Konzert - Hannover: Backstreet Boys verzaubern 11.000 Fans - Neue Presse
In Hannover: Backstreet Boys starten Deutschland-Tour
Die Tui-Arena bebte vor Kreischen: Die Backstreet Boys begeisterten 11 000 vor allem weibliche Fans in der Tui-Arena, als wären keine 20 Jahren seit ihren größten Erfolgen vergangen.

Als sich die Leinwand hebt, sieht man in der Tui-Arena: nicht viel. Denn die Backstreet Boys lassen die 11 000 Fans beim Auftakt der Deutschland-Tour erstmal zappeln. Noch eine Leinwand, golden funkelnder Glitzer, Pyro-Fontänen, dann erscheint der Schriftzug, und als die fünf Helden der Y2K-Ära hinter dem Spektakel auftauchen, ist das Kreischen in der Halle so laut geworden, dass man den Opener Everyone kaum hört.

In seinem Buch Popstar: Der ganz normale Wahnsinn (2016) erinnert sich DJ Bobo an die Tournee: Zu Beginn hätten zehn Fans vor dem Hotel gestanden. Acht waren von mir. Täglich sei die Popularität der Backstreet Boys gestiegen, von Suhl über Fürth, Göppingen und Bernburg. Am Ende der Tournee standen in Höver 300 Mädchen vor dem Hotel: Meine acht Fans konnte ich nicht mehr erkennen, schreibt der Schweizer Musiker. Die anderen 292 kreischten sich für die Backstreet Boys in die Bewusstlosigkeit. Er meint: Die fünf waren genau das, worauf Europas Mädels gewartet hatten. dh

Die Backstreet Boys sind wieder zurück auf dem Kontinent, der sie in den 90ern als erstes liebgewann, und fast scheint es, als hätte sich seitdem wenig geändert. Eine innerhalb von Minuten ausverkaufte Halle, das Licht- und Lasergewitter von der Bühne, mehrere Kostümwechsel und eine intensive Partyatmosphäre: Mit den Hits von damals liefern die BSB eine Party like its 1999. Schnell geht es weiter, zu I Wanna Be With You und The Call werden die Boxen nochmal aufgedreht, dass die rundum rot leuchtende Bühne bebt. Alles klar?, fragt Brian ins Publikum, solo singt er Nobody Else, den ersten neuen Titel des Abends, zu New Love traut sich die Band auf die Vorbühne, schüttelt Hände und pirouettiert, als wären nicht 20 Jahre vergangen.

Backstreet wer? Die meisten Leute wussten an jenem 1. April 1996 nichts mit dem Namen der amerikanischen Gruppe Backstreet Boys anzufangen. Wie auch? Das erste Album der späteren Superstars sollte erste einige Wochen später erscheinen, lediglich zwei Singles landeten im September und Februar in den Top Ten der deutschen Charts. Doch das war genug, um unter weiblichen Teenagern einen kleinen Hype zu entfachen. Am Dienstag startet die erfolgreichste Boygroup der Welt wieder einmal zu einer Comeback-Tour durch Deutschland, in Hannover geht es los – Göppingen stand seit 23 Jahren nicht mehr auf dem Tourplan.

Schon zwei Stunden vor Konzertbeginn warteten 500 Fans vor der Tui-Arena in Hannover auf die Backstreet Boys. Sie himmelten die US-Boyband noch immer an. Beliebt: Vor allem die alten Songs.

Es ist der gelebte 90er-Zeitgeist, ohne daran zu scheitern: Die BSB hatten Nummer-eins-Hits in drei Jahrzehnten, und obwohl spätestens mit dem Album Black & Blue im Jahr 2000 das Ende der CD-Ära eingeläutet wurde, haben sie mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft – ein fünfstimmiges Pop-Monster wie aus der Petrischale gezüchtet.

Aus dem kleinen Hype war am 1. April 1996, es war ein Montag, auf der fünften Station der Tour in Göppingen bereits eine große Hysterie geworden. Obwohl die smarten Jungs aus den USA nur im Vorprogramm von DJ Bobo auftraten, kamen die meisten Zuschauerinnen wegen ihnen – und Göppingen schaffte es noch am selben Abend bundesweit in alle Nachrichtensendungen: 300 verletzte Mädchen, tickerten die Agenturen, rund um die damalige Hohenstaufenhalle herrschte Ausnahmezustand.

