Kann Leipzig sich auf Red Bull verlassen?
Niederlage in Celtics Paradies:Kann Leipzig sich auf Red Bull verlassen?
In drei Wochen tritt im Spiel zwischen RB Salzburg und RB Leipzig genau der Fall ein, der vor Gruppenstart befürchtet worden war. Was passiert nun?

13 Sekunden dauerte es nach dem Wiederanstoß, bis der Celtic Park in Glasgow am Donnerstagabend zum zweiten Mal Kopf stand und RB Leipzig in der 79. Minute wieder zurücklag. Anders als beim vorausgegangen Ausgleich von Jean-Kevin Augustin hatten die Sachsen nach dem postwendenden 2:1 von Glasgows Odsonne Edouard keine Antwort mehr parat und verließen Schottland ohne Punkt(e) im Gepäck.

Salzburg kombinierte sich immer wieder munter in die gegnerische Hälfte, die Heimelf konnte kaum für Entlastung sorgen. Ein langer Ball von André Ramalho auf Minamino in der Spitze und ein schneller Abschluss sorgten nach knapp 20 Minuten für das 2:0 der Bullen. Zuvor hätten Andreas Ulmer bzw. Munas Dabbur schon den Score erhöhen können.

UEFA Europa League – Rosenborg-Salzburg – Salzburger Schützenfest in Trondheim

Weil Gruppen-Konkurrent Salzburg, der von der UEFA in den europäischen Wettbewerben als FC statt als Red Bull geführt wird, in Trondheim überhaupt nichts anbrennen ließ und auch das vierte von vier Spielen gewann, ergibt sich vor dem Rückspiel (29. November) zwischen den Österreichern und dem deutschen Schwesterklub eine brisante Konstellation. Salzburg hat die Zwischenrunde mit je sechs Punkten Vorsprung auf Leipzig (sechs Zähler) und Celtic (sechs) so gut wie sicher, kann nur bei zwei Niederlagen in den verbleibenden Partien und jeweils zwei Siegen der beiden Verfolger in einem Direktvergleich mit diesen noch ausscheiden. Rosenborg hat nur noch theoretische Chancen auf ein Weiterkommen bei zwei Siegen.

Die Fassungslosigkeit bei den gut 13.000 Rosenborg Fans im Lerkedal Stadium wich gleich, wenn auch nur kurz, der Freude. Nicklas Bendtner zog ab, Kapitän Mike Jensen hielt das Bein noch zwischen Bendtner, Ball und Walke und so stand es fünf Minuten später 2:5 aus Heimsicht.

Damit tritt nun der heikle Fall ein, dass RB Leipzig im Fernduell mit Celtic dringend Punkte fürs Erreichen der Zwischenrunde braucht und RB Salzburg nicht zwingend. Natürlich wird es keine “Stallorder” von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz, der mit seinem Unternehmen in Leipzig als Hauptgesellschafter und in Salzburg offiziell nur noch als Sponsor aktiv ist, geben – das hatten RB Leipzig und RB Salzburg schon vor dem Hinspiel betont.

“Die Klubs waren vor Jahren mal eng verzahnt”, erklärte etwa Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff. “Das ist ja nicht mehr der Fall.” Die UEFA hatte das 2017 bestätigt und im Zuge der Zulassungsprüfung begründet, bei beiden Klubs seien “bedeutende Management- und strukturelle Änderungen hinsichtlich Unternehmensfragen, Finanzen, Personal, Sponsoring usw.” vorgenommen worden.

Was aber, wenn Salzburg, das Leipzig schon im Hinspiel besiegt und seit elf Europa-League-Heimspielen nicht mehr verloren hat, den Deutschen unterliegt und Leipzig im Fernduell mit Celtic die Nase vorn behält? Ein Beigeschmack dürfte bleiben.

Nach genau einer halben Stunde hatten die Gastgeber durch Alexander Søderlund, der Alexander Walke per Kopf prüfte, die erste Torchance ihres Spiels. Eine klare Warnung für die Salzburger, die kurzzeitig das Tempo ein klein wenig reduzierten.

