VfB und volle Hütte! FCN peilt Acht-Punkte-Vorsprung an
Zweimal aussortiert: Stürzt Leibold den VfB in die totale Krise?
Nürnbergs Außenverteidiger Tim Leibold (24) wurde in der Jugend des VfB Stuttgart groß und feierte mit der zweiten Mannschaft der Schwaben in der 3. Liga auch sein Profi-Debüt.

Am Samstag trifft er das erste Mal auf seinen Ex-Klub, den er 2015 Richtung Franken verließ. Denn bei den zwei Duellen beider Klubs in der Saison 2016/17 musste er jeweils verletzt passen (Schambein). Leibold: Endlich habe ich die Chance, gegen den VfB zu spielen. Ich verbinde mit dem Verein noch ziemlich viel, meine Familie kommt aus dem Stuttgarter Raum und viele Freunde sind auch VfB-Anhänger. Da kitzelt es einen schon ein bisschen mehr!

Ja! Ein Ehepaar aus Esslingen. Die waren verantwortlich, dass ich damals eine Liebe zum VfB hatte. Der Kontakt besteht bis heute – den Gasthof gibt es nicht mehr, aber wenn Familienfeiern von uns in Fuchsmühl anstehen, sind sie ab und an dabei. Eine andere Familie habe ich mal in einem Urlaub kennengelernt, in dem ich zufällig auch Thomas Schneider getroffen hatte (Ex-VfB-Trainer, d. Red.). Der war gerade recht frisch in Stuttgart entlassen, und die Familie wollte ihn trösten. Es hat sich dann schnell herausgestellt, dass es Logenbesitzer beim VfB waren. Die Familie führt heute noch ein Maschinenbauunternehmen in der Stuttgarter Region – auch da ist der Kontakt nicht abgerissen. Sie kommen jetzt am Samstag ebenfalls nach Nürnberg.

Zwei haben sich ent­schie­den, jetzt folgt der Drit­te! Tim Leibold bleibt über den Winter beim Club!

Meine Tante hatte eine Metzgerei mit Gasthof, da habe ich fürs Leben gelernt. Wir wohnten im Haus nebenan, und meine Eltern packten hier auch Tag für Tag mit an. Denn wir haben immer wieder neue Urlaubsgäste beherbergt, da habe ich aus Gesprächen viel aufgesaugt, viele Menschen und Absichten kennengelernt. Zudem hat Fuchsmühl nur 1800 Einwohner, es war das klassische Dorfleben. Schützenverein, Bergwacht, Feuerwehr, Fußball, ich habe alles mitgemacht. Aus dieser Zeit habe ich mitgenommen, dass man nur durch direkten Austausch, durch Gespräche, im Leben weiterkommt, man lernt ständig dazu – da waren Handy und Internet noch weit weg.

Vor allem, weil Leibold beim VfB gleich zweimal ausgemustert wurde. Zum ersten Mal nach der D-Jugend (wegen zu geringer Körpergröße), dann nach seiner Zeit bei der U21. Leibold: Mein Zweijahres-Vertrag lief damals aus. Man hat sich dafür entschieden, dass ich einen anderen Weg gehe, und ich bin Gott froh, dass ich den Weg beim Club weitergehen konnte.

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Mit dem könnte er jetzt – einen Sieg am Samstag vorausgesetzt – seinen Ex-Klub in die totale Krise schießen. Leibold: Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und haben enormen Druck. Da fehlt das Selbstbewusstsein. Das müssen wir uns zunutze machen.

Ja, und es ging verrückt weiter. Damit mein Abschluss auch im normalen Leben anerkannt wird, habe ich mich anschließend noch ein Jahr in die Berufsschule gesetzt. Da waren auch nur Mädchen, alle so 16, 17 Jahre alt. Ich war zehn Jahre älter, und vor der allerersten Stunde dachten alle, ich sei der Lehrer. Als dann ein paar Minuten später ein anderer die Klassenzimmertür aufgesperrt und mich als Mitschüler vorgestellt hat, hatten einige eine Erleuchtung (lacht).

Und was wäre, wenn er gegen den Ex ein Tor macht? Leibold: Ich würde ganz normal jubeln, weil ich ja schon einige Jahre hier bin und auch stolz darauf bin, hier zu spielen. Das darf man dann auch dokumentieren.

Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, dann läuft meistens etwas schief! Das gilt für eine Ehe – und für den Club! 0:13 Tore gege…

Weil ich im jungen Alter auch Fragen ans Leben hatte und froh war, wenn sie jemand beantworten konnte. Die Gespräche in der Skihütte mit der Bergwacht, die kann mir keiner mehr nehmen. Es ist wichtig, dass man stets über den Tellerrand hinausschaut. Ich will, dass meine Mannschaft immer wieder mit spannenden Leuten zusammenkommt. Bildung hat noch niemandem geschadet. Das Leben darf nicht nur aus 4-3-3 oder 4-4-2 bestehen.

