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Fridays for Future zeigt Wirkung: Für immer mehr Deutsche ist Klimawandel das wichtigste Problem
Steigende Temperaturen, Trockenheit, “Fridays for Future”: In der öffentlichen Aufmerksamkeit gewinnt der Klimawandel stark an Bedeutung.

Viele Umfragen zum Klimawandel leiden unter einem gemeinsamen Problem: Die hohen Zustimmungswerte zum Klimaschutz lassen keinen Schluss darauf zu, inwieweit die Befragten dem Thema Priorität einräumen. Zudem sind es in der Regel Punktbefragungen, die nur indirekt Vergleiche mit der Vergangenheit möglich machen – weil sich die Fragestellungen häufig leicht unterscheiden.

Die Forschungsgruppe Wahlen, die dem ZDF beigeordnet ist, bietet dagegen eine aufschlussreiche und aussagekräftige Zeitreihe an, die zeigt: Der Klimawandel hat in den vergangenen Wochen eine bislang nicht dagewesene Präsenz in der Bevölkerung erreicht und steht nun nur noch knapp hinter der Migration als dem dringlichsten politischen Problem.

Kohleausstieg, Klimawandel, Sektorkopplung: Das Briefing für den Energie- und Klimasektor. Für Entscheider & Experten aus Wirtschaft, Politik, Verbänden, Wissenschaft und NGO.

Zu den Zahlen: 26 Prozent nennen das Themenfeld Umwelt/Energiewende in der jüngsten Umfrage als eines der beiden wichtigsten Probleme. Der Problemkreis Migration liegt mit 27 Prozent Nennung nur noch hauchdünn auf Platz eins. Der Aufstieg ist rasant: Anfang des Jahres bezeichneten zehn Prozent Umwelt und Energiewende als eines der Hauptprobleme.

Vergangenen Sommer war der Wert kurzzeitig auf zwölf Prozent gestiegen, dann aber wieder gefallen. Der weit überwiegende Teil dürfte dabei stets den Klimawandel und -schutz genannt haben, denn andere Umweltthemen spielen bis auf die Debatte um Plastikmüll nur eine Nebenrolle.

Die Demoskopen der Forschungsgruppe fragen seit dem Jahr 2000 kontinuierlich mit einigen Wochen Abstand nach den zwei wichtigsten Problemen aus Sicht der Deutschen. Die Befragten müssen also Prioritäten setzen und abwägen, welche beiden Themen ihnen derzeit am meisten Sorgen bereiten.

Zudem: Die Probleme werden nicht vorgegeben, sondern sind Antworten auf eine offene Frage und werden dann kategorisiert. Das ist wichtig, weil damit sichergestellt ist, dass es tatsächlich die persönlich relevanten Themen sind, erläuterte Forschungsgruppe-Wahlen-Geschäftsführer Matthias Jung im Gespräch mit Tagesspiegel Background.Konkret werden bei der Umfrage hintereinander diese zwei Fragen gestellt: Was ist Ihrer Meinung nach gegenwärtig das wichtigste Problem in Deutschland? Und was ist ein weiteres wichtiges Problem? Eine zu beachtende Fußnote ist laut Jung, dass auch die Umkehrung einer Problemstellung erfasst werde, etwa, wenn jemand die Klimawandel-Lüge als wichtiges Thema identifizieren würde. Das dürfte aber nur ein sehr kleiner Anteil sein.

Aus Sicht von Jung sind zwei Entwicklungen ausschlaggebend für die enorm gestiegene Präsenz. Erstens hat der vergangene Sommer für viele Menschen persönliche Evidenz geschaffen, auch wenn Ursache und Wirkung beim Wetter nicht eindeutig verknüpft werden können. Der Sommer 2018 war in Deutschland extrem trocken und zudem eher warm. Zweitens, so Jung weiter, ist die Protestbewegung Fridays for Future derzeit medial enorm präsent, auch dank der Konflikte um die Schulpflicht.

Unterstützend dürfe zudem wirken, dass es derzeit wirtschaftlich gut laufe, sagte Jung. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit dominiert zum Beispiel dieses Thema. Deshalb lässt sich auch das vorherige Hoch des Themas Klimawandel und Umwelt im Jahr 2007 nur eingeschränkt vergleichen mit der heutigen Lage. Es gibt derzeit kein dominantes Großthema, das verdrängend wirkt.

Im sogenannten Klimajahr 2007, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Beispiel öffentlichkeitswirksam nach Grönland reiste, erreichte der Problemwert in der Forschungsgruppe-Umfrage bei 18 Prozent seinen zwischenzeitlichen Höhepunkt, der erst in den vergangenen Wochen übertroffen wurde.