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Keine fünf Minuten waren gespielt, da hatte Takumi Minamino nach mustergültiger Vorarbeit von Stefan Lainer und mit ordentlich Tempo im Abschluss das Leder passgenau im Tor von Rosenborg zum ersten Mal des Abends untergebracht.

RB Leipzig verliert in der Fußball-Europaliga bei Celtic und spielt nun beim Schwesterklub Red Bull Salzburg, der so gut wie eine Runde weiter ist. Eine Konstellation, die zu Spekulationen zwingt. Die Uefa tut sich und dem Sport keinen Gefallen.

Minamino antwortete für Salzburg auf seine Art und sorgte mit einer gefährliche Aktion und schließlich einem Eigentor von Even Hovland für die Wiederherstellung des Vier-Tore-Vorsprungs der Gäste. 

Die Kulisse im Celtic-Park verstummte nur für ein paar Sekunden, um sich kurz darauf umso heftiger wieder aufzubäumen. Klassiker wie die Hymne "Here we go again" brandeten nach der 79. Minute so lautstark und gewaltig durch das "Paradise", als hätte Glasgows Stürmer Odsonne Édouard die Grün-Weißen gerade zum zweiten Europapokal der Landesmeister, heute heißt das Champions League, nach 1967 geschossen. Der talentierte U21-Stürmer aus Frankreich hatte zwar lediglich im vierten Europaliga-Gruppenspiel gegen RB Leipzig zum 2:1 (0:1)-Endstand getroffen (79.). Doch die Dramaturgie dieses Spiels brachte die Stimmung bei den "Hoops", wie Celtic wegen der Streifen-Trikots genannt wird, zum Überkochen.

Mögliche Schwachpunkte wollte man direkt nach dem Torfestival nicht im Detail ausloten. "In erster Linie genießen wir den Sieg", meinte Ulmer. Für Fredrik Gulbrandsen war "der Anfang der zweiten Hälfte nicht so gut". Der Norweger trat in seiner Heimat als zweiter Salzburger Torschütze in Erscheinung (37.), verzichtete aber auf Jubelgesten. Rose konstatierte nach Seitenwechsel immerhin eine "sehr ordentliche" Leistung, auch wenn man bei den Gegentoren (52., 62.) "zweimal unaufmerksam" gewesen sei und auch selbst noch "das eine oder andere Tor mehr machen" hätte können.

Bereits vor Anpfiff hatte das gesamte Stadion zu einer erstmals aufgeführten Lichtshow in Grün-Weiß die Hymne "Youll never walk alone" so laut und hingebungsvoll angestimmt, dass wohl jeder im Stadion – inklusive der gut 2200 Leipziger – eine Gänsehaut bekam. Wenn die knapp 60.000 aus voller Kehle mitsingen und fast jeder im Oval seinen Celtic-Schal in die Höhe reckt, erzeugt das eine der gewaltigsten und aufregendsten Kulissen, die man in einem Fußballstadion erleben kann.

Nicht zuletzt Minamino erfreute Rose, er geigte mit seinem zweiten Triplepack (5., 19., 45.) im Salzburg-Dress groß auf – der erste fand beim 6:1 in der Bundesliga über Ried im Februar 2017 statt. Die etwas überraschende Nominierung in die Startelf anstelle des zuletzt überzeugenden Hannes Wolf, trug reife Früchte. In den vergangenen zwei Pflichtpartien war Minamino nicht zum Zug gekommen. Nun sei klar gewesen, dass "ich ihn bringen muss, um auch ihm gerecht zu werden, weil er gut drauf ist", erklärte der Trainer. "Ich bin froh, dass er das so zurückgezahlt hat, er ist einfach bärenstark drauf."

