Leipzig - Worte wie fliegende Bierbecher - Süddeutsche.de
DFB-Pokal: Augsburg gegen Leipzig – löste Lehmann den Reuter-Mintzlaff-Zoff aus?
Ausgelassener Jubelpulk: Leipzigs Spieler eilen nach dem hart erkämpften Sieg in Augsburg zu ihren Fans.

"Unverschämt!" – "Das hat mit Fairplay nichts zu tun!": Nach Leipzigs hart umkämpftem Last-Minute-Sieg in Augsburg zanken sich FCA-Manager Reuter und RB-Geschäftsführer Mintzlaff öffentlich.

Auch Leipzig-Coach Ralf Rangnick war um Deeskalation bemüht, nachdem es nach dem späten Siegtor durch den Leipziger Marcel Halstenberg (120.+1) per Handelfmeter auch auf dem Rasen Rangeleien gegeben hatte. “Ich wollte dem Schiedsrichter nach dem Spiel die Hand geben, da habe ich einen leichten Rempler bekommen. Danach gab es Rudelbildung. Dass die Emotionen nach so einem Spiel hochgehen, kann ich verstehen. Das ist alles okay”, sagte Rangnick.

DFB-Pokal – Nach Augsburgs Aus gegen Leipzig: Reuter schimpft über Mintzlaff

Sebastian Fischer, Jahrgang 1989, ist Sport-Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Studium in Köln und Tennessee – Letzteres vor allem, um College-Soccer zu spielen. Erste Texte für das Magazin Rheinfussball, später für den Kölner Stadt-Anzeiger. Bei der SZ seit 2014, von 2015 bis 2017 Volontär. Zuständig für die Digitalausgabe “Sport am Wochenende”, schreibt vor allem über Fußball und paralympischen Sport. Verlässt München für ein paar Tage, wenn et Trömmelche jeht.

Rudel mit Bullen | Fussball

Marcel Halstenberg freute sich so sehr, er merkte vielleicht wirklich nicht, was um ihn herum geschah. Der Nationalspieler von RB Leipzig hatte gerade, in der letzten Minute der Verlängerung im DFB-Pokalviertelfinale beim FC Augsburg, einen Elfmeter zum 2:1 verwandelt. Er lief in Richtung Eckfahne, um den gleichbedeutenden Sieg zu feiern, den Einzug ins Halbfinale. Seine Mitspieler folgten ihm, auch von der Bank waren die Leipziger aufgesprungen. Die Augsburger Zuschauer, vor deren Augen sich die Jubelszenen abspielten, warfen Bierbecher und brüllten mit wutentbrannten Mienen. Halstenberg sagte: “Was da alles fliegt, was da für Worte fallen, das nimmt man gar nicht wahr.” Ein paar seiner Mitspieler nahmen es allerdings schon wahr. Und sie warfen die Becher zurück.

Es ist nichts Neues, dass die Fußballer von RB Leipzig in Deutschland wegen ihres mächtigen Sponsors Red Bull nicht zu den beliebtesten Gästen zählen, spätestens seit dem Aufstieg in die Bundesliga vor drei Jahren ist das regelmäßig so. Der Dienstagabend in Augsburg hat dieser Geschichte nicht unbedingt eine neue Dimension hinzugefügt. Es waren eher die Reaktionen der Leipziger auf einen besonderen Sieg und die folgende Aufregung, über die danach diskutiert wurde.

Mintzlaff erklärte, sich ausschließlich über Lehmann beschwert zu haben. “Ich war bei Jens Lehmann und habe gesagt, dass es nicht fair ist, permanent bei uns in der Coaching Zone zu stehen. Da sind die Gemüter hochgekocht. Das ist okay, das kann ich verstehen. Aber alles halb so wild”, sagte Mintzlaff bei Sky.

Nach dem Spiel, ein paar Sekunden nach Halstenbergs platziertem Schuss, mussten die Spieler beider Mannschaften zurückgehalten werden, um nicht auf dem Rasen aufeinander loszugehen. “Auf die Fresse”, riefen die Zuschauer, es passte leider durchaus zum Geschehen. Und dann ging Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff zur Augsburger Auswechselbank. Ein wenig erinnerte die Szene an das WM-Spiel zwischen Deutschland und Schweden im vergangenen Sommer, als die DFB-Mitarbeiter Georg Behlau und Uli Voigt die unterlegenen Schweden verhöhnt hatten. Mintzlaff, so zeigen es Fernsehbilder, sprach Augsburgs Co-Trainer Jens Lehmann und Manager Stefan Reuter an. Und Reuter, auch das zeigen die Fernsehbilder, drohte die Fassung zu verlieren. Lehmann musste ihn zurückhalten. “Er ist direkt auf mich zugestürmt”, sagte Reuter über Mintzlaff. “Das ist eine bodenlose Frechheit, wie er sich verhalten hat.” Und: “Das ist extrem arrogant und unverschämt, unterste Schublade!”

Während der Frust beim FCA nach dem Last-Minute-Aus riesig war, herrschte bei RB über den erstmaligen Einzug ins Pokal-Halbfinale (23./24. April) große Freude. “Das ist unfassbar und für unseren jungen Klub fantastisch”, sagte Mintzlaff.

Nun muss man wissen, dass der Streit zwischen Reuter und Mintzlaff, ja zwischen Augsburg und Leipzig, eine Vorgeschichte hat. Sie begann, als 2014 Klaus Hofmann FCA-Präsident wurde; von ihm ist die Aussage überliefert, dass er sich über jede Leipziger Niederlage freue und darauf ein Bier trinke. Sie erreichte nach ein paar auf und neben dem Platz emotional geführten Duellen 2017 ihren vorläufigen Höhepunkt in einer Sky-Talkshow, in der Reuter zu Gast war und Mintzlaff am Telefon zugeschaltet wurde. Schon damals ging es um Vorwürfe von Unflätigkeit auf der einen und Arroganz auf der anderen Seite. Diesmal, sagte Reuter am Dienstag, “braucht sich Herr Mintzlaff nicht mehr zu entschuldigen”. Doch das wollte der auch gar nicht.

Der FC Augsburg ist mit 1:2 gegen RB Leipzig aus dem Pokal geschieden. Die Auseinandersetzung zwischen Oliver Mintzlaff und Stefan Reuter trifft bei Manuel Baum auf Unverständnis. (Quelle: Omnisport)

Er sei lediglich auf Lehmann zugegangen, behauptete Mintzlaff im TV-Interview, und habe ihm gesagt, “dass es sich nicht gehört, dass sie ständig in unserer Coachingzone auftauchen. Das hat mit Fairplay nichts zu tun”. Trainer Ralf Rangnick sagte: “Derjenige, der die Coachingzone am häufigsten verlassen hat, war sicherlich Stefan Reuter und keiner der beiden Trainer, da können sie mal Gift drauf nehmen.” Außerdem habe der vierte Offizielle die Leipziger für ihr Verhalten auf der Bank sogar gelobt. Es stand Aussage gegen Aussage, eine schiedsgerichtliche Aufklärung ist eher unwahrscheinlich. Mintzlaff sprach ohnehin lieber darüber, wie “fantastisch” der erste Halbfinaleinzug sei, “für unseren jungen Klub”.

Der FC Augsburg ist nach einem Elfmeter in letzter Minute aus dem DFB-Pokal ausgeschieden. Geschäftsführer Stefan Reuter war nach dem Schlusspfiff bedient – und schimpfte über seinen Gegenüber.

Rund zehn Jahre ist es her, dass Red Bull die Gründung von RB Leipzig veranlasste, und auch das war ja die Geschichte des Abends, ob man sie mag oder nicht: Näher an einem Titelgewinn als in dieser Saison im Pokal war Leipzig wohl noch nie. In der Bundesliga spielt die Mannschaft derzeit hervorragenden Fußball, ist eines der besten Rückrundenteams und schlug am vergangenen Wochenende die Berliner Hertha derart überlegen mit 5:0, dass man sich RB nach einem Jahr Absenz wieder sehr gut in der Champions League vorstellen konnte.

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Mit den Augsburgern, in der Liga wegen konstant inkonstanter Leistungen im Abstiegskampf, hatte Leipzig allerdings nach gutem Beginn Probleme. Zwar ging RB nach einem Konter in der zweiten Halbzeit in Führung, ein Steilpass von Amadou Haidara und ein Sprint von Timo Werner schienen für den Sieg zu reichen, ein von Trainer Rangnick so geliebter und geförderter, sogenannter Umschaltmoment also. Doch dann traf Alfred Finnbogason in der Nachspielzeit zum Ausgleich, in der Verlängerung hätte auch der FCA gewinnen können. Als Augsburgs Michael Gregoritsch im eigenen Strafraum der Ball auf den ausgestreckten Arm fiel, hatte Leipzig bereits zum zweiten Mal Glück: Schon nach sieben Minuten hätte Marcel Sabitzer für einen Schlag mit dem Ellenbogen die rote Karte sehen können, aber er sah nicht mal Gelb.

"Der soll bei seiner Mannschaft bleiben": Auch der Augsburg-Trainer Manuel Baum kritisiert nach dem 1:2 gegen den RB Leipzig das Verhalten von Oliver Mintzlaff. (Quelle: Omnisport)

Als der traurige Augsburger Trainer Manuel Baum dies in der Pressekonferenz anmerkte, schüttelte Rangnick neben ihm allerdings nur voller Unverständnis mit dem Kopf. Er müsse sich die Szene noch mal anschauen, sagte er. Aber er wirkte nicht, als habe er großes Interesse daran. In Leipzig, so konnte man ihn verstehen, haben sie jetzt halt Wichtigeres zu tun.

Auch Rangnick war “überglücklich und stolz”. Der Sieg gebe auch für die Liga “Rückenwind”. Wenn er aber ehrlich sei: “Jetzt wollen wir auch ins Pokalfinale nach Berlin.”

Keine drei Jahre sind Augsburg und RB Leipzig Gegner in der Bundesliga. Und wohl schon Feinde fürs Leben…

Mintzlaff, der nach dem erstmaligen Einzug von RB ins Pokalhalbfinale von einem „fantastischen Moment für unseren jungen Klub“ schwärmte, könne sich eine Entschuldigung und „schöne Worte sparen. So verhält man sich einfach nicht“, wetterte Stefan Reuter. Überhaupt hätten sich die Leipziger nach ihrem Erfolg in letzter Sekunde „sehr arrogant“ verhalten. „Aber das“, so der Weltmeister von 1990, „wird ihnen ja auch so vorgelebt. Wenn ich gewinne, muss ich keinen provozieren.“ Auf dem Platz hatte es nach Spielende eine Rudelbildung gegeben.

Nach dem Schlusspfiff des Pokal-Viertelfinals, das die Sachsen 2:1 nach Verlängerung gewannen, gingen erst die Bosse aufeinander los, dann gab es Tumulte unter den Spielern.

Mintzlaff und die Leipziger Pokalhelden hatten die Augsburger Arena längst mit einem „großartigen Gefühl“ verlassen, da schäumte Reuter weit nach Mitternacht immer noch vor Wut. „Das ist eine bodenlose Frechheit, wie er sich verhalten hat. Statt sich mit seiner Mannschaft zu freuen, stürmt er nach dem Spiel in unsere Coaching Zone. Das ist extrem arrogant und unverschämt, unterste Schublade“, schimpfte Reuter nach dem 1:2 (1:1, 0:0) nach Verlängerung gegen den Bundesliga-Konkurrenten, der dem FC Augsburg ohnehin schon seit Jahren als Feindbild dient.

FCA-Manager Stefan Reuter sauer: Zu Oliver Mintzlaff möchte ich nichts mehr sagen, der braucht mir auch nicht mit einer Entschuldigung zu kommen. Das was er gemacht hat, kann ich nicht akzeptieren.

Was war das denn? Erst Hand-Aussetzer, dann Ausraster nach Schlusspfiff. Bei Leipzigs 2:1 n.V. in Augsburg war mächtig Zündstoff drin.

Mit Abpfiff lief Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff zur Augsburger Bank. Und beschwerte sich massiv darüber, dass die Gastgeber ständig ihre Coaching-Zone verlassen und sich in der Leipziger aufgehalten hätten. Ja, ich bin zu Jens Lehmann gegangen und habe ihm gesagt, dass das so nicht geht, sagte Mintzlaff zu BILD.

Jens Lehmann, inzwischen Co-Trainer beim FC Augsburg, war also irgendwie alles zuzutrauen, als er an diesem Dienstagabend scheinbar seelenruhig die Manager des FCA und RB Leipzig davon abhielt, aufeinander loszugehen. Doch Lehmann zeigte keine Zuckung, mit ausgebreiteten Armen stand er da, blieb da stehen, und fast schien er es zu genießen, Begleiter eines Streits zu sein, den er selbst mit ausgelöst hatte.

