Die Reichspogromnacht in Potsdam
Vor 80 Jahren – Scherben, Feuer, Tote: Reichspogromnacht in München
Frankfurt – Zwei Tage im November. Der eine steht für gemeinsames Leid. Der andere für zugefügtes Leid.

Am 11. November 1918, vor 100 Jahren, ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Tausende Frankfurter Juden kämpften in Feldgrau für Kaiser und Vaterland”. 467 starben. Noch heute erinnert das Ehrenmal am jüdischen Friedhof und das Kriegsopfer-Ehrenmal (3109 Tote) auf der anderen Seite der Friedhofsmauer an das gemeinsame Leid aller auf dem Schlachtfeld.

Reichspogromnacht: Und wer denkt an die lebenden Juden?

Am 9. November 1938, vor 80 Jahren, setzten Horden in braunen Uniformen, die SA-Einheiten, an, die Juden auszuradieren. Sie fingen an mit ihren Gebetshäusern. Die Synagogen brannten in ganz Deutschland. Im Rhein-Main-Gebiet wurden fast alle komplett zerstört.

Heute erinnern Tafeln oder Plätze an das unendliche Leid, das die Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht den Frankfurter Juden zugefügt haben. Es gibt Orte der Erinnerung wie den Börneplatz, wo einst die Börneplatz-Synagoge stand, die die Zerstörungskraft und den Hass des 9. November greifbar machen.

Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Auch in München wüteten die Nationalsozialisten und zerstörten jüdische Geschäfte und Synagogen. Die bewegenden Bilder.

München – Das Kaufhaus Uhlfelder im Rosental, das Rothschild-Kaufhaus in der Sendlinger Straße, die Kunsthandlung Bernheimer am Lenbachplatz oder die Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße: All diese Geschäfte und Einrichtungen in München wurden 1938 angegriffen oder zerstört.

“Deswegen ist es so wichtig”, schrieb mein Co-Autor Michael Rubinstein in unserem muslimisch-jüdischen Buch “So fremd und doch so nah”: “dass jüdisches Leben in Deutschland als ein vielfältiges wahrgenommen wird, mit Stärken und Schwächen – aber vital und mit Zukunftsperspektiven. Es gehört nicht primär in Museen, Gedenkstätten oder auf Friedhöfe – sondern ins Leben, in den Alltag.”

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüsteten Nationalsozialisten etwa 7.500 jüdische Geschäfte und Einrichtungen in ganz Deutschland. Sie zündeten einen Großteil der rund 1.200 Synagogen und Gebetshäuser an, demolierten jüdische Friedhöfe und stürmten Wohnungen. Wie viele Menschen starben, ist unklar. Das Nazi-Regime sprach von 91 toten Juden. Historiker gehen von mehr als 1.300 Menschen aus, die in Folge des Pogroms ums Leben kamen. Mehr als 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt.

Es wäre schön, wenn Kulturschaffende, Politiker, Journalisten hin und wieder auch das problembefreite, unbelastete Leben von Juden in den Vordergrund rücken würden. Oder wenn ein Bundespräsident oder eine Bundeskanzlerin zu Chanukka oder zum Jom Kippur ihre Glückwünsche einmal prominenter entbieten würden als über einen Regierungssprecher auf Twitter oder Facebook.

Propagandaminister Joseph Goebbels sprach von einer "spontanen Welle des Volkszorns". Tatsächlich waren aber vor allem organisierte Sturmtrupps der SA und SS für die Exzesse verantwortlich. Die Bevölkerung beteiligte sich nur vereinzelt, allerdings eilten auch nur wenige ihren jüdischen Nachbarn und Mitbürgern zur Hilfe. Als Grund für die Ausschreitungen nannten die Nazis das tödliche Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris. Täter war der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan.

Wenn es nicht um Antisemitismus geht, spielen sie in unserer Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Antisemitismus ist zwar selbstredend ein wichtiges Thema, aber das alles andere überlagernde Interesse daran birgt neue Schwierigkeiten: Es bringt Juden permanent in Verbindung mit Opfernarrativen, was letztlich ebenso eine Form der Stigmatisierung darstellt. 

Die Nacht gilt als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Bis zum Kriegsende 1945 kostete der Holocaust etwa sechs Millionen Menschen das Leben. Die von den Nazis übernommene Bezeichnung "Reichskristallnacht", die auf die vielen Scherben in den Straßen anspielte, wird heute als verharmlosend abgelehnt. Da die ersten Angriffe bereits am 7. November begannen und teilweise bis zum 13. November dauerten, sprechen Historiker inzwischen auch von "Novemberpogrom/en". Der russische Begriff Pogrom bedeutet "Aufruhr" oder "Verwüstung".

Zum 80. Jahrestag des 9. November 1938 gedachte München am Freitag der jüdischen Münchner, die während der Reichspogromnacht und in ihrer Folge misshandelt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden.

Bei einer Lesung am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße wurden die Namen von jüdischen Münchnern verlesen, die im November 1938 ins KZ Dachau verschleppt wurden. Die zentrale Gedenkfeier fand später im Saal des Alten Rathauses statt. Hier hatte Joseph Goebbels 1938 mit einer seiner berüchtigten Hetzreden die Ausschreitungen initiiert.

Ein Teilnehmer der Demo “Deutschland trägt Kippa”, bei der sich die Teilnehmer mit jüdischen Mitbürger solidarisiert haben: Das Antisemitismus ein wichtiges Thema ist, birgt neue Schwierigkeiten: Es bringt Juden permanent in Verbindung mit Opfernarrativen, so Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: photo2000/imago)

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, Ministerpräsident Markus Söder und IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch gingen in ihren Reden vor allem auf den wachsenden Antisemitismus ein.

Heute jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Der bürgerliche Mob tobte damals im ganzen Land, erschlug jüdische Mitbürger, zerstörte ihre Wohnungen, Geschäfte, Synagogen. Daran zu erinnern, ist wichtig. Doch sollte man darüber die heute Lebenden nicht vergessen.   

Dieser sei "in allen Formen zu bekämpfen", sagte Reiter. Knobloch forderte ein großes Auflehnen gegen Judenhass. Söder sagte, dass Juden ihren Glauben selbstverständlich und frei von Angst leben könnten, sei eine Herzensangelegenheit. Bayern werde dafür alles tun. Auch in anderen Städten gab es Gedenkveranstaltungen.