Meister Adler Mannheim - Zermürber auf Eis - Süddeutsche.de
DEL-Meister Adler Mannheim: Der Liga entflogen
Mannheim stürzt den EHC München und feiert die erste Eishockey-Meisterschaft seit vier Jahren. Die Adler profitieren besonders von den Qualitäten ihres Trainers Pavel Gross. Als Vorbild sehen sie nun ihren unterlegenen Gegner.

Die Antwort war kurz, Matthias Plachta benötigte nur ein Wörtchen. Alles, antwortete der Stürmer der Mannheimer Adler auf die Frage, was jetzt gehe. Bevor er dann doch noch anstandshalber ein paar Worte hinzufügte. “Heute geht alles. Und alles ist erlaubt.” Er wolle den Moment erst einmal mit der Familie genießen, “dann reißen wir vielleicht noch die Arena ab.” Eishockeyspieler sind harte Jungs.

Plachtas Adler Mannheim haben sich am Freitagabend einen Traum erfüllt, dem sie seit vier Jahren hinterher gerannt waren. Durch den 5:4-Sieg nach Verlängerung gegen den EHC Red Bull München machten die Kurpfälzer ihren achten deutschen Eishockey-Meistertitel perfekt. “Es gibt kein besseres Gefühl”, sagte Adler-Geschäftsführer Daniel Hopp, der von einer “Bilderbuchsaison” seiner Mannschaft sprach. Diese Aussage war selten so leicht mit Zahlen zu untermauern, wie in dieser Spielzeit. Mit 116 Punkten hatten die Mannheimer bereits in der Hauptrunde einen neuen Punkterekord in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) aufgestellt. In den Playoffs verloren sie nur zwei ihrer 14 Partien und sicherten sich den Titel ähnlich souverän wie die Münchner bei ihren Triumphen 2016 und 2017.

 “München hat wirklich stark gespielt, deshalb standen die seit drei Jahren vorne”, sagte Mannheims Olympia-Kapitän Marcel Goc bei SPORT1: “Wir waren zwischendurch zu sicher und zu passiv, aber am Ende haben wir es verdient. Wir haben einen langen Weg hinter uns, es lief nicht immer so, wie wir uns das vorgestellt haben. Jetzt bin ich sehr stolz auf die Jungs. Hauptsache, wir haben das Spiel gewonnen.”

Die Münchner, die die drei vorangegangenen Meisterschaften gewonnen hatten, gratulierten artig. “Wer oben steht, hat es verdient. Darüber brauchen wir nicht zu reden”, sagte Frank Mauer, der bei Mannheims letztem Triumph im Jahr 2015 noch das Adler-Trikot getragen hatte. EHC-Kapitän Michael Wolf erklärte nach seinem 782. und letzten DEL-Spiel, die Adler seien “einfach immer ein Quäntchen besser als wir” gewesen. Den Münchnern erging es wie zuvor schon unzähligen Tennisprofis, die Rafael Nadal bei den French Open gegenüber standen. Ihr Gegner hatte immer die bessere Antwort parat. Und das zermürbt früher oder später.

Marcus Kink, mit 812 DEL-Einsätzen Mannheims Rekordspieler, erklärte, diese Saison habe sich wie eine “Mission” angefühlt. “Wir sind gestartet, hatten ein Ziel und haben es durchgezogen.” Vor etwas mehr als einem Jahr hatten die Ziele noch ganz anders gelautet. Im Januar 2018 dümpelte der Traditionsverein noch auf Rang zwölf der 14er-Liga herum und drohte, selbst die Pre-Playoffs zu verpassen. Nach jener Saison, die mit dem Halbfinaleinzug zumindest noch halbwegs versöhnlich geendet war, machte der Klub einen radikalen Schnitt und krempelte die gesamte sportliche Führung um. “Wir hatten einen langen Weg vor uns, die letzten Jahre liefen nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten”, sagte Marcel Goc. Aus der Meistersaison 2015 waren nur noch Torhüter Dennis Endras, der zum wertvollsten Spieler der Playoffs gekürt wurde, sowie Sinan Adag, Denis Reul, Kink und Plachta dabei.