Auch, wenn es den einen oder anderen aus seinem Freundeskreis (über 50 Karten musste er für sein persönliches Umfeld organisieren) sicherlich hart treffen würde. Der Schwabe lächelnd: Sie werden dann eben dazu gezwungen, FCN-Fan zu sein.

Jetzt werden Sie staunen – als Jugendlicher war ich glühender VfB-Fan. Karl Allgöwer, Asgeir Sigurvinsson, Karlheinz Förster, Helmut Roleder, Trainer Helmut Benthaus, das waren meine Helden. Auch da habe ich etwas Spezielles erkannt, wofür dieses Team stand. Es gab eine tolle Spielkultur, gepaart mit Mentalität. Die haben immer an den Erfolg geglaubt und viele Spiele noch umgebogen. Das hat mir imponiert.

Es ist eine Premiere der besonderen Art, die dem Nürnberger Linksverteidiger Tim Leibold ins Haus steht. Erstmals trifft er am Samstag in einem Pflichtspiel auf den VfB Stuttgart. Seinen VfB, sei angefügt.

Definitiv. Man lernt, mit Ungerechtigkeiten besser umzugehen, eine gewisse Toleranz für sie zu entwickeln. Und ich glaube, dass ich heute als Trainer besser hinter die Maske der Spieler schauen kann. Ich merke es, wenn sich einer ein Schutzschild aufsetzt, wenn es ihm vielleicht gerade nicht so gut geht. Das haben viele Klosterschüler auch so gemacht.

Geboren und aufgewachsen im von Stuttgart rund 20 Kilometer entfernten Böblingen hat er als kleiner Knirps das Fußball-ABC beim VfB erlernt, zog dann im Alter von zwölf Jahren weiter, um als 19-Jähriger zurückzukehren. Einen Zweijahresvertrag erhielt er für die damals noch der 3. Liga angehörenden zweiten Mannschaft mit der Perspektive, sich einen Kaderplatz in der Ersten erspielen zu können. Auf Anhieb eroberte sich der dynamische, giftige Linksfuß in der Zweiten einen Stammplatz, trainierte des Öfteren auch beim “großen” VfB mit, doch den Sprung nach oben schaffte er beim FCN.

Die missliche Lage des Gegners am Samstagnachmittag ist gerade ein großes Thema, natürlich auch beim Club. Fünf Punkte nach zehn Spielen – Platz 18. Mit einem Sieg könnten die Nürnberger ihren Vorsprung auf acht Zähler ausbauen. Und genau das haben sie auch vor. “Es wird für uns das schwerste Spiel, das man sich vorstellen kann”, sagt Köllner, so wie jedes in der Bundesliga. Trotzdem hat sich der neben Fortuna Düsseldorf größtmögliche Außenseiter im Feld bislang ordentlich geschlagen – und könnte jetzt sogar ein nachhaltiges Ausrufezeichen setzen. Gegen eine Mannschaft, die qualitativ zumindest in die obere Tabellenhälfte gehört. Eigentlich.

So gesehen bietet der Samstag für ihn persönlich vermeintlich die Chance, es der alten Heimat zu zeigen, was sie verpasst hat. Die schöne Geschichte mit dem verlorenen Sohn eben, der immer noch Kontakt mit dem einen oder anderen beim VfB pflegt, allen voran mit Kapitän Christian Gentner – dummerweise stimmt sie so nicht. “Als mein Vertrag 2015 beim VfB auslief, habe ich mich bewusst für den Club und den anderen Weg entschieden”, sagt der 24-Jährige, um ein “zum Glück” nachzuschieben.

Selbst im Presseraum des Vereinszentrums war am Donnerstagmittag fast jeder Platz besetzt. Eine Gruppe Studenten aus Ansbach nutzte die Gelegenheit, um Michael Köllner auf der Pressekonferenz ein paar durchaus hintergründige Fragen zu stellen. Zu seinen Rücktrittsgedanken im Sommer, zu seiner Facebook-Seite, auch zum VfB Stuttgart.

Kann man so stehen lassen. Beim FCN hat er unter dem heute beim FC Luzern tätigen Trainer René Weiler die Stufe vom hoffnungsvollen Talent zum gesetzten Leistungsträger in der Vollmannschaft erklommen. Ein Weg, der nicht geradlinig verlief und eine Delle nach unten aufweist. In seiner zweiten Saison für die Franken durchlief er nämlich einen schmerzhaften Reifeprozess. Eine notwendige Leisten-OP in der Sommerpause verschob er zugunsten eines USA-Urlaubs, den Rückstand versuchte er dann im Hauruck-Verfahren aufzuholen und handelte sich dabei eine tückische Schambeinentzündung ein. So wurde die Spielzeit 2016/17 für ihn eine zum Vergessen, abzulesen auch am Umstand, dass er die letzten beiden Pflichtspiele der Franken gegen die Schwaben verpasste: In der 2. Liga beim 1:3 in Stuttgart wie beim 2:3 im Rückspiel musste Leibold gegen den damaligen Bundesliga-Absteiger verletzungsbedingt passen.

