Emotionaler Abschied für Mainz-Kapitän Niko Bungert | Fussball | SWR Sport - SWR
Hoffenheim verspielt Führung und Europa
Gänsehaut-Feeling in der Arena: Mainz 05 krönt die Saison mit einem 4:2 gegen Hoffenheim nach 0:2-Rückstand und verabschiedet mit bewegenden Zeremonien langjährige Protagonisten wie Kapitän Niko Bungert und Stadionsprecher Klaus “Auf gehts!”-Hafner.

Mainz (dpa/lrs) – Niko Bungert wollte und konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. "Das ist viel zu viel Wertschätzung für eine einzelne Person", sagte der scheidende Kapitän des FSV Mainz 05 angesichts der nicht endenden Ovationen durch seine Kollegen und Fans nach dem spektakulären 4:2 (0:2) am Samstag gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Er gehe nach elf 05-Jahren und 166 Bundesligaspielen als "glücklicher Ex-Fußballer nach Hause". Zum Saisonabschluss lieferte der selbst ernannte Karnevalsverein großes Kino.

"Du bist für immer mein Spieler" – mit diesen Worte adelte der heutige Paris-Trainer Thomas Tuchel seinen ehemaligen Innenverteidiger per Video-Botschaft. Nationaltorhüter Manuel Neuer ("Diese Zeit möchte ich nicht missen") erinnerte auf gleichem Weg an gemeinsame Junioren-Zeiten bei Schalke 04. "Du hast eine Bilderbuchkarriere hingelegt, und du hast mich gnadenlos genervt, weil ich bei dir die Prämien immer bis auf die dritte Stelle nach dem Komma ausrechnen musste", erzählte Ex-Manager Christian Heidel auf der Anzeigetafel.

Nagelsmann nach dem Spiel bei Sky: Es war nicht einfach, in Unterzahl zu spielen. Wir hatten noch drei Riesenchancen, müssen davon eine nutzen. Es ist leider viel gegen uns gelaufen, viel Glück hatten wir diese Saison nicht.

Noch einmal 90 Minuten plus Nachspielzeit stand Bungert durch, am Ende von Krämpfen geplagt. Kurz vor Schluss setzte er noch ein Ausrufezeichen, als er mit dem Kopf voran waagerecht in der Luft lag und einen Flankenball mit der Hacke traf. TSG-Keeper Oliver Baumann verhinderte beim Stand von 2:2 ein spektakuläres Tor. "Das wäre des Guten fast schon zu viel gewesen", meinte Bungert. "Wenn Niko Bungert den akrobatischen Hacken-Trick zum Siegtor reingemacht hätte, dann wären – glaube ich – alle komplett ausgerastet. Ich weiß nicht, ob der Schiedsrichter das Spiel dann noch einmal hätte anpfeifen können", sagte Trainer Sandro Schwarz.

Dann der Knackpunkt: Hoffenheim-Teenie Christoph Baumgartner (19). Der Ösi sieht in seinem erst zweiten Bundesliga-Spiel und beim Startelf-Debüt in der 41. Minute die Gelb-Rote-Karte. Die TSG fast 50 Minuten in Unterzahl.

28 302 Zuschauer waren bis dahin schon auf ihre Kosten gekommen. Hoffenheim schien im letzten Spiel von Trainer Julian Nagelsmann nach den Treffern Ishak Belfodil (12. Minute) und Andrej Kramaric (34.) auf dem besten Weg zur Qualifikation für die Europa League. Die Gelb-Rote Karte für Christoph Baumgartner kurz vor der Halbzeit änderte die Kräfteverhältnisse nach der Pause.

Ein von Daniel Brosinski verwandelter Foulelfmeter nach Videobeweis brachte den Anschluss (66.). Danach war Jean-Paul Boëtius auch durch ein aberkanntes Tor nicht mehr zu stoppen und leitete mit seinem ersten Doppelpack (83., 90.) die Wende ein. Den Schlusspunkte setzte mit seinem 14. Saisontor Jean-Philippe Mateta (90.+4).

Wie schon bei Nagelsmanns letztem Heimspiel als Hoffenheim-Coach, bei dem die Stimmung auch durch die 0:1-Pleite gegen Werder Bremen etwas getrübt war, blieb der Abschied des Trainers von Fanseite aus anfangs eher nüchtern. “Danke Julian, machs gut”, war auf einem Plakat zu lesen. Insgesamt jedoch schien das Verhältnis nach dessen Kritik an Teilen der Anhängerschaft in den vergangenen Wochen etwas unterkühlt.

