Stuttgart - Spucken, treten, zögern - Süddeutsche.de
VfB Stuttgart: Starker Schiri stoppt Spucker Ascacibar
Hässliche Szene: Schiedsrichter Tobias Stieler zeigt Santiago Ascacibar (re.) Rot, wird sogleich von ihm bedrängt – wie auch Spuck-Opfer Kai Havertz.

Defensivspieler Ascacibar attackiert Leverkusens Siegtorschützen Havertz. Sportvorstand Hitzlsperger will ihn hart bestrafen – dabei spitzen sich nach dem 0:1 andere Sorgen zu.

Thomas Hürner, Volontär bei der Süddeutschen Zeitung, hatte schon immer den latenten Wunsch, Journalist zu werden. Nach einer Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten studierte er in Augsburg Politikwissenschaften und Soziologie. Auf Praktika bei der Augsburger Allgemeinen und in der Sportredaktion der FAZ folgte jeweils eine Tätigkeit als freier Autor, außerdem schrieb er regelmäßig für Zeit Online und das Magazin 11 Freunde. Hat in einem Buch auch mal “101 Dinge, die ein Fußball-Fan wissen muss” festgelegt.

Stuttgart ist mit 21 Punkten Tabellen-16. Seit Wochen gelingt es dem VfB nicht, die Patzer der Konkurrenz aus Augsburg und Schalke auszunutzen und näher an die Nicht-Abstiegszone heranzurücken. Aktuell hat Stuttgart vier Punkte Rückstand auf Augsburg (hat ein Spiel weniger), Schalke steht sechs Punkte vor dem VfB. In der kommenden Woche treffen die Stuttgarter im direkten Abstiegsduell auf den FC Augsburg – Ascacibar fehlt dann gesperrt. Die zu erwartende Strafe des DFB könnte sogar das Saisonaus bedeuten. Der Defensivspieler hatte in dieser Saison bereits zweimal wegen einer Gelbsperre gefehlt.

Der Argentinier Santiago Ascacibar ist nicht derjenige, der beim VfB Stuttgart für die ästhetisch anspruchsvollen Momente eines Fußballspiels zuständig ist, er ist keiner, von dem Geistesblitze in Form von wunderschönen Pässen auf die Angreifer oder anmutige Bewegungen im Mittelfeld erwartet werden. Sie schätzen ihn dennoch sehr beim VfB, weil er seine Kernaufgaben pflichtbewusst erledigt. Ascacibar läuft viel und gerne, er sichert ab, stopft Löcher in der Defensive, und es ist stets ersichtlich, dass er all das mit vollem Eifer tut. Darüber hinaus bringt seine aggressive Spielweise eine Komponente mit sich, die gerade bei abstiegsbedrohten Mannschaften immer wieder für besonders wertvoll befunden wird: Ascacibar gilt als einer, der mal so richtig dazwischen haut – und dadurch die sogenannten Zeichen setzt, die seine Mitspieler wachrütteln. Diese Zeichen sind aber selten das Resultat einer bewussten Entscheidung, sie entstehen meist aus dem Affekt und folgen einem spontanen Impuls.

Nun ja, wach waren jedenfalls alle in der Stuttgarter Arena, nachdem Ascacibar in der Nachspielzeit den Leverkusener Siegtorschützen Kai Havertz bespuckt und nach der fälligen roten Karte auch noch den Schiedsrichter Tobias Stieler angerempelt hatte.

Nationalspieler Havertz hatte mit seinem verwandelten Strafstoß (64. Minute) die Hoffnungen der Stuttgarter auf einen Punktgewinn zunichte gemacht. Nach zuvor drei Niederlagen bewahrte der 19-Jährige die Elf von Trainer Bosz in seinem 100. Pflichtspiel für Bayer damit vor einem weiteren Rückschlag im Duell um die Europa-League-Plätze.

Einen sonderlich positiven Effekt auf die eigene Mannschaft hatte diese Aktion, über die der Bayer-Trainer Peter Bosz hinterher sagte, das sei “das Schlimmste, was man im Fußball machen kann”, aber nicht. Der VfB-Sportvorstand Thomas Hitzlsperger kündigte eine interne Strafe an, “da müssen wir ein klares Zeichen setzen”. Es gab aber noch mehr beunruhigende Szenen als dieses Fehlverhalten eines Einzelnen, das Regelhüter gerne unter dem Sammelbegriff “grobe Unsportlichkeit” fassen: Nur wenige Sekunden vor Ascacibars Spuckattacke trat der eingewechselte Erik Thommy so wuchtig gegen eine Werbebande, dass diese ein paar Meter nach hinten flog. Und nach dem Schlusspfiff, als die VfB-Spieler all ihren Mut zusammengenommen hatten und in Richtung Cannstatter Kurve schritten, da blieben sie dann doch besser auf halber Strecke stehen, zögerlich klatschend und sichtlich eingeschüchtert vom Zorn des harten Kerns ihrer Anhängerschaft.

