München: IS-Anhängerin vor Gericht - ließ sie ein Kind qualvoll verdursten? | München - Merkur.de
Prozess: Deutsche ISIS-Kämpferin kaufte Kind und ließ es verdursten
München – Es sind rund 4000 Kilometer von München bis ins irakische Falludscha – doch an diesem Dienstag ist das Grauen des Terrorgebiets ganz nah. Auf der Anklagebank des Oberlandesgerichts: die deutsche ISIS-Anhängerin Jennifer W. (27). Die junge Frau aus Lohne (Niedersachsen) ist unter anderem wegen Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Sie soll in Mossul und Falludscha für die Sittenpolizei der Terrorgruppe ISIS gearbeitet haben – für 50 bis 100 Dollar im Monat.

Laut Anklage lief sie bewaffnet mit Kalaschnikow und Sprengstoffweste Streife und schüchterte Frauen ein, die sich nicht an die Kleider- und Verhaltensregeln der Terrorgruppe hielten.

IS-Braut Jennifer W. steht vor Gericht, denn sie ließ ein fünfjähriges Mädchen verdursten.

Ihr schlimmstes Verbrechen: Zusammen mit ihrem Ehemann soll Jennifer W. ein kleines Mädchen (5) gekauft und als Sklavin gehalten haben. Das Kind war eine jesidische Kriegsgefangene, wie Vieh zum Kauf angeboten auf einem Sklavenmarkt in Falludscha.

Mordvorwurf gegen Jennifer W.: In der Sonne angekettet bei 45 Grad

Im September 2015 wurde das Kind krank und urinierte auf eine Matratze – sein Todesurteil. Oberstaatsanwältin Claudia Gorf: Zur Strafe kettete der Ehemann das Kind draußen in sengender Hitze an. Mit Handschellen gefesselt war die Kleine bei 45 Grad draußen dem Tode geweiht. Gorf: Obwohl die Angeklagte erkannte, dass das Mädchen mangels Flüssigkeit sterben würde, blieb sie untätig. Das Kind verdurstete.

Der Generalbundesanwalt hat Anklage gegen eine deutsche IS-Anhängerin wegen eines Verbrechens im Irak erhoben.

Jennifer W. verzieht keine Miene, als diese schrecklichen Vorwürfe vor Gericht verlesen werden. Ihre schwarzen Haare hat sie zu einem langen Zopf geflochten, ein Kopftuch trägt sie nicht. Ob sie noch nach islamistischen Regeln lebt, bleibt an diesem Tag unklar.

Sie wurde im Juni 2018 festgenommen, nachdem sie für eine Weile nach Deutschland zurückgekehrt war und dann erneut nach Syrien reisen wollte. Sie schweigt bislang. Ihre Anwälte wollten am Dienstag vor Gericht noch nichts dazu sagen, ob die Angeklagte im Prozess aussagen wird.

Auf der Anklagebank spricht Jennifer W. kaum mit ihren Anwälten. Dem riesigen Medienandrang begegnet sie reglos, versteckt ihr Gesicht vor den Kameras hinter einem Aktenordner. Nach der Verlesung der Anklage ist der Prozess jetzt bereits bis zum 29. April unterbrochen, damit die Beteiligten weitere Unterlagen prüfen können. Beteiligt am Verfahren ist auch Amal Clooney, Menschenrechtsanwältin und Ehefrau des Schauspielers George Clooney. Sie arbeitet für die Mutter des getöteten Mädchens. Am Dienstag waren beide aber nicht persönlich anwesend. Ob Clooney im Laufe des Prozesses nach München kommen wird, ist laut ihren Kollegen noch nicht klar.

In einer Pressemitteilung schrieb sie: Jesidische Opfer des Genozids haben viel zu lang auf diesen Prozess gewartet. Ich bin der deutschen Staatsanwaltschaft, mit der ich gearbeitet habe, dankbar für ihren Einsatz, ISIS-Mitglieder für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.

