Sechs Mutmacher in der Misere für den VfB Stuttgart
Michael Köllner vom 1. FC Nürnberg – Früher war ich glühender Fan des VfB Stuttgart
München – In seinen ersten drei Spielen als Trainer des VfB Stuttgart setzte es für Markus Weinzierl drei Pleiten ohne ein einziges Tor. Jetzt droht ein neuer Negativrekord.

Sollte Markus Weinzierl mit dem VfB Stuttgart am Samstag beim 1. FC Nürnberg 0:3 verlieren, dann ist es der schlechteste Start eines neuen Trainers in der Bundesliga-Geschichte. (Bundesliga: 1. FC Nürnberg – VfB Stuttgart Samstag ab 15.30 Uhr im LIVETICKER)

Seit drei Spielen ist Weinzierl jetzt Chefcoach der Schwaben. Seine bittere Bilanz: 0:4 zu Hause gegen Borussia Dortmund, 0:4 bei der TSG Hoffenheim und 0:3 im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt. 

Dass sich gerade die Führungsspieler in dieser Phase ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckern, lässt der 43-Jährige gelten. Dies sei ein Stück weit nachvollziehbar. “Auch sie sind nur Menschen”, sagt Weinzierl, der darauf hinweist, “dass das keiner locker nimmt. Damit hat jeder zu kämpfen.” Ein Kampf, den es vorrangig auf dem Rasen zu bestehen gilt. Der kommende Gegner sei “mit einer sehr guten Mentalität” ausgestattet, die auch von seiner Mannschaft gefordert sein wird. Darüber hinaus müsse man “cleverer und besser” als die Gastgeber sein, um endlich wieder ein Erfolgserlebnis feiern zu können. “Meine Erfahrung zeigt, dass ein Sieg sehr heilsam sein kann.”

“Die Lage ist angespannt”, sagte Weinzierl am Donnerstag auf der Pressekonferenz und ergänzte: “Uns ist klar, dass wir schnell einen Erfolg brauchen. Ein Sieg kann sehr heilsam sein, dafür arbeiten wir und darauf konzentriere ich mich.”

Dennoch lässt sich Weinzierl nicht von den schwierigen Umständen abschrecken. Er habe noch nie sein Kommen bereut. Mit einem kurzen “Nein” stoppt der Coach entsprechende Gedankenspiele und Nachfragen. “Nein! Das kann ich nur so kurz und knapp beantworten.” Er wisse, worauf er sich eingelassen hat, und stärkt seinen Spielern den Rücken. “Die Mannschaft funktioniert. Sie hat eine Achse, Führungsspieler, eine Hierarchie. Und die Jungs sind sich der Situation bewusst. Die Mannschaft hat kein Motivationsproblem. Alle wollen.”

Seine Mannschaft, in der auch die etablierten Routiniers Mario Gomez, Christian Gentner und Holger Badstuber weit unter ihren Möglichkeiten bleiben, funktioniere. “Sie hat eine Achse, sie hat eine Hierarchie. Die Spieler reden viel miteinander und sind sich der Situation bewusst”, sagte Weinzierl, der von einem “großen Vertrauen” in sein Team sprach.

Die Krise spitzt sich dennoch immer mehr zu. Tabellenplatz 18. Unter Weinzierl ist keine Weiterentwicklung erkennbar. Auch Sportvorstand Michael Reschke gerät immer mehr in die Kritik. 

“Ich arbeite seit dem ersten tag mit vollem Einsatz und mit größtem Respekt für diesen Verein und seine Fans. Und ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam, Team, Trainerstab, Staff und alle Verantwortlichen, den VfB aus diesem sportlichen Tief herausführen werden”, erklärt der 61-Jährige in der Bild.

Zuletzt wurde sogar schon der Ex-VfB-Profi, frühere Nationalspieler und ehemalige DFB-Teamchef Jürgen Klinsmann als neuer starker Mann in der sportlichen Führung des Vereins gehandelt.

Wie ein solcher Erfolg den Stuttgartern in ihrer derzeitigen Verfassung gelingen kann, ist aber fraglich. Vom jüngsten 0:3 gegen Eintracht Frankfurt bleibt vor allem die über weite Strecken desolate Defensivleistung in Erinnerung. Hinzu kommt ein gravierendes Fitnessproblem der Mannschaft, wie Sportvorstand Michael Reschke und auch Weinzierl nach dem Frankfurt-Spiel festgestellt hatten. Tore schießen die Stürmer wie Ex-Nationalspieler Mario Gomez derzeit auch nicht. Und, was Weinzierl am Donnerstag nicht zum ersten Mal mehr oder weniger diplomatisch ausdrückte: Der Kader ist zu klein.

