Im Tatort aus Münster sterben Doppelgänger - FAZ - Frankfurter Allgemeine Zeitung
“Tatort” aus Münster:Das doppelte Langweilerchen
Im Tatort aus Münster fragen sich die Ermittler, wer ihnen ans Leder will – und Menschen meuchelt, die ihre Doppelgänger sein könnten. Thiel und Boerne suchen nach alten Feinden. Sie werden fündig.

Thiel und Boerne, porträtiert auf Fahndungsplakaten, gesucht als mutmaßlich bewaffnete Täter auf der Flucht? Und die Staatsanwältin tot im Schatten des Doms, mit einer Kugel im Herzen – ja, läuft Deutschlands beliebtester Schmunzelkrimi jetzt etwa vollends Amok? Nein, ganz so schlimm, wie es zuerst ausschaut, ist es natürlich doch nicht. Bei der Erschossenen, zu deren Leichnam Thiel (Axel Prahl) an einem frühlingshaften Montagmorgen in Sandalen stolpert, weil ihm die Schuhe vor der Wohnungstür geklaut wurden, handelt es sich zur Erleichterung des Kommissars nicht um Wilhelmine Klemm, sondern nur um eine Frau, die ihr verblüffend ähnelt.

Doch als das Mordopfer auf Professor Boernes (Jan Josef Liefers) Tisch in der Pathologie liegt und vom versammelten Münsteraner Tatort-Team in Augenschein genommen wird, muss nicht nur die Staatsanwältin schwer schlucken. So sehe ich also aus, wenn ich einmal tot bin, sagt die Staatsanwältin (Mechthild Großmann) mit noch rauchigerer Stimme als sonst und fingert nach ihren Zigaretten. Als nur einen Tag später ein weiteres Mordopfer gefunden wird, das einem anderen Mitglied dieses verschworenen Verbrechensbekämpfungszirkels gleicht, muss man nicht wie Boerne neunmalklug von Säbelzahntiger-Erkennungs-Neuronen daherpalavern, um zu erkennen: Hier folgt ein Verbrecher einem simpel gestrickten Muster, um Angst und Schrecken bei denen auszulösen, die ihn jagen – und sie zu demütigen. Doch warum? Das Motiv, so viel ist klar, muss klären, wer hinter diesem perfiden Plan steckt.

Der Zuschauer lernt in der von Benjamin Hessler geschriebenen Episode Spieglein, Spieglein schon bald die mit kühler Präzision todbringende Person kennen, die Thiel und Boerne an der Nase herumführt. Was die äußerlich kreuzbrave Verwaltungsangestellte (Kathrin Angerer) antreibt, wird erst enthüllt, nachdem das in den üblichen verbalen Spiegelfechtereien gefangene Ermittlerduo im Katz-und-Maus-Spiel schon ein wenig weitergekommen ist. Dabei hilft, dass ein Neuer im Kommissariat angeheuert hat. Als Vertretung von (oder bleibenden Ersatz für?) Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) tut sich Mirko Schrader (Björn Meyer) als gemütlicher Kaffeekocher hervor, der dann doch abgebrüht genug ist, um die gegenseitigen Verhöre zwischen Boerne und Alberich, Thiel und Klemm in diesem 34. Tatort aus Münster als das abzutun, was sie sind: nutzloses Geplänkel wie unter alten Ehepaaren.

ANSCHAUEN? Klar! Diesmal mehr Krimi als Klamauk. Thiel und Boerne gönnen sich Doppelrollen.Wetten, dass sie die Vorjahres-Quote (12,16 Mio.) knacken …

Der Kommissar und der Professor müssen ihre Wohnungen zwecks Spurensicherung räumen und verbringen eine gleichfalls nutzlose, aber ihres Slapstick-Charakters im Zeitraffer wegen schön anzusehende Nacht im Archiv auf der Suche nach alten Feinden. Man ist nun einmal ein wenig in die Jahre gekommen zusammen, da denkt man nicht gleich an digitale Volltextsuche.

Boerne und Thiel sind auf der Jagd nach dem nächsten Quotenrekord. Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihn mit “Spieglein, Spieglein” nicht knacken: Der neueste Fall aus Münster ist sogar für die Begriffe der Klamauk-Ermittler ein spektakulärer Tiefschlag.

17 Jahre. So lange jagen Kommissar Thiel (Axel Prahl) und sein Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) bereits Seite an Seite Verbrecher. Schon seit einer Weile zeigen die beiden Klamauk-Ermittler dabei Ermüdungserscheinungen – aber dazu später mehr. Nach 17 Jahren ist nämlich auch genug Zeit ins Land gegangen, um Boerne und Thiel mit den von ihnen inhaftierten Altlasten zu konfrontieren. Aber weil Münster eben Münster ist und zu viel Ernsthaftigkeit die Quote belasten könnte, braucht es natürlich noch einen zweiten Aufhänger, bei dem man besser in der Flachwitzkiste kramen kann.

Die Lösung: Doppelgängermorde. Erst wird auf der Münsteraner Domplatte eine Frau ermordet, die Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) zum Verwechseln ähnlich sieht. Dann muss eine kleinwüchsige Bekannte von Boernes Kollegin Haller (Christine Urspruch) dran glauben. Und schließlich auch noch ein Taxifahrer, der dem Vater von Thiel (Claus D. Clausnitzer) aus dem Gesicht geschnitten ist. Die nächsten in der Reihe wären dann logischerweise die Doppelgänger von Boerne und Thiel – und das versuchen die beiden Originale um jeden Preis zu vermeiden.

"Spieglein, Spieglein" will Krimi und Doppelgängerkomödie in einem sein und scheitert wie schon die vorangegangen Episoden an der eigenen Formelhaftigkeit. Boerne und Thiel arbeiten sich mit den üblichen Frotzeleien aneinander ab, die Morde sind wie üblich austauschbar. Das fällt allerdings umso stärker auf als sonst, weil Liefers und Prahl zunehmend das Interesse an ihrer jeweiligen Rolle zu verlieren scheinen.

"Nur weil ich ein Narzisst bin, heißt das nicht, dass sich nicht tatsächlich alles um mich dreht", sagt Boerne irgendwann zu Thiel. Und es dreht sich tatsächlich alles um die beiden Hauptdarsteller, viel stärker noch als in anderen "Tatorten". Wenn also Boerne und Thiel wanken, wankt auch das gesamte Münster-Gerüst – ganz egal, wie man dem Klamauk-Konzept generell gegenübersteht. Diesmal wanken beide ziemlich bedrohlich.

Dass der Rest des Films einem ZDF-Vorabendkrimi hinterherzuhecheln scheint, macht das Gezeigte nur noch schlimmer. Dabei hätte Regisseur Matthias Tiefenbacher durch die Konfrontation mit Boernes und Thiels Altlasten tatsächlich etwas Tiefe in die Folge bringen können. Hat er aber nicht. Stattdessen sehen die Zuschauer genau das, was sie auch in den vergangenen Jahren gesehen haben – nur noch schlechter als sonst. Den Quotensieg dürfte dieses Trauerstück trotzdem allemal einfahren.