Die Leistung gegen Schalke gibt Nürnberg Mut - Main-Post
Schalke-Trainer Huub Stevens verzweifelt an seiner Mannschaft
Ein Foul? So entschied Schiedsrichter Robert Kampka, anstatt das anschließende Tor von Hanno Behrens (links) zu geben – und Nürnberg wütete.

Der Club entdeckt möglicherweise zu spät seine Konkurrenzfähigkeit, während Schalke 04 enttäuscht.

Sebastian Fischer, Jahrgang 1989, ist Sport-Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Studium in Köln und Tennessee – Letzteres vor allem, um College-Soccer zu spielen. Erste Texte für das Magazin Rheinfussball, später für den Kölner Stadt-Anzeiger. Bei der SZ seit 2014, von 2015 bis 2017 Volontär. Zuständig für die Digitalausgabe “Sport am Wochenende”, schreibt vor allem über Fußball und paralympischen Sport. Verlässt München für ein paar Tage, wenn et Trömmelche jeht.

“Nürnberg war halt klar die bessere Mannschaft. Die hätten sich den Sieg verdient, das war von uns einfach zu wenig. Wir waren einfach zu träge. Unser Pressing hat nicht funktioniert, als ganze Mannschaft. Es gab immer Teile, die das Pressing gemacht haben, die anderen bleiben stehen”, sagte der Österreicher. “Wir waren zu langsam im Passspiel, so kannst du keinen tiefstehenden Gegner ausspielen und so wirst du auch keine Torchancen kreieren.”

Einmal schlafen werde eher nicht reichen, sagte Boris Schommers. Aber wenn es nach ihrem Trainer geht, dann sind die Spieler des 1. FC Nürnberg am Sonntagmorgen, zwei Nächte nach dem 1:1 gegen Schalke 04, nicht mehr enttäuscht aufgewacht. Dann glauben sie jetzt weiter daran, auch in der kommenden Saison noch Bundesligafußball zu spielen. So unwahrscheinlich das auch sein mag.

Nürnberg, der Tabellenvorletzte, ist durch das Unentschieden am Freitagabend nach der Niederlage des VfB Stuttgart am Samstag dem Relegationsplatz wieder nähergekommen, drei Punkte Rückstand, das ist zunächst mal das Ergebnis dieses Wochenendes. Einerseits fühlte sich das 1:1 für den Club zwar enttäuschend an, da Matija Nastasic nach der ersten echten Schalker Torchance in der 85. Minute das Führungstor durch Yuya Kubo aus der 82. Minute ausgeglichen hatte, das nach Schommers Zählung der neunten Nürnberger Großchance des Abends entsprungen war. Andererseits sagte der Interimstrainer: “Wenn man das Spiel sieht, kann man nur guter Hoffnung sein.”

Besonders Schiedsrichter Robert Kampka kam nicht gut weg. “Am Videobeweis konnten wir gar nicht scheitern, weil er gar nicht gezogen wurde, weil der Schiedsrichter eine klare Fehlentscheidung getroffen hat. Da habe ich null Verständnis dafür, wenn man diese Technik hat”, kritisierte der Übungsleiter der Franken, der im Abstiegskampf trotzdem noch nicht aufgeben will.

Seit dem 15. Spieltag belegt der Club einen Abstiegsplatz, zwischenzeitlich gewann er 20 Spiele lang nicht. Die Serie endete im sechsten Spiel, nachdem Schommers, bis dahin Assistent, den Job von Michael Köllner übernahm. Nun bleiben nur noch fünf Spiele, die nächsten in Leverkusen und gegen die Bayern, um die Abstiegsränge zu verlassen. Es hat also etwas Tragisches, dass Schommers nun Formation und Form des Teams so entwickelt zu haben scheint, dass es konkurrenzfähig ist: “Wir reden mittlerweile nicht nur davon, dass diese Mannschaft über Leidenschaft und Engagement alles abruft, sondern sogar spielerisch sehr gute Akzente setzt.”

Nürnberg gewann gegen Schalke mehr Zweikämpfe und wurde sogar nicht nur durch Konter, sondern mit Angriffen aus eigenem Ballbesitz torgefährlich. “Wir haben dieses Spiel dominiert”, sagte Schommers. Schon zur Pause hätte es 1:0 stehen müssen, Schiedsrichter Robert Kampka pfiff ein eigentlich reguläres Tor von Hanno Behrens kurz vor der Halbzeit wegen eines vermeintlichen Fouls an Schalkes Torwart Alexander Nübel zurück. “Eine klarste Fehlentscheidung”, sagte Schommers, die der Schiedsrichter im Gespräch zugegeben habe; er pfiff, anstatt die Einschätzung des Videoassistenten abzuwarten. Kurz darauf gab er nach einem Foul von Nübel an Nürnbergs Matheus Pereira Elfmeter. Nübel hielt gegen Behrens.