"Das war ein sehr emotionaler Abend heute", sagte Trainer Brendan Rodgers stolz. Er wusste, dass nicht nur seine elf Spieler auf dem Platz, sondern ebenso die Fans über sich hinaus gewachsen waren, um Celtic im Rennen um den Einzug in die K.-o.-Phase zu halten. "Die Atmosphäre hier ist sehr einschüchternd, vor allem für ein Team, das noch nie hier war", sagte Rodgers. "Auch die besten Teams der Welt, die schon bei uns waren, haben hier schon sehr gelitten. Die Emotionen haben dem Team sehr geholfen und die Mannschaft konnte sehr von der Unterstützung zehren." Nach der laschen Vorstellung im Hinspiel (2:0 für RB) traten die Schotten daheim so leidenschaftlich und aggressiv auf, dass RB nach guter Startphase schnell beeindruckt war. Vor allem Rechtsaußen James Forrest – ein pfeilschnelles Kraftpaket, das mit unberechenbaren Aktionen an bullig-britische Legenden wie Paul Gascoigne erinnert – toste auf seiner Seite durch die RB-Abwehr wie ein Sturm durchs Getreidefeld.

Minamino unterstrich seine aktuell gute Form, die er erst vor kurzem auch auf anderer Ebene gezeigt hatte. Nach fast dreijähriger Abstinenz war er wieder in Japans Kader gestanden und hatte in den Tests sowohl gegen Costa Rica (September) als auch Panama und Uruguay (beide Oktober) doppelt eingenetzt. In Salzburg hält er nach 151 Partien bei 50 Treffern. Das Torkonto könnte angesichts zweier weiterer, vergebener Topchancen gegen die Norweger freilich sogar dicker sein. "Ich hätte noch mehr Tore schießen können", merkte er an.

Angetrieben vom gesamten Stadion, abzüglich der tapfer gegen die Übermacht ansingenden Leipziger Auswärtsfans, ließ Forrest Linksverteidiger Marcelo Saracchi stehen und flankte auf den talentierten und ebenso pfeilschnellen Kevin Tierney, der zum frühen 1:0 traf (11.). Leipzigs Trainer Ralf Rangnick hatte sich in Abwesenheit seines ersten Sturms, Timo Werner und Yussuf Poulsen fehlten angeschlagen, dazu entschieden, seine beiden Mittelfeldantreiber Diego Demme und Kevin Kampl zunächst auf der Bank zu lassen. Keine gute Idee im Celtic-Park, wo die Ballsicherheit des Duos in der ersten Hälfte sichtlich fehlte.

An den Super-GAU von zwei Niederlagen in den letzten beiden Partien wollte am Donnerstag im Lager der Salzburger ohnehin keiner denken. Zumal bei einer Truppe, die in 24 Saisonpflichtspielen keinen einzigen "Nuller" einfuhr, dafür 20 Siege feierte. Dennoch mahnte Rose zu Besonnenheit. "Wir sind (nach der Partie) nicht in Jubelorgien ausgebrochen, jeder weiß, was wir noch vor der Brust haben. Das ist eine sehr enge Gruppe. Wir wissen schon, dass das eine Aufgabe ist."

Weil Celtic aggressiv deckte, spielte der Bundesliga-Tabellenvierte mehr Fehlpässe als sonst. Kaum erobert, war der Ball schon wieder in den Reihen der Hausherren. "Sie haben früher zugestellt, besser gepresst als im Hinspiel und haben es geschafft, unsere Stürmer eng zu decken", analysierte Kampl. "So bekamen die Stürmer Probleme, in Ballbesitz zu kommen. Wir hätten mehr die Lücken aufreißen müssen durch Tiefgang, um da Unordnung in die Abwehr zu bringen." So drängte Celtic vor den Augen des begeisterten Celtic-Promis Rod Stewart auf das 2:0, während RB kaum Torgefahr erzeugte. Das wurde erst in der letzten halben Stunde anders, als Kampl und Demme in der Partie waren, Leipzig spielerisch dominant wurde und auch den Anschluss durch Jean-Kévin Augustin per Kopfball erzielte (78.). Eigentlich wären nun die Leipziger im Vorteil gewesen, doch die Phase wurde zum Knackpunkt, da eben Edouard nach Vorarbeit von Scott Sinclair und Christie prompt den nächsten Treffer nachlegten. Ein 2:2 wäre dennoch verdient gewesen, da RB Celtic auch danach am eigenen Strafraum einschnürte und Kevin Kampl zwei riesige Chancen zum Ausgleich vergab, einmal mit einem Lattentreffer (87.).

