesagt, den man sich gleich mal merken sollte in dieser ganzen Debatte. “Der Sieg für die Hertha ist zweifellos verdient”, sagte er am Samstagnachmittag im Berliner Olympiastadion, es tat ihm nicht weh in diesem Moment, er musste sich nicht durchringen zu freundlichen Worten – aber gehadert hat der Interimstrainer vom VfB Stuttgart schon. Das ist ja das Fiese im Abstiegskampf: Jede verpasste Torchance lässt sich zu Was-wäre-Wenn-Szenarien weiterdenken, und das in der 37. Minute, beim Stand von 0:0, das war ein Moment, der das Spiel und die Tabellensituation entscheidend hätte prägen können. Oder sogar müssen.

Was wäre wohl für Stuttgart möglich gewesen, wenn es nicht den totalen Tomaten-Anfall in der 37. Minute gegeben hätte: Nach einer Didavi-Ecke blockt Herthas Abwehrchef Rekik den Kopfball von Gonzalez mit der Hand auf Kopfhöhe. Doch niemand hats gesehen. Die Stuttgarter, Schiri Daniel Schlager (29) und seine Assistenten sowie Günter Perl (49) im Kölner Video-Keller haben einen gemeinsamen Blackout!

Video: PK NACH STUTTGART – Willig – Dardai – Hertha BSC

Und – na klar – es geht an dieser Stelle mal wieder um den Videoschiedsrichter und ein Handspiel: Einen Eckball der Gäste versuchte Nicolas Gonzales per Kopf Richtung Tor zu bringen, Karim Rerik sprang mit zu engagiert gehobener Hand zur Abwehr nach oben, der Ball prallte zurück. Doch weder Schiedsrichter Daniel Schlager, noch der Videoschiedsrichter in Köln reagierten. “Für was haben wir den Videobeweis?”, fragte VfB-Spieler Daniel Esswein später, “das war das klarste Handspiel der letzten Wochen, Monate, vielleicht sogar der gesamten Saison.” Was dann folgte, war für Trainer Willig die “Verliererstraße”, auf die der VfB schließlich gedrängt wurde: Statt Elfmeter für Stuttgart gab es zwei schnelle Tore durch Vedad Ibisevic (40. Minute) und Ondrej Duda (45.+1), in der zweiten Halbzeit erhöhte Salomon Kalou (67.). Mario Gomez schaffte in der 70. Minute noch den Ehrentreffer, am Ende stand aber ein 3:1 (2:0). “Wir hatten die Chance, auf die Siegerstraße einzubiegen”, sagte Willig, “das haben wir nicht verbockt, das wurde an einer anderen Stelle verbockt.”

Es war ein Thema, das erst im Nachhinein zu einem wurde – während der Aktion im Strafraum gab es kaum jemanden im Stadion, der das Handspiel wahrgenommen hatte. “Ich habe es nicht gesehen”, sagte Willig, “deswegen ist es auch für einen Schiedsrichter schwer zu sehen. Wenn wir schon diesen Videoschiedsrichter installieren, hätte er in diesem Moment online sein müssen. Das war er leider nicht.”

Tatsächlich hatten sich bis zur fraglichen Szene weder Hertha noch Stuttgart richtige Torchancen erspielt. “Da war kein Spielfluss, viel Mittelfeldgeplänkel”, gab Esswein später sogar zu, “es war klar: wer 1:0 führt, macht es dem anderen schwer, das Spiel wieder umzudrehen.” Auf beiden Seiten reihten sich die technischen Fehler aneinander, Offensivdrang ließen vor allem die Stuttgarter vermissen. Was dann halt ungünstig ist, wenn es in der Abwehr auch nicht so richtig klappt. So gab Willig bei den ersten beiden Gegentreffern zu: “In beiden Situationen müssen wir uns vorwerfen lassen, zu passiv gewesen zu sein, die Bälle ins Zentrum zugelassen zu haben.” Für Torwart Ron-Robert Zieler waren die Treffer in der 40. und 46. Minute besonders bitter: Beide Male wehrte er die Angriffe zunächst ab, kassierte dann aber durch schlecht verteidigte Nachschüsse die Tore.

Hertha antwortet vor den Augen von Bundestrainer Jogi Löw (59) und Nationalmannschafts-Torwarttrainer Andreas Köpke (57) mit einem Doppelschlag innerhalb von sechs Minuten:

In der zweiten Halbzeit schien beim 3:0 durch Kalou schon alles entschieden zu sein, da machte der nach der Pause eingewechselte Mario Gomez den Gästen noch einmal Mut. Schon in der 69. Minute knallte er einen langen Ball mit einer Drehung ins Netz – doch ein falscher Abseitspfiff verwehrte dem VfB den Anschlusstreffer. Der fiel dann in der 70. Minute, diesmal verwandelte Gomez per Kopf. Er selber wollte die Was-Wäre-Wenn-Szenarien nicht durchspielen. “Wir hätten es danach trotzdem noch aus eigener Kraft schaffen können”, sagte er zum nicht gepfiffenen Elfmeter, “das haben wir nicht getan, deswegen hat Hertha gewonnen”.

▶︎ Der Sekunden zuvor eingewechselte Dilrosun tankt sich links durch. Seinen Querpass vors Tor drückt Kalou über die Linie – 3:0 (67.).

Und so schienen sich die Stuttgarter am Ende doch mehr über die eigenen Fehler zu ärgern. “Es war nicht zu erwarten, dass wir nach dem Sieg gegen Gladbach nun alle Spiele gewinnen und durch die Liga fliegen”, sagte Trainer Willig noch. Mit 24 Punkten liegen sie weiter auf dem 16. Platz, die Relegation ist das Ziel. “Wir müssen diesen Schwung jetzt mitnehmen”, sagte Willig, bevor er in den Feierabend verschwand. Und klang dabei so positiv, wie einer wohl klingen muss, dem sonst nichts übrigbleibt.

▶︎ Duda bedient Ibisevic. Wieder kann Zieler abwehren. Der Ball aber fällt Duda vor die Füße – 2:0 (45.+1).

Hertha BSC fand nach sieben sieglosen Spielen in die Spur zurück und besiegte den abstiegsbedrohten VfB Stuttgart mit 3:1. Die Ereignisse der Partie staffelten sich zweimal zeitlich dicht getaktet – und waren längst nicht unumstritten.

▶︎ Torwart Zieler kann Leckies Kopfball nach Plattenhardt-Flanke noch halten. Ibisevic staubt ab – 1:0 (40.).

Herthas Coach Pal Dardai nahm nach dem 0:0 in Frankfurt eine Änderung an seiner Anfangsformation vor: Für Klünter (Gelbsperre) rückte Leckie in die Startelf.

Stuttgarts Interimstrainer Nico Willig setzte auf dieselbe Formation, die am vergangenen Spieltag das 1:0 gegen Gladbach eingefahren hatte.

Obwohl es für die Berliner in der auslaufenden Saison um nichts mehr geht, rissen sie die Kontrolle gegen passive Schwaben zeitig an sich – erste Chancen ließen aber auf sich warten: Leckie gab die Kugel von rechts in den Strafraum, wo sich Kabak in Kalous Flachschuss warf und Schlimmeres verhinderte (13.). Zwei Zeigerumdrehungen später servierte Kalou mit der Hacke für Mittelstädt, dessen Versuch aus 18 Metern landete in Zielers Armen. Die Gäste, die vorzugsweise mit langen Bällen operierten, gaben durch Gonzalez in der 22. Minute einen ersten statistisch erfassten Torschuss ab.

Bundesliga, 32. Spieltag Mainz – Leipzig 3:3 (1:2)   Bayern – Hannover 3:1 (2:0)   Gladbach – Hoffenheim 2:2 (0:1)   Wolfsburg – Nürnberg 2:0 (1:0)   Hertha – Stuttgart 3:1 (2:0)   Bremen – Dortmund 2:2 (0:2)   Schalke – Augsburg -:- (-:-)   Freiburg – Düsseldorf -:- (-:-)   Leverkusen – Frankfurt -:- (-:-) Die aktuelle Tabelle Castro setzte einen Freistoß aus zentraler Position über den Querbalken (27.), Plattenhardt tat es ihm auf der Gegenseite gleich (33.). Dann kam es bitter für den VfB: Nach einer Ecke wehrte Rekik Gonzalez Kopfball mit dem Arm ab, weder Schiedsrichter noch Video-Assistent griffen ein (37.). Noch vor dem Seitenwechsel folgte der etwas glückliche Berliner Doppelschlag: Ibisevic staubte nach einem Leckie-Kopfball vor Zieler ab (40.), Duda schoss einen weiteren Abpraller – Zieler parierte gegen Ibisevic – ins verwaiste Tor (45.+1). 2:0 nach 45 Minuten.

Die Grunddynamik der Begegnung blieb aber auch nach Wiederbeginn überschaubar. Mitten in eine Wechselorgie hinein verfehlte Leckie aus wenigen Metern das kurze Eck (63.). Anschließend bewies Hertha-Coach Dardai ein glückliches Händchen: Der Sekunden vorher eingewechselte Dilrosun enteilte auf der linken Außenbahn Kabak, in der Mitte drückte Kalou die Kugel im Fallen über die Linie – 3:0 für den Hauptstadtklub (67.).

Als nächstes gab es einen weiteren Fehler der Unparteiischen zu registrieren: Der ebenfalls eingewechselte Gomez erzielte nach einem Schlagball aus der Drehung einen vermeintlichen Treffer, wurde zuvor – zu Unrecht – aber wegen einer angeblichen Abseitsstellung zurückgepfiffen (69.). So konnte der Videoassistent nicht mehr eingreifen. Eine Minute später, Sosa flankte von links, erzielte der Ex-Nationalspieler per Kopf sein erstes Joker-Tor im VfB-Trikot (70.). Kurz darauf traf der bestens positionierte Didavi das Spielgerät nicht voll und verpasste so eine mögliche Aufholjagd (72.). Esswein ließ die letzte brauchbare Stuttgarter Chance liegen (79.) – bei den Schwaben deutet alles auf die Relegation hin.

Hertha gastiert am Samstag (15.30 Uhr) in Augsburg. Für Stuttgart geht es zur gleichen Zeit gegen Wolfsburg weiter.

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