Die Torgala in der zweiten Halbzeit erfreute auch Eintracht Frankfurt. Denn Hoffenheim fiel durch die Niederlage aus den internationalen Rängen und der Nachbar vom Main darf trotz des 1:5 bei Meister Bayern München als Siebter in die Qualifikation zur Europa League. "Es ging uns allein um die Sache. Dieses Spiel bildet den Weg von Mainz 05 und der letzten Wochen eindrucksvoll ab", betonte Rouven Schröder.

Bungert stand in seinem letzten Spiel noch einmal in der Startelf. In einer munteren Anfangsphase, in der Mateta (6./10.) auf Mainzer und Belfodil auf Hoffenheimer Seite gute Chancen besaßen, musste aber auch der 32-Jährige letztlich machtlos zusehen, wie Belfodil den Ball bei seinem zweiten Versuch sehenswert ins lange Eck schlenzte. (Das Spiel zum Nachlesen im LIVETICKER)

Der Sportvorstand verabschiedete neben Bungert fünf weitere Profis. Der verletzungsgeplagte Ex-Nationaltorhüter René Adler beendet seine Karriere. Der Schwede Emil Berggreen, der italienische Heißsporn Giulio Donati, der stets bescheidene Franzose Gaetan Bussmann und Eigengewächs Jannik Huth suchen neue Herausforderungen.

Schon vor dem Anstoß war Stadionsprecher Klaus Hafner nach 30 Jahren verabschiedet worden. Der ehemalige Präsident Harald Strutz würdigte den 65-Jährigen als herausragenden Repräsentanten des Vereins. Aus Liverpool meldete sich Jürgen Klopp debenfalls mit einer Videobotschaft. "Danke für alles, was du für diesen großartigen Verein gemacht hast. Du bist ein ganz Großer", würdigte die Mainz-Ikone Hafner.

Mateta hatte zuvor mit seinem 14. Saisontreffer den 4:2-Endstand für Mainz erzielt. Durch die Niederlage zum Abschluss übergibt Nagelsmann die TSG als Tabellenneunten an Nachfolger Alfred Schreuder. Er selbst übernimmt zur neuen Saison das Traineramt bei RB Leipzig.

Der 1. FSV Mainz 05 drehte ein furioses Spiel nach 0:2-Rückstand zur Pause noch in einen 4:2-Sieg. Die TSG verspielte zum Abschied von Trainer Julian Nagelsmann die zwischenzeitlich fast schon sichere Europa-League-Teilnahme auf eine ganz bittere Art und Weise. Knackpunkt der Partie war ein früher Platzverweis.

Mainz-Coach Sandro Schwarz wechselte nach dem 2:0-Sieg in Frankfurt zweimal: Für Keeper Müller (nicht im Kader) und Hack (Schlag auf Oberschenkel) starteten Zentner und Kapitän Bungert, der nach elf Jahren beim FSV sein letztes Spiel bestritt.

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann nahm im Vergleich zur 0:1-Niederlage gegen Bremen drei Veränderungen vor: Für Amiri (Außenbandriss im Knöchel), Kaderabek (Magenprobleme) und Szalai standen Joelinton (Startelf-Comeback nach Syndesmoseanriss), Schulz (Rückkehr nach Knieproblemen) und der erst 19-jährige Baumgartner (Startelfdebüt) in der ersten Elf.

Christoph Baumgartner: Erlebte eine ganz bittere Startelf-Premiere in der Bundesliga. Verlor viele Bälle, sah eine dämliche Gelb-Rot-Karte. Der Anfang vom Hoffenheimer Ende. Note: 5

Für die TSG ging es im letzten Saisonspiel noch um das Erreichen der Europa League – und genauso spielte sie auch. Mit voller Offensivpower erarbeiteten sich die Kraichgauer im ersten Durchgang Chance um Chance. Erst vergab Belfodil aus der Nahdistanz (9.), kurz darauf schlenzte er die Kugel perfekt in den Winkel (12.) – das Führungstor. Doch durch die Hoffenheimer Daueroffensive ergaben sich viele Räume, die die Mainzer auch geschickt nutzten. Nur der Abschluss passte nicht: Mateta (6., 10., 19.) und Kunde (21.) vergaben zum Teil beste Möglichkeiten.

Kerem Demirbay: Spielte eine starke erste Halbzeit. Mit vielen Ballgewinnen und enger Ballführung. Nach dem Wechsel ein Ausfall. Leitete Mainz Ausgleichstreffer zum 2:2 vor. Note: 4

Das sollte sich rächen: Kramaric schlenzte einen Freistoß perfekt über die Mauer hinweg ins linke untere Eck. Keeper Zentner machte zuvor einen Schritt in die falsche Richtung (34.) – 2:0. Anschließend ergab sich das gleiche Bild, wie nach dem ersten Treffer: Hoffenheim griff weiter an, Mainz konterte. Erst köpfte Latza vorbei (34.), dann vergab Mateta seine nächste große Chance (37.).

