Mainz verdirbt Hoffenheim das internationale Geschäft | Fussball | SWR Sport - SWR
Mainz – Hoffenheim 4:2: Mainz zerstört Hoffenheims Euro-Traum
Der 1. FSV Mainz 05 drehte ein furioses Spiel nach 0:2-Rückstand zur Pause noch in einen 4:2-Sieg. Die TSG verspielte zum Abschied von Trainer Julian Nagelsmann die zwischenzeitlich fast schon sichere Europa-League-Teilnahme auf eine ganz bittere Art und Weise. Knackpunkt der Partie war ein früher Platzverweis.

Mainz-Coach Sandro Schwarz wechselte nach dem 2:0-Sieg in Frankfurt zweimal: Für Keeper Müller (nicht im Kader) und Hack (Schlag auf Oberschenkel) starteten Zentner und Kapitän Bungert, der nach elf Jahren beim FSV sein letztes Spiel bestritt.

Eigentlich hatte Nagelsmann aber vor ein paar Wochen noch auf einen letzten großen Coup gehofft: die abermalige Hoffenheimer Qualifikation für die Champions League. Ein Ziel, das sein Team nach zuletzt zwei Niederlagen und einem Unentschieden aus den Augen verlor. Wieder einmal offenbarte die TSG 1899 ihre Labilität, wenn es darauf ankommt, große Prüfungen im Einzelfall zu bestehen. Nagelsmann führte 1899 Hoffenheim im vorigen Jahr erstmals in die Adelsklasse des europäischen Vereinsfußballs – und gewann dort anschließend kein einziges Spiel. Auch in der Bundesliga ließen die Nordbadener beste Chancen auf viel mehr Siege aus, als sie 26 mögliche Punkte nach einer 1:0-Führung verspielten und dazu bei 26 Aluminiumtreffern auch noch Pech hatten. Wenn wir die Qualität hätten, all diese Spiele über die Zeit zu bringen, hat Nagelsmann über die nun mit 51 Punkten unbefriedigende Ausbeute gesagt, könnten Bayern und Dortmund machen, was sie wollen. Dann würden wir Meister werden.

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann nahm im Vergleich zur 0:1-Niederlage gegen Bremen drei Veränderungen vor: Für Amiri (Außenbandriss im Knöchel), Kaderabek (Magenprobleme) und Szalai standen Joelinton (Startelf-Comeback nach Syndesmoseanriss), Schulz (Rückkehr nach Knieproblemen) und der erst 19-jährige Baumgartner (Startelfdebüt) in der ersten Elf.

Er lässt auch deshalb Nähe zu, weil er von sich, seiner natürlichen Autorität und seiner unangreifbaren Arbeit felsenfest überzeugt ist. Ich weiß, dass ich inhaltlich überzeugen und Spieler besser machen kann. Der fachlich überaus anspruchsvolle, innovative Coach hat im Kraichgau zuletzt das klassische Lahme-Enten-Syndrom zu spüren bekommen, wenn ein Chef seine letzten Runden dreht und die von ihm angeführte Mannschaft an innerer Spannung verliert. So trudelt seine unter dem Strich erfolgreiche Zeit in Hoffenheim, die am 11. Februar 2016 begann, an diesem Samstag in Mainz (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) aus, wo ein Sieg zum Abschluss der auf Rang acht notierten TSG womöglich doch noch zu einem Platz in der kommenden Europa-League-Saison verhelfen könnte – es wäre die dritte Europacup-Teilnahme des Klubs nacheinander.

Für die TSG ging es im letzten Saisonspiel noch um das Erreichen der Europa League – und genauso spielte sie auch. Mit voller Offensivpower erarbeiteten sich die Kraichgauer im ersten Durchgang Chance um Chance. Erst vergab Belfodil aus der Nahdistanz (9.), kurz darauf schlenzte er die Kugel perfekt in den Winkel (12.) – das Führungstor. Doch durch die Hoffenheimer Daueroffensive ergaben sich viele Räume, die die Mainzer auch geschickt nutzten. Nur der Abschluss passte nicht: Mateta (6., 10., 19.) und Kunde (21.) vergaben zum Teil beste Möglichkeiten.

Das sollte sich rächen: Kramaric schlenzte einen Freistoß perfekt über die Mauer hinweg ins linke untere Eck. Keeper Zentner machte zuvor einen Schritt in die falsche Richtung (34.) – 2:0. Anschließend ergab sich das gleiche Bild, wie nach dem ersten Treffer: Hoffenheim griff weiter an, Mainz konterte. Erst köpfte Latza vorbei (34.), dann vergab Mateta seine nächste große Chance (37.).

Vor der Pause sah dann Startelfdebütant Baumgartner wegen seines zweiten Foulspiels in seinem erst zweiten Bundesligaspiel die Ampelkarte (41.), 1899 war in Unterzahl.

So leitet Nagelsmann, gesegnet mit Humor und Schlagfertigkeit, zu seinem kommenden Arbeitgeber über, der als stabile Nummer drei der Tabelle schon eine nationale Größe mit Champions-League-Zugang in der nächsten Saison ist. Nagelsmann ist davon überzeugt, dass er und sein mit einem ähnlich starken Ego ausgestatteter Vorgänger und als RB-Sportdirektor Vorgesetzter Ralf Rangnick entgegen Unkenrufen gut zusammenarbeiten werden. Ihr könnt euch darauf verlassen, dass es mit uns klappt, rief Nagelsmann seinem Auditorium an jenem bunten Abend zu, an dem das Heidelberger Publikum ganz nah an den scheidenden Hoffenheimer Cheftrainer heranrückte.

Anstatt auf Zeit zu spielen und nur noch defensiv zu denken, hielt die TSG zu Beginn des zweiten Durchgangs die Schlagzahl hoch, sodass weiter viel Tempo im Spiel war. Die ersten Chancen vergaben auf Mainzer Seite Latza (49.) und Kunde (52.) und bei Hoffenheim Brenet (50., 51.) und Kramaric (50.).

Als wenn Nagelsmann das nicht wüsste, hat doch gerade er, der 1,90 Meter lange Blonde, auf die größtmögliche Nähe zu seinen Spielern viel Wert gelegt. Ich bin definitiv eher der Kumpeltyp, hat er vor einigen Wochen bei einer Heidelberger Veranstaltung der örtlichen Rhein-Neckar-Zeitung unter dem Motto Nagelsmann – ganz nah, hervorgehoben. Ich versuche, eine ganz enge Beziehung zu meinen Spielern zu haben, sagt der in vielem noch recht jugendlich wirkende Trainer über den Umgang mit seinen Profis.

Danach ließ sich Hoffenheim immer mehr in die Defensive drängen. Mainz erhöhte die Intensität und kam zu weiteren hochkarätigen Gelegenheiten durch Latza (57.), Maxim (59.) und Martin (61.). Erst der durch einen Videobeweis gegebene Strafstoß nach Foul von Grillitsch an Latza führte zum Anschlusstreffer: Brosinski traf vom Punkt (66.).

Mainz ließ nicht nach und glich kurz darauf durch Boetius aus, doch Schiedsrichter Deniz Aytekin nahm den Ausgleichstreffer nach eingehender Videoanalyse zurück, da Boetius den Ball kurz zuvor mit der Hand gespielt hatte (75.). Acht Minuten später bekam der offensive Mittelfeldspieler doch seinen Treffer: Nach einem Missverständnis zwischen Grillitsch und Demirbay nahm er Fahrt auf und schlenzte die Kugel in den Winkel (83.).

Das vielleicht größte deutsche Trainertalent bekommt vor seinem Abschied aus Hoffenheim das Lahme-Enten-Syndrom zu spüren. Doch Julian Nagelsmann ist das alles wohl herzlich egal – aus gutem Grund.

Bei diesem Stand war Hoffenheim raus aus den internationalen Rängen und musste komplett aufmachen. Kramaric scheiterte mit einem Freistoß an Zentner (88.), dann sorgte wieder Boetius für die Entscheidung. Gegen aufgerückte Hoffenheimer hatte Mainz leichtes Spiel – Boetius setzte den Ball flach ins rechte Eck (90.). Mit dem Mut der Verzweiflung warf die TSG trotzdem weiter alles nach vorne, was Mainz mit dem 4:2 bestrafte. Mateta traf volley nach Flanke des eingewechselten Onisiwo (90.+3).

