Bitter für Hannover: Leverkusen gewinnt Schnee-Spiel mit 3:2 - WR
Bundesliga: Hannover – Leverkusen 2:3 – Der weiße Wahnsinn von Hannover
Carsten Scheele, Korrespondent in Hannover, vor allem für Sportthemen. Ausgebildet an der Deutschen Journalistenschule, berichtet für die SZ seit 2012 aus Hamburg und Hannover. Schreibt über Fußball, Handball und Nordthemen. Autor des Buchs 111 Gründe, Snooker zu lieben.

In der 25. Minute kamen die Männer mit den Besen. Es schneite heftig am Sonntagabend in Hannover, dicke Flocken legten binnen Minuten einen weißen Teppich auf das vormals grüne Spielfeld – und um wenigstens die Aus- und Strafraumlinien freizulegen, rückten drei (!) Stadionbedienstete mit drei (!) Besen an. Das dauerte so lange, dass sogar frierende Spieler gesichtet wurden, die mit ihren Fußballschuhen halfen, den Schnee von den Linien zu schieben.

Apropos Linie: Weil die Spielfeldumrandungen nicht mehr zu erkennen waren, unterbrach Referee Sören Storks das Spiel in der 41. Minute, Helfer fegten die Linien mit Besen frei. Neun Minuten später ging es weiter, die widrigen Platzverhältnisse ließen kaum mehr strukturierte Aktionen zu. 96 fightete, kam aber nicht zu einem zwingenden Abschluss. Auf der anderen Seite hätte Volland fast den Hattrick geschnürt, wurde halblinks nach seinem Schuss elfmeterreif von Esser abgeräumt, aber Storks Pfeife blieb stumm (45.+2).

Ein Szenario, dass doch sehr zu einer unwirtlichen Woche bei Hannover passte, in der der Klub mal wieder alles gegeben hatte, um den Selbstzerstörungsmodus am Laufen zu halten. Da keilte jeder gegen jeden, mit Präsident Martin Kind als Höhepunkt, der seiner angeschlagenen Mannschaft in einem seltsamen Akt der Motivation jegliche Erstligatauglichkeit absprach (“kaputt, gescheitert”).

Die Doll-Elf kämpfte leidenschaftlich, hatte auf leicht verbesserten Bodenverhältnissen Vorteile und hätte nach Hradeckys Fauxpas und Einsatz gegen Jonathas Elfmeter bekommen können (54.) – die Rheinländer kamen dagegen kaum ins Rollen. Chancen ergaben sich längere Zeit nicht. Bayer blieb insgesamt zu passiv – und kassierte dafür die Quittung: Nach Schweglers Freistoß köpfte Weydandt aufs lange Eck. Hradecky wehrte ab, vom Oberschenkel Weisers prallte der Ball über die Linie (73.).

Ein überraschendes Erfolgserlebnis hätte in diese Gemengelage überhaupt nicht gepasst, und so ging dem stark abstiegsbedrohten Klub auch das Schnee- und-Matsch-Spiel am Sonntagabend gegen Bayer Leverkusen mit 2:3 (0:2) verloren. Kevin Volland bewies auf schwierigstem Untergrund gehobene Standfestigkeit, mit zwei Toren brachte er den Europacup-Aspiranten schnell in Führung. Hannover glich in der zweiten Halbzeit aus, durch einen Treffer von Jonathas und ein Eigentor von Mitchell Weiser, ehe Kai Havertz kurz vor Schluss den Leverkusener Sieg perfekt machte. Bayer klettert in der Tabelle auf Rang fünf, Hannover bleibt Vorletzter.

Mit Anpfiff der Partie war der Winter zurück in Hannover – und der Schnee ließ den grünen Rasen schnell zum weißen Untergrund werden, was das Sportgerät bei Flachpässen merklich ausbremste. Erschwerte Bedingungen, auf die sich die Kontrahenten erstmal einstellen mussten. Bayer ließ sich auch durch die Bodenverhältnisse nicht von Kombinationsfußball abhalten, 96 agierte schnörkelloser und setzte über den schnellen Maina vereinzelt Nadelstiche.

Die Werkselffußballer spielten zunächst ihren mentalen Vorteil aus: Sie hatten in dieser Saison schon eine Partie unter ähnlich unangenehmen Umständen gemeistert, beim 1. FC Nürnberg, als monsunhafter Regen das Fußballspielen stark erschwerte. Diesmal also Schnee, was prinzipiell schon eine Seltenheit darstellt Mitte März im niedersächsischen Flachland. So entwickelte sich ein groteskes Gerutsche, das immer wieder Angestellte beider Teams auf den Hosenboden purzeln ließ.