Wer nach Spielern sucht, die für die jüngste Entwicklung des Clubs stehen, der kommt am Kapitän, 29, kaum vorbei. Am Freitag wirkte er geradezu verzweifelt, am Samstag sammelte er für den guten Zweck Müll vor dem Stadion auf und posierte mit etwas gequältem Lächeln für Fotos, immer weiter eben. Für die spielerische Entwicklung des Teams steht dagegen eher der von Sporting Lissabon geliehene Pereira, 22. In der Hinrunde spielte er kaum, im Februar fiel er erstmals richtig auf, mit einer roten Karte wegen einer Tätlichkeit in der vierten Minute gegen Düsseldorf. Doch in den vergangenen drei Spielen nach seiner Sperre war er jeweils an einem Tor beteiligt. Seine Flanke auf Kubo war gegen Schalke nur eine von mehreren gelungen Aktionen.

Nürnberg spielt im April wie ein Abstiegskandidat, der sich mit Überzeugung und aller zur Verfügung stehenden Fertigkeit gegen den immer wahrscheinlicheren Abstieg wehrt. Am Freitag fiel das auch deshalb auf, weil sich in Schalkes Team zwar diverse Spieler mit verschiedenen Fertigkeiten befinden – ihnen aber offenbar die Überzeugung fehlt, diese auf dem Platz auch zu demonstrieren. Schalke spielte wie der eigentliche Abstiegskandidat.

Die einzig gute Nachricht kam am Samstag aus Stuttgart. Durch die Niederlage des VfB gegen Bayer Leverkusen beträgt Schalkes Vorsprung auf den Relegationsplatz fünf Spiele vor dem Saisonende nun sechs Punkte

“Zweifel”, sagte der auf standesgemäße Grimmigkeit bedachte Schalker Interimstrainer Huub Stevens, als er nach dem Spiel nach den Gründen dafür gefragt wurde. Zweifel seien ein “schlechter Ratgeber. Du darfst nicht zweifeln.” Doch woran die Schalker hätten glauben sollen, das war auch nicht deutlich geworden. Eine detailliertere Analyse lieferte Matthias Sammer, Berater von Borussia Dortmund und TV-Experte für Eurosport. “Das ist wie Kinderfußball” sagte er. “Kein Aufbauspiel, kaum Positionsspiel.” Er schloss: “Entweder es wird nicht eingefordert, oder sie können es nicht besser.” Das Tor fiel glücklich, durch einen abgefälschten Schuss nach einer Ecke. Der einzige Spieler in Hochform war Torwart Nübel, 22, der auch nach dem Elfmeter immer wieder Nürnberger Großchancen parierte. “Außer Nübel könnt ihr alle gehn”, sangen die Schalker Fans.

Der Abstieg ist bei sechs Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz dennoch ein unwahrscheinliches Szenario. Und so hat Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider bei der Suche nach Personal für die kommende Saison einen Vorteil vor Robert Palikuca, der am Montag in Nürnberg seinen Job als Sportchef antritt. Palikuca weiß noch nicht, für welche Liga er plant. Und das soll möglichst auch noch ein paar Wochen so bleiben.

Nürnberg – So richtig in Tritt kommen will der FC Schalke 04 auch nach dem Trainerwechsel nicht. Unter Huub Stevens kommt man in der Bundesliga bisher nur auf vier Punkte.

Schalke 04 bot in Nürnberg eine erschreckend schwache Leistung. Die Spieler machen einen ratlosen Eindruck und auch ihr Trainer ist geschockt.

Die Königsblauen scheinen den Abstiegskampf nicht annehmen zu können oder zu wollen, wie auch die Leistung am Freitag beim 1. FC Nürnberg wieder verdeutlichte.

Als Huub Stevens Mitte März als Nachfolger von Domenico Tedesco vorgestellt wurde, versicherte Schalkes Jahrhunderttrainer, dass es ihm gesundheitlich gut gehe. Sonst hätte ich diese Aufgabe nicht übernommen, betonte der 65-Jährige, der wegen Herzrhythmusstörungen im Februar 2016 seine Tätigkeit in Hoffenheim aufgegeben hatte.

