Behörde findet hohe Dioxin-Werte im Naturschutzgebiet
Boberger Niederung: Dioxinwert in Naturschutzgebiet 700-fach überschritten
Im Osten Hamburgs hat die Umweltbehörde im Boden hohe Mengen Dioxin nachgewiesen. Fachleute vermuten einen Zusammenhang mit einem alten Chemiewerk der Firma Boehringer.

Bei einem Dioxin-Fund in einem Naturschutzgebiet in Hamburg ist ein extrem hoher Wert des hochgiftigen Stoffes gemessen worden – das erinnert an den Skandal um die Chemiefirma Boehringer in den Achtzigerjahren.

Ein vier Hektar großes Gebiet rund um den Fundort ist seit Mitte Oktober abgesperrt. Da Dioxin besonders gefährlich ist, wenn es mit der Nahrung in den Körper gelangt, werden auch die Fische aus den nahe gelegenen Teichen untersucht. Das Angeln ist bis auf Weiteres untersagt. Inwieweit Besucher der Boberger Niederung gefährdet sind, sei derzeit noch unklar, sagte Kerstan: “Gesundheitliche Gefährdungen entstehen, wenn man aus dem Gebiet Pilze oder Beeren oder aus den Teichen Fische gegessen hat. Wenn sie denn belastet sind – das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.” Die Untersuchungen seien aufwendig und benötigten viel Zeit. “Wir werden leider bis Januar brauchen.”

In der sogenannten Boberger Niederung fand die Hamburger Umweltbehörde 700 Mikrogramm Dioxin pro Kilogramm Boden. Offenbar handelt es sich um die höchste Konzentration des Stoffs, die bisher in Hamburger Boden gemessen wurde. Der gesetzlich festgelegte Grenzwert liegt bei einem Mikrogramm, auf Kinderspielplätzen bei 0,1 Mikrogramm.

Ein Verdacht gegen den Chemiekonzern Boehringer habe sich erhärtet. “Man kann Dioxine ganz gut zuordnen. Die haben einen gewissen Fingerabdruck, insofern können wir schon sagen, in Hamburg können solche Rückstände nur auf dem Boehringer-Gelände angefallen sein”, sagte Kerstan. Höchstwahrscheinlich handele es sich um Rückstände aus der Pflanzenschutzmittelproduktion, die aus dem nahegelegenen Moorfleeter Werk von Boehringer stammen. Die Wasserschutzpolizei habe Anzeige gegen unbekannt erstattet.

Experten vermuten, dass es sich bei dem Fund um Abfall aus der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln der Firma Boehringer handelt. Nach den bisherigen Erkenntnissen könnten die Rückstände des Gifts in den Sechzigerjahren in den Boden gelangt sein. Auf einem Luftbild von 1962 fanden sich Hinweise, dass in dem Bereich neben Bauschutt und Abraum illegal Industrieabfälle entsorgt worden sein könnten.

Das Werk von Boehringer in Hamburg Moorfleet war 1984 geschlossen worden. Auf dem Gelände selbst wurden damals Dioxinmengen von 400 Mikrogramm pro Kilo nachgewiesen.

“Wir haben leider sehr mulmige Gefühle”, sagte Jens Kiesel vom Anglerverein, der die angrenzenden Teiche nach eigenen Angaben seit 1963 gepachtet hat. Es sei in den vergangenen Jahrzehnten dort sehr viel geangelt worden. “Karpfen, Schleie und Aale – alles Fische, die im Grund wühlen. Und jetzt hoffen wir inständig, dass die Belastung der Tiere nicht so hoch ist.”

Da bislang nur das Ergebnis einer einzelnen Messung vorliege, sei noch nicht klar, ob es sich um eine punktuelle oder großflächige Belastung handele, sagte Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). Die technisch wie zeitlich aufwendige Auswertung weiterer Proben müsse abgewartet werden. “Erst im Januar wissen wir, wie groß die betroffene Fläche ist”, sagte der Senator. Unabhängig davon handele es sich angesichts “des sehr, sehr hohen Werts” aber schon jetzt um ein “schweres Umweltvergehen”.

Der Fall erinnert an den Dioxin-Skandal um die Chemiefirma Boehringer in den 1980er-Jahren. Weil das Dioxin auf dem Werksgelände in Moorfleet nicht beseitigt werden konnte, musste die betroffene Fläche über viele Jahre aufwendig versiegelt werden. Das Gelände gilt auch heute noch als eine der bekanntesten Dioxin-Altlasten in Deutschland.

Ein vier Hektar großes Gebiet rund um den Fundort ist seit Mitte Oktober abgesperrt. Auch Pilze und Beeren sowie Fische aus zwei am Fundort gelegenen Teichen wurden untersucht. Das Angeln ist bis auf Weiteres untersagt. Dioxine gelangen vor allem über die Nahrung in den Körper und reichern sich im Fettgewebe an. In hohen Konzentrationen ist der Stoff krebserregend.

Es soll nur eine Stichprobe sein, die die Mitarbeiter der Umweltbehörde in der grünen Idylle von Boberg neben einer Böschung aus dem Boden holen. Reine Routine – regelmäßig suchen die Experten der Umweltbehörde Hamburgs Erdreich ab. Nach Schwermetallen, nach Arsen oder Quecksilber. Doch als die Zuständigen die Proben im Labor untersuchen, werden sie stutzig: Zwar finden sie keine Schwermetalle. Dafür entdecken sie in den Erdklumpen Hinweise auf Dioxin.

