Pokalfinale Leipzig-Bayern: Für wen soll man nur sein? - SPIEGEL ONLINE
RB Leipzig – FC Bayern: Alle Infos im Countdown zum DFB-Pokal-Finale
RB Leipzig gegen den FC Bayern München – zwei Feindbilder vieler Fußballfans treffen im Pokalfinale aufeinander. Das stürzt viele Anhänger ins Dilemma.

Geboren 1966 in Paderborn, studierte Geschichte, Germanistik und Sportwissenschaft. Von 1994 bis 1999 als Volontär und Redakteur bei der “Ostfriesen-Zeitung”, danach fünf Jahre lang Redakteur für Landespolitik bei der “taz” in Hamburg. Ab 2004 freier Autor für Politik und Sport in Berlin, seit Dezember 2009 Sportredakteur bei SPIEGEL ONLINE.

t-online.de: Herr Magath, der FC Bayern hat die Chance auf das Double, doch Trainer Niko Kovac soll Berichten zufolge seinen Job nach dem DFB-Pokal-Finale los sein.Felix Magath: Diskussionen um Niko Kovac gab es schon, bevor er bei den Bayern begonnen hat. Dadurch, dass diese Saison viele Höhen und Tiefen hatte, sind solche Diskussionen nie verstummt. Die Meisterschaft war ein Erfolg, aber beim FC Bayern wird von Niko Kovac eben auch noch der Pokalsieg erwartet.Über München hinaus wird über die Zukunft von Kovac diskutiert. 

Felix Magath: “Niko Kovac sollte über andere Herausforderung nachdenken”

Heute Abend wird der DFB-Pokalsieger ermittelt, normalerweise ist das ein großes Fest. Mit klaren Fronten. Außenseiter gegen Favorit. David gegen Goliath. Gut gegen Böse. Sympathikus gegen Parasympathikus. Sich zu entscheiden, ist meist leicht. Und sich für eine Seite zu entscheiden – das gehört beim Fußball unverrückbar dazu.

Der FC Bayern agiert in einer eigenen Liga. Die Bedingungen und das Umfeld unterscheiden sich von denen bei anderen Vereinen. Niko Kovac hat vom Klub die beste Mannschaft der Bundesliga zur Verfügung gestellt bekommen. Außer Titeln zählt beim FC Bayern nichts! Das Selbstverständnis des FC Bayern ist der Erfolg. Das weiß Niko Kovac.Sie haben im Kicker sogar die These aufgestellt, dass die Bayern viel früher hätten Meister sein müssen.

Ein bisschen wie in Südeuropa: Warum Leipzig so liebenswert ist

Heute jedoch wird es ein schwerer Abend. Heute stehen sich RB Leipzig und der FC Bayern München gegenüber (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD).

Weil der FC Bayern das beste Spielermaterial in der Bundesliga hat, auch in diesem Jahr. Deswegen muss der FC Bayern Meister werden, egal, mit welchem Trainer. Diese Saison war der beste Beweis: Die Bayern haben so viele schwache Spiele geliefert, wie schon lange nicht mehr in einer Saison, sind aber dennoch Meister geworden.Gleichzeitig musste Kovac das letzte Jahr von Franck Ribéry und Arjen Robben in München moderieren.

Seit Wochen geben die Fans, die nicht fest einem der beiden Klubs zugeordnet sind, Wasserstandsmeldungen bei Twitter ab, gegen welches der beiden Teams sie mehr sind. Demonstrativ werden demnach Grillfeste organisiert, die gleichzeitig zum Endspiel stattfinden, vorrangig an Orten, an denen kein Fernseh- und Netzempfang gewährleistet ist. Nur um dieses Spiel nicht sehen zu können oder zu müssen.

Nun ist der Job ihm vor seinem 49. Pflichtspiel als Bayern-Coach praktisch garantiert worden. “Es hat doch niemand infrage gestellt, dass er nächste Saison noch unser Trainer ist”, sagte Rummenigge am Freitag in Berlin der “Bild”. Kovac nahm die Aussage zur Kenntnis, es gehe aber jetzt nicht um ihn: “Ich möchte meine ganze Energie auf das Spiel stürzen.” Doch ist das Thema damit wirklich beendet? 

