Mit einem Gottesdienst hat am Sonnabend der bundesweite Tag der Organspende in Kiel begonnen. Organempfänger, Spenderangehörige und Mediziner wirkten an der Feier in der Kirche Sankt Nikolai mit. Bei der zentralen Eröffnung auf dem Asmus Bremer Platz in der Innenstadt werden am Mittag Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) und Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) dabei sein.

Im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg ist eine Patientin verstorben. Der Kieler Chirurg Jan Beckmann fährt hin, um ihre Organe zu entnehmen. Keine leichte Aufgabe, auch nicht für Profis.

Dann folgt ein Bühnenprogramm mit Musik und Gesprächen mit Organempfängern, Spenderfamilien, Ärzten und Politikern. Zu den Künstlern auf der Bühne gehört der ESC-Star Michael Schulte. Außerdem gibt es Info-Stände und begehbare Organmodelle. Auch ein Spendenlauf ist geplant, bei dem auch der Kieler Oberbürgermeister Kämpfer mitmachen will. Für jede Runde eines jeden Läufers spendet die Barmer als Sponsor zwei Euro. Das Geld geht an das Netzwerk Spenderfamilien.

Es gibt zu wenig Organspenden, obwohl die Zahl der Spender zunimmt. Das ist Thema in der Sendung Zur Sache am Sonntag. mehr

Die Organisatoren des Tages möchten die Menschen dazu aufrufen, sich zu informieren und sich für eine Organspende zu entscheiden. “Organspende ist wichtig, jede Spenderin und jeder Spender schenkt statistisch betrachtet drei schwerkranken Patienten eine neue Lebenschance”, betont Minister Garg. “Wir hoffen, dass der Tag der Organspende nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern auch bundesweit viele Menschen erreicht und zu einer informierten und selbstbestimmten Entscheidung beiträgt.”

Im vergangenen Jahr konnten am UKSH in Kiel und Lübeck 108 Spenderorgane transplantiert werden, die Organe waren bundesweit entnommen worden. Bundesweit ist die Zahl der Organspender 2018 erstmals wieder gestiegen, auf 955. Deutschland liegt im europäischen Vergleich bei den Organspenden aber weit hinten. Knapp 400 Menschen warten in Schleswig-Holstein derzeit auf ein neues Organ. Deutschlandweit sind es laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation mehr als 10.000 Menschen.

Landesgesundheitsminister Garg macht sich dafür stark, dass sich jeder Mensch entscheiden muss, ob er Organspender werden will oder nicht. Dazu müssten vor allem bessere Strukturen und finanzielle Bedingungen in den Krankenhäusern geschaffen werden. Die von Bundesgesundheitsminister Spahn erreichte Novellierung des Transplantationsgesetzes bringe hierfür wichtige Verbesserungen, so Garg weiter. Darüber hinaus sollten Menschen sich erklären müssen, ob sie gegebenenfalls als Organspender zur Verfügung stünden oder auch nicht. Garg verwies auf die USA, in denen die Zahl der Organspender seit Einführung einer Erklärungspflicht in den 1990er-Jahren um ein Drittel gestiegen sei.

9.400 Menschen warten in Deutschland auf ein passendes Organ. Bisher müssen sich die Bürger aktiv für eine Organspende entscheiden – dies soll sich nach dem Willen einiger Politiker nun ändern. mehr

Ein Mann aus Thedinghausen leidet seit einer Nierenspende unter den Folgen. Vor der OP habe man ihn schlecht informiert, sagt er. Der Bundesgerichtshof sieht hier einen klaren Verstoß. mehr

In Schleswig-Holstein nimmt die Zahl der Organspenden zu. Im vergangenen Jahr wurden 111 Organe zur Verfügung gestellt – 28 mehr als 2017. Die Zahl der Spender hat sich ebenfalls erhöht. mehr

Den Tag der Organspende nutzt Gesundheitsminister Spahn, um für die von ihm favorisierte Widerspruchslösung zu werben. Patientenschützer hingegen fordern eine grundlegende Reform des Transplantationsgesetzes.