Der Mann, der dafür sorgte, dass der Erfolg nach Mannheim zurück kam, heißt Pavel Gross, er ist der Trainer der Adler. Vom 20. Juli an habe die ganze Mannschaft “extrem hart” gearbeitet, sagte Endras. “Wer Pavel kennt, weiß, dass das keine Lüge ist.” Plachta schloss sich dieser Analyse an: “Es ist kein Geheimnis, dass es für uns Spieler kein leichtes Jahr war.” Cody Lampl erklärte sogar, die zu Ende gegangene Saison sei das “härteste Jahr meines Lebens” gewesen. Der Verteidiger stand sinnbildlich für die beeindruckende Tiefe im Adler-Kader. Nachdem er in den ersten drei Finalspielen auf der Tribüne gesessen war, kam er in den letzten zwei für Akdag ins Team – und traf in beiden Partien.

Gross bedankte sich dafür, “die Chance” erhalten zu haben, die Adler zu trainieren. “Diese haben wir wahrgenommen”, sagte er stellvertretend für das ganze Trainerteam. Dann lobte er seine Spieler. “Super Charaktere” seien sie, dazu “gute Leute und gute Spieler”. Die Botschaft, die ihm am wichtigsten war, lautete: “Wir haben hier keine Stars. Wir denken, das sind Stars, aber das sind keine. Das ist eine Mannschaft.” Dreimal war Gross als Trainer schon im DEL-Endspiel gestanden, dreimal hatte er gegen von Don Jackson trainierte Teams verloren.

Auf dem von goldenen Konfetti bedeckten Mannheimer Eis kündigte er nun an, dass “wir bestimmt viel Bier” trinken werden. “Nicht nur heute, wahrscheinlich die nächsten drei Tage.” Vom früheren Adler-Spieler, der die Mannheimer von 1997 bis 1999 dreimal als Kapitän zum Titel geführt hatte, fiel in diesen Momenten all die Anspannung ab. Gross war speziell in der Endspiel-Serie so fokussiert, dass er vor den Finalspielen nicht einmal für die eigentlich üblichen kurzen TV-Interviews zur Verfügung stand.

Zunächst war alles nach Plan gelaufen: Marcel Goc, Kapitän der Silberhelden bei Olympia 2018, brachte sein Team mit seinem ersten Playoff-Treffer in Führung (6.), dann bereitete er das 2:0 durch Cody Lampl mustergültig vor (12.). Matthias Plachta erhöhte zu Beginn des zweiten Drittels (24.). 

Seine Verbissenheit sollte dafür sorgen, dass sich die Adler nicht ausruhen und auch in der nächsten Saison ihre beeindruckende Kombination aus Kraft und Qualität aufs Eis bringen werden. Hopp sagte, er tue sich ein bisschen schwer damit, von einer Ära zu sprechen, da “wir nach unseren letzten Meisterschaften immer große Probleme hatten”. Er verwies darauf, dass der Klub nächste Saison mit derselben Konsequenz an die Sache herangehen müsse. “Das hat München in den letzten Jahren vorgemacht. Das muss unser Vorbild sein.” Die Spieler blickten nicht so weit nach vorne: “Wir sind eine Mannschaft, wir machen alles zusammen”, sagte Stürmer Markus Eisenschmid. “Wenn die Mannschaft drei Tage lang feiert, feiere ich auch drei Tage.”

In einer Saison voller Bestmarken haben sich die Adler zum Rekordmeister der Deutschen Eishockey Liga gekürt. Mannheim und Final-Gegner München sind der Konkurrenz sportlich und finanziell enteilt.

Die Mannheimer Fans feierten schon in Dauerschleife. Doch plötzlich die große Stille, das große Zittern. Patrick Hager versenkte den Puck erneut in Überzahl zum 4:3 (46.)! Die Adler hatten plötzlich das große Nervenflattern und München echte Bullen-Power. Yasin Ehliz donnerte die Scheibe zum 4:4 ins Netz! Was für ein Spiel, was für ein Krimi. Matt Stajan traf Sekunden vor der Sirene noch den Pfosten. Die Münchner, die schon als die sicheren Verlierer ausgesehen hatten, trotzten den Adlern damit die Verlängerung ab. Wir sind extrem viel gelaufen, haben sie sicher auch damit überrumpelt, jetzt müssen wir so weiterlaufen, sagte Münchens Ehliz.

