Högel-Prozess: Nachweis der Taten wird schwierig - NDR.de
Prozess Um Klinikmorde: Verteidigung bezweifelt Högels Schuld
Wie viele Morde lassen sich Niels Högel nachweisen? Das ist die große Frage beim Prozess gegen den Ex-Krankenpfleger vor dem Oldenburger Landgericht. Nach der Vernehmung des Angeklagten im November sah es zunächst so aus, als ob die Antwort darauf relativ leicht zu finden sein dürfte. Högel räumte damals 43 der 100 angeklagten Taten ein, in 52 weiteren Fällen hielt er eine vorsätzliche Manipulation an Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst für möglich. Lediglich fünf Tatvorwürfe bestritt der 42-Jährige ausdrücklich. Man hätte also durchaus davon ausgehen können, dass sich die Befragung der Sachverständigen auf letztgenannte Fälle konzentrieren kann.

Im Mordprozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel haben weitere Zeugen ausgesagt. Sie konnten sich teilweise nur schlecht erinnern – Angehörige der Opfer sind aufgebracht. Video (02:31 min)

Im Prozess gegen den wegen 100 Morden an Patienten angeklagten Ex-Krankenpfleger Niels Högel rechnet das Oldenburger Landgericht für Anfang April mit dem Abschluss der Beweisaufnahme.

Derartige Überlegungen wischen die beiden Verteidigerinnen von Högel jedoch schnell vom Tisch. Gleich zu Beginn des 16. Verhandlungstages stellen sie einen 27-seitigen Beweisantrag, dessen Verlesung rund eine Stunde dauert. Darin gehen die Anwältinnen auf nahezu alle Tatvorwürfe ein und machen deutlich, dass die Einschätzungen der beiden wesentlichen Gutachter häufig vage bleiben und sich in vielen Fällen sogar widersprechen. Bei den meisten Todesfällen seien andere Ursachen zum Beispiel durch die Vorerkrankungen zumindest denkbar. Häufig sei der Krankheitsverlauf von den Kliniken äußerst schlecht dokumentiert worden.

Außerdem betonen die Verteidigerinnen, dass Högel als Täter nicht infrage komme, wenn es keine Reanimationen gab oder die betroffenen Patienten wach waren. In derartigen Fällen hätte ihr Mandant keine Manipulationen mit überdosierten Medikamenten vorgenommen. Kurzum: Die Verteidigerinnen bezweifeln offen, dass Högel für viele der angeklagten Todesfälle verantwortlich ist.

Die Befragung des ersten Sachverständigen, Professor Georg von Knobelsdorff, bringt nur bedingt Klarheit. Der 61-jährige Intensivmediziner aus Hildesheim war im Herbst 2014 vom Klinikum Oldenburg als privater Gutachter engagiert worden. Wie er sagt, sollte er anhand von Patientenakten auffällige Todesfälle während der Tätigkeit von Högel aufspüren. “Ich habe schnell gemerkt, dass manipuliert wurde”, so von Knobelsdorff.

Bei seinen Nachforschungen konzentrierte sich von Knobelsdorff auf unerklärlich hohe Kalium-Werte. Von Högel verwendete Herzmittel ließ er dagegen außen vor. “Ich habe das zwar nicht kategorisch ausgeschlossen, aber mir war klar, dass ich das auf Basis der Akten nicht nachweisen kann”, betont er. Die meisten Fälle, die er ursprünglich als unauffällig bewertet hatte, könnten daher auch durch überdosierte Medikamente ausgelöst worden sein. Diesen von der Verteidigung bemängelten Widerspruch zum von der Staatsanwaltschaft beauftragten Gutachter, Professor Wolfgang Koppert, kann er somit entkräften.

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Auch mit Koppert geht der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann im Anschluss viele der 100 Fälle durch. Der Anästhesist aus Hannover hat insgesamt 320 Gutachten zu verstorbenen Patienten erstellt, bei denen der Verdacht einer Manipulation bestand. Auf seine Empfehlungen ließ die Staatsanwaltschaft insgesamt 134 Leichen exhumieren. Bei seiner Befragung wird klar, wie schwer es ist, Högel die angeklagten Taten zweifelsfrei nachzuweisen. Koppert macht deutlich, dass er in vielen Fällen lediglich von Wahrscheinlichkeiten sprechen kann. Eine mögliche Manipulation beziffert er mit 50 bis 60 Prozent, eine sehr wahrscheinliche mit 99 Prozent. Fast immer sei aber auch eine natürliche Todesursache aufgrund der schweren Krankheitsverläufe denkbar, sagt der 55-Jährige und stärkt damit die Position der Verteidigung. Am Freitag soll die Befragung von Koppert fortgesetzt werden.

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Ein harter Tag für die Angehörigen im Prozess um 100-fachen Patientenmord. Die Verteidigung meldet grundsätzliche Zweifel an der Schuld Högels an.

Oldenburg Im Prozess wegen 100-fachen Patientenmordes wurde am 16. Verhandlungstag klar, mit welcher Strategie die Verteidigung von Niels Högel in die in Kürze anstehenden Schlussplädoyers ziehen wird: Beabsichtigt ist offenbar, die Verantwortung von Högel für den Tod von mindestens 100 Patienten in Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg generell infrage zu stellen.

Doch damit nicht genug. Unmittelbar vor dem Verhandlungstermin hatten die Verteidigerinnen dem Gericht einen 27 Seiten starken Beweisantrag vorgelegt. Inhalt: angebliche Widersprüche in den schriftlichen Aussagen der für diesen Tag geladenen Gutachter und Sachverständigen und andere Punkte, die aus Sicht der Verteidigung gegen eine klare Schuldzuweisung sprechen. Die umfangreiche Schrift war so kurzfristig eingereicht worden, dass sie vor Prozessbeginn nicht einmal für jeden Nebenkläger kopiert werden konnte und auch die medizinischen Experten keine Zeit hatten, sich im Detail mit dem Inhalt auseinanderzusetzen.

Bei allen nicht von Högel eingeräumten Fällen gebe es lediglich Indizienketten und selbst dort, wo Lidocain oder andere Mittel zweifelsfrei nachgewiesen wurden, sei ein kausaler Zusammenhang zwischen den von Högel eingeräumten Manipulationen und dem späteren Tod der Patienten keineswegs sicher, so die Verteidigung. Infrage gestellt wurden auch alle Fälle, bei denen die Patienten nicht reanimiert wurden. Schließlich. so die Logik, sei es ihrem Mandaten doch allein darum gegangen, sich als Lebensretter zu präsentieren.

Wie dünn die Beweiskette gegen Högel in vielen der Fälle ist, zeigte die anschließende Befragung der beiden Mediziner, die sich intensiv mit den Todesfällen befasst hatten. Letztendlich konnten in fast allen Fällen weder Professor Dr. Georg von Knobelsdorff, der im Auftrag des Klinikums Oldenburg die dortigen Verdachtsfälle untersucht hatte, noch Professor Dr. Wolfgang Koppert, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft 320 Patientenakten aus beiden Kliniken begutachtet hatte, mit Sicherheit Högel für den Tod der Patienten verantwortlich machen. Auf die direkte Frage Bührmanns, ob es auch noch andere Erklärungen für die zum Tod führenden Krisen der Patienten gibt, antwortete Knobelsdorff ohne zu zögern: Ja, in fast allen Fällen.