Viele Probleme, keine Lösungen
Stuttgart: Mario Gomez stellt sich selbst in Frage
Nachdem der VfB ohne Punkte und Tore aus Leverkusen heimgekehrt ist, ruhen die Hoffnungen auf den lange verletzten Daniel Didavi und Anastasios Donis. Doch sie allein werden die Stuttgarter kaum retten können.

Stuttgart/Leverkusen – Bereits zum siebten Mal im zwölften Saisonspiel kein Tor erzielt, schon zum achten Mal verloren, dafür die rote Laterne als Schlusslicht der Fußball-Bundesliga weiter fest in Händen: Es gibt nach der 0:2-Niederlage des VfB Stuttgart bei Bayer Leverkusen nicht allzu viele Dinge, die Fans, Profis und Vereinsführung mit Blick in die nahe Zukunft positiv stimmen.

Fünf Spieltage vor der Winterpause häufen sich so die Probleme beim kriselnden VfB – und es sind kaum Lösungen in Sicht. Die Zwischenbilanz liest sich wie die eines Absteigers. Denn mit nur acht Punkten steht der Club so schlecht da wie nie zuvor zu diesem Zeitpunkt der Saison.

Demonstrativ die Ärmel hochkrempeln, dabei den Blick nach vorne richten, um mit viel Empathie im Zeichen des Brustrings die Spieler mitzureißen und für Aufbruchstimmung zu sorgen – dies ist eine Methodik im Trainerjob, deren sich der eher distanziert wirkende Markus Weinzierl kaum bedient. Nein, als niederbayerischer Vesuv ist der 43-jährige Straubinger beim VfB bisher nicht in Erscheinung getreten.

Zumindest in seiner Coachingzone ist er in Leverkusen wie zuvor bereits beim Gastspiel in Nürnberg mit viel Engagement bei der Sache gewesen. Doch nach Abpfiff lässt Weinzierl regelmäßig auch die Versäumnisse der Vergangenheit nicht unerwähnt: Dass der VfB vor seinem Amtsantritt viele wichtige Punkte gegen vermeintlich schwache Gegner wie Mainz, Düsseldorf oder Freiburg habe liegen lassen, darauf weist der Stuttgarter Cheftrainer ebenso kontinuierlich hin wie etwa auf den Umstand, dass ihm für seine Ideen von einem mutigen Umschalt- oder Konterspiel auf einigen Positionen nicht die richtigen Spieler zur Verfügung stünden.

Und so tut sich Weinzierl ein ums andere Mal schwer damit, vom Die beim VfB- in den Wir vom VfB-Modus umzuschalten. Dabei dürfte ihm bereits bei seiner Vertragsunterschrift klar gewesen sein, dass in Stuttgart knüppelharter Abstiegskampf angesagt ist – mit einem Team, dessen Selbstvertrauen schwer gelitten hat. Lamentieren hilft da nicht weiter.

Einen guten Schuss gab es dann doch. Mario Gomez hat ihn abgefeuert – mit links. Viel mehr brachte der VfB in Leverkusen aber nicht auf das von Lukas Hradecky gehütete Bayer-Gehäuse. Selbst wenn in der Spielstatistik neun Versuche auftauchten: Torgefährlich war nur einer – und der Rest eine Demonstration der Harmlosigkeit.

Fünf Spiele haben die Stuttgarter nun unter dem neuen Coach Markus Weinzierl bestritten, und die Ergebnisse der vier verlorenen Partien lesen sich niederschmetternd: 0:4, 0:4, 0:3, 0:2. Unterbrochen nur von dem 2:0 in Nürnberg. Im Rückblick bot dieser Sieg zwar erste, aber tatsächlich nur überschaubare Anzeichen einer Besserung beim Tabellenletzten.

