Unentschieden in Stuttgart - Keiner weiß mehr - Süddeutsche.de
Nürnberg – Stuttgart 1:1: Video-Schiri hilft Markus Weinzierl
Erlösender Ausgleich: Stuttgarts Ozan Kabak trifft in der 75. Minute zum 1:1. Nürnbergs Torwart Christian Mathenia bleibt ohne Chance.

Beim 1:1 im Abstiegsduell zwischen Stuttgart und Nürnberg bleiben allzu große Erkenntnisse und Entwicklungen aus: Beide Klubs vergeben Chancen und bleiben dennoch im Rennen um den Nichtabstieg.

Erst nach einer guten halben Stunde kam der FCN zu einer ersten nicht ungefährlichen Strafraumaktion: Kubo wurde aber gerade noch von Kabak geblockt (32.). Dann wurde es turbulent: Kempf scheiterte nach einer Flanke von Insua aus kurzer Distanz an der Oberkante der Querlatte (34.). Wenig später scheiterte der agile Pereira nach Doppelpass mit Ishak an Zieler, der den Ball noch an den linken Außenpfosten lenkte (39.). Während Zuber Mathenia mit einem listigen Distanzschuss zu einer starken Parade zwang (40.), führte auf der Gegenseite ein Eckball zur Nürnberger Führung: Behrens ging zum Kopfball, doch letztlich prallte die Kugel von Zubers Kopf an die Querlatte. Anschließend staubte Pereira aus kürzester Distanz zur Gästeführung ab (42.). Noch vor der Pause wäre Gomez beinahe der Ausgleich gelungen, doch der Stürmer verpasste in einer kuriosen Szene frei vor Mathenia – und dann im Liegen vor dem verwaisten Tor – den ersten VfB-Treffer, der verdient gewesen wäre (45.).

Anna Dreher, Jahrgang 1989, ist Redakteurin im Ressort Sport. Sie studierte in Tübingen, San Diego und München. Vor und während der Studienzeit Praktika und Mitarbeit bei verschiedenen Print-, Online- und Rundfunkmedien im In- und Ausland. Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Für den Sport der Süddeutschen Zeitung das erste Mal 2010 geschrieben und von 2016 an volontiert. Aufgrund ihrer chilenischen Wurzeln immer noch etwas sauer auf den Fußballgott, dass Brasilien bei der WM 2014 im Achtelfinale im Elfmeterschießen gewonnen hat. Begeisterte Tennisspielerin, Langstreckenläuferin und Snowboarderin.

Die Stuttgarter störten die Nürnberger im Spielaufbau von Beginn an früh, was den Franken wenig schmeckte. Nur selten gelangen den Gäste durchdachte Angriffe. Der VfB dagegen drang immer wieder bis in an Strafraum des Clubs vor: Mathenia vereitelte die erste gute Chance von Zuber aus spitzem Winkel (7.). Während die ersten 20 Minuten insgesamt noch von viel Risikovermeidung auf beiden Seiten geprägt waren, wurden die Aktionen mit zunehmender Spieldauer zwingender. Gomez köpfte nach Ascacibar-Vorarbeit knapp am Tor vorbei, der noch näher am Nürnberger Gehäuse stehende Donis wäre dabei aber noch besser postiert gewesen (23.). In der 26. Minute musste Schommers wechseln: Der angeschlagene Kerk (Kreislaufprobleme) machte Platz für Kubo.