Ließ Jennifer W. eine Fünfjährige in Falludscha verdursten? Die junge Frau steht wegen Mordes und Mitgliedschaft in der Terrororganisation “Islamischer Staat” vor Gericht. Weitere Vorwürfe könnten hinzukommen.

Jennifer W. blickt ins Leere. Immer wieder schließt sie für ein paar Sekunden die Augen, während Oberstaatsanwältin Claudia Gorf die Anklage verliest. Die 27-jährige W. soll bis heute überzeugte Anhängerin der Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) sein. Anzusehen ist es ihr an diesem Dienstagmorgen im Oberlandesgericht München nicht: Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug mit weißer Bluse, eine schwarz umrandete Brille, das Haar zu einem streng geflochtenen Zopf gebunden.

Einmal kurz ist ein leises “Nein” von ihr zu hören, als der Vorsitzender Richter Reinhold Baier sie fragt, ob sie einen Beruf erlernt hat. Ansonsten schweigt Jennifer W. und wird es nach Angaben ihrer Frankfurter Verteidiger, Ali Aydin und Seda Basay-Yildiz, zumindest vorerst auch weiterhin tun.

Der Generalbundesanwalt hat die junge Deutsche aus dem niedersächsischen Lohne unter anderem wegen IS-Mitgliedschaft, wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffengesetz und wegen Mordes angeklagt. Er wirft ihr vor, eine nach humanitärem Völkerrecht zu schützende Person “grausam und aus niedrigen Beweggründen” getötet zu haben. Laut Anklage hat sich Jennifer W. an dem Mord an einem fünfjährigen jesidischen Mädchen beteiligt. Ihr droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Ende August 2014 soll Jennifer W. über die Türkei zunächst nach Syrien gereist und sich dort dem IS angeschlossen haben. Ab Juni 2015 soll sie dann als eine Art Sittenwächterin erst in der irakischen Stadt Mossul, dann in Falludscha mindestens drei Monate lang bewaffnet durch Parks patrouilliert sein, um Frauen zu ermahnen, die Verhaltens- und Bekleidungsvorschriften der Terrororganisation einzuhalten. Mit einer Sprengstoffweste soll sie die Frauen eingeschüchtert haben.

Jennifer W. heiratete nach islamischem Recht einen IS-Kämpfer, mit dem sie ab Sommer 2015 in einem Haus in Falludscha lebte. Die beiden kauften laut Anklage eine Fünfjährige als Sklavin, die als Jesidin Kriegsgefangene des IS war. Als das Kind krank wurde und sich einnässte, kettete Jennifer W.s Mann das Mädchen laut Anklage auf dem Hof an. Dort musste es in der Sonne bei Temperaturen von etwa 45 Grad ausharren.

Das Kind überlebte die Quälerei nicht. “Obwohl die Angeklagte erkannte, dass das Mädchen mangels Flüssigkeit versterben würde, blieb sie untätig und versorgte es weder mit Wasser noch löste sie die Handschellen”, sagt Oberstaatsanwältin Gorf. “Das Mädchen verdurstete in der Folge.”

All das, was die Oberstaatsanwältin vorträgt, beruht im Wesentlichen auf den Angaben der Angeklagten. Jennifer W. soll nach dem Tod des Mädchens, im September 2016, nach Niedersachsen zurückgekehrt sein. Sie war schwanger und brachte noch im selben Jahr eine Tochter zur Welt.

Im Juni 2018 machte sie sich auf den Weg zurück zum IS. Sie kam bis Neu-Ulm. Dort wurde sie festgenommen und ist seitdem in Untersuchungshaft. Denn der Mann, der sie in seinem Auto angeblich zurück zum IS bringen wollte, war ein Informant der Polizei. Das Auto war verwanzt und Jennifer W. offenbar sehr redefreudig. Seit ihrer Verhaftung schweigt sie.