Angesichts des Mangels an Spenderorganen hierzulande sei eine Organspende die “größtmögliche Solidarität”: Gesundheitsminister Jens Spahn nutzt den Tag der Organspende, um an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung zu appellieren. Er setzt dabei auf sein Modell der Widerspruchslösung, bei der es “keinen Automatismus” gebe: “Alle volljährigen Bürger gelten als potenzielle Organspender. Sie werden dreimal angeschrieben und auf diese Rechtsänderung hingewiesen. Und sie können jederzeit widersprechen”, schreibt Spahn in einem Gastbeitrag für die “Passauer Neue Presse”.

Falls ein Widerspruch nicht zu Lebzeiten erfolge, würden die Angehörigen nach dem Willen des Verstorbenen gefragt. Die Organspende bleibe eine freie und persönliche Entscheidung. “Die einzige Pflicht wäre, sich Gedanken zu machen.”

Tag der Organspende: Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert Reform des Transplantationssystemstagesschau 09:50, 01.06.2019, Sandra Scheuring, HR

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Bundesweit stehen etwa 10.000 schwer kranke Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Bisher gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung. Nur wenn der Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organentnahme zugestimmt hat, dürfen die Organe auch entnommen werden. Dokumentiert ist das beispielsweise im Spendeausweis. Erweitert wird die Regelung dadurch, dass auch die Angehörigen oder vom Verstorbenen dazu bestimmte Personen berechtigt sind, über eine Entnahme zu entscheiden. Entscheidungsgrundlage ist dabei immer der ihnen bekannte oder der mutmaßliche Wille des Verstorbenen. Zudem soll jeder Bürger regelmäßig zum Thema informiert und mindestens einmal im Leben zur Bereitschaft für oder gegen eine Organspende befragt werden.

Spahn setzt sich mit dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dafür ein, dass jeder Bürger potenzieller Organspender ist, solange er dem nicht ausdrücklich widerspricht. Kritiker, vor allem Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linken-Chefin Katja Kipping, setzen stattdessen auf mehr Information und Beratung. Sie stellten einen eigenen Gesetzentwurf vor.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert eine grundlegende Reform des Transplantationssystems. “Die Organspendekrise scheint auch eine Vertrauens- und Gerechtigkeitskrise zu sein”, erklärte das Gremium. In einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Stiftung hätten 50 Prozent der 1025 Befragten angegeben, sie empfänden das deutsche Organspendesystem als gerecht. 36 Prozent bezeichneten es als ungerecht. Unter den Befragten über 60 Jahren waren demnach nur 44 Prozent der Ansicht, das System sei gerecht.

Jährlich sterben bundesweit etwa 1000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Europaweit gehört Deutschland zu den Ländern mit den wenigsten Spendern. Doch warum? Von Julia Henninger. | mehr

Die Bedenken seien vielfältig, so die Stiftung. Sie reichten “von der Todesfeststellung und den Abläufen der Organentnahme bis hin zur Sorge, dass die Behandlung bei möglichen Organspendern zu früh abgebrochen werden könnte oder Angehörige sich nicht verabschieden können.” Zudem wirkten sich Skandale aus früheren Jahren bis heute auf die Spendenbereitschaft aus. Wenn diese erhöht werden solle, brauche es Verbesserungen bei Gerechtigkeit, Vertrauen und Information.

Stiftungsvorstand Eugen Brysch beklagte, die aktuellen Gesetzentwürfe ließen diese Aspekte außer Acht: “Immer noch liegen Verteilungskriterien, Organisation und Durchführung sowie die Kontrolle bei den privatrechtlichen Akteuren der Selbstverwaltung. So ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen Zweifel daran haben, dass es gerecht zugeht”, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Diese Zweifel führten dazu, dass nur 36 Prozent der Deutschen einen Spenderausweis hätten – dabei stünden laut Bundesgesundheitsministerium 84 Prozent der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber.