VW baut ab 2022 in Emden und Hannover Elektroautos
Belegschaft verkleinert: VW baut ab 2022 in Emden und Hannover Elektroautos – Golem.de
Volkswagen rüstet angesichts des Wandels zur Elektromobilität zwei weitere Werke auf die neue Technologie um. Neben Zwickau werden schon bald auch in Hannover und Emden Elektro-Autos vom Band rollen. Doch der Umbau betrifft auch viele Beschäftigte.

Nach Zwickau sollen auch die Volkswagen-Werke Emden und Hannover auf die Produktion von Elektroautos umgestellt werden. Ab 2022 sollen an den beiden Standorten in Niedersachsen E-Autos von den Bändern laufen, wie Volkswagen nach Betriebsversammlungen in den Werken mitteilte. Dabei sagte das Unternehmen den mehr als 20.000 Arbeitnehmern Beschäftigungssicherung bis 2028 zu, wie zuvor bereits das "Handelsblatt" aus Konzernkreisen berichtet hatte. VW hatte bislang betriebsbedingte Kündigungen bis 2025 ausgeschlossen.

Heißt: Nach dem Abzug des Passat könnte der E-Kleinwagen MEB entry sowie der Elektro-Passat I.D. Aero vom Band rollen. Die Entscheidung fällt morgen der VW-Aufsichtsrat. MP Stephan Weil (SPD) zuversichtlich: Niedersachsen wird damit ein Zentrum der Elektromobilität in Europa.

"Dies bietet in der Phase der Transformation Sicherheit für die Belegschaften", erklärte Personalvorstand Gunnar Kilian. Doch künftig benötige der Autobauer weniger Arbeitskräfte, weil der Bau eines Elektroautos weniger Produktionsschritte umfasse als Pkw mit Verbrennungsmotoren.

In einer Betriebsversammlung bestätigte Personalvorstand Gunnar Kilian gestern die Befürchtung der Belegschaft, kündigte aber an: Wir steigen mit aller Kraft in die Produktion von Elektrofahrzeugen ein. Emden soll dafür ein Vorzeigewerk werden.

Mit den Betriebsräten sei deshalb vereinbart, dass das Beschäftigungsvolumen durch Altersteilzeit sozialverträglich reduziert werde. Befristete Arbeitskräfte könnten in Emden nicht fest eingestellt werden, erklärte das Unternehmen weiter. Ihnen sollen bei Porsche in Baden-Württemberg und im VW-Werk Kassel unbefristete Arbeitsverträge angeboten werden.

Der Umbauplan von Konzernchef Herbert Diess soll am Freitag im VW-Aufsichtsrat beschlossen werden. Emden soll künftig ein günstiges Modell, das unter 20.000 Euro kosten soll, mit dem vorläufigen internen Namen "MEB entry" produzieren. Geplant seien 200.000 Fahrzeuge im Jahr. Daneben soll dort der Elektro-Passat I.D. Aero mit einer Stückzahl von 100.000 Einheiten vom Band rollen.

Der bisher dort produzierte Mittelklassewagen Passat wird unterdessen in ein Skoda-Werk nach Tschechien verlagert. In Hannover soll der elektrische Bulli-Nachfolger I.D. Buzz mit einer Stückzahl von mehr als 100.000 Einheiten jährlich gebaut werden. Das Werk, in dem unter anderem der Transporter T6 vom Band rollt, soll in den nächsten Jahren weitere Elektrofahrzeuge bekommen, darunter Insidern zufolge auch den Lounge SUV und den I.D. Cargo.

Volkswagen hat nun offiziell bestätigt, dass ab 2022 in den Werken Emden und Hannover ab 2022 Elektroautos vom Band laufen sollen. Dafür werden wegen verringerter Komplexität weniger Mitarbeiter benötigt.

Die künftig in Emden gebauten elektrischen Kleinwagen könnten weniger als 20.000 Euro kosten. Die ersten Modelle sollen 2022 vom Band laufen. Weil für den Bau weniger Personal benötigt wird, herrschte in der Belegschaft Unsicherheit wegen möglicher Entlassungen. “Da der Bau von Elektrofahrzeugen weniger Produktionsschritte umfasst, benötigen wir in der Konsequenz auch weniger Arbeitskräfte”, bestätigte Personalvorstand Gunnar Kilian auf der Betriebsversammlung. Die Diskrepanz werde “entlang der demografischen Kurve über Altersteilzeit sozialverträglich angepasst”, sagte Kilian. Rund 500 Angestellte mit befristeten Verträgen bekommen die Möglichkeit auf Entfristung bei Porsche in Zuffenhausen, Ludwigsburg und Sachsenheim sowie im VW-Werk Kassel.