Angeblich siebenmal wäre das allein in der Verlängerung passiert. Mintzlaff weiter: Das hat nichts mit Fairplay zu tun. Das habe ich Jens in einem ganz normalen Ton gesagt. Plötzlich ging Herr Reuter dazwischen und fing an zu schubsen. Und das geht so überhaupt nicht!

Das sehen die Augsburger aber komplett anders. Reuter: Es ist eine bodenlose Frechheit, wie er sich nach Schlusspfiff verhalten hat. Anstatt sich mit seiner Mannschaft zu freuen, stürmt er in unsere Coaching Zone direkt zu unserer Bank und sagt: Was wir hier in Augsburg veranstalten, ist ein Unding. Also ich finde, man sollte mit Anstand verlieren, aber hier hat man gesehen, dass man mit extremer Arroganz gewinnt.

Während der Frust beim FCA riesig war, herrschte bei RB großer Jubel. Mintzlaff stellte eine „außerordentliche Leistung“ heraus. Rangnick war „überglücklich und stolz auf die Jungs. Chapeau.“ Er zog also seinen Hut, vielleicht gerade noch rechtzeitig. Sonst wäre Jens Lehmann doch noch mal aufgetaucht und hätte ihn ihm vom Kopf gerissen. (mit sid)

Und der Weltmeister von 1990 beharrt darauf, dass Mintzlaff direkt zu ihm kam: Ja, natürlich, er ist ja direkt auf mich zugestürmt. Das sollte er sich vielleicht nochmal anschauen und es sich noch mal anhören. Wenn er jetzt was anderes erzählt …

RB-Trainer Ralf Rangnick zur Entstehung: Ich wollte nach dem Spiel den Schiedsrichtern die Hand geben und als ich dem ersten Schiri die Hand gab, bekam ich einen leichten Bodycheck – wenn Gouweleeuw mir einen Bodycheck gibt, spürt man das trotzdem. Dann gab es halt eine Rudelbildung.

Nach dem Leipziger Pokalsieg in Augsburg gibt es mächtig Streit – auch wegen Jens Lehmann.

Jeff Gouweleeuw ist der Abwehrchef der Augsburger. Wie im TV zu sehen war, wollte der Holländer gerade den Schiedsrichtern die Hand geben, als Rangnick ihm zuvor kam. Es folgte der Schubser. Gouweleeuw zu BILD: Die Emotionen sind hochgekocht, aber das ist jetzt abgehakt.

Und auch Rangnick will die Situation nicht überbewerten: Alles halb so wild. Ich kann nachvollziehen, dass die Augsburger maßlos enttäuscht waren durch dieses späte Siegtor für uns.

Das sehen die Augsburger natürlich auch anders. Offensivmann André Hahn: Wir wurden noch mal gut provoziert und das lassen wir nicht auf uns sitzen. So ist es nach dem Spiel ein bisschen eskaliert. Sie haben gefeiert und sie haben es provokant vor uns gemacht.

Reuter steht zu seinen Spielern: Wenn ich gewinne, dann muss ich keinen Spieler provozieren und nicht angrinsen, anlachen, den stellen. Also, das gehört sich nicht und es zeigt, dass da doch relativ viel Arroganz vorhanden ist. Das ist schade, dass es sowas gibt. Ich finde, man soll sich sportlich messen und danach sagen: Glückwunsch. Wir nehmen das auch so hin. Wir haben in der 119. Minute einen Elfmeter verursacht und den haben sie eiskalt verwandelt.

Es war übrigens nicht der erste Zoff zwischen den beiden Teams: Im September 2017 hatte sich Augsburgs Daniel Baier zu einer Masturbations-Geste in Richtung des damaligen Leipzig-Trainers Ralph Hasenhüttl (jetzt Southampton) hinreißen lassen.

Als er sich bei den Leipzigern entschuldigen wollte, flog er aus ihrer Kabine. Baier wurde für ein Spiel gesperrt und musste 20 000 Euro Strafe zahlen.

Wenig später gerieten im Sky-Studio Stefan Reuter und der per Video zugeschaltete Mintzlaff aneinander. Mintzlaff warf zudem Augsburgs Klub-Boss Klaus Hofmann vor, bei Spielen negativ auf der Tribüne aufgefallen zu sein. Ihren Präsidenten mussten wir fast aus der Loge entfernen, weil er permanent den Mittelfinger gezeigt hat. Hofmann erklärte auf seiner Mitgliederversammlung, dass Leipzig eigentlich keine Lizenz für die Bundesliga bekommen dürfte.