Der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim schüttelte nach der 2:4-Niederlage am letzten Bundesliga-Spieltag und der verpassten Europacup-Teilnahme dem gegnerischen Stürmer wie vielen anderen ordnungsgemäß die Hand – und geriet dann sichtlich mit Mateta aneinander. “Ich mag das nicht, wenn man einem Spieler die Hand gibt und er einem nicht in die Augen schaut. Und dann noch dummes Zeug erzählt – das ist einfach respektlos”, schimpfte Nagelsmann später.

Vor der Pause sah dann Startelfdebütant Baumgartner wegen seines zweiten Foulspiels in seinem erst zweiten Bundesligaspiel die Ampelkarte (41.), 1899 war in Unterzahl.

“Er gibt halt die Hand und schaut irgendwo hin, dann soll er es sein lassen. Dann soll er beim nächsten Tor zur Tribüne rennen und sich feiern lassen und mich in Ruhe lassen, dann ist alles gut – oder mich einfach anschauen”, erklärte Nagelsmann weiter. Mateta spielte bei frühsommerlichen Temperaturen witzigerweise mit Handschuhen.

Anstatt auf Zeit zu spielen und nur noch defensiv zu denken, hielt die TSG zu Beginn des zweiten Durchgangs die Schlagzahl hoch, sodass weiter viel Tempo im Spiel war. Die ersten Chancen vergaben auf Mainzer Seite Latza (49.) und Kunde (52.) und bei Hoffenheim Brenet (50., 51.) und Kramaric (50.).

“Wir haben ihm schon gesagt: Nächstes Jahr kriegt er eine Mütze, dann schießt er noch mehr Tore”, sagte Sport-Vorstand Rouven Schröder. Mit seinem Treffer zum 4:2-Endstand gelang dem Franzosen bereits sein 14. Saisontor.

Verpatzter Nagelsmann-Abschied: TSG verpasst Europa nach Niederlage beim 1. FSV Mainz 05

Danach ließ sich Hoffenheim immer mehr in die Defensive drängen. Mainz erhöhte die Intensität und kam zu weiteren hochkarätigen Gelegenheiten durch Latza (57.), Maxim (59.) und Martin (61.). Erst der durch einen Videobeweis gegebene Strafstoß nach Foul von Grillitsch an Latza führte zum Anschlusstreffer: Brosinski traf vom Punkt (66.).

Der letzte Spieltag der Bundesliga-Saison ist in Mainz auch aus anderen Gründen besonders: Kapitän Niko Bungert wird nach elf Jahren als Innenverteidiger und Stadionsprecher Klaus Hafner nach 30 Jahren am Mikrofon werden verabschiedet. Es geht uns in dem Spiel natürlich ums Gewinnen für uns als Mannschaft. Aber es geht eben auch darum, Niko Bungert und Klaus Hafner einen krönenden Abschluss zu bereiten, sagt Schwarz. Eine Garantie auf einen Startelfplatz wollte Schwarz dem 32 Jahre alten Bungert nicht geben. Aber ein Fehler wie im Vorjahr wird ihm gewiss nicht passieren. Da vergaß Schwarz in der Hitze des Gefechts beim 1:2 gegen Werder Bremen, den rechtzeitig zum Saisonfinale nach monatelangen gesundheitlichen Schwierigkeiten wieder genesenen Bungert einzuwechseln und ihm somit wenigstens einen einzigen Saisoneinsatz zu sichern. Schwarz entschuldigte sich später bei seinem Kapitän. Am Samstag wird all das vergessen sein, wenn Bungert entweder zu Spielbeginn oder eben später die Kapitänsbinde überstreifen und ein letztes Mal für Mainz 05 spielen wird.

Mainz ließ nicht nach und glich kurz darauf durch Boetius aus, doch Schiedsrichter Deniz Aytekin nahm den Ausgleichstreffer nach eingehender Videoanalyse zurück, da Boetius den Ball kurz zuvor mit der Hand gespielt hatte (75.). Acht Minuten später bekam der offensive Mittelfeldspieler doch seinen Treffer: Nach einem Missverständnis zwischen Grillitsch und Demirbay nahm er Fahrt auf und schlenzte die Kugel in den Winkel (83.).

