Du bist der einsamste Mensch überhaupt
Tor des Tages: Was willst du denn hier?, schrie Zieler den Ball an
Ron-Robert Zieler sorgte beim 2:1-Sieg des VfB Stuttgart gegen den SV Werder Bremen für das Kuriosum des Nachmittags. Das sagt Coach Tayfun Korkut zu dem Blackout seines Torhüters. (Quelle: Omnisport)

"Keine Analyse notwendig". Korkut über das Eigentor von Ron-Robert Zieler. (Quelle: Omnisport)

Dass ein Torwart den Einwurf eines Mitspielers in den eigenen Kasten lenkt, ist ein Novum in der Bundesliga. Ein Eigentor durch das Abfälschen eines gegnerischen Einwurfs hat es dagegen schon einmal gegeben, und zwar vor etwas mehr als 36 Jahren. Auch damals profitierte der SV Werder. Am ersten Spieltag der Saison 1982/1983 versuchte Jean-Marie Pfaff, Torhüter des FC Bayern, im Weserstadion bei seiner Premiere in der Bundesliga einen weiten Einwurf von Uwe Reinders mit den Händen aufzuhalten. Er kam aber nur mit den Fingerspitzen an den Ball, der zum 1:0 ins Tor sprang. Bei diesem Ergebnis blieb es bis zum Schluss. Wie Zieler hätte auch Pfaff besser daran getan, sich gar nicht erst um den Ball zu bemühen. Denn wenn ein Einwurf direkt ins gegnerische Tor geworfen wird, geht das Spiel mit einem Abstoß weiter. Der Grund dafür ist in diesem Fall, dass es merkwürdig wäre, wenn beim Fußball ein Treffer zählen würde, bei dem ein Spieler den Ball in hohem Bogen mit den Händen ins gegnerische Tor befördert hat.

Bayern Münchens früherer Torwart Jean-Marie Pfaff hat Stuttgarts Keeper Ron-Robert Zieler nach dessen kuriosem Eigentor Tipps gegeben – und für seinen Fehler gescholten.

VfB-Torwart Ron-Robert Zieler unterlief beim 2:1-Sieg gegen Werder Bremen ein großes Missgeschick. Nach einem Einwurf seines Mitspielers Borna Sosa, ließ Zieler den Ball zum zwischenzeitlichen Ausgleich über den Fuß ins eigene Tor rutschen.

“Lerne daraus, Junge. Das Leben geht weiter. Schau mich an”, sagte Bayerns ehemaliger Torhüter Jean-Marie Pfaff in einem Interview mit der “Süddeutschen Zeitung”.

Der Belgier Pfaff hatte 1982 bei seinem Bundesliga-Debüt ebenfalls ein Einwurf-Gegentor kassiert. “Bei mir war das ein Unfall! Hätte ich einen Fehler gemacht, würde ich das sagen, aber es war nicht so! Ich bin raus, und dann bin ich mit meinem linken Ellenbogen gegen den rechten Ellenbogen von Klaus Augenthaler gestoßen”, sagte der 64-Jährige. 

“Nur deshalb ist der Ball an meinen Daumen und von da ins Tor. Hätte ich den Ball nicht berührt, hätte das Tor ja nicht gezählt.” Der Bremer Uwe Reinders hatte den Ball damals geworfen.

Wie die Historikerin Petra Tabarelli herausgefunden hat, gilt die heutige Einwurfregel im Wesentlichen seit 1886. Der Weltverband Fifa lässt zwar immer mal wieder bei internationalen Jugendfußballturnieren die Variante testen, den Ball einzuschießen statt einzuwerfen, nachdem er die Seitenlinie überschritten hat. Durchgesetzt hat sich das jedoch bislang nicht.

Legendäres Einwurftor von Uwe Reinders: Jean-Marie Pfaff (m.) patzt im August 1982 in seinem ersten Spiel für den FC Bayern. (Quelle: WEREK/imago)

Erlaubt ist es dagegen, den Gegner beim Einwurf taktisch anzuwerfen, um im Ballbesitz zu bleiben. "Taktisch" heißt: nicht zu fest – sonst würde es sich um eine Tätlichkeit handeln. In der Praxis wird diese Möglichkeit jedoch nur selten genutzt, wie auch der Umstand, dass das Abseits bei Einwurf aufgehoben ist.

