Jüdisches Leben in München
Mehr Antisemitismus: Jüdisches Leben in München
Ein Teilnehmer der Demo “Deutschland trägt Kippa”, bei der sich die Teilnehmer mit jüdischen Mitbürger solidarisiert haben: Das Antisemitismus ein wichtiges Thema ist, birgt neue Schwierigkeiten: Es bringt Juden permanent in Verbindung mit Opfernarrativen, so Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: photo2000/imago)

Heute jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Der bürgerliche Mob tobte damals im ganzen Land, erschlug jüdische Mitbürger, zerstörte ihre Wohnungen, Geschäfte, Synagogen. Daran zu erinnern, ist wichtig. Doch sollte man darüber die heute Lebenden nicht vergessen.   

Die Erinnerungskultur zum Holocaust und zu den Schritten dorthin gehört zur DNA dieses Landes. Aber darüber vergessen wir allzu oft das lebendige Judentum in Deutschland. Die Monstrositäten, die im vergangenen Jahrhundert von deutschem Boden ausgegangen sind, lassen uns keine Wahl: Geschehnisse wie die Novemberpogrome vor 80 Jahren, speziell in den Abend- und Nachtstunden vom 9. auf den 10. November 1938, werden auf ewig einen Platz in unserem Leben haben. Das sind wir den Opfern einfach schuldig. 

Die “Reichspogromnacht” (wegen der zerschlagenen Fenster von Wohnungen, Geschäften und Synagogen im deutschen Volksmund auch “Reichskristallnacht” genannt) ebenso wie die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 sind zwei Daten, die uns Nachgeborenen eine Mahnung bleiben müssen. Nicht, um zu zeigen, wie böse die Deutschen einst waren, sondern wie entfesselt selbst der moderne Mensch noch in der Lage ist, gegen zivilisatorische Mindeststandards zu handeln. Der Appell: “Wehret den Anfängen!” wird nie an Bedeutung verlieren.  

In der Nacht des 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland zahlreiche Synagogen, andere wurden verwüstet. Genauso wie jüdische Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden misshandelt und gedemütigt. Video

Das zeigen nicht nur der nach wie vor verbreitete und teils offen und aggressiv auftretende Antisemitismus, sondern auch  kleine Unbedachtheiten im Alltag. Der 1991 geborene Stand-up-Comedian Chris Tall zum Beispiel rief vergangenes Jahr den mehr als zehntausend Menschen in seinem Publikum zu: “Lasst uns die Bude abfackeln. Jetzt ist Chris-Tall-Nacht!”; fast bedenklicher war, große Teile des Publikums lachten darüber. Den meisten sind diese Probleme bewusst und inzwischen wird viel über die Geschichtsvergessenheit und die Formen des Gedenkens an die ermordeten Juden nachgedacht.

Eine weiße Rose auf einer Stele am Holocaust-Mahnmal in Berlin: Das jüdische Leben darf sich nicht nur in Museen und auf Friedhöfen abspielen, meint unsere Kolumnistin. (Quelle: IPON/imago)

Wenn es nicht um Antisemitismus geht, spielen sie in unserer Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Antisemitismus ist zwar selbstredend ein wichtiges Thema, aber das alles andere überlagernde Interesse daran birgt neue Schwierigkeiten: Es bringt Juden permanent in Verbindung mit Opfernarrativen, was letztlich ebenso eine Form der Stigmatisierung darstellt. 

Von einer gewissen Normalität sind wir folglich noch weit entfernt. Selbst wer Grundlegendes über jüdisches Leben in Deutschland erfahren will, muss sich selbst darum kümmern. Offeriert wird einem das öffentlich nur in Nischenprodukten wie der “Jüdischen Allgemeinen” oder der kurzen Sendung “Schalom” freitagnachmittags im Deutschlandfunk.

“Deswegen ist es so wichtig”, schrieb mein Co-Autor Michael Rubinstein in unserem muslimisch-jüdischen Buch “So fremd und doch so nah”: “dass jüdisches Leben in Deutschland als ein vielfältiges wahrgenommen wird, mit Stärken und Schwächen – aber vital und mit Zukunftsperspektiven. Es gehört nicht primär in Museen, Gedenkstätten oder auf Friedhöfe – sondern ins Leben, in den Alltag.”

Es wäre schön, wenn Kulturschaffende, Politiker, Journalisten hin und wieder auch das problembefreite, unbelastete Leben von Juden in den Vordergrund rücken würden. Oder wenn ein Bundespräsident oder eine Bundeskanzlerin zu Chanukka oder zum Jom Kippur ihre Glückwünsche einmal prominenter entbieten würden als über einen Regierungssprecher auf Twitter oder Facebook.

Das eigene Erleben einer jüdischen Gemeinde und die Projektarbeit gegen Antisemitismus mit Kindern und Jugendlichen haben mich gelehrt: Verständnis und Empathie erreicht man am ehesten, wenn man Jugendliche mit echten, lebenden Juden zusammenbringt, anstatt ihnen nur von toten Juden zu erzählen. Erst in der persönlichen Begegnung begreifen die meisten, dass die Unterschiede zwischen ihnen viel geringer sind, als sie zuvor gedacht hatten, und dass sie viel, viel mehr Erfahrungen teilen – und sei es die der Ausgrenzung. 

Wenn heute die Erinnerung an das Leid und den Tod der Juden von damals ansteht wie an diesem 9. November, muss ich persönlich jedenfalls immer auch an die Freude und das Leben der Juden im Hier und Jetzt denken.   

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Publizistin und leitetet derzeit ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt “Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben” und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnisten auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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