Gesichtet wurden auch Spieler, die nach eher harmlosen Schubsern meterweit über den Rasen schlitterten, als hätte jemand den Rasen mit eimerweise Schmierseife getränkt. Volland nutzte diese irregulären Bedingungen trotzdem zu zwei Treffern: Erst staubte er nach einem Abpraller von 96-Torwart Michael Esser am Fünfmeterraum ab (13.), dann überlupfte er den Torsteher im Konter formschön (28.).

96-Joker Muslija wurde wenig später gerade noch von Dragovic geblockt (76.), ehe sich die Bosz-Elf zum Schlussspurt aufraffte. Havertz (82.) und der ebenfalls eingewechselte Bellarabi (84.) verpassten das 3:2. Das fiel aber doch, weil Havertz im Zusammenspiel mit Brandt per Kopf vollendete – die Entscheidung (87.), weil Jedvaj bei Antons Geschoss den Kopf hinhielt (90.+1).

Eine der kuriosesten Szenen der Saison ereignete sich in der 34. Minute, die sinnbildlich für die vertrackte Lage bei Hannover stand: Nach einer missglückten Rückgabe hatte Genki Haraguchi Leverkusens Torwart Lukas Hradecky ausgespielt, sein Ball aber, der die Torlinie normal überquert hätte, blieb Zentimeter zuvor im Schneematsch kleben. Jonathan Tah konnte das Spielgerät locker aufnehmen und entfernen.

Kurz darauf schickte Schiedsrichter Sören Storks beide Teams zum Aufwärmen in die Katakomben, vier Minuten vor dem erwarteten Halbzeitpfiff, damit die Linien abermals freigeschippt werden konnten (nun mit zehn Besen). In der Pause half sogar der Feldreporter des übertragenden Fernsehsenders beim Schneeschippen, jetzt wurden beide Strafräume freigelegt, der Schneefall ließ etwas nach.

Trotzdem begrüßte Hannovers Stadionsprecher die Mannschaften zu den “zweiten 45 Minuten Schneeballschlacht”. Hannover kämpfte, auch weil der Abstiegskandidat begriff, dass dem Gegner seine feinen Füße auf diesem Untergrund nichts brachten. So schaufelte Hannover reihenweise hohe Bälle in die Leverkusener Hälfte, kam durch einen Kopfball von Jonathas (51.) zum Anschluss, 20 Minuten vor Schluss prallte der Ball von Weisers Oberschenkel ins Tor. Hannover witterte sogar den Sieg, doch Havertz machte mit seinem Treffer in der 88. Minute alle Hoffnungen zunichte. “Die Jungs haben sich nicht für den Fight belohnen können. Aber wir haben gezeigt, dass die Mannschaft lebt und dass sie Charakter hat”, sagte 96-Trainer Doll bei Sky, räumte aber auch ein: “Es gab schon schönere Momente in meiner Fußballer-Karriere.”

Gegen Hoffenheim bringen sich die Nürnberger mit Undiszipliniertheiten um den Lohn. Beim 1:2 nutzt das vor allem ein Angreifer der TSG.

Hannover kommt beim 2:3 gegen Leverkusen nach einem 0:2-Rückstand zurück. Und bekommt vom Schnee auch noch ein Tor geklaut.

Mit Anpfiff setzt heftiger Schneefall ein – spätestens nach 30 Minuten sind die Bedingungen irregulär. Das zeigt die kurioseste Szene des Jahres!

33. Minute: Hannovers Haraguchi geht an Hradecky vorbei, will den Ball ins leere Tor schieben. Doch die Kugel bleibt wegen des vom Schnee durchnässten Rasens Zentimeter vor der Linie liegen! Tah kann danach locker klären.

Nach dem Nicht-Tor wirds komplett chaotisch! In der 40. Minute unterbricht Schiri Storks das Spiel für 8:41 Minuten, damit die Linien freigekehrt werden können. Die Spieler warten in die Kabine. Bereits vorher hatten Helfer den Platz schon einmal gesäubert, die Rasenheizung hat gegen die Schnee-Massen keine Chance. Erst in der zweiten Hälfte wird der Schneefall schwächer.

► Anfangs gibt es im Stadion nur einen Besen. Erst im Laufe der Partie werden weitere besorgt, in der Halbzeit kommen dann Schneeschaufeln dazu.

► Leverkusen hat nur einen Trikot-Satz dabei – und der ist auch noch komplett weiß. Damit ist das Team kaum vom am Ende kaum noch bespielbaren Untergrund zu unterscheiden.

Das Schnee-Chaos sorgt für ein rasantes Spiel! Erst landet Volland einen Doppelschlag für Leverkusen (13./28.). Als alle Hannover schon abgeschrieben hatten, kommen sie durch Jonathas (50.) und ein Eigentor von Weiser (73.) zurück! Aber Havertz köpft Leverkusen doch noch zum Sieg (87.). Zu allem Überfluss erkennt der Video-Schiri danach auch noch ein Leverkusen-Tor wegen Abseits ab (90.+4).