Den vollmundigen Ankündigungen in den sozialen Medien nach dürfte am Abend eine fürchterliche Grillwolke über Deutschland liegen, die isländischen Verhältnissen nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull gefährlich nahekommen dürfte.

Jerome war ja schon vor der Saison unzufrieden und wollte weg. Wenn man Spieler im Kader hat, die den Verein eigentlich verlassen wollen, ist es immer ein schwerwiegendes Problem für einen Trainer. Dieselbe schwierige Situation hatte ich damals mit Rafinha beim FC Schalke. Ich habe auf Schalke angefangen zu arbeiten, da war das Erste, was er zu mir gesagt hat, dass er weg will.

Die “Zeit” hat im Vorfeld des Endspiels ein Interview mit einem Leipziger (!) Arzt über Pest und Cholera geführt, der Mediziner stellt zu den Krankheiten fest: “Man fühlt sich bei beiden hundsbeschissen und sterbenskrank.”

Das klingt nicht gut. Aber was ist mit all denen, die am Abend trotzdem Fußball gucken wollen, weil es eben das Pokalfinale ist, die große Feier des deutschen Fußballs – und weil sie vielleicht vegan leben und deswegen keine Grillwurst essen?

Es ist immer ein Problem für einen Trainer, wenn er ältere, verdiente Spieler in einer Mannschaft hat. Aus meiner Sicht war es ein Versäumnis, den Kader vor dieser Saison kaum zu verändern. Das hat Niko Kovac das Leben wirklich schwer gemacht. Jedem anderen Trainer hätte dieser Umstand das Leben ebenfalls schwer gemacht.

Sollen sie für RB Leipzig sein, den Homunkulus des Fußballs von Red Bulls Gnaden? Die Biosphäre 2 des Fußballs, die Sachsenklinik mit ihren aseptischen Laborbedingungen? Für Leipzig, wo des Fußballs Klassenprimus Ralf Rangnick regiert?

Für Leipzig? Dort, wo sie so tun, als würden sie dieses Pokalendspiel für Ostdeutschland bestreiten – also für die Fans von Dynamo Dresden, den 1. FC Union, Hansa Rostock und den 1. FC Magdeburg. Wo sich RB-Vorstandschef Oliver Mintzlaff aus Bonn, West-Westdeutschland, bei einer Veranstaltung der “Bild”-Zeitung am Freitag hinstellt und sagt: “Wir haben recherchiert: 1941 hat der Dresdner SC das letzte Mal den Pokal für den Osten gewonnen. Wir wollen den Pokal gern für den Osten gewinnen.” 1941, ja, das ist wirklich lange her, zum Glück, möchte man anfügen. Dennoch gab es in der Zwischenzeit doch den einen oder anderen ostdeutschen Pokalsieger. Das müsste man mal recherchieren.

Der Leipziger ist viel unterwegs in seiner Stadt, es gibt immer etwas zu erleben. Das kulturelle Angebot und die Kneipen- und Clublandschaft ist groß. Das Völkerschlachtdenkmal, der schöne Zoo, das Gewandhaus, die in den alten Restlöchern der Tagebaue entstandenen Naherholungsgebiete wie der Cospudener See, die Moritzbastei, die Galerien in der alten Spinnerei oder die Messe, auf der im Frühjahr die alte Verlags- und Buchstadt zum großen Bücherfest locken. Ja, es ist hier kleiner als in Frankfurt – aber genau das lieben die Besucher. Nicht beschaulich und piefig, sondern überschaubar und großherzig. Wie die ganze Stadt.

Also doch lieber für die Bayern. Die Bayern? Bei ebenjener Veranstaltung der “Bild”-Zeitung taucht auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer auf, laut Deutscher Presseagentur war er “mit Helm und E-Scooter gekommen und ließ vor den Journalisten einen Ball auf dem Finger rotieren”. Anschließend teilte er mit: “Leipzig hat keine Chance. Wir werden das Double machen. Und nächstes Jahr gewinnen wir die Champions League.” Gut, Serge Gnabry und Joshua Kimmich können nichts für einen solchen Fan. Trotzdem.

