Nach Bayer Leverkusen gegen Borussia Dortmund: Das verbindet Heiko ...
Nach Bayer Leverkusen gegen Borussia Dortmund: Das verbindet Heiko Herrlich und Lucien Favre
Eine Stunde lang war Bayer Leverkusen gegen Borussia Dortmund das bessere Team, dann entglitt den Gastgebern die Partie. Daran hatten auch Maßnahmen von Heiko Herrlich ihren Anteil.

Nach dem Torschuss von Kai Havertz in der 57. Minute blieb Bayer für eine halbe Stunde nahezu ohne Entlastung. Kein Pressing durch Konter, stattdessen: drei Dortmunder Gegentreffer. Und alle drei Tore waren symptomatisch für die Schwächen der Leverkusener. Beim ersten war ein leichter Ballverlust im Spielaufbau der Auslöser, der zweite Treffer fiel nach einem Konter. Havertz Kopfball führte zum schnellen Gegenstoß, bei dem Wendell den eingewechselten Jadon Sancho im entscheidenden Duell nicht stellen konnte. Ein Treffer, der auf das Konto fehlender defensiver Balance ging.

Vor dem K.o. durch das Dortmunder 3:2 gab es 17 Ballaktionen der Dortmunder um und im Leverkusener Strafraum, ohne dass ein Abwehrspieler einzugreifen vermochte. Trainer Heiko Herrlich konnte nicht stabilisierend einwirken: Alle drei Wechsel der Leverkusener fanden nach dem 2:2 statt. Fünf Minuten nach seinem finalen Austausch fiel das 2:3 – sämtliche Maßnahmen von außen verpufften.

Während Herrlich die in dieser Saison enttäuschenden Leon Bailey, Tim Jedvaj und Paulinho ohne positiven Effekt von der Bank bringen musste, entschieden die Wechsel von Lucien Favre die Partie. Der in der Halbzeit für Thomas Delaney eingewechselte Mahmoud Dahoud brachte es nicht nur auf mehr Ballaktionen als sein Vorgänger, sondern vor allem auf deutlich mehr Pässe in der gegnerischen Hälfte zum Mitspieler. Sancho bereitete zwei Treffer vor und ist nun mit fünf Assists der beste Vorlagengeber der Liga. Und da ist ja noch Paco Alcácer. Er erzielte mit seinen Bundesliga-Torschüssen drei und vier seine Treffer Nummer zwei und drei. 20 Spieler hat Favre bislang in der Liga eingesetzt, Ömer Toprak, Mario Götze und Marwin Hitz sind sogar noch ohne Spiel. Das erlaubt Reaktion und Regeneration.

Der Qualitätsunterschied setzt sich in der Tiefe des Kaders fort. Marius Wolf, Raphael Guerreiro und Julian Weigl blieben beim BVB ohne Einsatz, bei Leverkusen ist bereits nach den Ausfällen von Julian Baumgartlinger und Charles Aránguiz ein solches Qualitätsdefizit ablesbar, dass sich bei der Dreifachbelastung Bundesliga, DFB-Pokal und Europa League keine Hoffnung auf schnelle Besserung einstellt. Wenn nur die Inkonstanz konstant ist und die Schlüsselspieler nicht über 90 Minuten in einem passenden taktischen Gebilde vorangehen können, wird es keine Saison werden, die bei einer Offensive mit solchen großartigen Fußballern wie Havertz, Bailey, Julian Brandt und Kevin Volland erwartbar wäre.

Die Tabellenführung des BVB mag eine Momentaufnahme sein – bereits in der Vorsaison stand man in dieser Phase der Saison auf Platz eins, um danach völlig den Faden zu verlieren. Doch Favre findet in der Komposition seines Kaders Qualitäten, die in drei Wettbewerben zum Vorteil gereichen. Schlüssel sind unter anderem die klugen Transfers, die der BVB im Sommer tätigte, und dabei auch risikoreich dort suchte, wo andere keinen Gewinn sahen. Alex Witsel kam aus der Chinese Super League, Paco Alcácer von der Ersatzbank des FC Barcelona.

Durch die Verkäufe von Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang stand den Verantwortlichen das nötige Geld zur Verfügung, in dieser Preisklasse zu suchen. Dass sie dabei anscheinend die richtigen Entscheidungen getroffen haben, dürfen sich die Handelnden jedoch positiv zuschreiben lassen. Diese Mannschaft hat Qualität und damit auch die nötige Power: Beim Champions-League-Auftakt in Brügge stand es zehn Minuten vor dem Ende 0:0, in der ersten Pokalrunde in Fürth 0:1 – beide Spiele gewann der BVB. In Hoffenheim lag man zu diesem Zeitpunkt 0:1 zurück und konnte noch ausgleichen. Und jetzt in Leverkusen wurde aus einem 2:2 noch ein 4:2. Es war der erste Auswärtssieg in der Dortmunder Bundesligageschichte nach einem 0:2-Halbzeitrückstand.

Wenn der Mieter den Vermieter verprügelt, dann ist nicht davon auszugehen, dass beide Parteien in Zukunft noch ein Verhältnis des Miteinander pflegen. Im Gegenteil: Das Szenario klingt nach jeder Menge Streit. In diesem Fall ist das aber offenbar anders. 

Heiko Herrlich, der Trainer von Bayer Leverkusen und Immobilienbesitzer in Westfalen, ließ sich sogar entlocken, dass er keinerlei Rachegelüste verspüre: Die Miete wird nicht erhöht. Und: Die Prügel haben wir eingesteckt.Tatsächlich ging es dabei natürlich nicht um eine körperliche Auseinandersetzung, sondern um eine sportliche. Und Borussia Dortmund hatte dieses Duell zweier Champions-League-Aspiranten auf wundersame Weise noch gewonnen. 4:2 nach 0:2-Rückstand. Ein Topspiel der Fußball-Bundesliga, das diesen Namen auch verdiente: viele Chancen, viele Tore, erstaunliche Wendungen und Pointen kurz vor Spielschluss.Das emotionale Auf und Ab mit glücklichem Dortmunder Ende versetzte selbst den sonst eher zurückhaltenden Lucien Favre, Trainer von Borussia Dortmund und in diesem Sommer nach Westfalen gezogen, in Wallung. Die Immobilie des früheren Dortmunder Spielers und Jugend-Trainers Herrlich sagte ihm zu. Seitdem verbindet die beiden mehr als nur der Beruf. Favre jedenfalls war bester Laune. Ich kann doch nicht gegen meinen Vermieter verlieren, sagte der Schweizer im WDR-Hörfunk und erfreute sich an seinem feinen Witz. Später, als Mieter und Vermieter bei der Pressekonferenz nebeneinander saßen, und übereinander sprechen sollten, sagte Favre: Wir haben guten Kontakt, kein Problem. Etwas unsicher schaute er dann doch herüber zu Herrlich. Der sicherte zu, dass die Miete nicht erhöht werde und widmete sich dann deutlich ernsthafter seiner sportlichen Lage: Die Enttäuschung ist riesig, sagte der Leverkusener Trainer, es geht jetzt darum, das wegzustecken, wieder aufzustehen. Das haben wir nach den drei Niederlagen zu Saisonbeginn geschafft. Autor: Daniel Berg