Sein Stand misst nur 14 Quadratmeter, doch die Aufmerksamkeit für Götz Kubitschek und andere rechte Verleger in Leipzig ist gewaltig. Die Buchbranche muss das Diskutieren noch üben.

Es gab schon grimmige Blicke an diesem Donnerstagvormittag, Mittelfinger, Beschimpfungen. Einer hat rechte Sau gesagt. Eskalationsniveau: aushaltbar. Götz Kubitschek ahnt, dass es nicht so bleiben wird. Dass es hier in Halle 3, am Stand H 601, noch laut werden wird in den kommenden Tagen.

Götz Kubitschek ist Redner bei Pegida, Vertrauter von Björn Höcke. Er wollte mal in die AfD, war der aber zu rechts. In der Szene wird Kubitschek als Schöngeist gefeiert, als Philosoph. Er ist Oberleutnant der Reserve, er glaubt, er befinde sich in einem geistigen Bürgerkrieg, der über die Fortexistenz des deutschen Volkes entscheide.

Der Verlag Antaios ist neben dem Institut für Staatspolitik und der Zeitschrift Sezession die dritte neurechte Institution in der Verantwortung von Götz Kubitschek. Gegründet wurde der Verlag im Jahr 2000 unter dem Namen Edition Antaios. 2012 folgte die Umbenennung zum jetzigen Namen. Nach eigenen Angaben auf der Website wurden bisher ungefähr 150 Bücher verlegt. Der Verlag sitzt in Schnellroda in Sachsen-Anhalt, wo sich auch das von Kubitschek gegründete Institut für Staatspolitik befindet.

Die Frage, ob und wie auf dieser Leipziger Buchmesse mit rechten Verlagen umzugehen sei, wurde in der deutschen Öffentlichkeit zuletzt dringlicher verhandelt als jene, welcher Autor wohl den diesjährigen Buchpreis verdient. Und als vorige Woche auch noch der Bestsellerschriftsteller Uwe Tellkamp bei einer Diskussionsveranstaltung im Dresdner Kulturpalast in Pegida-Logik verfiel, ist die Debatte darüber, was man im Literaturbetrieb doch wohl noch mal sagen oder schreiben darf, endgültig eskaliert. Im Fokus stehen dabei der Verlag Antaios und sein Gründer Kubitschek.

Rechte Verlage auf der Leipziger Buchmesse: Das demokratische Dilemma

Der Mann legt Wert auf Ästhetik. Seine Bücher präsentiert er in einem edlen Regal aus Kirschbaum, vorn ist das Verlagslogo ins Holz graviert. Die Buchumschläge sind pastellfarben. Welch ein Unterschied zum kaum besuchten Stand der NPD gegenüber. Da versuchen Mitarbeiter in schlecht sitzenden Anzügen billig wirkende Schwarz-Weiß-Drucke anzupreisen.

Pünktlich zur Buchmesse hat Compact eine Sonderausgabe veröffentlicht, die ausschließlich Texte des wegen Volksverhetzung verurteilten Autors Akif Pirinçci enthält. Am Samstag soll sie auf der Messe vorgestellt werden. Am Sonntag kommt dann schließlich Compact mit Antaios zusammen. Elsässer empfängt Antaios-Verleger Götz Kubitschek zum Thema “Die Perspektive alternativer Medien in Deutschland”. Vermutetes Fazit: Nur mit großzügiger Spende an Herrn Elsässer kann es überhaupt irgendeine Zukunft geben.

Antaios hat diverse Werke von Aktivisten der rechtsextremen, vom Verfassungsschutz beobachteten Identitären Bewegung herausgebracht. Einer der Vorzeigeautoren heißt Martin Lichtmesz. Der schreibt von der Umvolkung Europas durch Afrikanisierung und Aufschwärzung der Bevölkerung, was Genozid an den Europäern sei. Er schreibt von Vergewaltigungsepidemien durch Flüchtlinge und sagt, Bindemittel einer Gesellschaft sollten nicht Ideen und Überzeugungen sein, eher Herkunft und Hautfarbe.

