Es ist wohl die schwierigste Aufgabe im Zusammenhang mit dem geplanten Aus für die Atomenergie in Deutschland: die Suche nach einem Endlager für hoch radioaktive Abfälle aus deutschen Kernkraftwerken. Streit und Protest sind vorprogrammiert. Wie und nach welchen Kriterien bundesweit der beste Standort gesucht werden soll, ist heute Abend erstmals Thema bei einer Informationsveranstaltung für Bürger im Landeshaus in Kiel. Es ist die bundesweit erste von vielen Infoveranstaltungen vom Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE).

Wie deutschlandweit der beste Standort für hoch radioaktive Atomabfälle gesucht wird, ist erstmals Thema bei einer Informationsveranstaltung im Landeshaus in Kiel.

Seit Jahrzehnten sucht Deutschland ein Endlager. Ursprünglich war es im niedersächsischen Salzstock Gorleben geplant. Der Salzstock war jahrzehntelang auf seine Tauglichkeit als Endlager für hoch radioaktiven Müll untersucht worden. Im Jahr 2013 wurden die Erkundungsarbeiten im Zuge des Neustarts bei der Endlagersuche eingestellt. Im Zusammenhang mit der Energiewende wurde aber beschlossen, das Auswahlverfahren neu zu starten und mit einer sogenannten “weißen Landkarte” zu beginnen. Seit Mai 2017 regelt die Suche nach einem Endlager das Standortauswahlgesetz. Und es sieht unter anderem die Beteiligung der Öffentlichkeit und der betroffenen Gemeinden vor. Das BfE überwacht das Suchverfahren. Bis 2031 will der Bund einen geeigneten Ort finden – maximale Sicherheit für eine Million Jahre lautet das Ziel.

Auf Basis festgeschriebener Kriterien suchen Experten geeignete Regionen aus. Unter anderem gelten folgende Mindestanforderungen:Zwischen Erdoberfläche und Endlager müssen 300 Meter Gestein liegenDas Endlager selbst muss von einer 100 Meter starken Schicht aus Granit, Salz oder Ton umgeben sein

Ausgeschlossen sind Gebiete, deren Untergrund beschädigt oder gefährdet ist. Es soll etwa kein atomares Endlager dort gebaut werden, …wo Erdbeben möglich sindwo es Bergwerke gibt oder gab undin denen es Vulkane gibt.

Auch in Schleswig-Holstein werden wohl – wie im gesamten Bundesgebiet – Orte nach ihrer Eignung geprüft werden. In Schleswig-Holstein wurde in den vergangenen Jahren immer wieder über Namen verschiedener Gemeinden spekuliert, die bereits in früheren Gutachten als Endlager in Betracht gezogen worden waren. So taucht zum Beispiel die Gemeinde Sterup im Kreis Schleswig-Flensburg in einem alten Gutachten von Mitte der 1990er-Jahre auf.

Beauftragt mit der Suche ist ein bundeseigenes Unternehmen – die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Es wertet derzeit geologische Daten aus ganz Deutschland aus. Aus den Ergebnissen erstellt sie dann eine Karte mit Regionen, in denen ein Endlager gebaut werden könnte. Erste Ergebnisse, welche Gebiete möglicherweise für weitere Erkundungen in Frage kommen, hat das Unternehmen für das nächste Jahr angekündigt. Die Entscheidung über einen Endlager-Standort treffen am Ende Bundestag und Bundesrat.

Die Mauer um das Bergwerk Gorleben soll abgebaut werden. Dadurch soll der Konflikt bei der Atommüll-Endlagersuche beruhigt werden. Noch in diesem Jahr könnte der Abbau beginnen. mehr

Das Standortauswahlgesetz zur Suche nach einem Atommüll-Endlager stößt auf Kritik. Die Bürgerinitiative Umweltschutz will, dass Kommunen mehr Zeit für einen Einspruch bekommen. mehr

Mit Pannen sorgte das AKW Krümmel für Aufsehen. Seit 2011 ist es endgültig vom Netz. Unterlagen von Betreiber Vattenfall für den geplanten Rückbau des Atommeilers liegen jetzt öffentlich aus. mehr

Störfälle, Pannen, Demonstrationen – im Norden sorgt die Nutzung der Kernenergie seit mehr als 30 Jahren für Schlagzeilen. NDR.de informiert über eine umstrittene Technologie. mehr

Erdbebensicher muss es sein und vor allem gut abgeschirmt: Das künftige Atommüll-Endlager. Heute informiert der Bund über die möglichen Orte dafür. Die wichtigste Frage dabei: Ton, Salz oder Granit?

Dreimal die Menge allen Goldes, das die Menschheit je geschürft hat. Oder zehn große olympische Schwimmbecken voll. 30.000 Kubikmeter – so viel hochstrahlenden Atommüll muss Deutschland entsorgen und für viele tausend Jahre sicher einlagern. Das wird teuer: 7,7 Milliarden Euro hatten Bundesbehörden schon vor Jahren allein für Gorleben veranschlagt.