Angesichts seiner "dreieinhalb" Treffer – er erzwang zudem Trondheims Eigentor zum 5:1 (57.) – glänzte Minamino auch mit Deutschkenntnissen. "Bist du deppert", lächelte der 23-Jährige, der im Jänner 2015 aus seiner Heimat zu den "Bullen" gewechselt war. "Ich freue mich sehr, das war für mich der beste Tag in Salzburg." Den Spielball packte der Offensivmann ein, er "kommt vielleicht neben den Fernseher", überlegte Minamino.

So saß Rangnick nach der ersten Niederlage nach zehn Spielen ohne Pleite, die letzten sechs allesamt ohne Gegentor, schmallippig und verkniffen im Pressezelt vor dem museumsreifen Stadion und kritisierte: "Am meisten ärgere ich mich über das Gegentor zum 1:2. Dass du nach dem Anstoß, ohne selbst einmal den Ball berührt zu haben, ein solches Tor kassierst, darf so nicht passieren. Das hat uns um den Lohn gebracht." Spieler Marcel Halstenberg, der nach der Partie lustlos in einer Vollkorn-Nudelbox stocherte und durch das leere Stadion zum Bus trabte, ärgerte sich: "Wir waren beim ersten Tor nicht wach und beim zweiten auch nicht. Es ist ärgerlich, wenn man eine solche Reise auf sich nimmt und dann zweimal so schläft."

Für das an diesem Abend letztlich chancenlose Trondheim war das freilich nicht nötig. Gerade vor der Pause, als die Hausherren nur einmal wirklich gefährlich wurden, aber an Goalie Alexander Walke scheiterten, war Salzburg deutlich überlegen. "Das war eine top erste Hälfte, wo wir schon höher führen hätten können", sagte Rose. Kapitän Andreas Ulmer sah es genauso: "In der ersten Hälfte haben wir sehr viel richtig gemacht."

Während der zweite Sieg für den schottischen Tabellenzweiten Celtic die Lebensversicherung in der Gruppe B war, geriet nun Leipzigs schon sicher geglaubter Einzug ins Sechzehntelfinale mächtig ins Wanken. "Mit einem Unentschieden hätten wir noch einen Sieg gebraucht. Jetzt brauchen wir einen Sieg in Salzburg und danach womöglich nochmal einen Sieg in Trondheim", sagte Rangnick. "Daher ist es so ärgerlich, dass wir den Punkt nicht mitnehmen konnten."

Der Japaner wähnte sich kurz nach der Partie bereits im Sechzehntelfinale, erfuhr dann aber von der 1:2-Niederlage Leipzigs gegen Celtic Glasgow. Damit haben beide Salzburger Konkurrenten je sechs Zähler, der rot-weiß-rote Halbfinalist der Vorsaison könnte nach den abschließenden Partien gegen die Deutschen (29. November/heim) und in Schottland (13. Dezember) trotz Punktemaximums (12) noch auf Rang drei zurückfallen.

Dass das Rückspiel zwischen beiden Red-Bull-Klubs nun am fünften Spieltag stattfindet – die Ansetzung macht die Uefa inzwischen computergesteuert und nicht mehr gespiegelt wie früher – erweist sich nun als unglücklich. Während Salzburg so gut wie sicher qualifiziert ist, kämpft RB noch um wichtige Punkte. Eine Konstellation, die die Gegner des Red-Bull-Modells auf den Plan ruft. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, dass es womöglich tatsächlich eine Stallorder von Gründer Dietrich Mateschitz geben könnte, was – soweit bekannt – nicht der Fall ist.

Doch weil die beiden Vereine durch den mächtigen Geldgeber und Klub-Schöpfer so eng verbunden sind, müssen sie sich diesem Vorwurf nun ebenso stellen wie der Verband, der in der vergangenen Saison beide Teams nach erheblichen Bedenken für europäische Wettbewerbe lizenzierte. Die beseelten Celtic-Fans setzen sich damit auseinander, wenn es soweit ist. Am Abend in den Celtic-Pubs wie dem "Brazen Head", die wie kleine Klubmuseen eingerichtet sind, war das noch kein Thema, sondern nur der begeisternde Auftritt ihres Teams, der mit dem gewaltigen Support eine mächtige Einheit bildete.