Am Ende war auch Ron-Robert Zieler etwas ratlos, was er mit diesem Arbeitstag anfangen sollte. Und in diesem Moment sagte Stuttgarts Torwart Sätze, die dieses Spiel gegen den 1. FC Nürnberg und die Situation des VfB vielleicht am besten zusammenfassten. “Ich weiß nicht so richtig, was ich jetzt mit diesem Punkt anfangen soll”, sagte der 30-Jährige. “Ich weiß es nicht, die Mannschaft weiß es nicht und die Fans wissen es auch nicht.” Niemand wusste es. Dieser Samstag hatte mit so viel Zuversicht und Optimismus begonnen. Der VfB Stuttgart wollte gegen seinen direkten Konkurrenten um den Relegationsplatz mit einem Sieg den Abstand nach unten vergrößern und sich dem rettenden Platz 15 annähern. Sogar die anderen Ergebnisse hätten diese Dramaturgie der unteren Tabellenregion begünstigt, Schalke verlor ja in letzter Minute gegen Frankfurt. Aber so? So trauerten beide Mannschaften nach dem 1:1 (0:1) vergebenen Chancen nach, der VfB womöglich sogar der vergebenen Chance schlechthin im Abstiegskampf.

Stuttgarts Trainer Markus Weinzierl – für den es zunehmend darum geht, Argumente für seinen Verbleib zu sammeln – wählte eine offensive Aufstellung wie selten. Bis auf Erik Thommy setzte er im Laufe der Partie all seine Offensivspieler gegen die zu Beginn dicht und diszipliniert verteidigenden Nürnberger ein. Nur gerieten die schwäbischen Versuche, die so wichtige Führung zu erzielen, zu hektisch, zu inkonsequent und zu unpräzise. Oft wurden falsche, zu vorsichtige Entscheidungen getroffen. Nach 34 Minuten hatte Marc-Oliver Kempf, wie zuletzt auch beim 0:3 gegen Frankfurt, die große Chance auf das so ersehnte 1:0. Nach einer Ecke landete sein Kopfball aber an der Latte, wieder mal. “Heute war entscheidend, wer in Führung geht”, sagte Weinzierl. “Wenn dieser Kopfball ins Tor gegangen wäre, wäre das Spiel anders ausgegangen.”

Ein Quäntchen Glück verhalf dem VfB Stuttgart in der 75. Minute zum Ausgleich: Nach Flanke von links prallte der Ball im Zentrum von Donis zu Kabak, der flach ins rechte Toreck schob. Nach längerem Video-Studium blieb es bei der Anerkennung des Treffers, Donis hatte sich bei der Hereingabe in abseitsverdächtiger Position befunden. In der Schlussphase wurde es noch einmal turbulent, weil beide Teams den Sieg wollten. Der Club hatte dabei die besseren Chancen: Während Gomez für den VfB aus spitzem Winkel an Mathenia scheiterte (89.), zirkelte Löwen für die Franken per Freistoß nur knapp vorbei (88.), Misidjan scheiterte gleich zweimal aus guter Position an Zieler (jeweils 89.). So blieb es beim Remis.

Kempf traf aber nun mal nicht, auch Steven Zuber kurz danach aus 20 Metern nicht, und so jubelten als erstes die Gäste. Nach einer Ecke prallte der Ball in hohem Bogen von der Querlatte zu Matheus Pereira, der aus kurzer Distanz in der 42. Minute das 1:0 erzielte und danach ein ausgelassenes Freudentänzchen aufführte. Nur ein paar Minuten später hätte auch Mario Gomez ein solches Tänzchen aufführen können, aber sein Versuch, den Ausgleich zu erzielen, ließ dann doch eher den Gedanken zu: Das passiert nur einem Absteiger. Nach einer hohen Flanke über Nürnbergs Abwehr hinweg tauchte der 33-Jährige frei vor Christian Mathenia auf. Der Torhüter knallte Gomez den Ball beim Klärungsversuch ins Gesicht, von dort fiel der Ball dem Stürmer wieder vor die Füße – das Tor ganz leer. Im Fallen aber brachte Gomez weder mit dem linken, noch mit dem rechten Bein eine gelungene Bewegung zustande. Der Ball rollte knapp am Pfosten vorbei, der VfB rannte wieder einem kurz vor der Halbzeitpause geschossenen Gegentor hinterher. Die zur Halbzeit für den VfB ungünstigen Ergebnisse von Schalke (1:1) und Hannover (1:1) wurden im ausverkauften Stadion sicherheitshalber nicht publik gemacht.

