BVB und Bayer sorgen für Spektakel
BVB ist neuer Spitzenreiter der Bundesliga: Höhenflug mit Bodenhaftung
Fußball lässt sich wunderbar analysieren mit Daten und Statistiken. Was sich nicht mit Zahlen greifen lässt ist, das ist die neue Siegermentalität des BVB. Jürgen Koers kommentiert.

Bei nur acht Pflichtspielen als Bewertungsgrundlage besteht noch die Gefahr, Nebenaspekten zu viel Gewicht beizumessen. In diesem Fall jedoch sind die Argumente schlagend: Viermal lag Borussia Dortmund im Hintertreffen – und gewann noch in Fürth, gegen Leipzig, in Leverkusen und entführte einen Punkt aus Hoffenheim. Auch der späte Ausgleich von Eintracht Frankfurt verhinderte den Dortmunder Sieg nicht. Diese Gier, sagt Spielerführer Sebastian Kehl, kommt auch aus der Mannschaft heraus. Er betonte aber auch, dass dem Kader neues Leben eingehaucht wurde im Sommer. Der BVB lebt – und wie!

Nach einer Stunde Spielzeit in Leverkusen auf die Schwarzgelben zu setzen, beim Stand von 2:0 für Bayer und den großen Möglichkeiten zum dritten Treffer, das hätten nur wenige gewagt. Aber die Dortmunder Comeback-Kids kamen einmal mehr zurück. Mentalität sei das, erklärte Torschütze Jacob Bruun Larsen, auch Charakter, und natürlich Qualität. Positiv zu bleiben, an den Erfolg zu glauben, das hat Trainer Lucien Favre der Mannschaft in der Pause eingeimpft. Nicht nur in der folgenden Spielhälfte beherzigten seine Spieler die Worte des 60-jährigen Schweizer Fußballlehrers, sie tun es seit Saisonbeginn.

Borussia Dortmund hat die Gunst der Stunde genutzt und zum zweiten Mal in dieser Saison die Tabellenführung in der Bundesliga übernommen. Trotz der aktuellen Erfolgsserie bleibt man beim BVB bescheiden.

Vom Jäger zum Gejagten: Aber obwohl Borussia Dortmund Rekordchampion Bayern München zunächst mal als Bundesliga-Spitzenreiter abgelöst hat und aktuell auf Wolke sieben schwebt, bleibt der achtmalige deutsche Meister bescheiden. “Die Tabellenführung ist sehr schön. Das ist ein guter Start, aber mehr auch nicht. Wir denken weiter von Spiel zu Spiel”, sagte Trainer Lucien Favre nach dem spektakulären 4:2 (0:2) seiner Mannschaft bei Bayer Leverkusen, wo der BVB erstmals seit Mai 1982 wieder ein Ligaspiel nach einem 0:2-Pausenrückstand gewinnen konnte.

Auch sein Torwart Roman Bürki und Lizenzspielerchef Sebastian Kehl warnten vor dem Hintergrund der Dortmunder Achterbahnfahrt in der Vorsaison vor übertriebener Euphorie. “Tabellenführer zu sein, fühlt sich gut an. Es ist eine schöne Momentaufnahme, aber die Saison ist noch jung. Wichtig ist, dass wir dranbleiben und den Schwung mitnehmen in die weiteren Spiele”, sagte Bürki mit Blick auf die kommenden Aufgaben in der Champions League gegen AS Monaco am kommenden Mittwoch (21 Uhr im LIVETICKER) und drei Tage später in der Meisterschaft gegen den FC Augsburg. Kehl ergänzte: “Wir befinden uns noch sehr früh in der Saison und es wäre verfrüht, nach sechs Spielen in der Borussia einen Titelanwärter zu sehen.”

Zuvor hatten sich die nach wie vor in dieser Saison ungeschlagenen Westfalen drei Tage nach ihrem 7:0-Kantersieg gegen den 1. FC Nürnberg unter dem Bayer-Kreuz als wahre Mentalitäts-Monster entpuppt. “Es war stark, wie wir in der zweiten Halbzeit zurückgekommen sind”, sagte der erneut überzeugende Kapitän Marco Reus, nachdem sein Team die erste Hälfte verschlafen hatte und durch Gegentreffer von Mitchell Weiser (9.) und Jonathan Tah (39.) verdientermaßen 0:2 im Hintertreffen gelegen war. “Es war ein geiles Erlebnis, wir haben gezeigt, dass Mentalität in der Truppe da ist”, urteilte Kehl.

Favre, dessen Team bei einem Pfostenschuss von Kevin Volland (54.) das Glück des Tüchtigen auf seiner Seite hatte, bewies im zweiten Durchgang zudem ein glückliches Händchen bei seinen Einwechslungen. Nach dem Anschlusstreffer durch Jacob Bruun Larsen (65.) rückten die Joker Paco Alcacer und Jadon Sancho in den Mittelpunkt.

BVB-Coach Lucien Favre beweist glückliches HändchenDie in der 63. Minute eingewechselte Barca-Leihgabe Alcacer (85. und 90.+4) machte mit seinen Saisontreffern zwei und drei Dortmunds ersten Auswärtssieg seit dem vergangenen Februar perfekt. Der erst 18-jährige Engländer Sancho, fünf Minuten nach dem Doppeltorschützen aufs Feld gekommen, bereitete das 2:2 durch Marco Reus (69.) und den zweiten Treffer von Alcacer mustergültig vor – seine fünfte Torvorbereitung in dieser Spielzeit.

“Eine riesige Waffe von uns sind unsere Einwechslungen, die immer direkt für Tore sorgen können”, sagte Bürki. Und Favre, der diesmal nicht mit Fragen zu dem angeschlagenen Mario Götze genervt wurde, stellte nach dem Sieg schmunzelnd fest: “Die Auswechslungen haben etwas gebracht, ganz klar.”