Zu Zielers Eigentor sagte Pfaff: “Ich habe es mir als Video angesehen. Und ich finde: Er hat einen konzeptionellen Fehler gemacht. Du darfst als Torwart nie den Ball aus den Augen lassen. Niemals!”

Erst seit dieser Saison ist in den Regeln festgelegt, dass ein Einwurf zwingend im Stehen ausgeführt werden muss. Theoretisch wäre das zuvor auch anders möglich gewesen. Manche Lücken werden eben erst geschlossen, wenn sie jemand entdeckt.

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Michael Reschke hat am Samstag die Lüge des Tages auf sein Gewissen geladen, denn Stuttgarts Sportdirektor sagte zum Tor des Tages: Zum Schmunzeln war das natürlich nicht. Um darauf kurz und humorlos zu antworten: Wer sich angesichts einer so skurrilen Szene nicht brüllend auf die Schenkel klopft, geht entweder zum Lachen grundsätzlich in den Keller oder ist Sportchef oder Torwart beim VfB.

Auffällig ist, dass Pechvogel Ron-Robert Zieler bei den Nutzern deutlich besser wegkommt, als bei der Redaktion. Der VfB-Torwart hatte im Spiel gegen den SV Werder Bremen ein Eigentor verschuldet. Von der Redaktion bekam er die Note 5, die Nutzer bewerteten ihn im Durchschnitt mit einer 3,9. Viele der Bewertungen gleichen sich jedoch, etwa bei Benjamin Pavard (Redaktion 3; Nutzer 2,8), Andreas Beck (4; 3,9), Santiago Ascacibar (3; 3) oder Daniel Didavi (2; 2,2).

Womit wir bei Ron-Robert Zieler sind, dem Tor des Tages. Der VfB lag in der 68. Minute gegen Werder Bremen 1:0 vorne, und um gewappnet zu sein für die Herausforderungen der restlichen 22 Minuten, nutzte der Weltmeister von 2014 im Stuttgarter Tor einen Einwurf der eigenen Mannschaft zum Überprüfen seiner Kleiderordnung. Zieler bückte sich, zupfte sich die Stutzen zurecht, und als er gerade beginnen wollte, sich auch die Schnürsenkel noch etwas straffer zu knüpfen, traf ihn der Schlag.

Stuttgart – Der VfB Stuttgart hat den ersten Sieg der Saison eingefahren – 2:1 hieß es am Ende gegen zehn Bremer. Unsere Redaktion hat wie üblich Noten an die eingesetzten VfB-Spieler verteilt – und auch unsere Nutzer hatten nun mehr als 36 Stunden Zeit, ihre Bewertung abzugeben. Wir haben die Noten für die Roten ausgewertet.

Was willst du denn hier?, schrie er den Ball an, trat nach ihm, streifte ihn auch noch, aber es war zu spät: Das runde Ding, das ihm sein Verteidiger Borna Sosa ungefragt zugeworfen hatte, einfach so, trudelte zum 1:1 ins Tor. Was man nicht sieht, sagte Zieler nach dem Spiel, kann man nicht halten.

60.000 verblüffte Schwaben wurden zu Augenzeugen dieser erstklassigen Variante eines zweitklassigen Vorfalls aus dem Februar. Damals gönnte sich Duisburgs Torwart Mark Flekken mit dem Rücken zum Feld einen Schluck aus der Wasserflasche, während der Ingolstädter Stefan Kutschke in aller Ruhe den Ball in sein Tor kickte. Dass es auch andere Tölpel gibt, war für Zieler jetzt freilich kein Trost.

