Kasseler Regierungspräsident - Gewaltsamer Tod von Walter Lübcke erschüttert Öffentlichkeit - Deutschlandfunk
CDU-Politiker Walter Lübcke starb durch Kopfschuss aus nächster Nähe
Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke starb an einem Schuss in den Kopf. Das bestätigte die zuständige Staatsanwaltschaft. (Quelle: t-online.de)

Tod von Walter Lübcke: Das ist der Tatort, das sagen die Ermittler über die Einzelheiten und Drohungen, die der CDU-Politiker erhalten hatte. (Quelle: t-online.de)

CDU-Politiker Walter Lübcke ist erschossen worden. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Kassels Regierungspräsident hatte bereits 2015 Drohungen erhalten und stand damals unter Polizeischutz.

Der Kasseler CDU-Regierungspräsident Walter Lübcke ist erschossen worden. Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigten am Montagabend Medienberichte, der 65-Jährige sei aus nächster Nähe vor seinem Wohnhaus in Wolfhagen-Istha getötet worden. Eine 20-köpfige Sonderkommission ermittelt demnach in alle Richtungen gegen Unbekannt. Eine offensichtliche Motivlage gebe es bislang nicht. Ein Hinweistelefon ist eingerichtet.

Lübcke sei in der Nacht zu Sonntag gegen 0.35 Uhr auf der Terrasse von einem Angehörigen gefunden worden. Reanimationsversuche seien gescheitert, Lübcke gegen 2.35 Uhr im Krankenhaus verstorben. Laut Obduktion habe eine Schussverletzung am Kopf zum Tod geführt. Es sei das Projektil einer Kurzwaffe gefunden worden, die Tatwaffe selbst bislang nicht. Für Suizid gebe es keinerlei Anhaltspunkte.

Ein Sprecher der hessischen CDU hatte zuvor unter Berufung auf Lübckes Familie mitgeteilt, der Regierungspräsident sei in der Nacht zu Sonntag im Alter von 65 Jahren unerwartet gestorben. “Wir sind tief bestürzt über den plötzlichen Tod unseres Freundes Walter Lübcke”, erklärten Ministerpräsident Volker Bouffier und der hessische CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Bodenberg.

Die genauen Todesumstände waren bis zur Pressekonferenz der Ermittler am Montagabend unklar gewesen. Mehrere Medien hatten aber über eine mögliche Schusswunde am Kopf des Leichnams berichtet. Die Polizei habe das Gelände weiträumig abgesperrt und mit Spürhunden abgesucht. Die Tatwaffe sei aber nicht gefunden worden. 

Tatort in Hessen: Eine Mordkommission ermittelt zum Tod von Walter Lübcke. (Quelle: Swen Pförtner/dpa)

Lübcke hatte zehn Jahre lang das Regierungspräsidium Kassel geleitet, das eine Verwaltungsbehörde auf mittlerer Ebene zwischen dem Land Hessen und seinen Gemeinden ist. Dabei hatte er mit seiner Unterstützung für Geflüchtete 2015 auch bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, indem er Nächstenliebe und christliche Werte als fundamental für das Zusammenleben in Deutschland betonte.

“Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen”, sagte Lübcke damals in einer Bürgerversammlung an die Adresse von Rechtsextremen, die die Veranstaltung störten. Im Nachgang seiner Aussage hatte Lübcke dann zahlreiche Drohungen erhalten – auch Morddrohungen. Er erstattete Anzeige und erhielt Polizeischutz. Bislang gebe es aber keine Hinweise auf einen Zusammenhang, hieß es am Montagabend seitens der Ermittler.

In einer Mitteilung des Regierungspräsidiums hieß es, in der Behörde herrschten “Fassungslosigkeit und Erschütterung über den Tod des beliebten und außerordentlich nahbaren” Chefs. In seiner Amtszeit habe Lübcke das Haus durch große Veränderungen geleitet, in der seine Bodenständigkeit und sein offener, verbindlicher Umgang ihm wie auch den Beschäftigten vieles erleichtert hätten.

In der CDU-Erklärung hieß es, als Regierungspräsident habe Lübcke “nie das klare Wort” gescheut. “Er war ein Brückenbauer, wie er besser nicht sein könnte.” In diesen schweren Stunden seien die Gedanken und Gebete vor allem bei Lübckes Frau, den beiden Söhnen und dem im vergangenen Jahr geborenen Enkelsohn, erklärten Bouffier und Boddenberg.

Blumen, Kerzen und eine Nachricht: Trauerbekundung am Regierungspräsidium. (Quelle: Swen Pförtner/dpa)

“Als Walter Lübcke vor knapp zwei Wochen sein zehnjähriges Dienstjubiläum feierte, verwies er noch auf seinen auf Monate hinaus übervollen Terminkalender”, teilte die CDU Hessen mit. 

Lübcke wurde im nordhessischen Bad Wildungen geboren. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann arbeitete er nach Angaben seiner Partei in der Pressestelle der Kunstausstellung documenta 7. Ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Kassel schloss er 1991 mit einer Promotion ab. Vor seiner Amtszeit als Regierungspräsident saß Lübcke von 1999 bis 2009 für die CDU im hessischen Landtag.

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Wer erschoss Walter Lübcke? Der Kasseler Regierungspräsident wurde tot auf der Terrasse seines Wohnhauses gefunden. Eine Sonderkommission ermittelt in alle Richtungen.

Ausgeschlossen scheint derzeit gar nichts. Aber zumindest gibt es laut Ermittlern keine Hinweise darauf, dass Walter Lübcke sich selbst getötet hat. In der Nacht auf Sonntag war der Kasseler Regierungspräsident mit einer Schussverletzung am Kopf auf der Terrasse seines Wohnhauses im nordhessischen Wolfhagen gefunden worden.

