Tag der Organspende in Kiel - NDR.de
Tag der Organspende: Spahn wirbt für “größtmögliche Solidarität”
Zum bundesweiten Tag der Organspende hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die von ihm geplante Widerspruchsregelung verteidigt. Bei der Eröffnung des Aktionstages auf dem Asmus Bremer Platz in Kiel betonte Spahn, die Organspende bleibe auch mit der angedachten Regelung eine freie Entscheidung. Nach der Widerspruchsregelung würden Volljährige als potenzielle Spender gelten, es sei denn, sie widersprechen. Bei der Veranstaltung sprach auch Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) und Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). Mit einem Gottesdienst in der Kieler Kirche Sankt Nikolai hatte der Tag der Organspende begonnen.

Dann folgte ein Bühnenprogramm mit Musik und Gesprächen mit Organempfängern, Spenderfamilien, Ärzten und Politikern. Zu den Künstlern auf der Bühne gehörte der ESC-Star Michael Schulte. Außerdem gab es Info-Stände und begehbare Organmodelle. Auch ein Spendenlauf fand statt. Für jede Runde eines jeden Läufers spendete die Barmer als Sponsor zwei Euro. Das Geld ging an das Netzwerk Spenderfamilien.

Eine Gruppe um Spahn sieht vor, dass alle Volljährigen automatisch als Organspender gelten, es sei denn sie widersprechen. Eine andere Gruppe will, dass alle Bürger mindestens alle zehn Jahre beim Ausweis-Abholen auf das Thema Organspende angesprochen werden. Derzeit müssen mögliche Spender aktiv zugestimmt haben, bevor ihnen Organe entnommen werden können. "Eine Organspende ist größtmögliche Solidarität", schreibt Spahn in einem Gastbeitrag für die "Passauer Neue Presse". "Man ermöglicht jemand anderem weiterzuleben." Er warb darin erneut für sein Konzept.

Die Organisatoren des Tages möchten die Menschen dazu aufrufen, sich zu informieren und sich für eine Organspende zu entscheiden. “Organspende ist wichtig, jede Spenderin und jeder Spender schenkt statistisch betrachtet drei schwerkranken Patienten eine neue Lebenschance”, betonte Minister Garg. “Wir hoffen, dass der Tag der Organspende nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern auch bundesweit viele Menschen erreicht und zu einer informierten und selbstbestimmten Entscheidung beiträgt.”

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte: "Das Vertrauen in die Gerechtigkeit ist eine Voraussetzung für eine positive Stimmung bei der Organspende." Immer noch lägen aber Verteilungskriterien, Organisation und Durchführung sowie die Kontrolle bei den privatrechtlichen Akteuren der Selbstverwaltung, kritisierte er. Selbst die beiden aktuell vorgestellten Gesetzentwürfe ließen die Gerechtigkeitsfrage außer Acht. Mit diesen konkurrierenden Entwürfen streben Bundestagsabgeordnete eine Neuregelung an.

Garg macht sich dafür stark, dass sich jeder Mensch entscheiden muss, ob er Organspender werden will oder nicht. Dazu müssten vor allem bessere Strukturen und finanzielle Bedingungen in den Krankenhäusern geschaffen werden. Die von Bundesgesundheitsminister Spahn geplante Neuregelung des Transplantationsgesetzes bringe hierfür wichtige Verbesserungen, so Garg weiter. Garg verwies auf die USA, in denen die Zahl der Organspender seit Einführung einer Erklärungspflicht in den 1990er-Jahren um ein Drittel gestiegen sei.

Im vergangenen Jahr konnten am UKSH in Kiel und Lübeck 108 Spenderorgane transplantiert werden, die Organe waren bundesweit entnommen worden. Bundesweit ist die Zahl der Organspender 2018 erstmals wieder gestiegen, auf 955. Ihnen standen jedoch laut der Deutschen Stiftung Organstransplatation (DSO) rund 9.400 Menschen auf der Warteliste gegenüber. 3.790 von ihnen bekamen rechtzeitig ein Spenderorgan.

Wenn ein Verwandter sterben wird, muss diese Nachricht am UKSH oft Neurochirurgin Stefanie Wailke an die Angehörigen überbringen. Gleichzeitig fragt sie auch nach der Möglichkeit einer Organspende.