Mindestens 20.000 RB-Fans werden sich aber auf den Weg nach Berlin machen. Schließlich gehören sie zu den Glücklichen, die einen Platz im Gästeblock am Marathontor ergattert haben. Die Roten Bullen dürfen in Heimkleidung – weiße Trikots, roten Hosen und weißen Stutzen – auflaufen, müssen dafür aber die Gästekabine beziehen. Bevor um 20 Uhr angepfiffen wird, startet das Fanfest am Breitscheidplatz. Von 12 bis 17 Uhr werden sich dort auch viele RB-Anhänger einfinden, die keine Karte für das Stadion haben. Um 15 Uhr startet dann der Fanmarsch, der bis zum S-Bahnhof Charlottenburg gehen soll.

Die Bayern? Die mit Uli Hoeneß, mit Karl-Heinz Rummenigge, mit Brazzo, dem Zauberlehrling – nein, wirklich nicht. Nie, nie, niemals, nie.

Schon vor Jahren wurde der programmatische Name Hypezig geboren, die Stadt boomt, immer noch und immer weiter. Sie ist die am stärksten wachsende Großstadt in Deutschland, knapp 600.000 Menschen leben mittlerweile wieder hier. Die Mieten steigen entsprechend, die Gentrifizierung schreitet voran, alte Milieus werden vertrieben. Leipzig-Connewitz, linker und alternativer Stadtteil, scheint den Weg des Prenzlauer Bergs zu nehmen. Und auch in Leipzig kommt es immer wieder zu Übergriffen Rechtsextremer, treffen sich Neonazis zu Demonstrationen und greifen linke Projekte an.

In einem berühmten Roman von Joseph Heller gibt es die Catch22-Regel, die grob gesprochen ungefähr besagt: Wie man es macht, macht man es verkehrt. Es gibt keinen Ausweg. Leipzig gegen Bayern, das ist die Catch22-Situation des Fußballs. Und aller Voraussicht nach wird es zu allem Überfluss auch noch ein sportlich total attraktives Fußballspiel. Es ist zum Verzweifeln.

Leipzig heute – das ist eine einladende Stadt, die ihre Besucher freundlich empfängt. Wer mit der Bahn anreist, landet in Europas flächenmäßig größtem Kopfbahnhof, einem imposanten Prachtbau von dem aus die Innenstadt fußläufig erreichbar ist. Wer sich nicht auskennt, wird schnell Hilfe erfahren. Suchende spricht der Leipziger gerne an, ein Schwatz ist fast immer drin. Die Innenstadt zeigt sich fein saniert – Immobilienbetrüger Jürgen Schneider sei Dank. Überall laden Einkaufspassagen nicht nur die Touristen zum Flanieren und Shoppen.

Es gibt hier wahrscheinlich nur eine einzige Lösung, den Königsweg derer, die normalerweise nichts vom Fußball kennen, es ist die Beschwichtigungsformel der Unwissenden, der Satz, der jeglichem Fansein widerspricht. Er lautet: Der Bessere soll gewinnen. Hüstel.

Der FC Bayern gegen RB Leipzig: der Meister will das Double, RB seinen ersten großen Titel im Profi-Fußball. Die Bayern-Legenden Franck Ribéry (36) und Arjen Robben (35) sowie Rafinha (33) haben ihren letzten großen Auftritt in Deutschland. Auch Ralf Rangnick (60) hört als RB-Trainer auf. Nicht sicher, ob er seinen Vertrag als Sportdirektor bis 2021 wirklich erfüllt. Rangnick schließt eine Zukunft als Trainer nicht aus.

Um 20 Uhr geht es los im ausverkauften Berliner Olympiastadion. BILD versorgt Sie schon jetzt mit allen Infos bis zum Anpfiff.