Nach dem desolaten Schalker Auftritt in Nürnberg muss man Stevens die Daumen drücken, dass ihn seine Mannschaft mit weiteren Gruselvorstellungen wie im Frankenland verschont. Denn der sichtlich angegriffene Coach sieht sich sonst genötigt, wohl bald ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich muss meinen Kardiologen anrufen, hatte er nach dem 1:1 in Nürnberg gesagt – und das schien nicht ironisch gemeint zu sein.

Schalke macht krank – so weit ist es mit dem noch amtierenden Vizemeister gekommen, der es einzig und allein der Schwäche der Konkurrenz zu verdanken hat, nicht noch tiefer in den Abstiegskampf verwickelt zu sein. Es mutete wie ein Treppenwitz der Fußballgeschichte an, dass Schalke trotz des fußballerischen Offenbarungseides der letzten Wochen und Monate gegenüber der Konkurrenz in der Abstiegsregion sogar einen Zähler gut gemacht hat. Sechs Punkte und das bessere Torverhältnis gegenüber dem Relegationsplatz, auf dem der VfB Stuttgart steht, scheinen fünf Spieltage vor dem Saisonende ein großes Polster zu sein.

Indes wird man das Gefühl nicht los, dass selbst dieser Vorsprung von dieser Mannschaft, die keine ist, noch verspielt werden könnte, weil Schalke momentan in allen Belangen wie ein Absteiger agiert. Der Auftritt in Nürnberg war ein klarer Rückfall nach dem leichten Aufwärtstrend.

Deshalb fällt es den Spielern auch immer schwerer, eine Enttäuschung nach der anderen zu kommentieren. Wir trainieren unter der Woche gut. Aber wir müssen das auch am Wochenende zeigen. Wir haben jetzt nur ein Ziel: Wir müssen in der Bundesliga bleiben. Ich weiß, dass ich mich oft wiederhole. Aber es ist so, sagte Benjamin Stambouli, der als Führungsspieler seiner Mannschaft in Nürnberg nicht helfen konnte, weil er selbst eine Unzahl eigener Fehler produzierte.

Ein großes Schalker Problem ist die Unerfahrenheit, mit der aktuellen Situation nervlich fertig zu werden. Ständig reden die Spieler davon, dass Schalke doch ein großer Verein sei. Doch die sportliche Wirklichkeit ist eine ganz andere. Je weniger Erfolgserlebnisse, desto größer die Unsicherheit. Längst geht die Angst um, noch enger mit dem Abstiegskampf in Berührung zu kommen.

Das ist auch Jochen Schneider bewusst. Die Nerven spielen eine Rolle, die Angst etwas zu verlieren, weiß der Schalker Sportvorstand, der mit dem VfB Stuttgart zweimal in verantwortlicher Position Abstiegskampf pur erlebte. Der 48-Jährige macht sich keine Illusionen: Die Mannschaft ist den Druck im Tabellenkeller nicht gewohnt. Es wird nicht einfacher, aber wir dürfen uns jetzt nicht runterziehen lassen, sondern müssen gegen Hoffenheim eine andere Leistung und Einstellung zeigen.

Dass Schneider noch keinen Sportdirektor und Kaderplaner verpflichtet hat, spielt für ihn in der aktuellen Situation überhaupt keine Rolle. Ob wir am 13. April, 23. April oder 2. Mai einen Sportdirektor verpflichten, ändert an unserer Lage nichts, betonte das Vorstandsmitglied.

Dass auf Schalke alles etwas intensiver und emotionaler diskutiert wird, bereitet dem Funktionär keine Sorgen: Je unruhiger das Umfeld ist, desto ruhiger werde ich.

Schalkes Fans sind mittlerweile jedoch in Alarmbereitschaft. Die Außer Nübel könnt ihr alle gehn-Rufe lieferten einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen könnte, wenn die Spieler nicht zu Grundtugenden wie Kampf und Einsatzbereitschaft zurückfinden.

Unsere Leistung war einfach schlecht. Wenn wir uns jetzt nicht zusammenreißen, holen wir nicht mehr viele Punkte, warnte Guido Burgstaller, der durch seine Körpersprache auf dem Platz verriet, dass er den Ernst der Lage erkannt hat. Dies lässt sich jedoch nicht von allen Schalker Spielern sagen.