Über den HSV in die Bundesliga:Das bizarre Liga-Hopping des SC Paderborn - n-tv NACHRICHTEN
HSV in der zweiten Liga – Das schlimmste Szenario droht
In der 2. Fußball-Bundesliga steht der SC Paderborn vor dem Aufstieg. Mit einem Sieg gegen den Hamburger SV könnten die Ostwestfalen einen dramatischen Ritt durch die drei höchsten deutschen Spielklassen zu einem guten Ende bringen. Die Voraussetzungen sind gut.

Manchmal wiederholt sich Geschichte. Und manchmal müssen dafür keine Geschichtsbücher gewälzt werden, weil die Erinnerung noch immer lebendig ist. Genau diese Art der Erinnerung durchlebt der SC Paderborn aktuell in der 2. Fußball-Bundesliga. Entsprechend euphorisiert ist die 150.000-Einwohner-Stadt in Ostwestfalen. Denn am Ende dieser Saison und nach einem wilden Ritt durch die drei deutschen Bundesligen könnte tatsächlich der zweite Aufstieg ins Oberhaus nach 2014 stehen. Und die Ausgangssituation könnte eigentlich kaum besser sein.

Die Benteler-Arena, die Heimspielstätte des SC Paderborn, ist ausverkauft und das Medieninteresse groß. Mit dem angeschlagenen Hamburger SV und dessen angeschlagenem Trainer Hannes Wolf ist am vorletzten Spieltag der Zweitliga-Saison allerdings kein Nobody zu Gast in Ostwestfalen. Der HSV kämpft im Spitzenspiel des 33. Spieltages aber um seine wohl letzte Chance, den Abstieg der Vorsaison doch noch irgendwie als schnell korrigierten Betriebsunfall verkaufen zu können. Verliert der HSV in Paderborn, wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Pirouetten auch in der kommenden Spielzeit in der Zweitklassigkeit vollführen.

wenn der HSV gegen Paderborn verliertwenn der HSV gegen Paderborn und Duisburg gewinnt, Union gleichzeitig auch noch sechs Punkte holtwenn der HSV gegen Paderborn und Duisburg unentschieden spieltwenn der HSV gegen Paderborn unentschieden spielt und gegen Duisburg verliertwenn der HSV gegen Paderborn unentschieden spielt und Union noch vier Punkte holt oder Paderborn gegen Dresden gewinntwenn der HSV gegen Paderborn gewinnt, gegen Duisburg verliert und Union noch drei Punkte holt oder Paderborn gegen Dresden gewinntwenn der HSV gegen Paderborn gewinnt, gegen Duisburg unentschieden spielt und Paderborn gegen Dresden gewinnt oder Union noch vier Punkte holt

15 Siege, neun Unentschieden, acht Niederlagen – 54 Punkte, Tabellenplatz zwei. Diese Ausbeute aus den bisherigen 32 Zweitliga-Spielen macht den SC Paderborn aktuell zum heißesten Anwärter auf die Vizemeisterschaft hinter dem 1. FC Köln. Der SCP spürt jedoch den Druck von Union Berlin (53 Punkte) und dem Hamburger SV (53). Entsprechend darf die Partie gegen die Hamburger als Matchball-Spiel verstanden werden. Auch, weil Union zeitgleich am Sonntagnachmittag (alle Spiele gibt's ab 15.30 Uhr im Liveticker auf n-tv.de) die akut abstiegsbedrohten Magdeburger empfängt. Gewinnt Paderborn, stehen sie sicher mindestens in der Relegation.

Am Sonntag (15:30 im Liveticker) steigt der Aufstiegsgipfel zwischen dem SC Paderborn und dem Hamburger SV. Sollte der HSV die Partie verlieren, wäre die direkte Rückkehr in die Bundesliga bereits nicht mehr möglich. sport.de blickt auf die Konstellationen, unter denen die Rothosen den direkten Aufstieg und die Relegation verpassen. (Davon ausgehend, dass der HSV die Tordifferenz von 16 Zählern zum 1. FC Union Berlin nicht mehr aufholt.)