Weltweit gibt es zu wenig Spenderorgane. Viele Empfänger warten vergebens. Die Vergabe der Organe entscheidet oftmals über Leben und Tod. Wie gerecht es dabei zugeht, wurde in einer Umfrage ermittelt.

Im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg ist eine Patientin verstorben. Der Kieler Chirurg Jan Beckmann fährt hin, um ihre Organe zu entnehmen. Keine leichte Aufgabe, auch nicht für Profis. Video (04:35 min)

Eine Widerspruchslösung wird auch in Deutschland schon seit Jahrzehnten diskutiert – und immer wieder verworfen. Kritiker halten sie für verfassungswidrig und kontraproduktiv, weil sie das Misstrauen in die Transplantationsmedizin noch erhöhen könnte. Sie verweisen darauf, dass in Deutschland auch kleinste medizinische Eingriffe von der Zustimmung des Patienten abhängig gemacht und andernfalls als Körperverletzung gewertet werden. Auch für die katholische Kirche ist sie bislang nicht akzeptabel: Nach ihrer Ansicht muss die Organspende eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben. Auch Spahn räumt ein, dass eine Widerspruchslösung "einen nicht geringen Eingriff des Staates in die Freiheit des Einzelnen" bedeuten würde.

9.400 Menschen warten in Deutschland auf ein passendes Organ. Bisher müssen sich die Bürger aktiv für eine Organspende entscheiden – dies soll sich nach dem Willen einiger Politiker nun ändern. mehr

Der Tag der Organspende findet jährlich am ersten Samstag im Juni statt, zentraler Veranstaltungsort war in diesem Jahr Kiel. "Bei Begegnungen mit Menschen, die dank einer Organspende noch am Leben sind, kann man hautnah erleben, wie lebenswichtig Organspende ist", sagte Spahn in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt. "Informieren Sie sich", so Spahn weiter. "Sprechen Sie mit Ihrer Familie und treffen Sie eine Entscheidung! Damit setzen Sie ein Zeichen der Hoffnung für die fast 10 000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Mit einer Entscheidung entlasten Sie zudem ihre Angehörigen, die sonst im Ernstfall diese schwierige Frage beantworten müssen."

Ein Mann aus Thedinghausen leidet seit einer Nierenspende unter den Folgen. Vor der OP habe man ihn schlecht informiert, sagt er. Der Bundesgerichtshof sieht hier einen klaren Verstoß. mehr

In Schleswig-Holstein nimmt die Zahl der Organspenden zu. Im vergangenen Jahr wurden 111 Organe zur Verfügung gestellt – 28 mehr als 2017. Die Zahl der Spender hat sich ebenfalls erhöht. mehr

Den Tag der Organspende nutzt Gesundheitsminister Spahn, um für die von ihm favorisierte Widerspruchslösung zu werben. Patientenschützer hingegen fordern eine grundlegende Reform des Transplantationsgesetzes.

Erstmals seit 2010 ist die Zahl der Organspenden in Deutschland 2018 wieder merklich angestiegen. 955 Menschen spendeten nach ihrem Tod ihre Organe, 155 Personen oder 20 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.3.113 Organe konnten somit durch die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant an Patienten der acht dem Verbund angehörenden europäischen Staaten vermittelt werden. Das sind 519 Organe mehr als 2017. In Deutschland selber konnten – auch dank "importierter" Lebern, Nieren, Herzen und Lungen aus dem Eurotransplant-Raum – sogar 3.264 Organe verpflanzt werden.

Angesichts des Mangels an Spenderorganen hierzulande sei eine Organspende die “größtmögliche Solidarität”: Gesundheitsminister Jens Spahn nutzt den Tag der Organspende, um an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung zu appellieren. Er setzt dabei auf sein Modell der Widerspruchslösung, bei der es “keinen Automatismus” gebe: “Alle volljährigen Bürger gelten als potenzielle Organspender. Sie werden dreimal angeschrieben und auf diese Rechtsänderung hingewiesen. Und sie können jederzeit widersprechen”, schreibt Spahn in einem Gastbeitrag für die “Passauer Neue Presse”.

Falls ein Widerspruch nicht zu Lebzeiten erfolge, würden die Angehörigen nach dem Willen des Verstorbenen gefragt. Die Organspende bleibe eine freie und persönliche Entscheidung. “Die einzige Pflicht wäre, sich Gedanken zu machen.”