13 Veranstaltungen hat die Initiative #verlagegegenrechts in den Messetagen geplant. Etliche weitere kommen von anderen Organisatoren hinzu, zum Beispiel vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der bat Buchhändler zu der Frage aufs Podium, wie politisch der Buchhandel sei. Mit dabei war die derzeit wohl bekannteste deutsche Buchhändlerin: Susanne Dagen, Mitinhaberin der Buchhandlung BuchHaus Loschwitz in Dresden, bekennende AfD-Anhängerin und Initiatorin der “Charta 2017”, in der sie von Meinungskorridoren schreibt, die in die Meinungsdiktatur führten. “Die Gefahr sehe ich ganz klar”, so Dagen. “Natürlich ist es so, dass wir Meinungsfreiheit haben und uns nach dem Grundgesetz in unseren unterschiedlichen Meinungen präsentieren dürfen. Die Frage ist nur, wie eine anderslautende Meinung konnotiert bzw. in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Und das ist prinzipiell das Problem: die Meinungen, die sich aus einer Mitte heraus verabschieden, die also nicht die Meinung des Mainstreams sind.”

Die Messeleitung hat entschieden, dass sich solche Verlage in Leipzig präsentieren dürfen. Man sei schließlich an die Meinungs- und Pressefreiheit gebunden. Und man hoffe, dass die Rechten nicht zu viel Aufmerksamkeit bekämen.

Über 80, meist kleinere Verlage und mehr als 200 Einzelpersonen und Initiativen haben sich der Initiative angeschlossen, die für das diesjährige Branchentreffen fordert: Meinungsfreiheit nutzen, Rechten widersprechen. “Da hat auch keine Mensch etwas dagegen”, sagt Dietrich zu Klampen, Verleger des gleichnamigen Verlags aus Springe. “Es ist nur die Frage, wie man es macht. Es wurde hier diskutiert, ob es der Buchmesse Leipzig zustünde, rechte Verlage zuzulassen oder nicht. Und ich habe da eine ganz eindeutige Haltung – und das ist auch die Haltung der Buchmesse: Solange ein Verlag nicht verboten ist, darf er hier ausstellen. Und natürlich darf man diskutieren. Man darf über alle Positionen diskutieren – man darf aber diese Positionen nicht vorher ausschließen.”

Was ist damit gemeint? Sollen Besucher sie einfach ignorieren? Oder soll man mit ihnen diskutieren? Sie auslachen? Protestieren? Und falls Protest: wie viel ist in Ordnung, wie viel geboten? Gegner haben zu Konfetti-Würfen aufgefordert, auch zu spontanen Demonstrationen. Kubitschek vermutet, jemand werde versuchen, seinen Stand zu zerstören. Bei der Frankfurter Messe im vergangenen Herbst hätten Unbekannte seine Bücher nachts mit Zahnpasta beschmiert, auch sei ihm ein Stuhl gestohlen worden. Verlagsveranstaltungen, bei denen Vertreter der Identitären und Björn Höcke auftraten, wurden von linken Gegendemonstranten massiv gestört.

“Kultur ist nicht unpolitisch! Kultur ist politisch!”, betont René Arnsburg, Verleger des sich selbst als kommunistisch bezeichnenden Manifest Verlags und einer der Initiatoren der Initiative #verlagegegenrechts, die gestern parallel zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse zu einer Kundgebung vor dem Gewandhaus aufgerufen hatte: Etwa 400 Demonstrierende waren gekommen. “Gerade weil sich die Rechten den Kulturkampf auf die Fahnen geschrieben haben”, so Arnsburg weiter, “und mit aller Macht in die Verlagslandschaft, in die Zeitungen, in intellektuelle Kreise vordringen, können wir uns nicht in eine vermeintlich neutrale Haltung begeben. So eine Haltung gab es noch nie und gibt es vor allem jetzt nicht, denn gerade jetzt hilft Schweigen nur den Rechten!”

Deshalb hat der Verlag jetzt einen privaten Sicherheitsdienst engagiert, dazu eine Menge junge Männer, die jeden filmen, der in Standnähe kommt und aussieht, als könne er protestieren wollen. Was die jungen Männer später mit dem Videomaterial machen werden, sagen sie nicht.