Weinzierl muss deshalb eine Diskussion moderieren, in der er aktuell kaum Argumente geliefert bekommt. Gomez steht im Zentrum der Kritik – der große Torjäger vergangener Zeiten, auf dessen Rückholaktion der Verein so stolz ist. Immer unverhohlener wird die Frage gestellt, ob es nicht besser sei, ohne den 33-jährigen Angreifer aufzulaufen. Weil er langsam wirkt, sich kaum noch durchsetzen kann und zuletzt selbst typische Gomez-Szenen versemmelte: die im gegnerischen Strafraum.

Vielleicht muss ja jemand anders ran, wenn man zu der Überzeugung gelangt, dass dies der Mannschaft hilft, sagt Gomez zu seiner undankbaren Rolle. Oft ist er vorne auf sich alleine gestellt, und zu seiner Formschwäche kommt die Tatsache, dass Gomez mit Flanken und Vorlagen unterversorgt ist. Eine Folge der fehlenden Automatismen und Abläufe im Angriff.

Nichts geht nach vorne, und Weinzierl hat seine Mannschaft auch noch nicht entscheidend vorwärtsgebracht. Schnelles Flügelspiel bevorzugt der Coach. Nach Balleroberungen verschleppen die Stuttgarter aber das Tempo. Querpässe in irrelevanten Zonen statt Steilvorlagen dorthin, wo sich Spiele entscheiden. Ein Umstand, der nicht klärt, ob der Star nun Teil des Problems oder Teil der Lösung ist. Team und Trainer vertrauen ihm, und Gomez selbst will jedenfalls nicht im Weg stehen: Es geht nicht um mich. Ich will den Erfolg der Mannschaft.

Wer Nicolás González nach Spielschluss in den Katakomben der Arena zum Teambus humpeln sah, der konnte mit dem 20-Jährigen fast schon Mitleid bekommen. In ein funktionierendes Kollektiv hatte der Manager Reschke den jungen Angreifer einst integrieren wollen. Dabei sollte der talentierte Jungstar von den Argentinos Juniors in Stuttgart in Ruhe reifen können.

Dann kam alles ganz anders: Weil es an Alternativen fehlt, musste sich González in Leverkusen bis zur Schlussminute durchquälen, obwohl er auf der letzten Rille daherkam. Anastasios Donis ist noch nicht einsatzbereit – und Chadrac Akolo derart verunsichert, dass er für Weinzierl wie bereits für dessen Vorgänger Tayfun Korkut keine ernsthafte Option darstellt. Doch auch an anderer Stelle, etwa in der Spielzentrale mit dem Kapitän Christian Gentner, findet beim VfB aktuell so gut wie kein Konkurrenzkampf statt.

Die Hoffnung läuft wieder mit. Gemeinsam mit dem Rest der Mannschaft ist Anastasios Donis am Vormittag nach der Niederlage in Leverkusen um die VfB-Plätze getrabt. Lockern der Muskulatur war für die meisten Spieler nach der mehrstündigen Busrückfahrt aus dem Rheinland angesagt. Um 4 Uhr am Samstagmorgen war der Schwabentross nach dem Spiel am Abend zuvor zurück in Stuttgart – im Gepäck viel Frust.

Nun soll Donis helfen, nach einer wochenlangen Verletzungspause. Der Plan sieht vor, dass der Grieche ab diesem Montag voll mit dem Team trainiert und so für die Heimbegegnung am Samstag (15.30 Uhr) gegen den FC Augsburg zur Verfügung steht. Zumindest als Teilzeitkraft, um dem Stuttgarter Spiel ein Element zuzuführen, das vermisst wird: Tempo und Schärfe nach vorne. Anastasios Donis und Daniel Didavi sind zwei absolute Schlüsselspieler für uns in der Offensive. Mit ihnen werden wir eine ganz andere Stärke haben, sagt der Manager Michael Reschke.

Doch während Donis vor einer Rückkehr steht, gibt es bei Didavi keine Prognose über dessen weitere Ausfallzeit. Der Mittelfeldspieler fehlt seit acht Wochen wegen Achillessehnenproblemen – und damit mangelt es an Kreativität und Torgefährlichkeit. Für einzelne Spiele wurde Didavi schon fitgespritzt, eine Dauerlösung soll das nicht werden. Zuletzt schwächte den 28-Jährigen zudem ein Magen-Darm-Virus. Was die Zweifel nährt, ob die VfB-Verantwortlichen gut daran tun, ihre Hoffnung auf Besserung mit zwei Spielern zu verknüpfen, die lange nicht am Ball waren und die zuvor nicht beweisen konnten, dass sie konstant auf hohem Niveau spielen.

