RB Leipzig - Leipziger Forscher entdecken B-Elf, die keine ist - Süddeutsche.de
Werder Bremen: Europa bleibt in den Köpfen – Team schaut nach Bundesliga-Saison-Ende schon wieder nach vorne | News
Torschütze und Aushilfsanführer: Nordi Mukiele erzielte den Ausgleich, Stefan Ilsanker (re.) führte die Mannschaft als Kapitän aufs Feld.

Trainer Ralf Rangnick wechselt vor dem Pokalfinale gegen Bayern auf zehn Positionen. Besiegt werden seine elf Jung-Nationalspieler von einer Werder-Legende.

Ralf Wiegand, Jahrgang 1967, gehört zum Ressort Investigative Recherche. Er volontierte 1988/89 bei den Fränkischen Nachrichten in Tauberbischofsheim und verbrachte anschließend sieben Jahre als Sportredakteur in Bremen beim Weser-Kurier. Von Haus aus zum Clubberer erzogen, der es also mit dem 1. FC Nürnberg hielt, kümmerte er sich fortan – und bis heute – um Werder Bremen. 1997 wechselte er in die Sportredaktion der Süddeutschen Zeitung an den Verlagssitz in München. 2003 verließ er das Ressort und wurde innenpolitischer Korrespondent in Hamburg. 2013 dann die erneute Rückkehr nach München, einbezogen in die Entwicklung der neuen SZ am Wochenende und dort dann Redakteur im neu geschaffenen Ressort Buch Zwei. Seit 2016 Mitglied der Redaktion Investigative Recherche.

Werder Bremen – RB Leipzig 2:1: Werder Bremen feiert nur Claudio Pizarro

Die Vorbereitungen des Trainers Ralf Rangnick auf das nächste Spiel, das sicherlich aufregendste in der jungen Firmengeschichte von RB Leipzig, begann sofort – geradezu unverzüglich. Nicht, dass hinterher diese eine Minute fehlt. Um sie herum taumelte soeben ganz Bremen zu den Klängen der uralten Werder-Hymne (Vorlage ist das Weserbogen-Lied aus Ostwestfalen-Lippe) aus der Saison, als sich Rangnick den jungen Matheus Cunha vorknöpfte. Rangnick, 60, packte den Mittelstürmer, 19, an den Schultern, man sah von weitem dessen jugendliches fragendes Gesicht und den gestikulierenden Trainer, während drumherum die “Weser einen großen Booogen” machte. Was auch immer da nach dem unbedeutenden 1:2 von RB Leipzig bei Werder Bremen besprochen wurde: Rangnick überlässt nichts dem Zufall, auch wenn es zufällig mal um nichts ging.

Am Samstag treten die Leipziger im Berliner Olympiastadion an, um den ersten Titel zu gewinnen seit der Vereinsgründung am 19. Mai 2009, also vor exakt zehn Jahren. Seitdem ist die Mannschaft in der Nachfolge des SSV Markranstädt von der fünften in die erste Liga durchgerauscht, gerade zum zweiten Mal in die Champions League gestürmt und eben ins Pokalfinale gegen den FC Bayern München gekommen. Es wäre großartig, hat Ralf Rangnick gesagt, wenn wir “jetzt schon unseren ersten Titel gewinnen würden”.

“Jetzt schon”, “unseren ersten”: Leipzig hat noch was vor, gerne auch Großes, das ahnt die hiesige Fußball-Welt schon länger. Gerade im Kontrast zu den bisweilen rührseligen Bremern fällt die chirurgische Präzision von RB Leipzig auf, mit der dort jeder Schritt, jeder Erfolg, jede Entwicklung, jeder Spieler und jede Partie geplant werden. Die Bremer haben gerade beschlossen, den peruanischen Senior-Señor Claudio Pizarro auch noch über dessen 41. Lebenjahr hinaus als Fußball-Profi zu beschäftigen – einfach, weil sie es wollen. Mal abgesehen davon, dass Pizarro immer noch zu den besten Jokern der Liga gehört, seinen Teilzeitjob klaglos akzeptiert und die jungen Spieler “mit seinem Spaß ansteckt”, wie Maximilian Eggestein sagte: In der Verbindung zwischen Pizarro und dem Bremer Publikum liegt auch eines der Geheimnisse des Fußballs. Weil es immer noch Nischen für Emotionen, Gefühle, Pathos, Kitsch, sogar: Liebe gibt, funktioniert dieses teilentmenschlichte Geschäft überhaupt noch. Hoeneß beweint Robbery, Friedhelm Funkel gibt den Mario Adorf der Bundesliga, Claudio Pizarro spielt seit 1999 einfach immer weiter: Ohne solche Narrative hätten sich die Fans montags weniger zu erzählen. Diese Geschichten passieren aus den Unwägbarkeiten des Sports heraus, so lange er sich einen Rest Unberechenbarkeit und Unvernunft erlaubt.