Doch davon will Reschke nichts wissen. “Meine persönlich Situation spielt da keine Rolle. Es geht nur um den VfB. Dass in unserer Lage in alle Richtungen spekuliert wird, ist normal. Das Thema Jürgen Klinsmann beschäftigt mich nicht.”

Stuttgart – Markus Weinzierl bereut nichts. Dabei hätte der Trainer des VfB Stuttgart jetzt noch seine Freizeit genießen können. Stattdessen liest sich die berufliche Bilanz seines vergangenen Monats nun so: Drei Pflichtspiele mit dem VfB, null Punkte, null Tore, elf Gegentore, Tabellenletzter der Fußball-Bundesliga. Dennoch hat er sich seit seinem Einstieg Anfang Oktober laut eigener Aussage nie gefragt, was er sich da angetan hat mit dem VfB Stuttgart, sagte der 43-Jährige am Donnerstag. Nein. Das kann ich nur jetzt so ganz kurz und knapp und klar beantworten.

Auf die Frage, ob Klinsmann dem VfB helfen könne, meinte Reschke nur mit einem Lächeln: “Seine Tore könnten wir brauchen. Aber Spaß beiseite: Wir konzentrieren uns einzig und allein auf das Spiel in Nürnberg.” 

Er hat das ja schließlich auch alles irgendwie schon mal erlebt. Der Beginn seiner Zeit beim FC Schalke 04 war mit fünf Niederlagen in der Liga zum Saisonstart ebenfalls schwierig. Und der FC Augsburg hatte nach der ersten Hinrunde unter Weinzierl in der Saison 2012/2013 gerade mal neun Punkte auf dem Konto gehabt. Aber Weinzierl weiß, wie viel sich für den VfB möglicherweise schon am Samstag (15.30 Uhr/Sky) im Kellerduell beim 1. FC Nürnberg ändern könnte. Ich habe die Erfahrung, dass oft ein Sieg sehr, sehr heilsam sein kann, sagte er.

Michael Köllner ist der etwas andere Trainertyp in der Fußball-Bundesliga. Das hat viel mit seiner Herkunft und seiner ungewöhnlichen Vita zu tun hat, wie er vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart verrät.

Wenigstens bei Didavi gibt es noch ein wenig Hoffnung für die Partie in Nürnberg. Heute könnte er definitiv nicht spielen, sagte Weinzierl. Das könne sich in den ein, zwei verbleibenden Tagen bis zum Spiel aber noch ändern. Möglicherweise lässt der VfB seinen an der Achillessehne verletzten Mittelfeldstrategen für die richtungsweisende Partie sogar fit spritzen. Wir denken in alle Richtungen. Das ist ein wichtiges Spiel, Didavi ist ein wichtiger Spieler, sagte Weinzierl.

Nürnberg – Nürnberg-Trainer Michael Köllner spricht mit unserer Redaktion im Vorfeld der Partie gegen den VfB Stuttgart an diesem Samstag (15.30 Uhr, Liveticker) über das Klosterinternat, Hierachien, Gemeinschaft und Teamgeist.

Fünf Zähler trennen Stuttgart von Aufsteiger Nürnberg auf Platz 15. Mit einem Sieg würde der VfB die drei letzten Plätze der Liga zwar nicht verlassen können. Er dürfte aber tatsächlich vor allem aus psychologischer Sicht von enormer Bedeutung für die extrem verunsicherte Mannschaft sein. Etwas Hoffnung dürfte machen, dass der VfB mit dem Trainer Weinzierl ins Frankenland reist. Denn dieser hat als Trainer noch nie ein Pflichtspiel in Nürnberg verloren.

Mehr zum Thema VfB Stuttgart beim 1. FC Nürnberg – Qual der Wahl? Nicht für Markus Weinzierl  VfB Stuttgart – Der 1. FC Nürnberg rechnet mit 10.000 VfB-Fans  Vor dem Spiel in Nürnberg – VfB Stuttgart hofft auf einsatzfähigen Daniel Didavi  spoods.de Herr Köllner, kann es sein, dass Ihre Youngster Alexander Fuchs und Lukas Mühl eine Einsatzgarantie fürs Spiel gegen den VfB Stuttgart am Samstag haben? Fuchs und Mühl ergibt Fuchsmühl – Ihren oberpfälzischen Heimatort im Landkreis Tirschenreuth.

Da kommen viele Kleinigkeiten aktuell zusammen, die das Ganze nicht positiver werden lassen, sagte er. Die ganzen Verletzten, der Kader ist natürlich auch dann darauf ausgelegt, wenige Verletzte zu haben. Zusammengestellt hat diesen Kader vor der Saison Sportchef Reschke, mit dem Weinziel gut zusammenarbeitet, wie er ebenfalls sagte. Aber kompensieren kann dieser Kader die Ausfälle von schnellen und kreativen Offensivspielern wie Anastasios Donis oder Daniel Didavi bisher nicht.

Unser Bürgermeister würde dazu sicher nicht nein sagen – der kommt passenderweise zum Spiel gegen den VfB . Das stand aber schon vor dem vergangenen Wochenende fest, ob Sie es glauben oder nicht (lacht).

Die Bilanz von Markus Weinzierl als Trainer des VfB Stuttgart liest sich niederschmetternd. Aber bereits ein Sieg könne sehr, sehr heilsam sein, sagt der Coach vor dem Spiel bei Aufsteiger Nürnberg. Dabei hat Weinzierl mit so vielen Problemen zu kämpfen.

Das 2:2 beim FC Augsburg – mit Toren von Fuchs und Mühl. Sie strahlten hinterher und sagten, dass man sich solche Geschichten ja gar nicht zusammenreimen kann. Für Fuchsmühl hätte es wohl kaum bessere Öffentlichkeitswerbung geben können – was bedeutet Heimat allgemein für Sie?

Meine Tante hatte eine Metzgerei mit Gasthof, da habe ich fürs Leben gelernt. Wir wohnten im Haus nebenan, und meine Eltern packten hier auch Tag für Tag mit an. Denn wir haben immer wieder neue Urlaubsgäste beherbergt, da habe ich aus Gesprächen viel aufgesaugt, viele Menschen und Absichten kennengelernt. Zudem hat Fuchsmühl nur 1800 Einwohner, es war das klassische Dorfleben. Schützenverein, Bergwacht, Feuerwehr, Fußball, ich habe alles mitgemacht. Aus dieser Zeit habe ich mitgenommen, dass man nur durch direkten Austausch, durch Gespräche, im Leben weiterkommt, man lernt ständig dazu – da waren Handy und Internet noch weit weg.

Wenn man so will, wollen Sie nun als Trainer, dass Ihre Spieler lernen. Sie haben vor der Saison eine Klosterbesichtigung gemacht, ein Pfarrer hat zum Team gesprochen. Sie verteilen gerne Bücher an Ihre Jungs und sagen, dass sie auch mal das Handy weglegen sollen, um miteinander zu sprechen. Warum?

Weil ich im jungen Alter auch Fragen ans Leben hatte und froh war, wenn sie jemand beantworten konnte. Die Gespräche in der Skihütte mit der Bergwacht, die kann mir keiner mehr nehmen. Es ist wichtig, dass man stets über den Tellerrand hinausschaut. Ich will, dass meine Mannschaft immer wieder mit spannenden Leuten zusammenkommt. Bildung hat noch niemandem geschadet. Das Leben darf nicht nur aus 4-3-3 oder 4-4-2 bestehen.

Sie selbst sind in ganz jungen Jahren, mit zehn, ins Klosterinternat , 30 Kilometer von Fuchsmühl entfernt. Warum eigentlich?

Es gab eine Fußballhalle und ich dachte, ich könnte immer Fußball spielen. Am Wochenende konnte ich heim.

Es war sehr hart teilweise. Ich hatte 400 Mitschüler unterschiedlichsten Alters und habe mit 20 Jungs in einem Schlafsaal übernachtet. Da hat nachts immer mindestens einer wegen Heimweh geweint.

Manchmal war es schon schwierig. Die Älteren hatten das Sagen, und wenn du ihnen als Junger auch nur im Ansatz widersprochen oder eine Ungerechtigkeit nicht akzeptiert hast, bist du schnell mal im Papierkorb gelandet.

Ja. Die Älteren haben die Jüngeren dann gerne mal da rein gesteckt. Ich saß auch drin. Und das noch auf einem Schrank

Definitiv. Man lernt, mit Ungerechtigkeiten besser umzugehen, eine gewisse Toleranz für sie zu entwickeln. Und ich glaube, dass ich heute als Trainer besser hinter die Maske der Spieler schauen kann. Ich merke es, wenn sich einer ein Schutzschild aufsetzt, wenn es ihm vielleicht gerade nicht so gut geht. Das haben viele Klosterschüler auch so gemacht.

Die Jungen müssen spuren, die Alten haben das Sagen, komme, was wolle – diese Maxime gilt vor dem Hintergrund Ihrer Geschichte wahrscheinlich nicht unter dem Fußballtrainer Michael Köllner.

Richtig, so läuft das heutzutage nicht mehr. Wir sind eine Gemeinschaft, in der jeder dem anderen helfen und ihn respektieren sollte – unabhängig vom Alter.

Acht Jahre waren Sie im Klosterinternat – danach sind Sie zur Bundeswehr, auch für acht Jahre. Sie haben das im Vergleich zum Internat mal als Ferienlager bezeichnet – und haben eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer gemacht. Wie kamen Sie dazu?

Ein Bundeswehr-Zahnarzt fragte, ob ich bei ihm arbeiten wolle, und dazu musste ich mich eben länger verpflichten. Ich habe die Ausbildung gemacht und die Abschlussprüfung gemeinsam mit 300 Mädchen geschrieben. Ich war der einzige Mann.

Und wurden so der erste Zahnarzthelfer Bayerns – die Geschichte ist legendär: das in beim Wort Zahnarzthelferin auf Ihrer Abschlussurkunde wurde mit einem Filzstift durchgestrichen, weil es für die männliche Variante eben noch keinen Vordruck gab.

Ja, und es ging verrückt weiter. Damit mein Abschluss auch im normalen Leben anerkannt wird, habe ich mich anschließend noch ein Jahr in die Berufsschule gesetzt. Da waren auch nur Mädchen, alle so 16, 17 Jahre alt. Ich war zehn Jahre älter, und vor der allerersten Stunde dachten alle, ich sei der Lehrer. Als dann ein paar Minuten später ein anderer die Klassenzimmertür aufgesperrt und mich als Mitschüler vorgestellt hat, hatten einige eine Erleuchtung (lacht).

Erleuchtet haben Sie den 1. FC Nürnberg, den Sie im Sommer zurück in die erste Liga geführt haben. Es ist Ihre erste Tätigkeit als Trainer im Rampenlicht. Wie nähert man sich einer solchen Aufgabe an?

Ich kenne den Club ja von klein auf, und vor meinem Amtsantritt als Trainer habe ich das Nachwuchsleistungszentrum geleitet und die U21 trainiert. Ich will das auf den Platz bringen, was der Verein mit seiner Tradition verkörpert. Und davon musste ich mir vorher ein Bild machen.

Richtig. Es gehört doch in jedem Beruf dazu, sich vor Dienstbeginn ein Gesamtbild zu machen, ob ich nun als Dachdecker arbeite oder als Fußballtrainer: Wer ist der Chef, wie sind die Strukturen – und vor allem: Wie ist die Geschichte. Wenn ich das erfasst habe, versuche ich, all diese Aspekte in meine Arbeit einfließen zu lassen.

Der 1. FC Nürnberg steht neben seiner großen Tradition auch für Volksnähe und Teamgeist – und dafür, dass man jungen Spielern eine Chance gibt. Wir wollen nahbar und erlebbar sein, das fängt bei jedem einzelnen Spieler an, von dem ich verlange, dass er auf die Fans zugeht. Und wir wollen Fußball spielen. Es heißt nicht umsonst Fußballspielen anstatt Fußballkämpfen.

Ihr nächster Gegner, der VfB Stuttgart, hat gerade ordentlich zu kämpfen und durchlebt eine sportliche Talsohle – haben Sie eine Verbindung zum VfB?

Jetzt werden Sie staunen – als Jugendlicher war ich glühender VfB-Fan. Karl Allgöwer, Asgeir Sigurvinsson, Karlheinz Förster, Helmut Roleder, Trainer Helmut Benthaus, das waren meine Helden. Auch da habe ich etwas Spezielles erkannt, wofür dieses Team stand. Es gab eine tolle Spielkultur, gepaart mit Mentalität. Die haben immer an den Erfolg geglaubt und viele Spiele noch umgebogen. Das hat mir imponiert.

Ja! Ein Ehepaar aus Esslingen. Die waren verantwortlich, dass ich damals eine Liebe zum VfB hatte. Der Kontakt besteht bis heute – den Gasthof gibt es nicht mehr, aber wenn Familienfeiern von uns in Fuchsmühl anstehen, sind sie ab und an dabei. Eine andere Familie habe ich mal in einem Urlaub kennengelernt, in dem ich zufällig auch Thomas Schneider getroffen hatte (Ex-VfB-Trainer, d. Red.). Der war gerade recht frisch in Stuttgart entlassen, und die Familie wollte ihn trösten. Es hat sich dann schnell herausgestellt, dass es Logenbesitzer beim VfB waren. Die Familie führt heute noch ein Maschinenbauunternehmen in der Stuttgarter Region – auch da ist der Kontakt nicht abgerissen. Sie kommen jetzt am Samstag ebenfalls nach Nürnberg.

Hat vor dem Duell mit dem VfB Stuttgart gut lachen: Michael Köllner vom 1. FC Nürnberg. Foto: Getty

Hat vor dem Duell mit dem VfB Stuttgart gut lachen: Michael Köllner vom 1. FC Nürnberg. Foto: Getty