10.000 Radler demonstrieren in München für bessere Infrastruktur - BR24
Demonstration in München – Fahrräder, fröhliche Menschen – und kein Stau
Tom Soyer, Jahrgang 1963, (sehr gerne) Münchner, schreibt seit 1982 für die SZ und gehört der Redaktion seit 1991 an. Hat für mehrere SZ-Redaktionen in der Region und in München gearbeitet, teils als deren Leiter, und ist inzwischen als “Leseronkel” nicht nur für Leserbriefe im Lokalteil zuständig, sondern auch Vermittler zwischen Redaktion und Leserinnen/Lesern. Über die SZ hinaus engagiert bei der “Vereinigung deutscher Medien-Ombudsleute”, als Sportler und Bluesrock-Musiker. Weil die freiheitliche Demokratie einen unabhängigen Qualitätsjournalismus, aber auch wachsame und mündige Mediennutzer braucht, besucht er regelmäßig Schulklassen und diskutiert bei diesen “SZ-Werkstattgesprächen” über verlässliche Medienquellen und journalistische Berufspraxis.

Der Anteil des Fahrradverkehrs am Münchner Gesamtverkehr liegt bei 18 Prozent nach jüngsten Erhebungen – der Anteil vernünftiger, sicherer Radwegeverbindungen in der Stadt hingegen gefühlt höchstens bei acht Prozent. Da hilft nur eine neue Erhebung – und zwar die der Radfahrer per Großdemonstration. Geschätzte 12 000 bis 15 000 Radler folgen deshalb am Sonntagnachmittag einem Aufruf zur Sternfahrt an den Königsplatz mit anschließender Altstadtring-Ehrenrunde. Wobei: 12 000 erfasst als Zahl gar nicht, was das für eine Bewegung ergibt. So viel jedenfalls, dass die rollende Kundgebung für eine ganze Weile den kompletten Altstadtring für sich hat. Überall Fahrräder statt Autos, überall fröhliche Menschen – und kein Stau.

Die Politik redet viel, aber es geht nichts voran, sagte Andreas Groh, Vorsitzender des ADFC. Der Club hatte mit ÖDP, Grünen und Linken zu der Demo aufgerufen.Deshalb hat der ADFC zwei Bürgerbegehren eingeleitet. Die Demonstration sollte sie unterstützen – und war zum Stimmensammeln gedacht. Groh erklärte: Der Straßenraum muss neu verteilt werden. Aber es wird immer nur geprüft.

Das gefällt Vielen, aber nicht allen. Denn vor allem während der Altstadtring-Runde bildet sich hinter manchem Polizisten an den Einmündungen eben doch ein Stau, ein großer Auto-Rückstau. Pech hat, wer in einer Einbahnstraße zur Schleißheimer Straße gefahren ist, im Angesicht der Polizei kann man nun kaum anders, als sehr geduldig abzuwarten. Und auch jene Dame, die an der Ampel beim Siegestor seufzt, sie habe “jetzt schon fünf Mal Grün gehabt”, aber die Ludwigstraße immer noch nicht queren können, durfte wohl noch eine Weile weiterseufzen: Das war gerade erst der Beginn des gewaltigen Radl-Wurms durch die Innenstadt.

Ausgesprochen gut ist die Stimmung schon draußen an den Startpunkten für die Sternfahrt zum Königsplatz. Da kommen Senioren mit Kleinen auf ihrem “Puky”-Kinderfahrrad an der Studentenstadt ins Ratschen, große Familienpulks sind dabei, mittelalte Rennrad-Freaks tauschen sich übers neue Retro-Bike oder das wieder vom Speicher geholte 70er-Jahre-Modell des Vaters aus, und fleißige Fahrrad-Club-Vertreter mit gelben Warnwesten sammeln Unterschriften für zwei Münchner Radbegehren: Das eine, welches allgemein eine Priorisierung für den Radverkehr und deutlich bessere Bedingungen dafür fordert, und das zweite Begehren, das aus rechtlichen Gründen separat gemacht werden muss und das den Ringschluss für einen Altstadt-Radlring fordert.

Für beide Begehren läuft derzeit die Eintragungsfrist, damit sie überhaupt zugelassen werden, und zumindest an diesem Sonntag läuft es ausgezeichnet für die Initiatoren. Das breite Bündnis aus Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), Grünen, ÖDP, Linke, Bund Naturschutz, Green City und etlichen weiteren Unterstützer, darunter die “Fridays for future”-Kampagne, muss bei der Kundgebung nicht groß werben – die Fahrrad-Gelbwesten sind gesucht und erleben einen richtigen Run.

Eintragen können sich nur Münchner, sehr zur Enttäuschung der vielen Rosenheimer, Fürstenfeldbrucker, Dachauer und Freisinger, die mitradeln, teils in ADFC-Kluft, teils sogar mit Sternfahrt-Fahnen. Dafür sind alle begeistert vom herrlichen Frühlingswetter im April, sie werten das als freundliches Zeichen des Himmels für ihre Mission.

Am Königsplatz, wo die Sternfahrten von Schloss Nymphenburg, vom Ostbahnhof, von der Studentenstadt und vom Westpark her enden, finden gar nicht alle Demo-Teilnehmer Platz. Von der Bühne vor den Propyläen schwärmen der Münchner ADFC-Vorsitzende Andreas Groh und andere Redner, was für ein herrliches Bild sie da vor sich haben: “Radler, so weit das Auge reicht, bis zum Obelisken” – in der Tat weitet sich die Veranstaltung bis zum Karolinenplatz aus, weil der Platz nicht reicht.

Die Schätzung der Teilnehmerzahl wächst mit der Begeisterung: Mit 5000 hatten die Organisatoren vom ADFC gerechnet, anfangs ist mal von “8000” die Rede, später – und immer noch während der Kundgebung auf dem Königsplatz – von “12 000”, und zwar nach Veranstalterangaben auch so von der Polizei bestätigt. Später, während die endlose Radler-Schlange auf dem Altstadtring kreist, ist sich dann sogar die Polizei nicht mehr sicher, ob es nicht auch “15 000” sein könnten. Das sei jetzt irgendwie nicht mehr gut abzuschätzen, heißt es aus dem Polizeipräsidium, wo erste Fantasien aufkeimen, was denn wäre, wenn die Altstadtring-Karawane nun einfach nicht mehr aufhörte.

Für den Ringschluss der Radlerinnen und Radler auf dem Altstadtring hätten 5000 Radler schon ausgereicht, immer drei nebeneinander gerechnet. Klar, mit 12 000 oder 15 000 Radlern gelingt dann eben die perfekte Umarmung der Stadt.

Wer es währenddessen mit dem Auto probieren will, scheitert grandios. Die klingelnde, winkende, lachende Masse der Menschen auf Rädern genießt den ausnahmsweise gewährten Vorrang. Und lächelt die Starnberger SUV-Fahrerin in der Schwabinger Wilhelmstraße wahrscheinlich deshalb besonders freundlich an, weil sich über diese Spezies vorher auf dem Königsplatz Hans Well und seine “Wellbappn” gerade lustig gemacht haben. Dass bei der angeblichen “Radlhauptstadt” München “der Wurm drin” ist, singen die Well-Musikanten und empfehlen der Stadt als Lösung: “Radl auf dStraß und Autos aufm Radlstreifen!”

Da ist der Wurm drin, und der muss raus – “und schaut wia da Andreas Scheuer aus”. Zusammen mit der Unterbiberger Hofmusik unter Franz Himpsl pumpen sie die Menschenmenge voll beste Laune, preisen die Veranstaltung als “Sunday for future” und spotten auf den Bundesverkehrsminister, der Dieselautos noch schone, obwohl die “net amal mehr gstohlen” würden.

Das Ende von “Kleinstmaßnahmen” und “Pilotprojekten”, dafür eine echte Verkehrswende für Radfahrer fordert schließlich Grünen-Stadträtin Katrin Habenschaden in München. “Wir sind ein Teil der Lösung für eine umweltfreundliche, schadstoffarme Politik!”, ruft sie der Menge energisch zu. “Glück kann man sich nicht kaufen – aber ein Radl kann man sich kaufen, und damit ist man schon ganz nah dran.” Wenn München mehr für Radler tut.

Mit besseren Radwegen, umgestalteten Kreuzungen oder mehr Abstellflächen wollen die Initiatoren die Situation für Fahrradfahrer verbessern. Doch für ein einziges Bürgerbegehren ist das Thema zu komplex.   Von Andreas Schubert

Ein Radl-Ring um die Altstadt und eine bessere Fahrrad-Infrastruktur im gesamten Großraum München – dafür gehen am Sonntag über 10.000 Menschen auf die Straße.

München – Tausende Menschen sind in der Landeshauptstadt mit ihrem Fahrrad auf die Straße gegangen, um für eine bessere Infrastruktur für Radfahrer zu demonstrieren. Rund 10.000 Teilnehmer zählte die Polizei am Sonntagnachmittag. 

Die Organisatoren gingen von bis zu 12.000 Menschen vor Ort aus, wie eine Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) München sagte. Der ADFC hatte zu der Sternfahrt von Standorten in München und dem Umland aufgerufen. Auf dem zentralen Königsplatz kamen die Teilnehmer zusammen. Dort gab es eine Kundgebung und Auftritte von Musikern.

„Die Menschen haben die Nase voll von der schlechten Radinfrastruktur in München“, sagte eine Sprecherin des ADFC München. Am Nachmittag fuhren die Teilnehmer dann mit ihren Rädern über den Altstadtring durch die Stadt. Der Verkehr in der Innenstadt war dadurch stark beeinträchtigt, wie ein Sprecher der Polizei sagte.

Die Organisatoren wollen mit der Demo dem sogenannten Radentscheid München Nachdruck verleihen. Dabei handelt es sich um zwei Bürgerbegehren für besseren Radverkehr in München. Zum einen soll der Radverkehr generell attraktiver, leistungsfähiger und sicherer werden. 

Lesen Sie dazu auch: Radl-Entscheid München gestartet: Was will das Bürgerbegehren erreichen?

Mit dem zweiten Bürgerbegehren wird ein gut ausgebauter und durchgehender Radl-Ring rund um die Altstadt gefordert. Für beide Forderungen wurden am Sonntag Unterschriften gesammelt – jeweils rund 33.000 werden benötigt. Kommen sie zusammen, muss der Stadtrat einen Bürgerentscheid organisieren. Bekommt dieser bei einer Mindestanzahl von Stimmen eine Mehrheit, ist der Bürgerentscheid genauso bindend wie ein Beschluss des Stadtrats.

Lesen Sie dazu auch unseren Gastbeitrag: 7 Dinge müssen wir tun, um als Radler in München zu überleben