Im Abstiegsduell trennten sich der VfB Stuttgart und der 1. FC Nürnberg mit 1:1, sodass der Abstand zwischen dem Tabellen-16. und -17. weiter vier Punkte beträgt. Vor der Pause gingen die Franken etwas glücklich in Führung, nach der Halbzeit fiel dem VfB wenig ein. Dennoch gelang den Schwaben noch der Ausgleich.

Es entwickelte sich ein Hin und her, das keine der beiden Mannschaften für sich zu nutzen wusste – bis zur 75. Minute. Nach einer Flanke landete der Ball bei dem auch an diesem Tag auffällig antreibenden Anastasios Donis, von ihm kam der Ball zum talentierten Ozan Kabak und statt sich in das Muster vorheriger Chancen einzugliedern, traf der 19 Jahre alte Türke flach ins rechte Eck zum 1:1. Statt nun auch ein Tänzchen aufzuführen, richteten sich alle Blicke zum Schiedsrichter, der sich konzentriert an sein Ohr fasste. “Das braucht kein Mensch”, echauffierte sich Weinzierl später. “Als Trainer in so einer Situation hast du da zwei Herzinfarkte und fragst dich, wieso das so lange dauert!” Gefühlte zehn Minuten vergingen, bis die Kölner Entscheidung zur großen Erleichterung der Stuttgarter führte. “Ich war innerlich, glaube ich, noch nie so aufgebraucht nach einem Spiel, ich bin richtig mitgegangen”, sagte Stuttgarts Sportvorstand Thomas Hitzlsperger. “Es ist ein klares Zeichen, dass wir zurückgekommen sind. Wir haben gebissen und gekämpft. Aber natürlich tut das weh, das geht an die Substanz.” Weil es eben zwei verlorene Punkte waren, kein gewonnener.

Und auch wenn Zieler Spielglück vermisste – letztendlich hatte der VfB genau das, denn die höhere Anzahl zwingender Chancen hatten die Nürnberger. “Aus meiner Sicht war das heute ausschlaggebend: dass wir unsere Kontermöglichkeiten nicht ausgespielt haben”, sagte Club-Trainer Boris Schommers. “Wir waren nicht sauber und ruhig genug am Ball, sonst hätten wir den Sieg verdient gehabt.” Robert Bauer rechnete sich Hoffnung herbei, indem er auf die nach wie vor vier Punkte Abstand auf den Relegationsplatz verwies und im nächsten Finale gegen Schalke einen psychologischen Vorteil sah. Zieler betonte, dass es doch gut sei, dass Nürnberg weiterhin vier Punkte entfernt sei. Und so waren es eigentlich banale Erkenntnisse, die von dieser für beide Bundesligisten entscheidenden Begegnung blieben.

Stuttgarts Coach Markus Weinzierl stellte seine Mannschaft nach dem 0:3 bei Eintracht Frankfurt auf drei Positionen um: Für Gentner (Faserriss in der rechten Wade), Castro (Muskelbündelriss im Adduktorenbereich) sowie Gonzalez (Bank) starteten Ascacibar (nach Gelb-Sperre), Donis und Gomez.

Der VfB wendet eine Pleite im Abstiegs-Kracher gerade so noch ab – 1:1 nach 0:1-Rückstand. Damit bleibt der Vorsprung auf die direkten Abstiegsplätze bei vier Punkten.

Wer wird neuer Sportvorstand? Das Kandidaten-Karussell beim Club dreht sich weiter: Auch Weltenbummler Hey darf sich Hoffnung machen.

Ich wusste, dass das heute schwer wird. Wenn du das Spiel machen musst, dann ist es gegen gut organisierte Nürnberger schwer. Es war klar, wer hier das erste Tor macht, der hat die bessere Chance. Das ist uns leider mit dem Kopfball von Marc-Oliver Kempf nicht gelungen. Wir haben heute offensiv aufgestellt und sehr offensiv gewechselt, am Ende war es ein Spiel mit offenem Visier. Wir müssen mit dem Punkt leben – weil es uns nicht gelang, in Führung zu gehen.