Und doch ist da nicht nur Euphorie. Denn in Ostwestfalen ist nicht nur die Erinnerung an den größten Triumph der Vereinsgeschichte noch lebendig. Sondern ebenso auch die an den sportliche Kollaps, den die Paderborner anschließend erlebten. Mit dem postwendenden Abstieg aus dem Oberhaus begann der freie Fall des SCP. Paderborn wurde durchgereicht. Ungebremst und mit eingeklemmtem Gaspedal ging es bis in die Tiefen des Tabellenkellers der dritten Liga, als Schlusslicht war der sportliche Abstieg nicht zu vermeiden. Und wäre 1860 München nach der Saison 2016/17 nicht die Lizenz verweigert worden – Paderborn wäre in der Versenkung verschwunden. Ob sich der Verein von diesem Tiefschlag erholt hätte? So blieb der Klassenerhalt am grünen Tisch. Und damit begann in Ostwestfalen der Wiederaufbau.

Auf Anhieb klappte dann aber der Sprung zurück in die zweite Liga. Und das mit einer beeindruckenden Bilanz: Als Tabellenzweiter sammelte die Mannschaft von Steffen Baumgart 83 Punkte, schoss auf dem Weg zurück in die Zweitklassigkeit überragende 90 Tore. Auch in der laufenden Saison gehört die Mannschaft zur Angriffselite der Liga. Nur der 1. FC Köln hat auf seinem Weg zur Zweitliga-Meisterschaft mehr Tore geschossen als Paderborn. 15 der insgesamt 71 SCP-Treffer gehen auf das Konto von Mittelfeldmann Philipp Klement. Darüber hinaus hat der 26-Jährige zehn Tore aufgelegt. Dass mit Bernard Tekpetey, Sven Michel (jeweils 10 Tore) und Christopher Antwi-Adjej (8) drei weitere SCP-Akteure regelmäßig treffen, spricht für die Gefährlichkeit und die Flexibilität, die Paderborn vor dem gegnerischen Tor heraufbeschwören kann.

Gefährlich sind die Paderborner also. Hungrig sind sie auch. Und: Sie haben es selbst in der Hand, der Fußball-Geschichte in Paderborn ein weiteres, erfolgreiches Kapitel hinzuzufügen. Die Statistik spricht allerdings für den Gegner: Nur einmal hat der HSV in Paderborn verloren. In der Saison 2004/05 standen sich beide Mannschaften im Pokal gegenüber – Paderborn gewann das Spiel 4:2, Schiedsrichter war damals ein gewisser Robert Hoyzer. Beide Vereine verbindet also ein ganz besonderes Stück Fußball-Geschichte – die Wege in die Zukunft könnten sich jedoch schon bald trennen.

Reicht es für den HSV für den Aufstieg? Berkay Özcan (Mitte) und seine Mitspieler haben nun zwei Endspiele vor sich

Carsten Scheele, Korrespondent in Hannover, vor allem für Sportthemen. Ausgebildet an der Deutschen Journalistenschule, berichtet für die SZ seit 2012 aus Hamburg und Hannover. Schreibt über Fußball, Handball und Nordthemen. Autor des Buchs 111 Gründe, Snooker zu lieben.

Uwe Seeler geht es nicht gut. Vor zwei Jahren hatte er eine Tumor-OP, der Rücken schmerzt, aktuell macht ihm aber vor allem das Gemüt zu schaffen. Seeler ist in tiefer Sorge über seinen Lieblingsverein. Er sehe den “schlechtesten HSV der Geschichte”, urteilte Seeler in dieser Woche harsch über die Hamburger Fußballer. Seeler wird in diesem Jahr 83 Jahre alt. Er sagt: “Ich hoffe, ich werde den HSV noch mal in der Bundesliga sehen.”

Die aktuelle Lage des Zweitligisten HSV lässt viele weitere Hamburger derzeit nicht gut schlafen. Der Aufstieg war das klar formulierte Ziel für die erste Spielzeit überhaupt in der zweiten Liga, der Abstieg ohnehin eigentlich nur ein Unfall. Nun ist der HSV: Vierter! Zwei Spieltage vor Schluss! Die Konstellation ist so, dass Hamburg noch als Zweiter aufsteigen, aber auch in der Relegation landen – oder sogar ganz leer ausgehen könnte. Der Optimismus ist nach fünf Spielen ohne Sieg nicht sonderlich groß, Trainer Hannes Wolf sagt trotzdem: “Wir haben noch zwei Spiele. Wenn wir die beide gewinnen, sind wir mindestens Dritter.”

