An die Opfer der Pogromnacht erinnert
Reichspogromnacht 9. November 1938: Deutschlands dunkelste Stunden
Vor 80 Jahren verstärken die Nationalsozialisten den Terror gegen die Juden. In Deutschland gehen Synagogen in Flammen auf, jüdische Geschäfte werden geplündert. Die Pogromnacht gibt das Signal zur späteren Tötung von Millionen Menschen.

Es sind nur noch zehn Monate bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Doch in Nazideutschland fließt bereits im Spätherbst des Jahres 1938 Blut. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennen die Synagogen, ebenso im besetzten Österreich und im von der Tschechoslowakei abgepressten Sudetenland. Organisierte Schlägertrupps in SA- und SS-Uniformen, aber auch in ziviler Kleidung zerstören jüdische Geschäfte und setzen die Gotteshäuser in Brand. Tausende Juden werden verhaftet, misshandelt und getötet. Die Nazis sprechen von der "Reichskristallnacht". Die Herkunft des Begriffes für das Pogrom gegen die deutsche jüdische Bevölkerung ist allerdings bis heute nicht definitiv geklärt. Angeblich ist er eine Schöpfung des Berliner Volksmundes.

Spätestens jetzt wissen die Juden, dass sie in allergrößter Gefahr sind, weil der ohnehin bereits vorhandene staatliche Terror gegen sie eine neue Dimension erreicht. In Deutschland wird der Antisemitismus und die Verfolgung und Ermordung der Juden durch die nationalsozialistische Staatsmacht offiziell. Die Pogromnacht gibt das Signal zur späteren Tötung von Millionen von Menschen in den deutschen Vernichtungslagern.

Die Naziführung um Adolf Hitler hat bereits vorher Gewaltakte gegen die Juden bereits durchgespielt und geplant. Doch nun gibt es für sie auch den von ihr ersehnten Anlass: das Attentat am 7. November 1938 auf den Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, durch den 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan – der Diplomat kommt dabei ums Leben. Das Pogrom wird am Abend des 9. November beim Treffen der "alten Kameraden" der NSDAP anlässlich des Jahrestages des gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsches 1923 in München beschlossen.

Hitler überlässt es Propagandaminister Joseph Goebbels, durch eine Hetzrede die Gewaltakte gegen die Juden auszulösen. Dieser befiehlt die Versendung von Telegrammen aus seinem Ministerium an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im gesamten Deutschen Reich. Der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, lässt Fernschreiben an die Staatspolizeistellen verschicken. Darin heißt es, dass nur solche Maßnahmen getroffen werden sollen, die "keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen". Geschäfte und Wohnungen von Juden sollten "nur" zerstört, aber nicht geplündert werden. Zudem sei in Straßen mit vielen Geschäften darauf zu achten, dass Läden von Nichtjuden keine Schäden erlitten.

Ein von oben angeordneter "Volkszorn" bricht sich seine Bahn, bei dem nicht nur fanatische Nationalsozialisten zur Tat schreiten. Es sind auch viele Mitläufer, die sich an den Verwüstungen von Geschäften und Wohnungen ihrer jüdischen Mitbürger beteiligen sowie jüdische Friedhöfe schänden. Der tobende Mob, zu dem ebenfalls Kinder und Jugendliche gehören, greift ehemalige Nachbarn an, schleift sie auf die Straße und schlägt sie zusammen. Die judenfeindliche Propaganda der Nazis hat bei Millionen Deutschen Erfolg.

Es bleibt nicht bei den abgebrannten Synagogen sowie den verwüsteten Geschäften und Wohnungen. Tausende jüdischer Männer und Jugendlicher werden in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt. Viele sterben durch körperliche und psychische Misshandlung. Den Häftlingen wird auch die Einnahme von notwendigen Medikamenten verweigert.

Andere Juden werden praktisch enteignet. Die Nazis beschleunigen die bereits seit dem Frühjahr 1938 auf den Weg gebrachte "Arisierung", die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes und jüdischer Unternehmen. Die Nazis benötigen das Geld für ihre Kriegsvorbereitungen.

Ein großer Teil der Inhaftierten kommt nach Auswanderungserklärungen frei. Die Zahl der Ausreiseanträge steigt seit den Novemberpogromen sprunghaft an. Wer dazu finanziell in der Lage beziehungsweise bereit zum Verlassen seiner Heimat ist, wandert aus. So kehren bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges rund 200.000 Juden dem sogenannten Dritten Reich den Rücken, das sind mehr Menschen als in der Zeitspanne von 1933 bis 1938. Dies geschieht aber nicht reibungslos: Die Betroffenen müssen überall im Ausland ein "Vorzeigegeld" nachweisen. Ihre Visa erhalten sie meist nur noch über den Schwarzmarkt – durch Kredite von ausländischen Verwandten. Viele Juden bestechen Beamte, um an die nötigen Ausreisepapiere zu kommen.

Juden dürfen in Deutschland nun keinen Handel mehr betreiben. Auch das Ausüben von Handwerk und Gewerbe wird ihnen untersagt. Die Diskriminierungen umfassen das gesamte Alltagsleben. Den deutschen Juden wird jegliche Existenzgrundlage genommen. Im Anschluss an die Pogromnacht werden fast alle jüdischen Organisationen aufgelöst und die jüdische Presse verboten.

Über das Leid der Juden in der "Reichskristallnacht" gibt es verschiedene Zahlen. Die NSDAP spricht von lediglich 91 Toten und 267 zerstörten Synagogen – Grundlage für diese Daten ist ein Brief Heydrichs an Luftwaffenchef Hermann Göring unmittelbar nach den Pogromen. Der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz schreibt in der "Zeit" von 1300 bis 1500 Todesopfern. 30.756 jüdische Männer seien verhaftet worden, von denen rund 1000 die Konzentrationslager nicht überlebten beziehungsweise an den Haftfolgen starben. Laut Benz brannten mehr als 1400 Synagogen aus oder wurden geplündert, mindestens 177 Wohnhäuser wurden zerstört.

Doch den Juden in Deutschland und Europa sollte das Schlimmste noch bevorstehen. Die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 sind der Auftakt zur systematischen Verfolgung der Juden. Diese mündet später in den Holocaust, der Ermordung von Millionen Juden.

Der 9. November vor 80 Jahren steht für eine der schwärzesten und beschämendsten Stunden der deutschen Geschichte, der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Es brannten unzählige Synagogen. Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet, jüdische Bürger misshandelt und getötet.

Drei Jahre vor Beginn der systematischen Massendeportationen und nach zahlreichen rechtlichen Diskriminierungen erhielt die Verfolgung der Juden mit den Ausschreitungen einen neuen Charakter. Als Vorwand für die Übergriffe diente den Nationalsozialisten das Attentat des 17-jährigen Juden Herschel Feibel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris.

Propagandaminister Joseph Goebbels gab bei einem Treffen von Parteiführern in München das Signal für Gewaltaktionen in ganz Deutschland und Österreich. In der Öffentlichkeit versuchte die NS-Führung, die Übergriffe als spontanen Ausbruch des Volkszorns erscheinen zu lassen.

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass während und infolge der Gewalt mehr als 1300 Menschen getötet wurden. Zehntausende Juden wurden gedemütigt und deportiert. Mindestens 1400 Synagogen wurden stark beschädigt oder zerstört.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland erinnert in diesem Jahr in der Berliner Synagoge in der Rykestraße an die antisemitischen Ausschreitungen. Dabei werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Zentralratspräsident Josef Schuster Ansprachen halten. Mit mehr als 2000 Sitzplätzen zählt die Synagoge in der Rykestraße zu den größten jüdischen Gotteshäusern in Europa.