Gesundheitsökonomen und Philosophen haben schon vor Jahrzehnten ein auf Gegenseitigkeit beruhenden Modell der Organspende, die sogenannte Reziprozitätslösung, vorgeschlagen: Wer sich selber als potenzieller Spender registrieren lässt, erhält im Krankheitsfall bevorzugt selber ein Organ. Das würde einen Anreiz erhöhen, sich als Spender registrieren zu lassen und gleichzeitig für mehr Gerechtigkeit sorgen, weil Trittbrettfahren verhindert wird: Bislang bauen auch jene für den Krankheitsfall auf eine Organspende, die selber nicht zur Spende bereit sind.

Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert Reform des Transplantationssystemstagesschau 17:00 Uhr, 01.06.2019, Sandra Scheuring, HR

In Deutschland regelt das 1997 verabschiedete Transplantationsgesetz diesen Bereich. Um Missbrauch oder Organhandel zu verhindern, sieht das Gesetz eine strikte organisatorische und personelle Trennung der Bereiche Organspende, Vermittlung und Transplantation vor. Für die Koordination der Spende ist die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zuständig. Sie soll dafür sorgen, dass alle notwendigen medizinischen und organisatorischen Schritte vollzogen werden, damit Organe entnommen, an geeignete Patienten vermittelt und transplantiert werden können.

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Bundesweit stehen etwa 10.000 schwer kranke Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Bisher gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung. Nur wenn der Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organentnahme zugestimmt hat, dürfen die Organe auch entnommen werden. Dokumentiert ist das beispielsweise im Spendeausweis. Erweitert wird die Regelung dadurch, dass auch die Angehörigen oder vom Verstorbenen dazu bestimmte Personen berechtigt sind, über eine Entnahme zu entscheiden. Entscheidungsgrundlage ist dabei immer der ihnen bekannte oder der mutmaßliche Wille des Verstorbenen. Zudem soll jeder Bürger regelmäßig zum Thema informiert und mindestens einmal im Leben zur Bereitschaft für oder gegen eine Organspende befragt werden.

Spahn setzt sich mit dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dafür ein, dass jeder Bürger potenzieller Organspender ist, solange er dem nicht ausdrücklich widerspricht. Kritiker, vor allem Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linken-Chefin Katja Kipping, setzen stattdessen auf mehr Information und Beratung. Sie stellten einen eigenen Gesetzentwurf vor.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert eine grundlegende Reform des Transplantationssystems. “Die Organspendekrise scheint auch eine Vertrauens- und Gerechtigkeitskrise zu sein”, erklärte das Gremium. In einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Stiftung hätten 50 Prozent der 1025 Befragten angegeben, sie empfänden das deutsche Organspendesystem als gerecht. 36 Prozent bezeichneten es als ungerecht. Unter den Befragten über 60 Jahren waren demnach nur 44 Prozent der Ansicht, das System sei gerecht.

Jährlich sterben bundesweit etwa 1000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Europaweit gehört Deutschland zu den Ländern mit den wenigsten Spendern. Doch warum? Von Julia Henninger. | mehr

Die Bedenken seien vielfältig, so die Stiftung. Sie reichten “von der Todesfeststellung und den Abläufen der Organentnahme bis hin zur Sorge, dass die Behandlung bei möglichen Organspendern zu früh abgebrochen werden könnte oder Angehörige sich nicht verabschieden können.” Zudem wirkten sich Skandale aus früheren Jahren bis heute auf die Spendenbereitschaft aus. Wenn diese erhöht werden solle, brauche es Verbesserungen bei Gerechtigkeit, Vertrauen und Information.

Stiftungsvorstand Eugen Brysch beklagte, die aktuellen Gesetzentwürfe ließen diese Aspekte außer Acht: “Immer noch liegen Verteilungskriterien, Organisation und Durchführung sowie die Kontrolle bei den privatrechtlichen Akteuren der Selbstverwaltung. So ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen Zweifel daran haben, dass es gerecht zugeht”, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Diese Zweifel führten dazu, dass nur 36 Prozent der Deutschen einen Spenderausweis hätten – dabei stünden laut Bundesgesundheitsministerium 84 Prozent der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber.