Hannover 96 gegen Leverkusen - Wenn der Schnee ein sicher geglaubtes Tor verhindert - Süddeutsche Zeitung
Bundesliga: Hannover – Leverkusen 2:3 – Der weiße Wahnsinn von Hannover
Carsten Scheele, Korrespondent in Hannover, vor allem für Sportthemen. Ausgebildet an der Deutschen Journalistenschule, berichtet für die SZ seit 2012 aus Hamburg und Hannover. Schreibt über Fußball, Handball und Nordthemen. Autor des Buchs 111 Gründe, Snooker zu lieben.

So ansatzlos, wie der Winter im März gekommen ist, ist er in Hannover auch wieder verschwunden. Als Genki Haraguchi am Montagmorgen aufgewacht ist, war der Schnee jedenfalls wieder weggetaut – der Japaner ist nun trotzdem eine Berühmtheit: Das Nicht-Tor dieser Spielzeit geht auf sein Konto, es ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass sich an den verbleibenden neun Spieltagen eine noch kuriosere Szene ereignet. Ein gut geschossener Ball, der auf dem Weg ins Tor im Schnee kleben bleibt, eine Umdrehung vor der Torlinie – das hat es so noch nicht gegeben. Sogar der englische Guardian stellte in der Nacht zum Montag ein Video der Szene online, um seinen Leser zu zeigen, was in der Bundesliga so abgeht.

Apropos Linie: Weil die Spielfeldumrandungen nicht mehr zu erkennen waren, unterbrach Referee Sören Storks das Spiel in der 41. Minute, Helfer fegten die Linien mit Besen frei. Neun Minuten später ging es weiter, die widrigen Platzverhältnisse ließen kaum mehr strukturierte Aktionen zu. 96 fightete, kam aber nicht zu einem zwingenden Abschluss. Auf der anderen Seite hätte Volland fast den Hattrick geschnürt, wurde halblinks nach seinem Schuss elfmeterreif von Esser abgeräumt, aber Storks Pfeife blieb stumm (45.+2).

Dabei muss erwähnt werden, dass Haraguchi in der 33. Minute der Partie gegen Bayer Leverkusen beim Stand von 0:2 eigentlich vieles richtig gemacht hat. Der Japaner hatte ein Missverständnis zwischen Leverkusens Jonathan Tah und Torwart Lukas Hradecky ausgenutzt, den Ball stibitzt, bevor sich Tah und Hradecky auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnte. Als Haraguchi am Keeper vorbeiging und den Ball mittig aufs leere Tor schob, brach schon Jubel in der Arena aus.

Die Doll-Elf kämpfte leidenschaftlich, hatte auf leicht verbesserten Bodenverhältnissen Vorteile und hätte nach Hradeckys Fauxpas und Einsatz gegen Jonathas Elfmeter bekommen können (54.) – die Rheinländer kamen dagegen kaum ins Rollen. Chancen ergaben sich längere Zeit nicht. Bayer blieb insgesamt zu passiv – und kassierte dafür die Quittung: Nach Schweglers Freistoß köpfte Weydandt aufs lange Eck. Hradecky wehrte ab, vom Oberschenkel Weisers prallte der Ball über die Linie (73.).

Bei heftigem Schneefall holt Hannover einen 0:2-Rückstand auf und verliert doch gegen Leverkusen mit 2:3 – es kommt zu reihenweise kuriosen Szenen.   Von Carsten Scheele

Die Leverkusener verlangsamten ihre Schritte in der Erwartung des sicheren Gegentreffers, der an allen anderen Tagen des Jahres auch gefallen wäre – nur nicht an diesem. Schicht um Schicht wickelte sich der pappende Schnee um das Spielgerät, je näher es dem Tor kam; dick und vollgesogen ging dem Ball schließlich die Kraft aus. Er rollte langsamer, als er den Fünfmeterraum fast durchquert hatte, blieb er liegen. Tah, der zuvor schon abgestoppt hatte, nahm den Ball auf und dribbelte davon.

Verrücktes Spiel in Hannover, das Leverkusen mit 2:3 unterlag: Bei Spielbeginn einsetzender und dann fortwährender Schneefall machte das Duell zu einer widrigen Angelegenheit. Bayer kam damit in der Anfangsphase besser zurecht und führte nach einer knappen halben Stunde mit 2:0. 96 drehte nach Wiederanpfiff auf und war dem Punktgewinn nah, stand aber nach dem Schlussspurt der Werkself doch mit leeren Händen da.

Das Stadion brüllte immer noch, jetzt vor Entgeisterung. “Das passiert alle fünf Jahre mal”, beklagte Hannovers Stürmer Hendrik Weydandt, der ahnte, was eine solche Szene im Abstiegskampf bedeuten kann: “Das Tor fehlt vielleicht am Ende der Saison.” Es fehlte schon an diesem Abend, denn Hannover verlor das kurzweilige Schnee-und-Matsch-Duell mit 2:3 (0:2) gegen den Europapokal-Aspiranten. Kai Havertz erwirkte in der 88. Minute mit einem Kopfballtreffer die Entscheidung, zuvor war Hannover einem Punkt nahe gewesen, wenn nicht gar dem Sieg – erst recht, wäre Haraguchis Ball nicht kurz vor der Torlinie kleben geblieben. Doch so twitterten die Leverkusener erleichtert: “Puuh! Da müssen wir uns beim Schnee bedanken!!”