Vorbei, vergessen, Leibold ist aus dieser Lektion als Musterprofi herausgegangen, der auf seine Ernährung achtet und eine exzellente Fitness aufweist. Auch von seiner Persönlichkeit her ist er in den mittlerweile drei Jahren in Nürnberg gereift: Längst ist er auch neben dem Platz ganz wichtig für den FCN. Wenn ihn Sportvorstand Andreas Bornemann als “sympathischen, offenen Botschafter des Vereins” bezeichnet, ist dies wahrlich nicht übertrieben. So dürfte es nicht verwundern, wenn im Büro des Sportvorstandes im vergangenen Frühjahr ein Sektkorken knallte, als Leibold mit einer auch für Bornemann überraschenden Botschaft aufschlug. Der Außenbahnspezialist sagte Ja zum Club, verlängerte nach monatelangen Verhandlungen bis 2021 – obwohl er im Sommer ablösefrei zu dem einen oder anderen Bundesligisten hätte wechseln können und obwohl sich der Aufstieg zu jenem Zeitpunkt zwar anbahnte, aber noch längst keine Schleife darum war.

Eine Entscheidung, die er nicht bereut hat – auch weil sich der FCN im Großen und Ganzen bislang in der Bundesliga richtig ordentlich aus der Affäre gezogen hat. Letzteres trifft übrigens auch für ihn persönlich zu, was wiederum nicht überrascht. Dass er selbst sich eine Etage höher würde behaupten können, daran hat keiner gezweifelt – im Verein nicht, im Umfeld nicht und auch nicht in Expertenkreisen. Dass er aber noch kein fertiger Erstliga-Spieler ist, versteht sich dennoch, kann auch nach nur neun Bundesliga-Einsätzen auch gar nicht sein.

“Die individuelle Klasse der Gegner ist eine andere Hausnummer, in der 2. Liga konntest du dir schon mal einen Fehler erlauben, in der Bundesliga nicht, da wird dieser in der Regel prompt bestraft”, sagt er, der selbst sein Zweikampfverhalten als mitunter noch “zu naiv und grün” bezeichnet. Wie am vergangenen Wochenende in Augsburg, als er sich von Jonathan Schmid düpieren ließ und dieser dann zum 1:0 für den FCA auflegen konnte. Dass Leibold sich in der Pause kurz schüttelte, in der zweiten Hälfte dann hinten nichts mehr anbrennen ließ und zugleich vorne anschob, ist typisch für ihn wie auch den FCN. Aufgeben, aufstecken? Nichts da, alles nur dies nicht. Dank dieser Eigenschaft gehen der FCN und er mit einem Fünf-Punkte-Vorsprung ins süddeutsche Duell und befinden sich somit in einer vergleichsweise komfortablen Situation. “Der VfB steht mit dem Rücken zur Wand”, sagt Leibold, der seinen Heimatklub genau verfolgt: “In dieser Saison dachte man, dass man den nächsten Schritt machen und sich vorne platzieren kann. Der Schuss ging brutal nach hinten los.”

Wie es klappen kann, dass die Schwaben im Max-Morlock-Stadion den Schuss nicht hören, davon hat Leibold eine genaue Vorstellung. Und zwar mit einer konzentrierten Leistung gerade in der Defensive von der ersten bis zur letzten Minute. “Zuletzt hatten wir immer nur gute Phasen. Es wird Zeit, dass wir die auf 90 Minuten ausweiten”, fordert er – auch von sich selbst. “Der Schlüssel wird sein, dass hinten die Null steht. Wir werden nicht immer zwei Tore schießen können”, meint er. Für die besagte Null will er seinen permanenten Vorwärtsdrang zügeln. “Ich bin in erster Linie Verteidiger. In der Bundesliga heißt es für mich, auf zwei, drei Ausflüge zu verzichten.”

„Die würden sich auch mit mir freuen.“Tim Leibold über Familie und Freunde aus dem Schwabenland

Apropos Ausflug. Aus dem Schwabenland wird sich ein kleiner Tross seinetwegen auf den Weg nach Nürnberg machen. Über 50 Karten hatte er für Familie und Freundeskreis zu besorgen, der Besuch des für ihn “besonders reizvollen Spiels” ist für sie selbstredend Pflicht. Und sie werden ihm, obwohl ursprünglich alle VfB-Fans, die Daumen drücken. “Bei ihnen schlagen längst zwei Seelen in einer Brust. Die würden sich auch mit mir freuen”, sagt Leibold in der Hoffnung, dass aus dem Konjunktiv Realität wird.

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