Wir haben von Leverkusen mehr erwartet
Gemischte Gefühle beim FCZ – Grosse Freude über Meilenstein – kleiner Ärger über Niederlage
Als dieses Spiel in Leverkusen vorbei war, spazierten die beiden Mannschaften gemeinsam über den Rasen und warteten. Es sah ziemlich freundschaftlich aus, wie sie da so beisammen­standen und redeten. Und als sie ein paar Minuten nach dem Abpfiff vor den eigenen Fankurven standen, wussten auch die Zürcher: Diese 0:1-Niederlage fühlte sich gar nicht so schlimm an. Weil Ludogorez gegen Larnaka 0:0 gespielt hatte, stehen Bayer Leverkusen und der FC Zürich vorzeitig in den Sechzehntelfinals der Europa League. Eine Schweizer Mannschaft, die zwei Spiele vor dem Ende schon qualifiziert ist für die K.-o.-Runde: Das war mehr als nur eine Ehrenbotschaft in die Heimat und ein Grund zum Feiern für die 2000 Zürcher Fans.

Wenn er sich etwas hätte wünschen können in dieser Nacht in der BayArena gegen Leverkusen, Ludovic Magnin hätte nicht lange nachdenken müssen: Er hätte sich gewünscht, so zu werden wie Lucien Favre. Favre ist der letzte Trainer, der mit einer Schweizer Mannschaft in Deutschland gewinnen konnte, 17 Jahre ist das bereits her, damals mit Servette gegen Hertha Berlin. Magnin sieht sich bereits jetzt als eine Art junger Seelenverwandter Favres – und mit einem Erfolg in Leverkusen wäre Magnins Verbindung zu Favre noch mythischer geworden. Aber eine solche Übermannschaft, die auch in Deutschland gewinnen kann, ist der FCZ eben doch noch nicht. Das 0:1 ist die erste Niederlage in der Europa League, und sie war nicht zufällig. Am Ende des Abends hatten die Statistiker der Uefa nur einen einzigen Zürcher Schuss auf das gegnerische Tor notiert.

Danach darf geträumt werden. «Ich will auch die übernächste Runde erreichen», sagte Canepa, weswegen er sich im Februar für die erste K.o.-Runde eine Mannschaft in Reichweite der Zürcher wünscht – und danach einen englischen Klub. «Ich war mit dem FCZ noch nie auf der Insel», frohlockte der Präsident. Arsenal, Chelsea, aber auch Liverpool oder Tottenham Hotspur, falls diese aus der Champions League ausscheiden, wären mögliche Kandidaten. «Es hat ein paar grosse Kaliber», so Canepa. Zumindest der Präsident konnte sich ein Strahlen nicht verkneifen.

Es war lange ein Spiel auf Augenhöhe, und das muss für eine Schweizer Mannschaft immer noch ein Kompliment sein. Die Zürcher spielten eine sehr ordentliche, kontrollierte Partie; sie waren ausbalanciert, so wie es Magnin im Vorfeld angekündigt hatte, dadurch aber auch weniger offensiv ausgerichtet. Am meisten Hoffnung machte der Zürcher Auftritt gleich zu Beginn des Spiels. Danach begannen die Spieler seltsamerweise passiver zu werden. Insgesamt fehlte an diesem Abend das gewisse Etwas, das die Zürcher in den letzten Wochen oft besassen; ausgerechnet in Leverkusen war es ihnen abhanden gekommen.

In Leverkusen zu spielen, war noch nie angenehm

Magnin hatte recht, als er vor dem Spiel sagte, vielleicht habe man den Eindruck, der FCZ habe sein Wunder bereits im Hinspiel vollbracht. Der FCZ hatte an diesem Abend viel Wille, viel Leidenschaft, aber wenig Wundersames. Er hatte mit Yanick Brecher einen guten Goalie, der seine Mannschaft im Spiel hatte; und er hatte mit Hekuran Kryeziu einen Mittelfeldspieler, der zur Symbolfigur dieser Zürcher Mannschaft wurde. Kryeziu ist ein technisch guter Fussballer, aber an diesem Abend in Leverkusen kämpfte er, als gäbe es kein Morgen. Er war der auffälligste Spieler in einer harmonischen Zürcher Mannschaft.

Der FCZ hatte sich auch nach dem Rückstand nach einer Stunde nach einem Kopfball Jedvajs nie aufgegeben, aber eine richtige Chance, dieses Spiel zu gewinnen, hatte er nicht. In den ­letzten Wochen ist aus Leverkusen eine Spektakel-Mannschaft geworden, 14 Tore hat sie in den letzten 4 Spielen erzielt, allerdings auch 9 hinnehmen müssen. Und weil auch der FCZ im Ruf steht, ein unberechenbares Team zu sein, hatte man etwas Verrücktes erwartet. Aber was dann geschah, war weniger aufregend.

Die grosse Chance, nach dem 3:2 einen weiteren Sieg gegen den Gruppenfavoriten nachzureichen? Magnin warnt vor übertriebenen Erwartungen. Natürlich wollten er und seine Mannschaft zeigen, dass der Sieg in Zürich kein Zufall gewesen sei. In Leverkusen zu spielen, war noch nie angenehm, sagt er – und erinnert an eigene Erfahrungen. Von seinen sechs Partien als Bremen- und Stuttgart-Verteidiger gewann der Romand in seiner Karriere gerade mal eine, ein 4:2 Anfang 2009 war das. Magnin leitete das 1:0 durch Mario Gomez mit einer Flanke ein, einer überragenden, wie er mit einem Lachen festgehalten haben will.

Vorwürfe muss sich der FCZ am Ende keine machen. «Grosse Werbung» für den Schweizer Fussball, wie es sich Magnin gewünscht hatte, war es zwar nicht. Ein ordentliches Spiel musste für einmal reichen.

Stellvertretend für dieses gestärkte Selbstvertrauen steht Stephen Odey. Der erst 20-jährige Stürmer aus Nigeria hatte Anfang Saison Mühe bekundet mit seiner Rolle als einzige Spitze. In den letzten vier Spielen traf er viermal. Er brauchte einige Zeit, um europäischer zu werden, versucht Magnin eine Erklärung, jetzt hat er unsere Spielweise angenommen. Er fühlt sich bei uns immer wohler. Bei allen taktischen Vorgaben, denen er sich in einer Mannschaft nun einmal beugen muss, wolle er ihm aber eines nicht nehmen: Sein Gefühl für den Ball und das offensive Spiel.

Die Leistung war durchzogen, dennoch überwog am Ende beim FCZ die Freude über das europäische Überwintern.

Die Entwicklung der Mannschaft in den letzten Wochen konstatiert Magnin mit Zufriedenheit. Ich merke endlich, dass die Mannschaft fähig ist, unberechenbar zu sein für den Gegner. Wir können unser Spiel anpassen und unterschiedliche Strategien spielen, sagt er. Das 2:2 in Thun Anfang Oktober sieht er als Schlüsselmoment. Und der Sieg gegen Leverkusen habe seinen Spielern erst recht gezeigt, dass sie grosse Ziele erreichen können. Wir lassen uns von Rückschlägen nicht mehr aus der Bahn werfen.