Die Schneeballschlacht war gewonnen, die Stimmung beim Sieger trotzdem zwiespältig. Leverkusen war froh, diese Partie überstanden zu haben; Trainer Peter Bosz konnte seinen Ärger über die Bedingungen aber nicht verbergen. Die Partie habe “nichts mit Fußball zu tun gehabt”, klagte der Niederländer, der eine tiefergehende Analyse entsprechend auch verweigerte. Zumal zumindest der Verdacht im Raum stand, dass die Hannoveraner nicht alles getan hatten, um die Bedingungen in der Arena am Maschsee nach dem unerwarteten Wintereinbruch erträglicher zu gestalten.

Die technisch überlegene Werkself stellte sich auch in der Folge einfach geschickter an, spielte den Ball besser temperiert in den Lauf des Mitspielers. Und erspielte etliche weitere Chancen: Korb rettete nach Konter von Brandt und Bailey (15.), Baumgartlinger, Brandt und Volland verpassten binnen Sekunden den Abschluss (19.), Brandt verzog (21.).

Hannovers Präsident Martin Kind kritisiert die eigene Mannschaft – und sich selbst. Doping-Kronzeuge Johannes Dürr ist wieder auf freiem Fuß.   Meldungen im Überblick

Zweimal musste Schiedsrichter Sören Storks die Partie in der ersten Halbzeit unterbrechen, als die Leverkusener einem dritten oder vierten Treffer ziemlich nahe gekommen waren. Beim ersten Mal fanden sich gerade drei (!) Stadionbedienstete, die mit Besen die Aus- und Torlinien wieder freilegten; das dauerte so lange, dass Leverkusens Kevin Volland, der nach seinen beiden Treffern (13. und 28.) besonders gut in Fahrt schien, mit den Füßen half, die Linien vom Schnee zu befreien.

Hannover kommt beim 2:3 gegen Leverkusen nach einem 0:2-Rückstand zurück. Und bekommt vom Schnee auch noch ein Tor geklaut.

Mit Anpfiff setzt heftiger Schneefall ein – spätestens nach 30 Minuten sind die Bedingungen irregulär. Das zeigt die kurioseste Szene des Jahres!

Dank Sturmtief "Eberhard" hatte Hradecky daher Grund zur Freude, während Hannovers Angreifer Hendrik Weydandt mit Wetter und Ergebnis haderte: "Hätten wir unentschieden gespielt, hätte ich gesagt, hat eigentlich Bock gemacht. Einfach mal nicht so viel auf Taktik achten, einfach kämpfen. Aber so ist es wieder super scheiße."

33. Minute: Hannovers Haraguchi geht an Hradecky vorbei, will den Ball ins leere Tor schieben. Doch die Kugel bleibt wegen des vom Schnee durchnässten Rasens Zentimeter vor der Linie liegen! Tah kann danach locker klären.

Nach dem Nicht-Tor wirds komplett chaotisch! In der 40. Minute unterbricht Schiri Storks das Spiel für 8:41 Minuten, damit die Linien freigekehrt werden können. Die Spieler warten in die Kabine. Bereits vorher hatten Helfer den Platz schon einmal gesäubert, die Rasenheizung hat gegen die Schnee-Massen keine Chance. Erst in der zweiten Hälfte wird der Schneefall schwächer.

Unser Kolumnist Alex Feuerherdt findet darauf in der neuesten Ausgabe von "Collinas Erben" eine klare Antwort: Schiedsrichter Sören Storks habe den Platz für bespielbar gehalten. Der Ball sei weitgehend unbehindert gerollt. Nur eben nicht in dieser 33. Minute.

► Anfangs gibt es im Stadion nur einen Besen. Erst im Laufe der Partie werden weitere besorgt, in der Halbzeit kommen dann Schneeschaufeln dazu.

Zwar glichen die Niedersachsen den 0:2-Rückstand aus, Leverkusens Kai Havertz sorgte jedoch kurz vor Schluss für den Endstand. Der Tabellenvorletzte Hannover taumelt nach der siebten Niederlage im achten Rückrundenspiel dem Abstieg in die Zweite Liga entgegen.

► Leverkusen hat nur einen Trikot-Satz dabei – und der ist auch noch komplett weiß. Damit ist das Team kaum vom am Ende kaum noch bespielbaren Untergrund zu unterscheiden.

Das Nicht-Tor sorgte natürlich auch online für Aufsehen, Taktik-Journalist Tobias Escher erkannte gleich die Chance, wie Hannover der kuriosen Szene trotz der Niederlage noch etwas abgewinnen könnte.

Das Schnee-Chaos sorgt für ein rasantes Spiel! Erst landet Volland einen Doppelschlag für Leverkusen (13./28.). Als alle Hannover schon abgeschrieben hatten, kommen sie durch Jonathas (50.) und ein Eigentor von Weiser (73.) zurück! Aber Havertz köpft Leverkusen doch noch zum Sieg (87.). Zu allem Überfluss erkennt der Video-Schiri danach auch noch ein Leverkusen-Tor wegen Abseits ab (90.+4).

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