Danach sah es heute bei den rechten Verlagen in Halle 3 – ganz hinten, wo kaum noch Laufkundschaft vorbeikommt – nicht aus. In den gut bewachten Ständen hängen Plakate, mit denen die Kritiker verhöhnt werden. Aus “verlagegegenrechts” wird da “versagergegenrechts”. Das wars. Vorläufig. Aber die Aufmerksamkeit ist geweckt. Das bestätigen auch die rechten Verlage selbst auf Nachfrage. Für Katharina Picandet eine missliche Situation: “Aus deren Perspektive war das eine sehr gute PR-Strategie. Das war auch viel Wasser auf ihre Mühlen. So etwas muss man vielleicht auch manchmal in Kauf nehmen. Vielleicht kann man das nächste Mal auch daraus lernen. Sie einfach zu ignorieren ist natürlich auch eine Geste. Man kann ja nicht nicht kommunizieren.”

Antaios hat etliche Extremisten in seinem Verlagsprogramm. Thor von Waldstein etwa, der mal im Bundesvorstand der NPD war und den Holocaust als US-amerikanisches Kulturprodukt bezeichnete. Den norwegischen Islamhasser Peder Are Nøstvold Jensen, Vorbild für den Rechtsterroristen Anders Breivik. Den Historiker Stefan Scheil, der den deutschen Überfall auf die Sowjetunion Präventivkrieg nennt und Winston Churchill einen Rassisten, der massenhaft Deutsche töten wollte.

Die Leipziger Buchmesse ist so politisch wie selten zuvor. Schriftsteller und Buchhändler arbeiten sich noch immer daran ab, wie der Literaturbetrieb auf rechte Verlage reagieren soll. Denn deren Produkte verkaufen sich gut.

Zu Kubitscheks Autoren gehört auch Akif Pirincci, der Muslimen eine krankhafte Beschäftigung mit allem, was nach Ficken und Gewalt riecht unterstellte und Flüchtlinge als Moslem-Müllhalde beschimpfte. Er ist wegen Volksverhetzung verurteilt worden.

Mehr als 2600 Aussteller aus 46 Ländern sind dieses Jahr vertreten. Rund 280 000 Besucher werden in kommenden vier Tagen auf dem Leipziger Messegelände erwartet.

Anderen Szeneverlagen war Pirincci zu extrem, bei Antaios fand er Unterschlupf. Während der Buchmesse in Frankfurt betonte Kubitscheks Ehefrau, wie froh sie über Pirincci sei. Wie zivilisiert und gentlemanlike er sich benehme, wie in seinen Manuskripten jedes Komma stimme.

Trotz seiner Randlage in Halle 3 hat der Stand von Antaios regen Zulauf, und es bleiben Menschen stehen, die nicht zufällig vorbeigeschlendert zu sein scheinen. Es kommen: ältere Männer. Junge, auffallend ordentlich gekleidete Männer. Ältere Frauen in Begleitung älterer Männer.

Der Stand der NPD dagegen ist immer noch leer, die Mitarbeiter sehen frustriert aus. Umso mehr Leute drängeln sich ein paar Meter weiter bei Compact, dem Magazin des Rechtspopulisten Jürgen Elsässer. Es liegen Aufkleber aus, auf denen Fremd im eigenen Land steht oder die Angela Merkel mit Kopftuch zeigen. Ein Mann gratuliert Elsässer zu dessen kürzlich in Compact niedergeschriebener Forderung Freiheit für Beate Zschäpe! und fragt, ob er hier ein Schild mit der Aufschrift Lügenpresse kaufen könne. Leider nein. Ein anderer will wissen, was für Compact denn die große Lösung, das ganz große Ziel sei.