Verabschiedet sich aus Hoffenheim: Julian Nagelsmann wird zur neuen Saison Trainer in Leipzig. Bild: AP

Beide Mannschaften verabschieden sich damit in die Sommerpause. Einigen Akteuren beider Teams steht im Sommer die U-21-Europameisterschaft in Italien und San Marino bevor (16. bis 30. Juni).

Ishak Belfodil (12.) und Andrej Kramaric (34.) hatten die Gäste in Führung gebracht. Daniel Brosinski (66., Foulelfmeter), Jean-Paul Boëtius (83./90.) und Jean-Philippe Mateta (90.+3) drehten das Spiel, nachdem TSG-Youngster Christoph Baumgartner früh die Gelb-Rote Karte (42.) gesehen hatte. Mainz, das den Klassenerhalt bereits vor mehreren Wochen perfekt gemacht hatte, beendet die Saison im Tabellenmittelfeld. (SERVICE: Spielplan der Bundesliga)

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Eine Pleite im Abschiedsspiel von Trainer Julian Nagelsmann (31), der zu RB Leipzig geht. Kein Europa!

Dabei geht es so gut los: Nach dem 1:0 von Belfodil (12.) rennen die Spieler auf ihren Trainer zu, jubeln mit ihm. Kramaric erhöht mit einem tollen Freistoß auf 2:0 (34.).

Die Hoffenheimer Spieler rannten anschließend geschlossen in Richtung Bank, um dort mit Nagelsmann zu jubeln. Überhaupt schienen die Gäste bemüht, ihrem Trainer einen gelungenen Abschied zu bescheren. Die besseren Chancen hatten allerdings die befreit aufspielenden Mainzer, etwa durch Mateta (19.) oder den agilen Antreiber Pierre Kunde (22.).

Dann der Knackpunkt: Hoffenheim-Teenie Christoph Baumgartner (19). Der Ösi sieht in seinem erst zweiten Bundesliga-Spiel und beim Startelf-Debüt in der 41. Minute die Gelb-Rote-Karte. Die TSG fast 50 Minuten in Unterzahl.

In Halbzeit zwei dreht 05 auf: Mainz verkürzt durch einen Foulelfmeter von Brosinki (66., Grillitsch an Latza). Nur noch 1:2.

Der scheidende Trainer, der im Sommer zum Ligarivalen RB Leipzig wechselt, musste mit den Kraichgauern am letzten Spieltag der Bundesliga nach 2:0-Pausenführung in Unterzahl noch eine 2:4-Niederlage hinnehmen. Für einen Europapokalplatz reichte es dadurch nicht mehr. (SERVICE: Tabelle der Bundesliga)

Noch mal Aufregung in der 75. Minute: Boetius macht das 2:2. Denken alle. Aber der Kölner Keller entdeckt bei der Entstehung des Treffers ein Handspiel von Boetius. Schiri Aytekin gibt das Tor nicht.

Kurz darauf schlenzt Boetius den Ball ins Tor. Der Treffer zählt dieses Mal (83.). In der 90. Minute packt er noch das 3:2 obendrauf. Mateta macht in der Nachspielzeit sogar noch das 4:2 (90.+3).

Dank des herrlichen Freistoßtreffers von Kramaric (34.) erhöhte Hoffenheim dennoch vor der Pause auf 2:0. Der Platzverweis für Startelf-Debütant Baumgartner (19) verstärkte das Mainzer Übergewicht allerdings noch einmal.

Nagelsmann nach dem Spiel bei Sky: Es war nicht einfach, in Unterzahl zu spielen. Wir hatten noch drei Riesenchancen, müssen davon eine nutzen. Es ist leider viel gegen uns gelaufen, viel Glück hatten wir diese Saison nicht.

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▶︎ Schon vor dem Spiel verabschiedete der FSV seinen Stadionsprecher Klaus Hafner (65). 30 Jahre lang hat Hafner mehr als 500 Heimspiele begleitet. Per Video-Botschaft nahm der frühere Mainz-Trainer Jürgen Klopp (51) Abschied: Du bist ein ganz Großer.