Nur so viel ist gewiss: Die als Tabellenzwölfter sorglos agierenden Mainzer nehmen auch diese letzte Begegnung einer insgesamt erfreulich verlaufenen Saison ernst. Der 40 Jahre alte Schwarz fordert von seinem Team unmissverständlich eine Bestätigung der positiven Entwicklung der vergangenen Monate und auch des Auswärtserfolgs bei der Eintracht am Sonntag. Mit einer letzten Energieleistung soll möglichst ein zwölfter Saisonsieg eingefahren werden, der zugleich ein wenig Nachbarschaftshilfe leisten könnte. Sollte die Eintracht in München verlieren, wäre sie nämlich auf Schützenhilfe aus Mainz angewiesen, um in der Abschlusstabelle vor Hoffenheim zu bleiben. Das könnte am Ende den Ausschlag geben bezüglich einer Qualifikation für die Europa League oder aber des Endes der Träume von einer Fortsetzung der so erfolgreichen Europareise. Uns geht es erst einmal um uns, wir wollen möglichst mit 43 Punkten aus der Saison gehen. Aber sicher hätte die Eintracht nach deren großartigem Jahr eine Qualifikation verdient, sagt Schwarz.

Bei diesem Stand war Hoffenheim raus aus den internationalen Rängen und musste komplett aufmachen. Kramaric scheiterte mit einem Freistoß an Zentner (88.), dann sorgte wieder Boetius für die Entscheidung. Gegen aufgerückte Hoffenheimer hatte Mainz leichtes Spiel – Boetius setzte den Ball flach ins rechte Eck (90.). Mit dem Mut der Verzweiflung warf die TSG trotzdem weiter alles nach vorne, was Mainz mit dem 4:2 bestrafte. Mateta traf volley nach Flanke des eingewechselten Onisiwo (90.+3).

Zu Beginn der Woche hat sich Sandro Schwarz einmal aus Spaß auf einen ungewöhnlichen Weg der Fortbildung begeben. An der Tipp-Kick-Platte übte er sich in einer nicht ganz fußballfremden Sportart und suchte wohl auch nach Anregungen für das Spiel der Fußballprofis von Mainz 05 vor dem letzten Saisonspiel gegen die TSG Hoffenheim an diesem Samstag (15.30 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und Sky). Anders als im bisherigen Saisonverlauf mit seiner gerne im Ballbesitz operierenden Mannschaft verlegte er sich beim Tischfußball allein auf das Umschaltspiel, was ihm erstaunlich gut gelang bei drei blitzschnellen Kontertoren in zwei Spielen. Ob die Herangehensweise mit den kleinen Gusseisenfiguren ein Indiz für die Taktik gegen Hoffenheim war, ließ Schwarz offen.

Beide Mannschaften verabschieden sich damit in die Sommerpause. Einigen Akteuren beider Teams steht im Sommer die U-21-Europameisterschaft in Italien und San Marino bevor (16. bis 30. Juni).

Zudem dürften die Rheinhessen in München ungewohnte Fans von der anderen Seite des Rheins gefunden haben: Durch den Erfolg sicherten sie der dort bei den Bayern unterlegenen und in der Vorwoche noch in Frankfurt selbst bezwungenen Frankfurter Eintracht in einem Akt der Nachbarschaftshilfe den Platz in der Europa-League-Qualifikation. Nachdem die Mainzer Fans schon beim zwischenzeitlichen Ausgleichstreffer der Eintracht in München gejubelt hatten, dürften sich nun auch einige für die Eintracht und deren verdienten Wiedereinzug in den Europapokal gefreut haben – bei aller Rivalität unter Nachbarn. Wir haben nicht für die Eintracht gespielt, sondern wollten zeigen, dass wir für alle gerecht gegen Wettbewerbsverzerrung nis zum letzten Spieltag alles geben wollen. Das ist uns überzeugend gelungen, sagte der in Frankfurt wohnende Mainzer Trainer Schwarz. Vergangene Woche haben wir die Eintracht geärgert, jetzt haben wir sie glücklich gemacht. Das ist in Ordnung so.

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Boetius nahm anschließend zweimal gleichermaßen cool wie elegant Maß und drehte das Spiel zu Gunsten seines Teams. Ein weiteres Tor war ihm zuvor gar noch aberkannt worden, nachdem Schiedsrichter Aytekin  aus dem Kölner Keller auf ein Handspiel hingewiesen worden war. Mateta war schließlich der Schlusspunkt einer starken Mainzer Spielzeit vergönnt. Er erzielte  seinen 14. Saisontreffer und lüftete später das große Geheimnis um die Zielvorgabe seines Vaters, die er während der Saison geheimgehalten, aber als gehorsamer Sohn zu erfüllen gesucht hat. Mein  Vater wollte zehn Tore. Ich habe vierzehn. Er ist zufrieden mit mir, sagte der Franzose.