Aber: Erfolgversprechender ist der Leipziger Weg. Aus dem Nordost-Oberligisten von einst ist eine Spitzenelf geworden, eine gestresste. Ralf Rangnick hatte sich eigens ein paar Zahlen zurecht gelegt für die Pressekonferenz nach der knappen Niederlage gegen Bremen, die durch ein spätes Tor von, tja, Pizarro zustande gekommen war. “Wir haben das 51. Pflichtspiel gemacht in den letzten zehn Monaten, zwei mehr als die so hoch belasteten Frankfurter”, referierte Rangnick auf seine gewohnt herzliche Art, daneben leite er den Kader an “mit den meisten Länderspielabstellungen”. Deshalb habe er vor dem 52. Saisonspiel – dem entscheidenden um den DFB-Pokal am Samstag gegen Bayern, einigen seiner Spieler “eine schöpferische Pause” und “Erholung” verordnet. In der Praxis bedeutete das zehn Wechsel in der Startelf. Dass eine Mannschaft vorm Saisonhöhepunkt gerne im Rhythmus bleibt, scheint eine im Leipziger Forschungsinstitut als Falschannahme widerlegte Behauptung zu sein.

Dass seine B-Elf dabei “aus elf Nationalspielern” bestand, zeigte laut Rangnick aber nur, dass es gar keine B-Elf war. Tief und klug haben die Leipziger ihren Kader organisiert, überall ist Zukunft, wo andernorts an solchen Tagen unter Tränen scheidende Vergangenheit eingewechselt wird.

Die blutjunge RB-Mannschaft, die sich “für Berlin empfehlen durfte”, wie Rangnick bluffte, hätte in Bremen keinesfalls verlieren müssen, auch wenn Stars wie Timo Werner, Torwart Peter Gulacsi oder Imbrahima Konate gar nicht erst mitgefahren waren. Der Führungstreffer in der zähen ersten Halbzeit kam durch einen Elfmeter für die Bremer zustande (35. Minute), dessen dazugehöriges Foul nur der Videoassistent erkannt hatte. Nach der Pause verpasste per verschossenem Hand-Elfmeter Bruma den Ausgleich (54.), den dann Mukiele schaffte (86.).

So kam Pizarros Auftritt noch besser zur Geltung. Ein Blick, eine Drehung, ein Schuss, ein Tor, zwei Minuten vor Schluss das 2:1. “Eine Legende” sei Pizarro, stellte auch Ralf Rangnick fest. Sein Verein verpflichtet nur Spieler unter 24. Das ist, zweifellos, sehr vernünftig.

Bremens 2:1 gegen Leipzig reicht nicht für Europa. Werder beendet die Saison auf Platz 8. Trotzdem haben die Fans Grund zum Jubeln.

Denn um 15.22 Uhr verkündet Claudio Pizarro (40) per Videobotschaft, noch ein Jahr in Bremen dranzuhängen. Nach dem Abschied von Max Kruse, der mit einigen Pfiffen, dafür mit umso mehr Applaus Blumen vor dem Anpfiff erhält, wenigstens ein Lichtblick.

Die zuvor 18 Pflichtspiele ungeschlagenen Leipziger starten mit einer B-Elf. Totale Fokussierung aufs Pokalfinale (25. Mai, 20 Uhr) gegen die Bayern. Sechs Stammspieler und damit 87 Prozent der bisher erzielten Saisontore fehlen (nur acht der 62 RB-Treffer wurden von der Startelf in Bremen erzielt).

▶︎ Der erste Torschuss des Spiels ist nach zuvor trostlosen 34 Minuten und 52 Sekunden ein Elfmeter. Den versenkt Rashica sicher unten links gegen Keeper Yvon Mvogo (erstes Bundesliga-Spiel von Beginn an) – 1:0 (35.).

Aber das Zustandekommen des Strafstoßes ist extrem umstritten: Osako trifft den Flankenball von Augustinsson nicht richtig (der Ball trudelt links am Tor vorbei). Beim Durchschwingen tritt der Japaner RB-Verteidiger Upamecano gegen das zur Abwehr ausgestreckte Bein. Video-Assistent Günter Perl (der zuletzt das Handspiel des Jahres von Herthas Rekik übersah), bittet Schiri Felix Brych, sich die Szene in der VAR-Zone anzuschauen. Danach zeigt der Münchner auf den Punkt.

Die zweite Halbzeit beginnt mit einem klaren Elfmeter. Nach Friedls Handspiel haut Leipzigs Bruma den Ball jedoch weit übers Tor (54.).

Schluss! Aus! Vorbei! Werder-Kapitän Max Kruse (31) wird seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern.

In der 74. Minute steigt dann noch mal die Stimmung! Claudio Pizarro wird für Osako eingewechselt. Sein 493. Bundesliga-Spiel! Mit 40 Jahren und 227 Tagen löst er Mirko Votava als ältesten Bremer ab und ist nun der viertälteste Bundesliga-Spieler aller Zeiten (nach Klaus Fichtel sowie den beiden Torhütern Uli Stein und Toni Schumacher).

▶︎ Als Mukiele die Flanke von Saracchi aus Nahdistanz einnetzt, scheint das Spiel gelaufen zu sein – 1:1 (86.).

▶︎ Doch mit einem beherzten Linksschuss von der Strafraum-Grenze macht Pizarro den Sieg klar – 2:1 (88.).