Die Suche nach einem Endlager für den stark strahlenden und wärmeentwickelnden Atommüll aus den deutschen Kernkraftwerken hat vor zwei Jahren neu begonnen. Diesmal aber transparent und nach wissenschaftlichen Kriterien, hat die Bundesregierung versprochen. Und nicht wie im Jahr 1977, als der Bund und das Land Niedersachsen sich ohne große Prüfung auf Gorleben einigten, einfach weil das in einem dünn besiedelten Gebiet und nah an der damaligen DDR lag.

Doch der Plan wurde mit dem Standortauswahlgesetz von 2013 ad acta gelegt. Seitdem gilt: gesucht wird auf einer “weißen Landkarte” – es gibt keine Vorfestlegungen außer der geophysikalischen Eignung. Was das bedeutet, ist 2017 in einem weiteren Gesetz festgelegt worden: im “Gesetz zur Fortentwicklung des Gesetzes zur Suche und Auswahl eines Standortes für ein Endlager für Wärme entwickelnde radioaktive Abfälle und anderer Gesetze”.

Dort heißt es: “Für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle kommen die Wirtsgesteine Steinsalz, Tongestein und Kristallingestein in Betracht.” Eine ganze Reihe Ausschlusskriterien sind da ebenfalls festgelegt – Erdbebengefahr etwa. Die Gesteinsschichten sollten nicht schon durch Bergbau- oder Geothermie durchlöchert sein. Sie müssen eine gewisse Dicke haben und der Müll soll 500 Jahre lang rückholbar sein, falls es doch noch Probleme gibt oder neue wissenschaftliche Verfahren erfunden werden. Außerdem ist genau festgelegt, wie die Öffentlichkeit informiert und beteiligt wird und dass eine Entscheidung bis 2031 angestrebt wird.

Jetzt geht die Suche aber erst richtig los. Es gibt kein wirklich perfektes Lager, sagen Geologen. Ob ein Standort gut ist, hängt auch nicht in erster Linie davon ab, welches Gestein drum herum ist. Auch wenn die politische Diskussion zunächst immer die Frage in den Vordergrund stellt: Ton, Salz oder Granit?

Diese Begriffe stehen nämlich zuerst einmal für eine regionale Zuordnung. Wer Salz sagt, meint Norddeutschland, “Kristallines Gestein”, das bedeutet in erster Linie Granit, gibt es in Bayern, Sachsen und Thüringen, Ton steht für Norddeutschland aber auch Baden-Württemberg.

Tongestein ist nur sehr gering wasserdurchlässig. Es kann jedoch durch die Wärme der hochradioaktiven Abfälle beschädigt werden und leitet die Wärme schlechter ab als Salz oder Granit. Damit es im Endlager nicht zu heiß wird, müssen die Behälter in größerem Abstand voneinander aufgestellt werden.

Salz ist eher weich und plastisch. Es ist sogar so beweglich, dass es die Abfallbehälter einschließt, als würde es um sie herum zusammenwachsen. Salz ist jedoch wasserlöslich und darf nicht mit Süßwasser in Kontakt kommen. Es muss genau darauf geachtet werden, dass kein Wasser zu den Abfällen gelangen kann.

Dicke Tonschichten sind vor allem wasserdicht, leiten die Wärme des strahlenden Materials aber nicht so gut ab. Salz – wie in Gorleben – ist biegsamer und wärmetoleranter, aber dort kann genau das Wasser zum Problem werden. Granit, wie in Finnland und Schweden ausgewählt, neigt dazu, Risse zu bekommen, die Behälter müssten zusätzlich isoliert werden. aber man kann ein Lager im Granit sehr gut wieder öffnen. In allen Fällen gilt jedoch: Nicht die theoretischen Vor- und Nachteile sind entscheidend, sondern die praktische Situation vor Ort, die Abwägung vieler Faktoren. Deshalb sieht das weitere Verfahren mehrere Auswahlstufen vor.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung wird im kommenden Jahr zunächst Teilgebiete mit günstigen geologischen Voraussetzungen abgrenzen. Dann wird nach einer weiteren Runde von Prüfungen festgelegt, welche Gebiete oberirdisch erkundet werden. Die Entscheidung darüber treffen Bundestag und Bundesrat. Gleiches gilt später für die Frage, welche Standorte unterirdisch erkundet werden.

Danach wird man eine Reihe von konkreten Standort-Vorschlägen haben, deren Verhältnisse, Vor- und Nachteile, genau beschrieben werden können. Auf dieser Grundlage schlägt dann das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit ein Endlager vor. Bundesrat und Bundestag fällen auch diese letzte politische Entscheidung.

Gorleben ist in diesem ganzen Verfahren ein Ort wie jeder andere. Der Salzstock darf nicht besonders behandelt werden, nur weil dort schon rund 1,8 Milliarden Euro investiert worden sind. Er darf aber eben auch nicht ausgeschlossen werden als Endlager.