Der VfB Stuttgart ist seit fünf Spielen sieglos, muss auf dem Relegationsplatz weiter um den Ligaverbleib bangen, und nun gibt es auch noch Ärger um Santiago Ascacibar. Der Stuttgarter sah in der Nachspielzeit die Rote Karte, nachdem er Leverkusens Siegtorschützen Kai Havertz angespuckt hatte.

Diese Zeichen der Frustration dürften wiederum einiges mit dem unmittelbaren Geschehen auf dem Platz zu tun haben. Und auch dort waren bei dieser 0:1-Heimniederlage gegen Bayer Leverkusen einige besorgniserregende Auffälligkeiten zu beobachten: Zum Beispiel, dass sich der VfB gegen einen Abwehrverbund, der sich zuletzt als höchst anfällig bei Kontern erwiesen hatte, über die gesamte Spieldauer nicht eine richtige Torchance herausspielen konnte, obwohl jene Konter ein wesentlicher Bestandteil des Matchplans waren. Oder dass der Angreifer Alexander Esswein, als sich nach einem guten Pass des Spielmachers Daniel Didavi in der siebten Minute doch mal diese eine Lücke auftat, den Ball nicht sauber in den Lauf mitnahm und daher aus spitzem Winkel abschließen musste. Jener Esswein, der im Winter als belebendes Element für die ideenlose Offensive geholt worden war, seither immer von Beginn an spielt, aber noch kein einziges Tor erzielen konnte.

Der VfB Stuttgart hat schon wieder nicht gewonnen. Doch nach dem Spiel ist nicht die sportliche Krise das Thema, sondern der Ausraster von Santiago Ascacibar. Es fielen drastische Worte.

Und dann ist da in Markus Weinzierl ja noch ein Trainer, der seit Wochen das harmlose Angriffsspiel als die Urquelle der schwachen Ergebnisse ausgemacht hat, bislang aber noch keine Lösung gefunden hat. “Offensiv ist das zu wenig, da müssen wir uns verbessern”, lautete Weinzierls Fazit. Defensiv habe man das dafür ja schon “ganz ordentlich” gemacht, wobei das ja eigentlich eh eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wenn man bei gegnerischem Ballbesitz immer mit fünf Abwehr- sowie einer Schar von Mittelfeldspielern verteidigt. Das alles könne schon “brutal frustrierend” sein, befand der VfB-Torwart Ron-Robert Zieler, der nach einer kurzen Problemanalyse (“Vorne fehlt uns die Durchschlagskraft, das muss man schon so sagen”) noch auf die positiven Aspekte dieses Nachmittags verwies (“Wir hätten auch 0:0 spielen können”).

Mit seinem Platzverweis halste Ascacíbar Trainer Weinzierl zudem ein weiteres Problem auf. Denn im defensiven Mittelfeld fehlen die Alternativen: Dennis Aogo und Kapitän Christian Gentner sind momentan verletzt. In Augsburg wird der Coach erneut umstrukturieren müssen. Die Partie bei den bayrischen Schwaben habe Endspiel-Charakter, warnte Weinzierl: “Wenn wir 15. werden wollen, müssen wir gewinnen.”

Tatsächlich musste der Stuttgarter Gonzalo Castro ein ziemlich unnötiges Foul am Eck des Sechzehners begehen, damit die Leverkusener durch einen Elfmeter von Kai Havertz in Führung gehen konnten (64.). Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Mannschaft von Peter Bosz in der zweiten Hälfte immer druckvoller in Richtung VfB-Tor spielte. Und wenn man Bosz folgt, dann war das in der ersten Halbzeit harmlose Ballbesitzspiel seiner Mannschaft (phasenweise bis zu 75 Prozent) ohnehin Teil eines ausgeklügelten Plans, der in der zweiten Hälfte seine Vollendung finden musste. “Keinen Zweifel” habe er an einem Sieg gehabt, sagte Bosz, “durch diese Art machen wir den Gegner müde und können zuschlagen”. Wenige Zweifel bestehen auch darüber, dass die Stuttgarter ebenfalls mal einen guten Plan bräuchten, um den Abstiegsrelegationsplatz noch zu verlassen.

“Wir dürfen nicht anfangen, den Frust über die derzeitige Lage nach außen zu tragen. Wenn wir dies tun, sind wir auf dem falschen Weg”, sagte Hitzlsperger, der diesen Weg im Saison-Endspurt noch gemeinsam mit Trainer Markus Weinzierl geht. Weinzierl wirkte noch mitgenommen, als er davon sprach, dass der Mittelfeldspieler dem Drittletzten einen Bärendienst erwiesen habe.

Stuttgart, seid ihr eigentlich noch zu retten …?Der VfB taumelt im Tabellenkeller. 0:1 gegen Leverkusen, nur ein Sieg aus den letzten 14 Spielen, die Abstiegsangst wird immer größer. Aber zum sportlichen Rotz kommt jetzt auch noch ein ekelhafter Aussetzer.90.+1 Minute: Nur Sekunden vorm Abpfiff spuckt Santiago Ascacibar (22) Gegenspieler Kai Havertz (19) an. Schiedsrichter Tobias Stieler entscheidet blitzschnell, holt die Rote Karte aus der Tasche. Wie ein Bodyguard stellt er sich dabei Ascacibar in den Weg, der nach seiner Spuck-Attacke weiter auf Havertz losgeht und ihm in den Mund fasst.

Bundesliga | VfB Stuttgart Lama-Drama um VfB-Verteidiger Ascacíbar teilen auf Whatsapp teilen auf Facebook teilen auf Twitter teilen auf SMS teilen per Mail teilen Mit 0:1 verliert der VfB Stuttgart gegen Leverkusen, doch das Sportliche gerät in den Hintergrund. Ein fataler Aussetzer von Santiago Ascacibar ist der große Aufreger des Spieltags.

Prügelei vor dem Anpfiff: Im Vorfeld des Spiels Stuttgart gegen Leverkusen sind rund 100 Fans aufeinander losgegangen.

In der Vergangenheit hat Gomez schon Großes für den VfB geleistet. Doch diese Saison, speziell in der Rückrunde, kriselt es beim Stürmer

Für die Spuck-Attacke von Santiago Ascacíbar hatte auch VfB-Sportvorstand Thomas Hitzlsperger bei allem Frust im Abstiegskampf absolut kein Verständnis. In einer Ansprache an die Mannschaft kündigte der 37-Jährige am Sonntag Konsequenzen von Vereinsseite an.

Leverkusens Mittelfeld-Abräumer Julian Baumgartlinger: Der Schiedsrichter hat das überragend gemacht. Ich war überrascht, dass er das so schnell entschieden hat. Er ist dazwischengegangen, sonst hätte der ja noch weitergemacht.BamS-Schiri Thorsten Kinhöfer über Stieler: Das ist perfekt, da muss man den Hut vor ziehen. Dass er intuitiv genau da draufschaut, das macht nur ein Topmann.Giftzwerg Ascacibar ist kein Unbekannter. In 56 Bundesligaspielen kassierte er 20 Gelbe Karten, einmal Gelb-Rot und jetzt zum ersten Mal glatt Rot. Nach dem Spiel verschwindet er innerhalb von 15 Minuten aus dem Stadion – wortlos. Dafür reden andere über ihn.► Bayer-Kapitän Kevin Volland: Solche Leute haben auf dem Fußballplatz nichts zu suchen. Er hat Kai schon in der ersten Halbzeit vor die Füße gespuckt.► Ascacibar-Mitspieler Ron-Robert Zieler: In unserer Situation ist so eine Aktion natürlich schädlich. Das darf ihm nicht passieren.► Leverkusen-Trainer Peter Bosz: Das ist das Schlimmste, was man machen kann.► Torwart Lukas Hradecky: Spucken gehört sich nicht. Hoffentlich bekommt er die richtige Strafe dafür.

“Solche Leute braucht man nicht in der Bundesliga”, schimpfte Bayer-Stürmer Kevin Volland bei Sky. Ascacíbar sah die Rote Karte und war aufgebracht. Schiedsrichter Tobias Stieler stellte sich dazwischen, doch der VfB-Profi griff Havertz noch ins Gesicht.

Es werden wohl mindestens drei Spiele Sperre sein – mit Luft nach oben. Damit fehlt er dem VfB in der entscheidenden Phase im Kampf um den Klassenerhalt.Stuttgart schlägt sich immer mehr selbst. Das Spiel vergeigt Gonzalo Castro mit einem völlig unnötig verursachten Elfmeter. Havertz verwandelt lässig (64.).Der Nationalspieler wird immer wertvoller. Seine drei Elfmeter verwandelte er alle. 13 Saisontore sind für einen 19-Jährigen fast Rekord. Nur Horst Köppel (heute 70) war 1968 noch jünger (45 Tage jünger als Havertz) auf diesem Niveau.Leverkusen ist damit nach drei Pleiten in Folge wieder in der Spur, bleibt an den Europa-League-Plätzen dran.

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