DNA heißen Tour und neues Album, in einem Sci-Fi-Promovideo werden die Gene der fünf analysiert und als perfektes Boygroup-Erbgut beschrieben: Charisma und mehrstimmiger Gesang (zusammen mit den Pop-Krachern einiger der erfolgreichsten Produzenten weltweit) sorgten für Massenkollabierungen in den 90ern. Heute sind dieselben Fans nicht mehr so leicht zu beeindrucken, was die Boys auf der Bühne wissen: Schwächere Titel wurden aussortiert, neue nur angespielt, die Crowdpleaser-Attacke verfeinert. Get Down ist Pop in Reinform, die Tänze werden ausgelassener, der Beifall laut. Viele Fans haben Luftballons in allen Farben dabei, die zur Liebeskummer-Hymne Show me the Meaning of Being Lonely hin und her schwenken. Howie nennt Deutschland die zweite Heimat der Band, aber viel Zeit für Geplauder haben die Boys nicht. Howie nennt Deutschland die zweite Heimat der Band, wir haben euch vermisst, sagen Kevin und AJ auf deutsch, für ihre ersten, hiesigen Erfolge bedankt sich die Band ausladend. Mehrere Titel kommen in Medleys verpackt, trotz nur knapp anderthalb Stunden Musik ist das ein Mammut-Konzert mit mehr als 30 Songs, gigantischer Produktion und entsprechendem Unterhaltungswert. Gerade ist eine knapp zwei Jahre dauernde Vegas-Residenz mit 81 Shows beendet, und was dort funktioniert, klappt erst recht in Hannover. Mit Quit Playing Games (With My Heart) schwelgen, mit dem Übersong Everybody (Backstreets Back) zurück auf die ersten Partys: einer Generation hat die Band durch diese Gefühle geholfen, und die gemeinsame Erinnerung daran ist stark.

Kollektiver Kreislaufkollaps, titelte die NWZ damals, sprach von Massenhysterie und Kinderwahnsinn. Das war nicht übertrieben. 4000 Besucher in der Halle, 500 kreischende Mädchen an den Absperrgittern am Hinterausgang – die Sicherheitskräfte hatten alle Hände voll zu tun. Die Veranstalter hatten die Situation hoffnungslos unterschätzt, schon  vor 20 Uhr war klar, die 30 Rotkreuz-Helfer reichen bei Weitem nicht.

Anders als ihren einstigen angeblichen Rivalen NSYNC, denen Frontmann Justin Timberlake bald zu groß wurde, ist den Boys nie ein Solomitglied entwachsen. Kevin Richardson versuchte es 2006, kam aber bald zurück: Die Backstreet Boys sind als Gruppe angelegt, auf Synchrontanz, Harmonien und Uniform. Allein, ihre Lieblingssongs vom neuen Album singend, bleibt keiner der Jungs lange auf der Bühne.

Unterdessen im Untergeschoss der Halle: Es herrscht gespenstische Stille, nur die knappen Kommandos der Sanitäter und der Notärzte sind zu hören. Ständig tragen Helfer neue Mädchen in die Katakomben, es wird eng. Auf Turnmatten liegen kollabierte und dehydrierte Opfer, das Stuhllager wird zum Lazarett hergerichtet, Ärzte legen Infusionen und quetschen sich mit Herz-Kreislauf-Sets an den Verletzten vorbei.

Kurz vor dem Ende sind die späten 90er noch nicht ganz auferstanden, es fehlen aber auch drei seiner größten Nummern: Mit The One, I Want It That Way und Larger Than Life ist die Zeitreise komplett — und 11 000 Fans sind glücklich.

Rückblick Hysterie bei Backstreet Boys-Konzert vor 23 Jahren Bilderstrecke öffnen Teilen Twittern Göppingen / Dirk Hülser 22.05.2019 – 06:40 Uhr Am Dienstag beginnen die Backstreet Boys ihre Deutschland-Tour. Vor 23 Jahren herrschte bei einem Konzert in Göppingen Ausnahmezustand mit 300 verletzten Fans. Dort traten sie als Vorband von DJ Bobo auf.

Dienstagabend starten die Backstreet Boys mit ihren Deutschland-Auftritten in Hannover! Die Boyband, die Ende der 90er Jahre berühmt wurde spielt fünf Konzerte in Deutschland im Rahmen ihrer Welttournee. Nach Hannover folgen Mannheim, München, Berlin und Köln.

An der Halle spielen sich dramatische Szenen ab. Wo ist meine Tochter? Ich muss da rein, fleht eine Frau einen Ordner an. Der versucht, den ohrenbetäubenden Lärm zu übertönen: Sie können da nicht rein, sehen Sie nicht, was hier los ist? Die Frau ist nicht die einzige verzweifelte Mutter, die auf der Suche nach ihrem Kind umherirrt.

Nach Veranstalterangaben handelt es sich um die größte Arenatour der Backstreet Boys seit 18 Jahren. Zuvor hatten sie 14 Monate lang in Las Vegas gespielt. Die Band landete zahlreiche internationale Hits wie Quit Playin Games With My Heart oder Everybody (Backstreets Back). Nach Angaben ihrer Plattenfirma ist die Gruppe mit mehr als 130 Millionen verkauften Tonträgern die erfolgreichste Boygroup weltweit.