Mehr Artikel von Bernd Schwickerath Samstag, 27.04.2019   11:18 Uhr Drucken Nutzungsrechte Feedback Kommentieren if (typeof ADI != undefined) ADI.writeAdScript(integrationteaser_1); Es sieht ja immer ein wenig ungelenk aus, wenn sich jemand mit Straßenschuhen auf Eis fortbewegt. So kam auch Daniel Hopp nur schwerlich voran. Allerdings musste der Geschäftsführer der Adler Mannheim sowieso alle paar Meter auf der Eisfläche der Mannheimer Arena stehenbleiben. Spieler, Trainer, Mitarbeiter, Bekannte, Offizielle von Liga und Verband, Reporter – und sie alle wollten etwas von ihm. Da blieb kaum Zeit für einen Blick auf die Tribünen, wo 13.600 Fans sangen und tanzten, weil die Adler gerade Deutscher Meister geworden waren.

Zweites Drittel, gleiches Spiel. München im Kopf und mit den Beinen zu langsam. Das nützte Matthias Plachta zum 3:0 (24.). Das ist zu stark, das ist zu gut. Mannheim ist besser in dieser Finalserie, sagte Ex-Nationalspieler und Sport1-Experte Rick Goldmann. Wirklich? In der 26. Minute ein Hoffnungsschimmer für München, Trevor Parkes im Powerplay zum 3:1! Der erste EHC-Treffer nach 115 torlosen Minuten. Doch der nächste Tiefschlag ließ nur fünf Minuten auf sich warten, Tommi Huhtala stellte den Drei-Tore-Abstand wieder her – 4:1! Doch kampflos wollten der EHC die Krone nicht abgeben, Andreas Eder mit dem 4:2 (38.).

“Es ist ein Traum, eine Genugtuung”, sagte Hopp sichtlich erleichtert. Nun konnte er es sein, in den Minuten zuvor war daran nicht zu denken. Denn fast hätte seine Mannschaft gegen den EHC Red Bull München eine 4:1-Führung verspielt. Kurz sah es so aus, als müsste die Meistersause abgesagt werden – ehe Thomas Larkin in der Verlängerung zum 5:4 traf und die Halle explodieren ließ. Der vierte und entscheidende Sieg im Play-off-Finale der Deutschen Eishockey Liga (DEL) war perfekt.

In der Verlängerung sorgte Larkin für die Entscheidung. So endete Münchens Regentschaft nach 1099 Tagen. Was bleibt dem EHC von dieser Saison? Ein neuer Punkterekord, noch nie hatte der Verein in seiner Geschichte 109 Punkte in der Hauptrunde gehamstert. Und das Vize-Double, denn der EHC hatte sensationell auch das Finale der Champions League erreicht, wo man aber im schwedischen Topklub Frölunda Indians (1:3) seinen Meister fand. Wie jetzt wieder – mit Mannheim.

Party in der SAP Arena: @adlermannheim feiert den DEL-Titel 2019. #geilstezeit pic.twitter.com/CQbR3cWs8l

Mannheim/München – Thronsturz zu Mannheim. Aber was für ein Krimi, was für ein Fight. Die Mannheimer sahen schon wie der klare Sieger und damit Meister aus, sie führten 3:0 und 4:1, doch dann drehte der EHC Red Bull München auf, glich zum 4:4 aus. Die Entscheidung musste in der Verlängerung des fünften Spiels der Finalserie fallen. Und da versetzte Thomas Larkin dem EHC in der 74. Minute den sportlichen Todesstoß.

Dass die Mannheimer ein würdiger Meister sind, daran besteht kein Zweifel. Auch die Münchner, zuletzt Seriensieger mit drei Titeln in Folge, erkannten das an. Bereits in der Hauptrunde hatten die Adler mit 112 Punkten nach 52 Spielen einen Rekord aufgestellt, doch erst in den Playoffs spielten sie “unser bestes Eishockey”, wie Toptorjäger Markus Eisenschmid (28 Saisontreffer) sagte: 4:1 gegen Nürnberg, 4:0 gegen Köln, 4:1 gegen München. Für die zwölf Siege bis zum Titel benötigten sie 14 Spiele. Nie war ein Team schneller. Nie hat eins die DEL von Mitte September bis Ende April so dominiert.