Klar ist aus Sicht von Jung, dass die Parteien und Regierungen auf das Thema reagieren. Dass die Politik präsente Themen abbilden muss, um handlungsfähig zu erscheinen, liegt auf der Hand. Das heißt noch lange nicht, dass der Lösungsvorschlag der gleiche sein muss. Zum Beispiel gebe es ja eher marktorientierte und eher ordnungsrechtliche Klimaschutz-Ansätze, sagte er mit Blick auf die Debatte um das Klimaschutzgesetz, Sektorziele und eine Reform der CO2-Emissionsbepreisung.

Tatsächlich ist zu beobachten, dass in Parteien und Bundesregierung der Klimaschutz deutlich an Prominenz gewonnen hat. Der Bundesvorstand der FDP hat zum Beispiel einen achtseitigen Antrag zur Liberalen Klimapolitik für den Bundesparteitag an diesem Wochenende eingereicht. Lange Zeit wurde das Thema von der Partei nur mit niedriger Priorität behandelt, zum Beispiel im Wahlkampf 2017.

SPD-Chefin Andrea Nahles rückte noch vergangenen Herbst in den Vordergrund, dass ihre Partei sich für die Arbeiter in der Braunkohle-Industrie einsetze. Jüngst legte sie einen neuen Schwerpunkt und bezeichnete es als sehr peinlich, dass Deutschland beim Klimaschutz hinterherhinke. Umweltministerin Svenja Schulze kann neuerdings auch mit Rückendeckung von Finanzressort-Chef Olaf Scholz (beide SPD) rechnen.

Bei der Union gibt die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer den neuen Ton an: Sie spricht von harten Entscheidungen pro Klimaschutz und setzt sich gegen parteiinternen Widerstand für eine CO2-Preis-Reform ein.

Ob der Klimawandel im Aufmerksamkeitswettbewerb so präsent bleibt, lässt sich aus Sicht des Demoskopen Jung schwer sagen. Ein kühler, eher nasser Sommer hätte mit Sicherheit schon eine dämpfende Wirkung. Auf der anderen Seite: Die Arbeitslosigkeit wurde so lange als wichtiges Problem gesehen, wie sie eben tatsächlich hoch war. Und der Klimawandel geht ja offenkundig mit immer deutlicheren Auswirkungen weiter.

Seit Wochen diskutiert Deutschland über die Fridays for Future-Bewegung. Anfang April benannten Vertreter auf einer Pressekonferenz in Berlin konkrete Klimaschutzforderungen an die deutsche Politik, die sie zusammen mit Wissenschaftlern entwickelt hatten.

Einen weiteren Beleg für das gestiegene Selbstbewusstsein der demonstrierenden Schüler, Auszubildenden und Studenten liefert jetzt der Hamburger Jonathan Schreiber, einer der führenden Fridays for Future-Aktivisten. Denn er hält die Bewegung besser für Protest geeignet als die der berühmten deutschen Vorgängergeneration: Ich würde uns mit der 68er-Generation vergleichen, sagte er der Zeit.

Allerdings sei Fridays for Future seiner Meinung nach viel vernetzter, viel organisierter: Wir sind weniger träumerisch, wir sind klarer, konkreter. Und vielleicht haben wir deshalb auch bessere Erfolgschancen. Schreiber studiert Soziologie und ist mit 23 Jahren einer der älteren aus dem Organisationsteam der Bewegung in Hamburg.

Seine Hamburger Kollegin Julia Oepen ärgert sich vor allem über die Vorurteile, die über Fridays for Future geäußert werden: Wir wollen über Inhalte reden, deshalb schwänzen wir zwei Stunden Schule. Ganz viele regen sich auf, weil wir die Schule schwänzen, sagen aber, wir hätten gar keine Inhalte. Das ist absurd.

Und Nele Brebeck, Sprecherin der Ortsgruppe, betont: Das Argument, dass wir in unserer Freizeit streiken sollen, ist fehl am Platz. Weil unsere Freizeit zu 100 Prozent der Vorbereitung der Streiks gewidmet ist.

Von Schulschwänzen kann keine Rede sein: Trotz Osterferien sind die Schüler gekommen, um zu beweisen, dass sie es ernst meinen. Zudem gab es erneut Unterstützung von Wissenschaftlern.

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Fridays for Future Mein Respekt vor jungen Leuten löst sich auf wie eine Alka-Seltzer-Tablette Anzeige Seine Hamburger Kollegin Julia Oepen ärgert sich vor allem über die Vorurteile, die über Fridays for Future geäußert werden: Wir wollen über Inhalte reden, deshalb schwänzen wir zwei Stunden Schule. Ganz viele regen sich auf, weil wir die Schule schwänzen, sagen aber, wir hätten gar keine Inhalte. Das ist absurd.

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