Die Mannschaft sei intakt, heißt es stets beim VfB. Die älteren Spieler können mit den jüngeren. Die Neuen seien integriert. Und überhaupt wird viel dafür getan, damit sich alle in Stuttgart wohlfühlen. Nur: Auf dem Platz ist von diesem guten Teamgeist wenig zu spüren. Oft reicht ein Gegentor, um die Stuttgarter aus der Fassung zu bringen oder den (guten) Willen zu brechen.

Beispiel Bay-Arena: Wir haben 75 Minuten lang ordentlich verteidigt, sagt der Trainer Markus Weinzierl, dann geschah, was nicht geschehen durfte: Der VfB verfiel bei einem Eckball für die Leverkusener in einen kollektiven Tiefschlaf. Auch eine Frage der Haltung zur Defensive. Die Stuttgarter standen herum und schienen sich darüber zu wundern, dass ein Standard auch kurz ausgeführt werden kann – 0:1 durch Kevin Volland, und die Partie war gelaufen.

Denn der VfB vermittelte anschließend einmal mehr den Eindruck, dass er weder über die spielerischen Mittel noch über die körperliche und mentale Energie verfügt, um einen Rückstand aufzuholen. Ich hatte in dieser Phase eher das Gefühl, dass wir noch einen Konter fressen, als dass wir den Ausgleich erzielen, sagt der Manager Michael Reschke. Das lässt tief in die Seelen der Spieler blicken. Sie sind verunsichert.

Wieder nichts. Auch wenn man sich lange dagegen gewehrt hat. Das 0:2 in Leverkusen nagelt den VfB Stuttgart im Tabellenkeller fest. Vor allem offensiv blieben die Schwaben einmal mehr schwach. Frust bei Mario Gomez, der sich jetzt sogar selbst in Frage stellt.

Lange konnten sie den Schaden abwenden. Am Ende hatten sie dennoch nicht genug dafür getan. Die Niederlage in Leverkusen hat die Stuttgarter gewaltig getroffen. Einen sogar besonders: “Wenn man 0:2 verliert, ist es eine verdiente Niederlage”, analysiert Gomez ohne Schönfärberei – und wird sogar noch deutlicher. “Es kann nicht sein, dass wir uns durch so einen Eckball auf die Verliererstraße bringen. Nachdem wir bis dahin mit allem, was wir hatten, versucht haben zu verteidigen. Das darf in unserer Situation nicht passieren.” Gemeint war die Ecke, die zum 0:1 führte. Nach der die Stuttgarter Abwehr dem Sekundenschlaf anheimgefallen war. “Da müssen wir viel schärfer sein. Das müssen wir uns ankreiden.”

Aber auch mit den insgesamt mageren Offensivleistungen will sich der Angreifer nicht anfreunden. “Wir tun uns seit Wochen nach vorne schwer. Wir kriegen zu viele Tore und schießen zu wenige. Das ist ein Thema. Das müssen wir ändern.” Zumal der VfB diesmal durchaus eine Reihe von Ecken und einige gute Möglichkeiten für Flanken hatte, die allesamt verpufften. Ausgerechnet, denn, so Gomez weiter, ist das “eigentlich meine Stärke. Das müssen wir noch mehr nutzen. Noch kommen wir zu selten durch bei solchen Situationen.”

Aufkommenden Fragen zu seiner eigenen Rolle, will er sich dabei nicht verschließen. Gomez stellt sich sogar selbst in Frage. Wenn alles nichts helfe, dann müsse vielleicht “jemand anderes für mich spielen”. Das sei für ihn kein Problem. “Ich will nur, dass wir gewinnen. Es geht nicht um mich.”

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