Das ist sicherlich überraschend, aber keine Sensation. Schließlich stehen die Adler dank Daniel Hopp, Sohn des SAP-Gründers und Fußballmäzens Dietmar Hopp, weit oben in der Etat-Tabelle der DEL. Mithalten können da nur die Münchner mit ihren Red-Bull-Millionen. Doch Geld allein macht auch im Eishockey nicht glücklich: Nachdem die Mannheimer 2015 ihre siebte Meisterschaft gewonnen hatten, trafen sie viele falsche Personalentscheidungen. Zu oft wurde nach Name gekauft. Das Ergebnis: Anfang 2018 fanden sich die Adler auf Rang zwölf der 14er-Liga wieder.

Nach fünf Minuten und 37 Sekunden sah es noch schlechter aus. Mannheims Marcel Goc schoss aufs Tor, bekam seinen eigenen Abpraller und versenkte die Scheibe an Goalie Danny aus den Birken vorbei zum ersten Streich der Adler – 1:0! Ein Schuss tief ins Bullenherz. In der 12. Minute nutzte Mannheim einen Fehler von Münchens Tobias Eder aus, Cody Lampl mit dem 2:0. München geschockt.

Da reichte es Hopp, der sich nie als reinen Mäzen, sondern stets als Gestalter definiert: Er kündigte “den größten Umbruch der Vereinsgeschichte” an und zog ihn durch. Neuer Manager wurde der bestens vernetzte Schwede Jan-Axel Alavaara. Als neue Trainer verpflichtete der Verein Pavel Gross und Mike Pellegrims, die bereits die finanziell deutlich schlechter ausgestatteten Wolfsburger mehrmals ins Finale geführt hatten. Auch neue Schlüsselspieler kamen: unter anderem Torjäger Eisenschmid und der famose finnische Verteidiger Joonas Lehtivuori.

Anders die Analyse von Ex-DEL-Goalie und dem jetzigen Magentasport-Experte Patrick Ehelechner vor der Partie: Es spielt nicht viel für München, das wird eine Herkulesaufgabe für den EHC. Wenn ich ehrlich bin, sieht es nicht sehr gut aus.

“Wir haben alles verändert, und das war glaube ich ganz gut”, sagte Hopp nun sichtlich zufrieden. Ob das gleich für eine Wachablösung in der DEL reiche, ließ er offen. Auch Stürmer David Wolf mahnte trotz der einseitigen Serie gegen den Titelverteidiger, “mit den Füßen auf dem Boden” zu bleiben. “Du darfst München nie abschreiben, die werden nächstes Jahr wieder neu angreifen.”

Die Mannschaft von Trainer Pavel Gross entschied damit vor 13 600 euphorisierten Fans mit die Best-of-seven-Finalserie mit 4:1 für sich. Mannheim darf sich also erstmals nach dem Titelgewinn 2015 und zum insgesamt achten Mal Könige der DEL nennen.

Davon ist auszugehen. Zur Wahrheit der Mannheimer Überlegenheit gehört, dass die Münchner vor der Saison Nationalspieler wie Dominik Kahun oder Brooks Macek nach Nordamerika verloren und das ganze Jahr über Verletzungspech hatten. Erschwerend kam hinzu, dass sie wegen ihres Einzugs ins Finale der Champions League und der engeren Play-off-Serien am Ende 17 Spiele mehr absolviert hatten als die Mannheimer. Nächste Saison könnte es wieder deutlich enger zugehen zwischen Adlern und EHC.

Es würde niemanden wundern, wenn es dann zur Neuauflage des Finals kommt. Die Klubs sind dem Rest der Liga finanziell wie sportlich enteilt. Sie haben die besten Trainer, die tiefsten Kader und locken immer neues Spitzenpersonal an. Im Finale stand nicht umsonst der halbe Silberkader von Olympia 2018 auf dem Eis, zudem zahlreiche Akteure mit Erfahrungen aus der NHL oder der russischen KHL.

Selbst Nürnbergs spendierfreudiger Mäzen Thomas Sabo hat da aufgegeben: Im Dezember klagte er gegenüber dem Fachmagazin “Eishockey News”: “München und Mannheim laufen etatmäßig einfach weg, da ist nicht mehr mitzuhalten, und das will man auch gar nicht mehr.” Machen sie keine allzu groben Fehler, könnte das Rennen um die deutsche Eishockey-Meisterschaft über Jahre ein Zweikampf werden.