Nach der deutlichen Niederlage gegen Ingolstadt ist der Aufstieg des HSV in Gefahr. Sportvorstand Ralf Becker hält trotzdem an Hannes Wolf fest.   Von Johannes Kirchmeier

Das ist richtig gerechnet, allerdings müsste der HSV dazu erst am Sonntag das Topspiel beim Tabellenzweiten Paderborn gewinnen, danach das Heimspiel gegen den MSV Duisburg – und dann gucken, was Union Berlin (aktuell Dritter) macht. Zumindest den Relegationsplatz hat der HSV selbst in der Hand – aber auch das schlimmste Szenario: den direkt verpassten Aufstieg, der sich wie ein weiterer Abstieg anfühlen würde.

Trainer Wolf geht nach dem 0:3 gegen den Abstiegskandidaten Ingolstadt angezählt in die entscheidenden Spiele; ihm scheint seit dem 4:0 im Derby gegen den FC St. Pauli vor zwei Monaten nichts mehr zu gelingen. Sportvorstand Ralf Becker hat sich zwar vor den Trainer gestellt; er sehe es nicht ein, den Coach zu wechseln, nur weil dies in der Branche halt so üblich sei. Allerdings ist Wolf vermutlich auch deshalb noch im Amt, weil der HSV in dieser Saison schon einmal den Coach gewechselt hat – und in Bernd Hollerbach, Markus Gisdol und Christian Titz noch drei vor ihm entlassene Übungsleiter auf der Gehaltsliste stehen.

Überhaupt, die Finanzen. Der Klub ist hoch verschuldet, ein weiteres Zweitligajahr wäre nur schwer zu verkraften. Zwar hat der neu gewählte Klubpräsident Marcell Jansen kürzlich im Abendblatt gesagt, der HSV könne sich “noch ein oder zwei Jahre” in der Unterklassigkeit leisten, “ohne dass uns der ganze Laden um die Ohren fliegt”. Die finanziellen Zwänge lassen sich jedoch nicht leugnen: Durch ein weiteres Jahr in der zweiten Liga würden dem HSV rund 15 Millionen Euro an Fernsehgeldern fehlen, ebenso einige Millionen von den Sponsoren. Zwangsläufig würde der Spieleretat sinken, von aktuell rund 29 Millionen Euro auf etwa 23 bis 25 Millionen. Der Aufstieg wäre dann noch schwieriger zu erreichen.

Also soll es bereits in dieser Saison gelingen, die Panik greift um sich. Erst recht, da nun auch noch Orel Mangala, die belgische Leihgabe aus Stuttgart, mit einem Muskelfaserriss ausfällt. So gehen Wolf vor dem Paderborn-Spiel die Mittelfeldspieler aus, was die Morgenpost veranlasste, seine Leser über eine mögliche Rückkehr des suspendierten Lewis Holtby abstimmen zu lassen. Das Ergebnis: 74 Prozent votierten für Holtby, der Klub antwortete jedoch zugleich: Eine Begnadigung werde es nicht geben, und Holtby kein Spiel mehr für den HSV absolvieren.

Stattdessen können die zuletzt verletzten Rick van Drongelen und Gotoku Sakai gegen Paderborn wohl spielen. Auch bei Kapitän Aaron Hunt besteht Hoffnung. Wolf entschied sich vor dem Spiel gegen ein Kurzzeittrainingslager – auch auf “Wunderheiler, die kommen und Kerzen anzünden” (Wolf) verzichtete er. Ihm sei vielmehr “wichtig, dass die Jungs wissen, dass wir noch viel zu gewinnen haben”. Sein Appell: “Wir müssen die Angst zu Kraft machen.”

Wer die HSV-Profis zuletzt gesehen hat, insbesondere gegen Ingolstadt, der ahnt: Einfach wird das nicht.

Der SC Paderborn war Tabellenführer in der Bundesliga, stürzte dann ab und zerschellte vor zwei Jahren beinahe. Nun könnte der Verein in die erste Liga zurückkehren. Wie ist das so schnell gelungen?   Von Ulrich Hartmann