Die beiden Protagonisten der kuriosen Eigentorszene unter sich: Borna Sosa und Ron-Robert Zieler. Die Noten der Redaktion für die VfB-Spieler sehen Sie in der Bilderstrecke. Foto: Pressefoto Baumann

Aber was wird jetzt aus Jean-Marie Pfaff? Der Belgier kann einpacken, er ist entthront und aus den Annalen gelöscht als tolpatschigster Einwurf-Eigentorschütze aller Zeiten.

Dabei galt sein Fehlgriff als unübertrefflich. Am Samstagabend sind sie auf allen Kanälen noch mal vorwärts und rückwärts gelaufen, diese alten Wackelbilder vom 21. August 1982 aus dem Bremer Weserstadion. Pfaff gab als Torwart für den FC Bayern an dem Tag sein Debüt – und hatte nicht die geringste Chance gegen den gewaltigsten Einwurf der Fußballgeschichte, abgefeuert durch den Bremer Uwe Reinders.

Mehr zum Thema VfB Stuttgart gegen Werder Bremen – Zieler nimmt Slapstick-Gegentor mit Humor  spoods.de Hier gibt es alle VfB-Statistiken im Überblick

Bremen ist eine windige Ecke, hat Reinders in einem aufsehenerregenden Interview später erzählt, und an dem Tag hatte mein Einwurf wohl einen Extradrall. Pfaff erwischte den Ball mit den Fingerspitzen, von da fand das Leder den Weg ins Tor. Skeptiker argwöhnten, Reinders habe den Wunderwurf mit Kraftübungen vorher heimlich trainiert, aber der erstickte alle Verdächtigungen im Keim: Ich habe von der Technik gelebt. Spannkraft und ein weiter Armzug sorgten für die Länge des Einwurfs. Es sind diese Tore, die sich der Fußball in die Gedenksteine der Ewigkeit meißelt, die unerwarteten, die unwiederholbaren.

Nach den Spielen des VfB Stuttgart haben unsere Nutzer die Gelegenheit, die VfB-Stars mit Noten zu bewerten. So fielen sie nach dem Sieg gegen Werder Bremen aus.

Unwiederholbar? Zieler hat jetzt sogar noch eins draufgesetzt und keine feindliche Einwurfrakete durchgelassen, sondern eine schwächliche Rückgabe vom eigenen Mann. Dabei hätte er den Fall kinderleicht lösen können, einfach aus dem Staub machen, Fuß weg, Hände weg, denn in Regel 15 steht: Aus einem Einwurf kann ein Tor nicht direkt erzielt werden: Wirft der ausführende Spieler den Ball direkt ins eigene Tor, entscheidet der Schiedsrichter auf Eckstoß.

Alle Noten für die Roten finden sich hier in der Übersicht. Die Einzelkritik unserer Redaktion finden Sie in der Bildergalerie.

Aber sag das einem Torhüter in seiner panischen Schrecksekunde. Unser Job, sagte schon der frühere VfB-Torwart Timo Hildebrand, ist ein Tanz auf der Rasierklinge. Ein moderner Torwart muss dichthalten, beidfüßig zaubern, als Libero Konter abfangen, das Spiel eröffnen, Steilpässe schlagen und dann auch noch mit dieser ständigen Angst vor dem Blackout leben. Ein Fehler, und du bist der Depp. Zwei Fehler, und du kannst dich wegwerfen wie Loris Karius als Schlussmann des FC Liverpool an jenem Abend im Mai, den er nie mehr vergessen wird – eher vergisst er einmal seinen Hochzeitstag.

Was geht in einem solchen Moment im Kopf eines Torwarts vor? Die Frage ist so alt wie der Fußball, und es soll noch vergilbte Fotos von der WM 1934 in Italien geben, von Willibald Kreß und seinen diversen Slapstick-Einlagen beim 1:3 im Halbfinale gegen die Tschechen. Lange dachten alle, der Dresdner – Spitzname: Der schöne Willibald – habe sich von der tief stehenden Sonne blenden lassen. Dabei war es, wie Torjäger Ed Conen später aufdeckte, eine italienische Gräfin, die ihm den Kopf verdreht hatte.