Ansonsten sind die Hintergründe des Falls völlig unklar, es gibt anscheinend keine heiße Spur. Sabine Thurau, die Präsidentin des hessischen Landeskriminalamts (LKA), blickt ernst, als sie auf einer Pressekonferenz den Ermittlungsstand referiert: “Wir haben noch keine Erkenntnisse über Täter oder Motiv.”

Das LKA hat inzwischen gemeinsam mit dem Polizeipräsidium Nordhessen eine Sonderkommission eingerichtet, um die Tat aufzuklären. Die Ermittlungen wegen eines Tötungsdelikts laufen gegen unbekannt. Auf der Pressekonferenz berichteten die LKA-Chefin und der Leitende Oberstaatsanwalt Horst Streiff von den ersten Erkenntnissen.

Lübcke wurde demnach gegen 0:30 Uhr von einem Angehörigen aufgefunden. Alle Reanimationsversuche blieben erfolglos. Gegen 2:30 Uhr sei in einer Klinik der Tod des 65-Jährigen festgestellt worden. “Die Obduktion hat ergeben, dass Dr. Lübcke an den Folgen einer Schussverletzung verstorben ist”, sagte Streiff. Der Schuss sei aus einer Kurzwaffe und aus nächster Nähe abgegeben worden und habe den Regierungspräsidenten in den Kopf getroffen.

“Wir ermitteln in alle Richtungen”, sagte LKA-Chefin Thurau. “Unmittelbar nach dem Tatgeschehen beginnt eine Phase, die besonders relevant für den Ermittlungserfolg ist.” Spekulationen über mögliche Motive oder Täter könnten die Ermittlungen gefährden. Da es sich bei dem Regierungspräsidenten um eine Person des öffentlichen Lebens handelt, habe das hessische LKA die Ermittlungen übernommen.

Lübckes Haus liegt am Ortsrand des nordhessischen Dorfes Istha, einem Stadtteil von Wolfhagen, gut 20 Kilometer von Kassel entfernt. Noch am Sonntag gab es erste Gerüchte über eine Mordtat und eine Schusswunde am Kopf des CDU-Politikers. Polizisten und Experten der Spurensicherung suchten mit großem Aufwand das Haus und die nähere Umgebung ab. Die Beamten durchforsteten Büsche und Gestrüpp sowie umliegende Wiesen, auch Spürhunde wurden eingesetzt.

Der 65-jährige Lübcke war seit zehn Jahren Regierungspräsident in Kassel, davor Abgeordneter im Hessischen Landtag. Er war ein Mann der eher leisen Töne im oft überhitzten Wiesbadener Landesparlament, kein Scharfmacher aus der ersten Reihe.

Unter den Parlamentariern galt er über alle Parteien hinweg als umgänglicher Sachpolitiker, der sich vorzugsweise um Verkehrspolitik kümmerte. Wichtig waren ihm insbesondere der Ausbau von Autobahnen und des chronisch defizitären Klein-Flughafens Kassel-Calden.

Das Regierungspräsidium in Kassel ist eine Behörde mit etwa 1200 Beschäftigten, die im wesentlichen Entscheidungen der Wiesbadener Landesregierung ausführt und Vorarbeiten der Landesplanung übernimmt, beispielsweise bei der Ausweisung von Naturschutzgebieten.

Lübcke geriet als Behördenchef einige Male in Auseinandersetzungen zwischen Umweltschützern und Gewerbetreibenden. 2012 genehmigte das Regierungspräsidium unter seiner Leitung dem Kali-Konzern K+S, salzhaltige Abwässer in die Werra zu leiten, was erhebliche Proteste von Umweltverbänden auslöste. Drei Jahre später, als in Wiesbaden CDU und Grüne regierten, verschärfte Lübckes Behörde den Kurs gegenüber dem Kali-Konzern und stoppte die Versenkung von Salzwasser in den Untergrund.

Windradgegner warfen Lübcke im vergangenen Jahr vor, leichtfertig Genehmigungen für große Windkraftanlagen in nordhessischen Wäldern auszusprechen, und unterstellten ihm dabei Eigeninteresse: Lübcke hatte zugegeben, “in den Neunzigerjahren” in Windenergie investiert zu haben, bestritt aber jeden Zusammenhang mit den aktuellen Genehmigungsverfahren.

Im Jahr 2015 stand Lübcke im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte über Flüchtlingsunterkünfte. Er hatte sich in einer Bürgerversammlung für den Bau eines Erstaufnahmelagers in Nordhessen eingesetzt und war von einem Teil der Anwesenden lautstark dafür kritisiert worden. Lübcke forderte die Versammlung dazu auf, sich für “Werte” einzusetzen und sagte, wer dies nicht wolle, könne “jederzeit das Land verlassen”. Anschließend kam es zu wütenden Protesten gegen Lübcke, in einer Aufzeichnung sind “Pfui” und “Verschwinde”-Rufe zu hören. In diesem Zusammenhang soll es auch Morddrohungen gegeben haben.

Lübcke hatte eigentlich bereits im März die Altersgrenze zur Pensionierung erreicht, aber noch eine Verlängerung seiner Amtszeit bis September dieses Jahres beantragt. In einer Mitteilung des Regierungspräsidiums hieß es, in der Behörde herrschten “Fassungslosigkeit und Erschütterung über den Tod des beliebten und außerordentlich nahbaren” Chefs. Lübcke hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Söhne mit ihren Familien.

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