Videobeweis - das entscheidende Bild fehlte in Gladbach - sportschau.de
Bonhof wettert: Gräfe werde ich in Zukunft ablehnen
Der Pass von Marco Reus auf Jadon Sancho zum 1:0 für Dortmund in Mönchengladbach war im Aus – oder doch nicht? Der Video-Assistent konnte keine Klarheit bringen, denn das entscheidende Bild fehlte.

Als Marco Reus den Ball in der 45. Minute zu Jadon Sancho spielte und dieser das 1:0 für den BVB schoss, herrschte helle Aufregung in Mönchengladbach – und vielleicht auch in München. Denn der Ball schien auf den Fernsehbildern im Aus zu sein. Direkt nach dem Tor waren Bilder zu sehen, die aber allesamt das Geschehen von der Seite zeigten. War der Ball wirklich im Aus? Oder ragte er möglicherweise noch minimal in den Luftraum der Torauslinie?

Im Mittelpunkt: Schiri Manuel Gräfe! Um was es geht und wie der Berliner auf die Vorwürfe reagiert, lesen Sie bei BILDplus.

Schiedsrichter Manuel Gräfe in Mönchengladbach und sein Video-Assistent Frank Willenborg in Köln hatten gleich drei Probleme:

Dortmund verspielt die Meisterschaft, Gladbach vergeigt die Champions League – und nach Abpfiff krachts in den Katakomben!

1. Die Kamera, die sich auf Höhe der beiden Torpfosten befindet und meist bei der Torlinientechnik die Beweisführung für ein Tor unterstützt, zeichnet nicht von einer Eckfahne bis zur anderen auf. Auf den Bildern, die diese Kamera zeigte, war Marco Reus zwar zu sehen – nicht aber seine Füße und auch nicht der Ball. Den Fernsehzuschauern wurde das Bild gar nicht erst gezeigt. Das entscheidende Bild fehlte.

2. Die anderen Einstellungen, die allesamt aus einem bestimmten Winkel aufgenommen wurden, ließen keinen finalen Schluss zu.

Gräfe verteidigte seine Entscheidung: “Mir war wichtig, die Wahrnehmung vom Assistenten nochmal abzugleichen.” Und die sei dieselbe wie auf den Bildern gewesen, sagte er: “Es ist ein bisschen Grün zu sehen am Boden, aber der Ball ist nun mal rund. Und die Kugel ist an der Stelle eben nicht komplett im Aus.” Ein bisschen Grün war also zu wenig Grün.

Audio starten, abbrechen mit Escape Manuel Gräfe bemängelt "Grenzen der Technik" Sportschau. 18.05.2019. 01:16 Min.. ARD.

Bei Entscheidungen, die ohne Interpretationsspielraum in die eine oder andere Richtung entschieden werden können, verlässt sich der Schiedsrichter gewöhnlich auf das Urteil des Video-Assistenten per Funk. Ob ein Ball im Aus war oder nicht ist eine solche “faktische Entscheidung”. Trotzdem ging Hauptschiedsrichter Gräfe sogar gemeinsam mit einem Assistenten an den Bildschirm.

Die Situation war potenziell entscheidend für die Meisterschaft – zu diesem Zeitpunkt stand es in München erst 1:0 für die Bayern. Es sei um so viel gegangen, sagte Gräfe: “Wir haben gesagt: Wir wollen, dass der Schiedsrichter auf dem Feld das entscheidet.” Der Schiedsrichter darf laut Protokoll des IFAB auch zum Bildschirm gehen, um eine Entscheidung “zu verkaufen”, also eine höhere Akzeptanz zu erreichen.

Unbefriedigend ist diese Lösung allemal, denn der Video-Assistent verspricht ja eigentlich eine größere Genauigkeit. Der DFB reagierte zuletzt auf Systemfehler beim Video-Assistenten. Die den gesamten Platz einfangende “Taktik-Kamera” wurde nach einer schwierigen Abseitsentscheidung bei einem langen Pass auch für den Video-Assistenten eingeführt. Seit dem “Halbzeit-Elfmeter” von Mainz gegen Freiburg muss sich der Video-Assistent per Funk beim Schiedsrichter abmelden.

Manuel Gräfe hat eine andere gute Idee: “Es wäre natürlich schön gewesen, wenn wir eine Torauslinienkamera gehabt hätten. Dann hätten wir ganz objektiv sagen können: Der Ball ist im Spiel und die Entscheidung war korrekt. So zweifelt der ein oder andere vielleicht nochmal.”

Dr. Jochen Drees, Projektleiter Video-Assistent beim DFB, sieht das genauso. “Alles, was uns weiterhilft, solche Situationen zweifelsfrei aufzulösen, begrüße ich”, sagt Drees im Gespräch mit sportschau.de über eine mögliche “Torauslinienkamera”. Dass in Gladbach Restzweifel blieben, sei der Tatsache geschuldet, dass die Außenlinien nicht entsprechend aufgenommen würden: “Derzeit müssen wir uns an dem bedienen, was wir haben.”

Ein entscheidend Beteiligter sah das alles übrigens ganz anders. Marco Reus, der den umstrittenen Ball gespielt hatte, sagte freimütig: “Ich habs ehrlich gesagt gerade erst gesehen und für mich war er aus.”

Audio starten, abbrechen mit Escape Reus zum Videobeweis: "Für mich war der Ball im Aus" Sportschau. 18.05.2019. 00:08 Min.. ARD.

Borussia Mönchengladbach hat durch eine 0:2-Heimniederlage gegen Dortmund am letzten Spieltag das Ticket für die Champions League verpasst. VfL-Vizepräsident Rainer Bonhof hatte sich nach Schlusspfiff auf Referee Manuel Gräfe eingeschossen, der sich den unangenehmen Fragen souverän stellte.

Es war die 45. Minute, die nach dem Dortmunder 2:0-Erfolg im Borussia-Park die Emotionen hochkochen ließ. Speziell Gladbachs Vizepräsident Bonhof war bedient. Doch was war passiert? Thomas Delaney hatte das Spiel toll eröffnet und Marco Reus auf dem linken Flügel mustergültig eingesetzt. Dessen erste Flanke ins Zentrum wurde noch geblockt, im zweiten Anlauf fand er aber Jadon Sancho, der auf 1:0 stellte. Referee Manuel Gräfe bekam einen Hinweis aus Köln und sah sich die Szene am Monitor nochmal an. Die entscheidende Frage: War der Ball vor der zweiten Reus-Flanke nicht schon mit vollem Durchmesser hinter der Torauslinie?

Reus hatte dazu eine klare Meinung. Bei “Sky” sah er sich die Szene an – und sagte sofort: “Aus.” Es rang dem BVB-Kapitän aber auch ein Lächeln ab. Sein vielsagender Kommentar: “Wir stehen fast jedes Mal nach dem Spiel hier und diskutieren über den VAR. Für mich war er im Aus. Aber der Schiedsrichter hat so entschieden. Für uns war es Glück.”

Mit weniger Humor sah es VfL-Vizepräsident Bonhof, der in der Mixed Zone wetterte: “Gräfe werde ich in Zukunft ablehnen. Ob das geht, weiß ich nicht. Aber solange ich hier etwas zu sagen habe, wird er uns nicht mehr pfeifen.” Die Szene sei “spielbeeinflussend” gewesen. Denn: “Der Ball war klar im Aus.” Gräfe und die Videoschiedsrichter in Köln hätten das Spiel beeinflusst.

“Wenn du so ein Spiel hast, musst du wertneutral pfeifen. Das hat er aus meiner Sicht mehrmals im Borussia-Park nicht getan”, schoss Bonhof in Richtung des Berliner Unparteiischen. Dieser stellte sich anschließend sehr souverän den Medienvertretern. Gräfe erklärte, dass er sich die Szene auf dem Platz nochmal angesehen habe, weil “das heute heute so ein wichtiges Spiel war, in dem es um Meisterschaft und Champions League ging”.

Es sei der “Wunsch der Vereine und der Öffentlichkeit, dass es auf dem Platz entschieden wird”. Natürlich seien “faktische Entscheidungen in Köln” zu treffen. Aber diesmal wäre das nicht möglich gewesen: “Auf Grund der Bilderlage war es noch immer eine knappe Entscheidung.” Es habe im Borussia-Park leider “keine Torauslinienkamera” gegeben.

“Für den Assistenten, der genau auf der Seitenlinie stand, und das war sein größter Vorteil, war der Ball knapp nicht im Aus”, so Gräfe über Linienrichter Markus Sinn. Für solche Situationen würden die Assistenten auf den Lehrgängen ausgebildet. “Für Köln war er auch noch auf der Linie. Aus unserer Sicht ist die Entscheidung richtig.”

Den Ärger von Bonhof könne er dennoch nachvollziehen. “Absolut. Ich habe ja selbst früher gespielt”, schob Gräfe hinterher. Bonhof sei ein “Top-Spieler gewesen und guter Funktionär”. “Ich glaube, er wird es morgen ein bisschen anders sehen”, so der Unparteiische. Mit ein wenig Abstand werde Bonhof diese Szene sicherlich mit “mehr Fairness, Respekt und Objektivität” bewerten. Aber es sei auch “jede Meinung erlaubt”: “Auch wenn er morgen dabei bleibt, dann ist das so.”

Eine wichtige Erfahrung für alle sei, dass die “Technik auch an Grenzen stößt”. Das alles seien “Dinge, die weiterentwickelt werden müssen”. Gräfe habe längst gemerkt, dass “die Spieler mittlerweile auch genervt sind”. Seine Einstellung zum Thema Videobeweis: “Das muss der DFB und die Liga irgendwann entscheiden. Ob der Mehrwert an vermeintlicher Gerechtigkeit es wert ist, dafür dem Spiel etwas zu nehmen, was es über Jahrzehnte ausgezeichnet hat.” Andererseits habe sich der Fußball eben “immer weiterentwickelt”.

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