Man könnte es auf der Buchmesse allerdings auch zum Äußersten kommen lassen und in ein paar der ausgestellten Bücher reinschauen. Zur Erinnerung: Kubitschek hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass am Anfang des goldenen Herbstes 2017 ein ungelesenes Buch stand. Erst als Rolf-Peter Sieferles Finis Germania auf der Basis von Gerüchten skandalisiert und so auf Platz 1 bei Amazon katapultiert worden war, hatte die Kritik sich ja auf eine gründliche Lektüre eingelassen. Die Bilanz: neben vielen bitteren und dunklen, darunter einigen durchaus anregenden, genau ein tatsächlich skandalöser Gedanke. Wäre es von Anfang an so unaufgeregt kritisiert worden, hätte Antaios für die Buchmesse vermutlich einen Kredit aufnehmen müssen. Was gäbe es nun zu entdecken? Man könnte etwa feststellen, dass ernstzunehmende Rechtsintellektuelle wie Karl-Heinz Weißmann im aktuellen Programm nicht mehr vertreten sind, dafür aber internationale Superstars wie die Rechtsfeministin Camille Paglia. Oder dass Kubitschek zwar kein großer Denker ist, aber durchaus ein flotter Schreiber, dessen – worauf in einer Vorbemerkung hingewiesen wird – einflussreichster Text wie heißt? Genau: Provokation. Wer provoziert, hat verstanden, durch welche Gesten er den anderen zu unbedachten Taten reizen kann. Im Kampf ist die Provokation eine Taktik der Anpassung an einen überlegenen Gegner. Der Schwächere nimmt sich die Freiheit, den Stärkeren zum Sklaven seiner Instinkte zu machen. Hätte man das verstanden, könnte man zum Schluss Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfelds Mit Linken leben zur Hand nehmen, einen Bestseller, auf den Kubitschek und Kositza erklärtermaßen stolz sind. Gegner der Rechten sollten dieses Buch unbedingt lesen. Nicht weil es so brillant wäre, – im Gegenteil, die Zeiten, in denen es für reaktionäre Autoren eine Frage der Ehre war, die Anstößigkeit des Inhalts durch Schärfe im Stil zu vergelten, sind leider längst vorbei –, sondern weil es das Erfolgsgeheimnis der Rechten im Zeitalter Donald Trumps enthüllt: ein unternehmerisches Verhältnis zur Reizbarkeit.

Na, erstmal alle Grenzen dichtmachen und totale Kooperation mit Russland, antwortet ein Standmitarbeiter. Danach endlich die volle Souveränität Deutschlands. Na, schön und gut, aber wie das denn konkret gehen soll, will der andere wissen. Lassen Sie uns das jetzt bitte nicht hier besprechen.

Nach einem Begriff oder auch nur einer präzisen Beschreibung der Linken wird man in dem Buch vergeblich suchen. Dafür fehlt den Autoren die Kälte des Blicks. Von der visionären Klarheit Ernst Jüngers oder den Skalpellschnitten Schmittscher Unterscheidungen ist der rechte Geist hier Lichtjahre entfernt. Sommerfeld und Lichtmesz studieren keinen Feind, um ihn sich dann strategisch für den Kampf zurechtzulegen, sie erspüren eine feindliche Umwelt. Sie wittern die Linken wie eine bedrohliche Spezies, in deren Habitat sie eingedrungen sind. Sie überzeichnen ihre Eigenschaften, um von ihnen ja nicht gefasst zu werden. Sie rechnen mit ihrer Natur und überlassen sich der Führung der eigenen Instinkte. Dabei ist kein kluges Buch herausgekommen, aber ein geradezu schmerzhaft waches. Ganze Kapitel widmen die Autoren der Frage, durch welche Gesten und Sätze sich linke Empörung triggern lässt. Sie beschreiben ausführlich, in welchen Nischen man im juste milieu der Gerechten und Selbstgerechten gefahrlos überwintern kann. Und sie zeigen ein idiosynkratisches Gespür für die Widersprüchlichkeit einer Toleranz, die im Namen der Vielfalt Konformität erwartet. Angesichts solcher Umweltsensibilität muss man sich fragen, ob es nicht Zeit für eine ökologische Theorie der Rechten wäre. Sie könnte vielleicht erklären, dank welcher Metamorphosen und Anpassungsprozesse eine Bewegung, die durch den Nationalsozialismus rettungslos diskreditiert schien, heute so verstörend lebendig wirkt. Carl Schmitt und Ernst Jünger hat die Bundesrepublik längst kanonisiert. Was dagegen weiterhin zu denken gibt, ist die ewige Verlockung zur Regression. Du verspürst einen Reiz? Gib ihm nach! Man kritisiert Dich? Das zeigt, dass du Recht hast! Denn right is right, and left is wrong. Komm, wir backen Plätzchen! Und dann kochen wir uns ein Volk.

Eigentlich hätte es in Leipzig noch mehr Messestände rechter Verlage geben sollen, auch die Wochenzeitung Junge Freiheit hatte sich angemeldet. Dass sie sich zurückzog, gilt als cleverer Schachzug der Messeleitung: Die Planer hatten ihren Stand direkt neben den der NPD gesetzt. In dem Umfeld wollte sich die Junge Freiheit nicht präsentieren.