Doch in aller Regel ist es die Angst. Den Letzten beißen die Hunde, und der Torwart ist der Letzte, hinter ihm kommt nur noch die Linie. Ein Fehlgriff, und alle mirakulösen Reflexe sind vergessen. Ein Stürmer kann einen Fehler auswetzen, ein Torwart nicht. Typisch, dass man das jetzt wieder auf eine Szene reduziert, hat sich Zieler beklagt.

Ist es dieser Druck im Kopf und die Einsamkeit da hinten im Kasten, die einen Torwart manchmal komische Dinge tun lassen? Jedenfalls hat die Bundesliga-Chronik etliche Szenen parat, auf die allesamt zutraf, was VfB-Trainer Tayfun Korkut am Samstag meinte, als er nach Zielers Eigentor sagte: Man traut seinen Augen nicht.

Jörg Schmadtke zum Beispiel verbringt noch heute als Wolfsburger Sportchef schlaflose Nächte, wenn er an seine Zeit als Freiburger Torwart denkt. In Bremen schlenzte ihm einmal Mario Basler einen Eckball direkt in den Kasten. Schmadtke bekam nur deshalb mildernde Umstände, weil der Scharfschütze Basler selbst auf hundert Meter noch den Korken aus einer Whiskyflasche geschossen hätte.

Ebenso unvergessen bleibt Tomislav Piplica im Tor von Energie Cottbus. Als im April 2002 eine Bogenlampe des Gladbachers Marcel Witeczek auf ihn zuflog, ließ er lässig die Arme und Hände unten wie einst der tänzelnde Muhammad Ali im Boxring und wollte den Ball von der Torlinie köpfen. Das misslang, und Piplica wurde dafür in TV Total bei Stefan Raab mit dem Raab der Woche gekrönt.

Auch an Tim Wiese müssen wir kurz erinnern, bevor er vollends in Vergessenheit gerät. Beim Rückblick auf Youtube zieht es den Bremer Fans noch heute die Socken aus: Anno 2006 in Turin war Werder in der K.-o.-Runde der Champions League gegen Juve schon so gut wie weiter, da gönnte der tollkühne Tim sich, dem Stadion und Millionen am Bildschirm in der Schlussminute nach einer gefangenen Flanke noch einen spektakulären Überroller, verlor den Ball – und Werder war draußen.

Eines musste sich Wiese aber nie fragen lassen: Warum lässt du einen Einwurf rein? Diesem Thema hat sich jetzt umso mehr Zieler zu widmen, und leicht gereizt sagte er am Samstag: Es ist mir scheißegal, wer da schuldig ist, das Ding klären wir intern.

Was immer dabei herauskommt: Ron-Robert Zieler ist schlagartig so berühmt, wie er es mit der tollsten Robinsonade nicht hingekriegt hätte. Kein Mensch schwärmt ab sofort mehr von Jean-Marie Pfaff. Bremens Trainer Florian Kohfeldt hat die Dimension des Vorfalls jedenfalls erkannt: Das war vielleicht Bundesligageschichte – und ich Idiot habe in dem Moment gar nicht hingeschaut.

Woraus er und wir alle lernen: Man darf nie wegschauen, wenn ein Torwart sich die Stutzen zurechtzupft, um die Langeweile eines Einwurfs zu überbrücken.

0 Anzeige Michael Reschke hat am Samstag die Lüge des Tages auf sein Gewissen geladen, denn Stuttgarts Sportdirektor sagte zum Tor des Tages: Zum Schmunzeln war das natürlich nicht. Um darauf kurz und humorlos zu antworten: Wer sich angesichts einer so skurrilen Szene nicht brüllend auf die Schenkel klopft, geht entweder zum Lachen grundsätzlich in den Keller oder ist Sportchef oder Torwart beim VfB.

Womit wir bei Ron-Robert Zieler sind, dem Tor des Tages. Der VfB lag in der 68. Minute gegen Werder Bremen 1:0 vorne, und um gewappnet zu sein für die Herausforderungen der restlichen 22 Minuten, nutzte der Weltmeister von 2014 im Stuttgarter Tor einen Einwurf der eigenen Mannschaft zum Überprüfen seiner Kleiderordnung. Zieler bückte sich, zupfte sich die Stutzen zurecht, und als er gerade beginnen wollte, sich auch die Schnürsenkel noch etwas straffer zu knüpfen, traf ihn der Schlag.