Dabei sah es lange danach aus, dass es für Stuttgart noch mal richtig eng werden würde! Pereira bringt Nürnberg per Kopf in Führung (42.) – plötzlich wäre der Club auf einen Punkt an den VfB herangerückt.

Aber Kabak verhindert mit seinem Ausgleichstreffer in der 75. Minute den Super-Gau für Stuttgart. Ein abgeblockter Kopfball landet beim Stuttgarter, der in die rechte Ecke schiebt. Trotzdem muss gezittert werden! Video-Schiri Harm Osmers überprüft auf Abseits, erst nach mehr als drei Minuten ist klar: Das Tor zählt!

Für uns fühlt sich das wie zwei verlorene Punkte an. Wir wollten heute unbedingt gewinnen und das hat man auch gesehen. Vor der Pause hatten wir nach der Führung Glück, dass Stuttgart der Ausgleich nicht gelingt. Der ausschlaggebende Punkt war, dass wir unsere Kontermöglichkeiten nicht gut ausgespielt und genutzt haben. Wir hätten hier heute einen Auswärtssieg verdient gehabt.

Erleichterung bei Markus Weinzierl (44)! Der VfB-Trainer sitzt nach wie vor auf einem wackligen Stuhl. Nicht mal im Falle des Klassenerhalts ist klar, ob er nächste Saison noch Coach in Stuttgart ist.

Immerhin für die aktuelle Saison gab es von Thomas Hitzlsperger (37) jetzt erstmals ein Bekenntnis zu Weinzierl. Der Sport-Vorstand bei Sky: Ich habe die Woche noch mal mit dem Trainer-Team geredet und gesagt: Wir ziehen das jetzt hier durch gemeinsam durch.

Wir haben noch alles in der eigenen Hand. Das wichtigste am heutigen Ergebnis ist, dass wir Nürnberg auf Distanz halten konnten. Das ist für einige zwar nicht genug, aber es ist wie es ist – und wir machen weiter.

Ernüchterung dagegen in Nürnberg. Nach dem ersten Sieg seit 20 Spielen in der Vorwoche gegen Augsburg (3:0) ist auch der erste Auswärtssieg seit 19 Partien möglich. Aber dann hilft der Video-Schiri Weinzierl.

Nach der Partie gegen die Franken haben sich die Spieler und Verantwortlichen des VfB Stuttgart zum Geschehen auf dem Rasen geäußert. Wir haben die Stimmen zusammengetragen.

★ 39. Minute: Jetzt Nürnberg im Pech! Zieler lenkt einen Flachschuss von Pereira (nach schönem Doppelpass mit Ishak) mit einer Glanzparade an den Pfosten.

Der VfB Stuttgart hat gegen den 1. FC Nürnberg wieder einmal nicht überzeugt und mit Mühe einen Punkt mitgenommen. Das sagen die VfB-Akteure zum 1:1 gegen die Franken.

★ 42. Minute: Ein Kopfball von Behrens geht an die Latte, prallt nach oben. Pereira schaltet am schnellsten und köpft den Ball ins leere Tor – 1:0 Nürnberg!

★ 45. Minute: Kuriose Szene! Gomez wird von Mathenia angeschossen, stolpert auf dem Weg zum Tor. Im Liegen verpasst Gomez den Ball – der trudelt Zentimeter am leeren Kasten vorbei.

★ 75. Minute: Ausgleich Stuttgart! Kabak fällt ein abgeblockter Kopfball vor die Füße, er schiebt cool in die rechte untere Ecke – 1:1!

BILD Sportwetten: Jetzt Bonus sichern und mit den besten Wettquoten auf die Partien der 1. Bundesliga tippen.