Im Volkswagen-Werk Hannover werden weiterhin Verbrennerfahrzeuge gebaut, doch ab 2022 auch elektrische Fahrzeuge der I.D.-Buzz-Serie. Das ist der elektrische Transporter von Volkswagen, der optisch an den ersten VW-Bus erinnert.

Die Ankündigungen von VW waren auch Thema im Landtag. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) informierte das Parlament über die Punkte. “Die Landesregierung begrüßt die Vereinbarung zwischen dem Vorstand und dem Betriebsrat”, sagte Weil. “Wir finden es richtig, dass der Strukturwandel nicht abgewartet, sondern gestaltet wird. Wir freuen uns darüber, dass damit eine klare Absicherung der Standorte verbunden ist.” Die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Mareike Wulf sagte: “Wir wollen und wir müssen Mobilitätsland in Niedersachsen bleiben. Dabei werden wir auf die sozialen Aspekte und auf die Beschäftigten Rücksicht nehmen.”

Die an den Standorten bisher gebauten Fahrzeugtypen sollen nach und nach in anderen Werken gebaut werden. Über die Aufteilung und den Terminplan will das Unternehmen noch entscheiden.

Mit Emden und Hannover soll nach Plänen des Konzerns in Niedersachsen das zweite E-Mobilitätszentrum neben Zwickau entstehen. Die Ausrichtung der drei Standorte sei der “größte Verbund zur Produktion von E-Fahrzeugen in Europa”, sagte Kilian. Manfred Wulff sieht die Vereinbarung als großen Erfolg. “Die Automobilindustrie und Volkswagen befinden sich im größten Wandel ihrer Geschichte”, sagte der Betriebsratsvorsitzende des Werks in Emden. “Die Beschäftigungsgarantie bis 2028 gibt unseren Kollegen und ihren Familien Sicherheit, der Einstieg in die Elektromobilität ist eine klare Zukunftsperspektive.”

Der Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft, Willi Diez, befürchtete schon 2015 in einem Interview mit der Zeitschrift Auto, Motor und Sport einen massiven Arbeitsplatzabbau in der deutschen Autoindustrie, weil bei Elektroautos ungefähr ein Drittel der Wertschöpfung wegfalle. Elektroautos benötigen weit weniger Teile, weil der Verbrennungsmotor und seine Nebenaggregate wegfallen.

Auch Ha Bu-young, Chef von Südkoreas größter und mächtigster Gewerkschaft Hyundai Motor Union, hatte Anfang 2018 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters ein düsteres Bild der Folgen der Elektromobilität gezeichnet. Bis zu 70 Prozent der Belegschaft könnten durch die Umstellung auf den Elektroantrieb ihren Arbeitsplatz verlieren, sagte er. Auch Unternehmen wie Ford und Daimler warnten ihre Belegschaft bereits, dass sie Effizienzsteigerungen bei der Herstellung von Elektrofahrzeugen erwarteten.

Das Werk leidet zudem unter fallenden Verkaufszahlen des Passats. Ursprünglich sollten in diesem Jahr 251.000 Passat in Emden gefertigt werden, bis Ende Dezember werden es Medienberichten zufolge aber offenbar nur 229.000 Modelle sein. Teile der Belegschaft werden schon an die VW-Tochter Porsche nach Stuttgart verliehen. Auch Kurzarbeit und Schließtage sind im Emder Werk keine Ausnahme mehr. 2019 sind im Werk bis Ende April bereits 30 Tage Kurzarbeit angemeldet.

Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung führte im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA) eine empirische Studie durch, der zufolge rund 600.000 Arbeitsplätze in Deutschland direkt oder indirekt von einem Verbrennungsmotorverbot betroffen wären. Das sind rund zehn Prozent der Beschäftigten in der Industrie. Rund 130.000 Arbeitsplätze in kleinen und mittelständischen Spezialfirmen wären besonders bedroht. Laut Studie wären bei einem Zulassungsverbot knapp 13 Prozent der Bruttowertschöpfung der Industrie betroffen.