Was willst du denn hier?, schrie er den Ball an, trat nach ihm, streifte ihn auch noch, aber es war zu spät: Das runde Ding, das ihm sein Verteidiger Borna Sosa ungefragt zugeworfen hatte, einfach so, trudelte zum 1:1 ins Tor. Was man nicht sieht, sagte Zieler nach dem Spiel, kann man nicht halten.

60.000 verblüffte Schwaben wurden zu Augenzeugen dieser erstklassigen Variante eines zweitklassigen Vorfalls aus dem Februar. Damals gönnte sich Duisburgs Torwart Mark Flekken mit dem Rücken zum Feld einen Schluck aus der Wasserflasche, während der Ingolstädter Stefan Kutschke in aller Ruhe den Ball in sein Tor kickte. Dass es auch andere Tölpel gibt, war für Zieler jetzt freilich kein Trost.

Aber was wird jetzt aus Jean-Marie Pfaff? Der Belgier kann einpacken, er ist entthront und aus den Annalen gelöscht als tolpatschigster Einwurf-Eigentorschütze aller Zeiten.

Dabei galt sein Fehlgriff als unübertrefflich. Am Samstagabend sind sie auf allen Kanälen noch mal vorwärts und rückwärts gelaufen, diese alten Wackelbilder vom 21. August 1982 aus dem Bremer Weserstadion. Pfaff gab als Torwart für den FC Bayern an dem Tag sein Debüt – und hatte nicht die geringste Chance gegen den gewaltigsten Einwurf der Fußballgeschichte, abgefeuert durch den Bremer Uwe Reinders.

Bremen ist eine windige Ecke, hat Reinders in einem aufsehenerregenden Interview später erzählt, und an dem Tag hatte mein Einwurf wohl einen Extradrall. Pfaff erwischte den Ball mit den Fingerspitzen, von da fand das Leder den Weg ins Tor. Skeptiker argwöhnten, Reinders habe den Wunderwurf mit Kraftübungen vorher heimlich trainiert, aber der erstickte alle Verdächtigungen im Keim: Ich habe von der Technik gelebt. Spannkraft und ein weiter Armzug sorgten für die Länge des Einwurfs. Es sind diese Tore, die sich der Fußball in die Gedenksteine der Ewigkeit meißelt, die unerwarteten, die unwiederholbaren.

Bayerns Torwart Jean-Marie Pfaff (M.) lenkt den Einwurf des Bremers Uwe Reinders in den eigenen Kasten Quelle: picture alliance / Werner Schilling

Unwiederholbar? Zieler hat jetzt sogar noch eins draufgesetzt und keine feindliche Einwurfrakete durchgelassen, sondern eine schwächliche Rückgabe vom eigenen Mann. Dabei hätte er den Fall kinderleicht lösen können, einfach aus dem Staub machen, Fuß weg, Hände weg, denn in Regel 15 steht: Aus einem Einwurf kann ein Tor nicht direkt erzielt werden: Wirft der ausführende Spieler den Ball direkt ins eigene Tor, entscheidet der Schiedsrichter auf Eckstoß.

Aber sag das einem Torhüter in seiner panischen Schrecksekunde. Unser Job, sagte schon der frühere VfB-Torwart Timo Hildebrand, ist ein Tanz auf der Rasierklinge. Ein moderner Torwart muss dichthalten, beidfüßig zaubern, als Libero Konter abfangen, das Spiel eröffnen, Steilpässe schlagen und dann auch noch mit dieser ständigen Angst vor dem Blackout leben. Ein Fehler, und du bist der Depp. Zwei Fehler, und du kannst dich wegwerfen wie Loris Karius als Schlussmann des FC Liverpool an jenem Abend im Mai, den er nie mehr vergessen wird – eher vergisst er einmal seinen Hochzeitstag.

Was geht in einem solchen Moment im Kopf eines Torwarts vor? Die Frage ist so alt wie der Fußball, und es soll noch vergilbte Fotos von der WM 1934 in Italien geben, von Willibald Kreß und seinen diversen Slapstick-Einlagen beim 1:3 im Halbfinale gegen die Tschechen. Lange dachten alle, der Dresdner – Spitzname: Der schöne Willibald – habe sich von der tief stehenden Sonne blenden lassen. Dabei war es, wie Torjäger Ed Conen später aufdeckte, eine italienische Gräfin, die ihm den Kopf verdreht hatte.

Doch in aller Regel ist es die Angst. Den Letzten beißen die Hunde, und der Torwart ist der Letzte, hinter ihm kommt nur noch die Linie. Ein Fehlgriff, und alle mirakulösen Reflexe sind vergessen. Ein Stürmer kann einen Fehler auswetzen, ein Torwart nicht. Typisch, dass man das jetzt wieder auf eine Szene reduziert, hat sich Zieler beklagt.

VfB-Sportchef Nur Bayern entscheidet über die Spannung in der Liga Ist es dieser Druck im Kopf und die Einsamkeit da hinten im Kasten, die einen Torwart manchmal komische Dinge tun lassen? Jedenfalls hat die Bundesliga-Chronik etliche Szenen parat, auf die allesamt zutraf, was VfB-Trainer Tayfun Korkut am Samstag meinte, als er nach Zielers Eigentor sagte: Man traut seinen Augen nicht.

Jörg Schmadtke zum Beispiel verbringt noch heute als Wolfsburger Sportchef schlaflose Nächte, wenn er an seine Zeit als Freiburger Torwart denkt. In Bremen schlenzte ihm einmal Mario Basler einen Eckball direkt in den Kasten. Schmadtke bekam nur deshalb mildernde Umstände, weil der Scharfschütze Basler selbst auf hundert Meter noch den Korken aus einer Whiskyflasche geschossen hätte.

Ebenso unvergessen bleibt Tomislav Piplica im Tor von Energie Cottbus. Als im April 2002 eine Bogenlampe des Gladbachers Marcel Witeczek auf ihn zuflog, ließ er lässig die Arme und Hände unten wie einst der tänzelnde Muhammad Ali im Boxring und wollte den Ball von der Torlinie köpfen. Das misslang, und Piplica wurde dafür in TV Total bei Stefan Raab mit dem Raab der Woche gekrönt.

Auch an Tim Wiese müssen wir kurz erinnern, bevor er vollends in Vergessenheit gerät. Beim Rückblick auf Youtube zieht es den Bremer Fans noch heute die Socken aus: Anno 2006 in Turin war Werder in der K.-o.-Runde der Champions League gegen Juve schon so gut wie weiter, da gönnte der tollkühne Tim sich, dem Stadion und Millionen am Bildschirm in der Schlussminute nach einer gefangenen Flanke noch einen spektakulären Überroller, verlor den Ball – und Werder war draußen.

Eines musste sich Wiese aber nie fragen lassen: Warum lässt du einen Einwurf rein? Diesem Thema hat sich jetzt umso mehr Zieler zu widmen, und leicht gereizt sagte er am Samstag: Es ist mir scheißegal, wer da schuldig ist, das Ding klären wir intern.

Was immer dabei herauskommt: Ron-Robert Zieler ist schlagartig so berühmt, wie er es mit der tollsten Robinsonade nicht hingekriegt hätte. Kein Mensch schwärmt ab sofort mehr von Jean-Marie Pfaff. Bremens Trainer Florian Kohfeldt hat die Dimension des Vorfalls jedenfalls erkannt: Das war vielleicht Bundesligageschichte – und ich Idiot habe in dem Moment gar nicht hingeschaut.

Woraus er und wir alle lernen: Man darf nie wegschauen, wenn ein Torwart sich die Stutzen zurechtzupft, um die Langeweile eines Einwurfs zu überbrücken.