Anders als die meisten Aktivisten im Kampf gegen rechts wissen rechte Aktivisten wie Kubitschek ziemlich genau, womit sie rechnen können. Vor allem wissen sie, dass sie ihre Gegner vor ein Problem stellen, das Alain de Benoist so auf den Punkt gebracht hat: Der Staat kann den Besitz von Waffen […] verbieten, aber er kann nur sehr schwer, ohne das Prinzip der freien Meinungsäußerung anzutasten, die Verbreitung eines Buchs oder die Aufführung eines Schauspiels verbieten, die jedoch, wenn es darauf ankommt, Waffen darstellen können, die gegen ihn gerichtet werden. Wer nun, wie einige schlaue Journalisten und Literaturstudenten, angesichts solcher Kampfansagen behauptet, dass vielleicht nicht der Staat, wohl aber eine Buchmesse der Verbreitung subversiver Literatur Grenzen setzen könnte, hat weder unseren Staat noch die Buchmesse begriffen. Dem zwar wundzitierten, aber dennoch kaum verstandenen Diktum des Verfassungsjuristen Böckenförde zufolge ist der liberale Rechtsstaat auf Voraussetzungen angewiesen, die er selbst nicht garantieren kann. Er gewährt Freiheit, heißt das, aber verwirklichen kann sie nur die Gesellschaft seiner Bürger. Die Religionsfreiheit bleibt solange prekär, wie die Kirchen sie nicht als Prinzip der Selbstbindung akzeptieren. Und genauso verstehen sich die Buchmessen eben nicht allein als wirtschaftliche Infrastruktur, sondern auch als Medium der Meinungsfreiheit – eine Funktion, die sie nur bei strikter Neutralität erfüllen können. Gemäß dieser Selbstbindung markiert erst der Gesetzesbruch die Grenze des gedruckten Wortes. Der Ausschluss rechter Verlage steht also aus gutem Grund gar nicht zur Debatte. Jürgen Boos und Oliver Zille, die Direktoren der beiden Buchmessen, haben sich in dieser Frage eindeutig positioniert.

In Sichtweite von Compact und Antaios stehen junge Frauen und verteilen Flyer. Sie gehören zur Initiative Verlage gegen Rechts, sie wollen Antaios & Co. das Feld nicht unwidersprochen überlassen, wollen Besucher aufklären. Es soll in den nächsten Tagen Diskussionsrunden geben, dazu eine Unterschriftenaktion. Einer der Erstunterzeichner, selbst Verlagschef, erklärt, man habe sich nach hitziger Debatte intern darauf verständigt, dass man auch mit Vertretern der Rechten diskutieren wolle – sofern die an einem Gedankenaustausch interessiert seien und nicht nur provozieren wollten.

Wie damit umgehen? Vier Ansätze sind denkbar. Man kann, erstens, das Dilemma leugnen und sich zu nützlichen Idioten der Rechten machen. Wie auf der Herbstmesse, wo linke Aktivisten – quasi auf Bestellung – genau die Tumulte lieferten, die Kubitschek und seine Freunde zur Beglaubigung ihres Bürgerkriegsphantasmas brauchen. Als wäre all das nicht passiert, kündigt nun das Netzwerk Nationalismus ist keine Alternative für Leipzig erneut kostenlose Statistendienste an: Wir verhindern rechte Kundgebungen, Demos und Stände […]. Im besten Fall machen Antifaschist_innen den Rechten praktisch klar, dass sie in Zukunft besser auf ihre Meinungsäußerungen verzichten. Natürlich, und wenn das geklappt hat, macht ihr dann der Deutschen Bank klar, dass sie in Zukunft besser auf ihre Gewerbefreiheit verzichtet. Hallo! Ist euch klar, dass sie in Schnellroda mit ihren Kürassiersäbeln ganze Batterien von Aldi-Champagner geköpft haben, als euer Appell erschien? Jetzt wissen sie nämlich, dass ihr aus Frankfurt nichts gelernt habt. Ist euch klar, dass es für Antaios und die Identitären eine Riesengaudi wäre, euren erwarteten Auftritt mit einer Überraschung zu quittieren? Stellt euch nur mal kurz vor, sie würden einen auf gewaltlosen Widerstand machen. Ihr stört mit eurem Gebrüll ihre Veranstaltung, aber statt wie beim letzten Mal zurückzubrüllen streifen sie sich weiße Kurtis über, gehen auf die Knie, verkleben ihre Münder, während auf dem Podium ein Banner entrollt wird: Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du – Mahatma Gandhi. Reicht eure Phantasie aus, um zu ahnen, dass das auch Leute amüsieren würde, die sonst nichts mit den Rechten verbindet?

Dass derartige Versuche oft missglücken und sich die regelmäßig schlecht vorbereiteten Dialogsuchenden hinterher wundern, dass sie rhetorisch vorgeführt wurden, hat in Deutschland Tradition. Thomas Gottschalk scheiterte einst am Versuch, den Republikaner-Chef Franz Schönhuber in die Enge zu treiben, am Ende nutzte Schönhuber die Fernsehbühne zur Selbstdarstellung. Talkmaster und Ex-Spiegel-Chef Erich Böhme posaunte: Wir werden den Mythos Haider entzaubern – um sich dann von Jörg Haider überrumpeln zu lassen. Meist liegt es daran, dass es Zeit und Genauigkeit braucht, um krude Behauptungen als Lügen zu entlarven. Dass es noch keinen Faktencheck in Echtzeit gibt.Auf der Buchmesse versuchen sie es an diesem Donnerstag trotzdem. In Nachbarhalle 5 hat der Börsenverein des deutschen Buchhandels Susanne Dagen aufs Podium geladen. Die Dresdner Buchhändlerin hat im vergangenen Herbst mit einem Offenen Brief, einer Charta 2017, auf die Vorkommnisse auf der Frankfurter Buchmesse reagiert. Das, was dort zum Beispiel Kubitscheks Antaios-Verlag widerfuhr, mache deutlich, dass die Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt sei.

In einem Interview bekannte sie, bei der Bundestagswahl AfD gewählt zu haben. Ihr Geschäft wurde zwei Mal unter die Buchhandlungen des Jahres gewählt. Sie hat Verständnis für Pegida, lobt Aktionen der rechtsextremen Identitären. Sie klagt, dass Kunden und befreundete Schriftsteller nicht mehr in ihren Laden kämen. Thema der Diskussionsrunde: Wie politisch ist der Buchhandel?

Susanne Dagen beschwert sich, inzwischen dürfe man nicht mal mehr 95 Prozent sagen! Sie meint den Anteil Flüchtlinge – von dem der Schriftsteller Uwe Tellkamp, einer der Unterzeichner ihrer Charta, in der vergangenen Woche im Dresdner Kulturpalast sprach – der angeblich nach Deutschland käme, um in die hiesigen Sozialsysteme einzuwandern. Weil die allermeisten eben nicht vor Krieg flüchteten, sondern auf der Suche nach Wohlstand seien. Das ist empirisch grob falsch. Aber das müsse man doch behaupten dürfen, ohne gleich in die rechte Ecke gedrängt zu werden, sagt Dagen. Sie nimmt Tellkamp an diesem Tag immer wieder in Schutz. Sie sind Schicksalsgenossen. Da sagt man etwas und kriegt Widerspruch. Das soll Meinungsfreiheit sein?

Dann erklärt Dagen, in ihrem Laden biete sie selbstverständlich keine rechtsextreme Literatur an. Und erwähnt später beiläufig, dass sie die Werke von Antaios sehr wohl auslege; erst vorige Woche hatte sie eine Veranstaltung mit einer Antaios-Autorin bei sich im Laden.

Ob sie die Schriften der Autoren gelesen hat? Ob sie die Stelle kennt, wo Johannes Poensgen von Vergewaltigungsorgien von Orientalen und Afrikanern schreibt? Oder jene, an der sich Martin Lichtmesz über die Terroranschläge vom 11. September freute, weil es damit den USA endlich heimgezahlt worden sei? Oder die, an der Till-Lucas Wessels einen Kino-Blockbuster mit dunkelhäutigen Schauspielern als filmgewordenes Schokoladenfondue verhöhnte?

Auf dem Podium hakt niemand nach, auch der Moderator nicht. Später wird er sich darüber freuen, dass die Diskussion so zivilisiert verlaufen sei.

Götz Kubitschek lebt im Süden Sachsen-Anhalts, im Dorf Schnellroda, auf einem Rittergut. Björn Höcke war dort öfter zu Gast, in der Gaststätte des Dorfs hielt er 2015 seine viel diskutierte Rede, in der er behauptete, Afrikaner würden sich wie Grasfrösche, Ameisen oder Blattläuse vermehren. Gern lässt sich Kubitschek von Reportern der Mainstream-Medien besuchen und zeigt ihnen sein Landleben. Die Reporter schreiben dann zuverlässig, wie Kubitschek auf seinem Grundstück Ziegen streichelt, wie die Familie Pflaumenkuchen backt und dass seine Kinder Namen wie Brunhilde, Undine und Wieland tragen.

Viele Antaios-Autoren streben nach einer “konservativen Revolution”. Aber welches “konservativ” meinen sie? Sind es wirklich die Werte der Bundesrepublik, die da bewahrt werden sollen? Zu den großen Vorbildern der Strömung gehört der neurechte Vordenker Armin Mohler, der in einem seiner Werke die Massenvergasung von Juden in Auschwitz anzweifelte und noch 1995 auf die Frage, ob er Hitler bewundere, antwortete: Er hat immerhin eine richtige Führung geschaffen. Die Kader, die er heranzog, hatten Stil. Es sind aber auch Schwergewichte wie Carl Schmitt, der vom großartigen Kampf des Gauleiters Julius Streicher schwärmte, und Edgar Julius Jung, der die Tatsache wertvoller und minderwertiger Rassen predigte. Der Antaios-Verlag hat von beiden Autoren Bücher neu aufgelegt.

Gegen Mittag gesellt sich Susanne Dagen, die pegidanahe Buchhändlerin, an den Antaois-Stand. Es gibt Kekse. Kubitschek gratuliert ihr zum “super Auftritt”, Kubitscheks Frau nennt Dagen eine “Powerfrau”. Susanne Dagen klagt erneut darüber, dass man sie ständig in die rechte Ecke stelle.

In den kommenden Tagen, vor allem am Wochenende, soll es diverse Diskussionsrunden und Buchvorstellungen der rechten Verlage geben. Das Podium steht schon bereit, ebenfalls in Halle 3. Götz Kubitschek wird moderieren, Jürgen Elsässer auch, für Sonntag haben die beiden Verleger eine gemeinsame Gesprächsrunde geplant. Spätestens am Wochenende, fürchten sie, werde es Störversuche ihrer Gegner geben. In Frankfurt kamen die mit Schildern und Sprechchören. Sie waren so laut, dass eine Veranstaltung von Antaios abgebrochen werden musste. Am Ende stand Kubitschek neben seinen Autoren der Identitären Bewegung und rief: Schande! Schande! Schande! Schande! Schändlich sei gewesen, dass die Polizei nicht härter gegen die Demonstranten vorging.

Leipzig – Auf dem Augustusplatz versammelten sich am Mittwochabend Hunderte Aktivisten, um ein Zeichen gegen rechtspopulistische Verlage auf der Buchmesse zu setzen.

Etwa 300 Menschen beteiligten sich an der Protestveranstaltung, die von dem Aktionsbündnis “Verlage gegen Rechts” ins Leben gerufen worden war. Die Aktion fand unmittelbar vor der Eröffnungsveranstaltung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus statt. Auch die Polizei war vor Ort. Derzeitigen Informationen nach lief aber alles friedlich ab.

Über 70 Verlage und 160 Einzelpersonen haben sich “Verlage gegen Rechts” bereits angeschlossen. “Rechte Medien hetzen gegen die Presse, verbreiten Verschwörungsmythen und treten offen rassistisch, frauenverachtend und homo- und transfeindlich auf. Ihre Positionen sind keine Diskussionsbeiträge, denn an einem Austausch sind sie nicht interessiert”, so das Aktionsbündnis.

Um dagegen ein Zeichen zu setzen, organisierten die Aktivisten ein “antifaschistisches Büchermeer” – alle Beteiligten brachten Bücher mit, die sie politisch bewegt hatten und die Ausgrenzung und Rassismus thematisieren.

Im Vorfeld zur Buchmesse war viel darüber diskutiert worden, ob rechte Verlage von der Veranstaltung verbannt werden sollten. Die Linke hatte den Ausschluss der Publizierer gefordert. Schlussendlich hatte der Stadtrat sich aber dagegen entschieden (TAG24 berichtete).

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