Warum von den Standards keine Torgefahr ausgeht
Bundesliga – Nürnberg und Trainer Michael Köllner müssen wohl weiterhin auf Mikael Ishak verzichten
Der VfB Stuttgart hat nach einem ruhenden Ball noch gar keinen Treffer erzielt, ist im Bundesliga-Ranking auch in dieser Hinsicht Letzter. Doch das soll sich nun ändern.

Stuttgart – Die Daten, welche die Statistikabteilung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) aktuell aufs Tapet hievt, sie regen besonders mit Blick auf den VfB Stuttgart zum Nachdenken an. Rund ein Drittel der Tore in der Fußball-Bundesliga, so weist es das Zahlenmaterial aus, sind im aktuellen Spielbetrieb in Deutschlands höchster Liga bisher entweder direkt nach Standards oder im unmittelbaren Anschluss daran, also mit dem sogenannten zweiten Ball, gefallen.

Für individuelle Maßnahmen: Halil Altintop verstärkt VfB-Trainerteam

Mehr zum Thema Vor dem Spiel in Nürnberg – VfB Stuttgart hofft auf einsatzfähigen Daniel Didavi  VfB Stuttgart – Das wohl schönste Jobangebot der Roten  spoods.de Dabei nimmt sich dieser Anteil gemessen an internationalen Vergleichsgrößen noch gering aus: Bei der Fußball-WM in Russland im Sommer etwa, da fielen sogar 45 Prozent der Tore nach einem ruhendem Ball, also nach Eckball, Freistoß oder Elfmeter. Sogar der weite Einwurf taugt mancherorts als Stilmittel, um zum Torerfolg zu kommen.

Markus Weinzierl sind derlei Fakten längst bekannt. Den Standards kommt eine sehr große Bedeutung zu, sagt der Stuttgarter Chefcoach, der in diesem Bereich den Hebel angesetzt hat. Immerhin wurde in dem Ex-Profi Halil Altintop ein Neuling im Trainergeschäft verpflichtet, der den VfB auch in der Abteilung ruhender Ball auf Vordermann bringen soll. Ich schätze Halil sehr. Er hat schon als Spieler wie ein Trainer gedacht – und er bringt die Erfahrung von 351 Bundesliga- sowie mehr als 80 internationalen Spielen mit, sagt Weinzierl, der mit Altintop bereits während seiner ersten Bundesliga-Station beim FC Augsburg gut harmonierte.

Halil #Altintop wird vorerst bis Weihnachten den Trainerstab der Lizenzspielermannschaft ergänzen. Der 35-Jährige wird für individuelle Maßnahmen zuständig sein. #VfB pic.twitter.com/LWA1ExM82d

Unstrittig ist, dass der VfB in Sachen Standards noch einiges an Nachholbedarf besitzt. Denn im ligainternen Standard-Ranking liegen die Stuttgarter – wie auch in der Tabelle – auf dem letzten Platz. Noch überhaupt kein Tor ist den Mannen um den Kapitän Christian Gentner in dieser Spielzeit im Anschluss an eine Ecke oder einen Freistoß gelungen. Und nur Zyniker werden jetzt einwenden, dass es der in sieben von zehn Bundesliga-Partien sogar komplett torlose VfB in der bisherigen Spielzeit ja nur auf sechs Treffer gebracht hat. Denn statistisch gesehen müssten immerhin zwei der sechs Tore nach Standards gefallen sein. Einen Elfmeter hat der VfB auch noch nicht zugesprochen bekommen.

Die Standards sind ein wichtiges Element, um Spiele zu entscheiden. Mir war erst mal wichtig, dass die Zahl der Standards höher wird als etwa gegen Bayern München, wo der VfB ja gar keine hatte, erklärt Markus Weinzierl: Gegen Dortmund hatten wir dann schon zwölf Standardsituationen. Ich wünsche der Mannschaft, dass sie mal das Momentum für sich hat, um etwa nach einem ruhenden Ball in Führung zu gehen.

Hierbei sind zunächst die Freistoß- und Eckballspezialisten beim VfB gefragt: Dazu zählt neben Erik Thommy und Dennis Aogo auch der seit Wochen an Achillessehnenproblemen laborierende Daniel Didavi, den Weinzierl mit Blick auf das Gastspiel bei seinem Ex-Club 1. FC Nürnberg am Samstag (15.30 Uhr) noch nicht ganz aufgegeben hat. Wir werden mit aller Vernunft entscheiden, wie wir mit ihm umgehen.

Klar ist schon jetzt, dass der VfB bei den Standards schnellstmöglich Boden auf die auch in dieser Hinsicht enteilte Konkurrenz gutmachen muss. Denn elf der 18 Clubs in der Fußball-Bundesliga haben bisher mehr als ein Drittel ihrer Tore nach ruhenden Bällen erzielt. Spitzenreiter ist hier der Ligazweite Borussia Mönchengladbach. Die Fohlen erzielten bisher zehn ihrer 23 Tore nach Standards.

Als ein Vorreiter in Sachen Freistoß-Taktik hat sich Englands Coach Gareth Southgate einen Namen gemacht. Und dies nicht nur, weil sich seine Three Lions bei der WM vor Freistößen und Eckbällen stets einreihten, als würden sie in den Bus einsteigen. Mehr eigene Finesse bei Standards ist nun neben der Gegneranalyse das Hauptthema, dem sich Halil Altintop beim VfB annehmen soll. Wenn sich der Jungcoach nebenbei auch des Stuttgarter Fernschuss-Problems annehmen würde, wäre dies gewiss kein Fehler.

Der VfB Stuttgart hat in dieser Saison viele Probleme: Auch nach ruhenden Bällen will das Runde nicht ins Eckige. Foto: Pressefoto Baumann

Der VfB Stuttgart hat in dieser Saison viele Probleme: Auch nach ruhenden Bällen will das Runde nicht ins Eckige. Foto: Pressefoto Baumann

Fünf Punkte liegt der 1. FC Nürnberg derzeit vor dem VfB Stuttgart. Am Samstag (15.30 Uhr, LIVE! bei kicker.de) hat der Aufsteiger die Chance, die kriselnden Schwaben mit einem Heimsieg auf acht Zähler zu distanzieren. Trainer Michael Köllner setzt dabei vor allem auf Tempo und Intensität. Auf Stürmer Mikael Ishak muss er hingegen wohl noch einmal verzichten.

Der Schwede absolviert zwar wieder Teile des Mannschaftstrainings, ein Einsatz am Samstag käme aber wohl zu früh. “Ich bin eher pessimistisch”, sagte Köllner am Donnerstag. “Wir tun gut daran, ihn behutsam aufzubauen und nach der Länderspielpause zum Einsatz zu bringen.” Der FCN will nicht riskieren, dass Ishak bei einem zu schnellen Comeback einen Rückschlag erleidet – und dann womöglich bis zur Winterpause ausfällt. “Wir müssen Ishak jetzt nicht mit aller Gewalt auf Krücken auf den Platz schicken. Wir schießen auch ohne ihn Tore”, sagte Köllner, der zudem weiterhin auf Enrico Valentini (Sehnenanriss im Oberschenkel) und Eduard Löwen (Außenbandzerrung im Knie) verzichten muss.

Vor ausverkauftem Haus will der Club an die couragierte Leistung anknüpfen, die er zuletzt beim 2:2 in Augsburg in der zweiten Halbzeit zeigte. “Hohes Tempo und intensive Zweikämpfe werden entscheidend sein”, glaubt Köllner. Genau damit hatten die desolaten Stuttgarter zuletzt bei der 0:3-Pleite gegen Frankfurt massive Probleme. Köllner rechnet jedoch damit, dass der VfB in Nürnberg anders auftritt: “Für sie ist es ein wegweisendes Spiel. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als auf drei Punkte aus zu sein. Sie werden verändert sein, weil sie einen neuen Impuls brauchen.”

Zuletzt spielten die Schwaben in einem 3-5-2, Köllner erwartet den Gegner am Samstag in einem 4-4-2 oder 4-2-3-1 und fordert: “Wir dürfen den VfB nicht in Ruhe zu seinem Spiel finden lassen.” Köllner, der in jungen Jahren selbst VfB-Fan war, ist vom kapitalen Fehlstart seines früheren Herzensvereins überrascht: “Ich hätte vor der Saison nicht erwartet, dass sie mit mickrigen fünf Punkten am Tabellenende stehen.” Am Samstag will der Club-Coach dafür sorgen, dass es dabei bleibt.

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