Manfred Braasch vom BUND Hamburg nannte die hohen Dioxin-Werte “erschreckende Neuigkeiten”. “Wenn es sich bewahrheitet, dass die Dioxin-Werte flächendeckend so hoch sind, muss man hier umgehend das Erdreich abtragen”, sagte er im Gespräch mit NDR 90,3.

Es folgen aufwendige Tests, Ende September hat die Umweltbehörde schwarz auf weiß, was die Chemiker im Labor bereits befürchtet haben: Die Dioxinbelastung liegt bei mehr als 720 Mikrogramm pro Kilogramm. Enorm hoch, sagt Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne).

Nach dem Dioxin-Fund im Hamburger Naturschutzgebiet Boberger Niederung ist ein sehr hoher Wert des hochgiftigen Stoffs gemessen worden. Der Verdacht gegen den Chemiekonzern Boehringer erhärtet sich. (08.11.2018) mehr

Seit Ende Oktober ist der Fundort nun weiträumig abgesperrt, in Schutzanzügen entnehmen Spezialisten weitere Proben. Vier Hektar Fläche werden akribisch untersucht, vom Rand aus arbeitet sich das Bodenerkundungsteam systematisch zur Mitte vor.

Denn noch ist das Ausmaß der Verseuchung unklar. Ist der Boden nur punktuell vergiftet? Oder eine ganze Grünfläche mit dem krebserregenden Stoff belastet? Egal wie groß die Fläche am Ende sein wird: Schon jetzt ist das ein schweres Umweltvergehen. Deshalb laufen die Ermittlungen durch uns und die Polizei nach dem Ursprung des Dioxins auf Hochtouren, sagt Jens Kerstan.

Die Dioxion-Konzentration im betroffenen Gebiet im Naturschutzgebiet Boberger Niederung liegt bei 700 Mikrogramm pro Kilogramm. Der Verdacht gegen den Chemiekonzern Boehringer erhärtet sich. Video (02:03 min)

Das Dioxin, so erklären es die Experten, könne in verschiedenen Zusammensetzungen vorkommen. So ergebe sich eine Art chemischer Fingerabdruck, der die Quelle verrate. Und bei dem Gift in Boberg, da sind sich die Zuständigen sicher, handelt es sich um ein Abfallprodukt aus der Pflanzenschutzmittelproduktion.

Im Boden des Hamburger Naturschutzgebiets Boberger Niederung ist Dioxin gefunden worden. Die Umweltbehörde will nun untersuchen, wie stark die Verseuchung mit dem krebserregenden Stoff ist. (12.10.2018) mehr

Und in dieser Zusammensetzung sei es nach bisherigem Kenntnisstand in Hamburg nur im Boehringer-Werk, das wenige Kilometer entfernt liegt, angefallen, sagt Jens Kerstan. Wie es in die Boberger Niederung gekommen ist, wissen wir nicht. Ein Luftbild aus dem Jahr 1962 lege allerdings die Vermutung nahe, dass in dem Areal Industrieabfall illegal abgekippt wurde.

Wie fühlt man sich als Angler, wenn man jahrelang Fische aus einem möglicherweise dioxinverseuchten Teich geangelt und gegessen hat? NDR 90,3 Reporter Karsten Sekund spricht mit Jens Kiesel.

Bis Mitte der 80er-Jahre stellte das Chemie-Unternehmen in seinem Werk in Hamburg-Moorfleet Pestizide gegen Schädlinge her, verseuchte Boden und Grundwasser, verursachte so einen Umweltskandal. Dioxin wurde im Boden nachgewiesen, außerdem in Pflanzen und in der Milch der Kühe aus der Umgebung. Aktivisten protestierten auf dem Werksgelände, 1984 machten die Behörden das Werk dicht. Für viele Angestellte kam der Schritt viel zu spät.

Unabhängig von der Größe des Gebiets handele es sich schon angesichts des jetzt vorliegenden “sehr, sehr hohen Wertes” um ein “schweres Umweltvergehen”, sagte der Umweltsenator.

Jahrelang hatten sie ohne Schutzanzüge mit dem Gift hantiert, viele erkrankten in den Folgejahren an Krebs. Eine Studie aus dem Jahr 2011 belegt, dass die Boehringer-Mitarbeiter im Zeitraum von 1980 bis 2007 eine im Vergleich zum Hamburger Durchschnitt signifikant erhöhte Sterblichkeitsrate hatten. Ingesamt zeigt sich eine erhöhte Mortalität aufgrund von Krebserkrankungen, heißt es darin.

Orchideen unter freiem Himmel und Dünen wie am Meer in Hamburg? Ein Ausflug in das Schutzgebiet Boberger Niederung zeigt, wie die Natur in der Großstadt Nischen findet. mehr

Bis heute hat die Stadt mit dem Erbe der Giftfabrik zu kämpfen. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände an der Andreas-Meyer-Straße in Moorfleet schlummern noch immer tonnenweise Gift im Boden. Die Behörden haben rund um das Betriebsgelände eine Art Schutzkapsel bauen lassen, einen 1,5 Kilometer langen und bis zu 50 Meter tiefen Betonwall, der das Gift einschließt.

In den nächsten Jahrzehnten sollen Spezialunternehmen außerdem das Grundwasser reinigen, sollen die Schadstoffe aus der sogenannten Fahne entfernen. Boehringer hat sich freiwillig verpflichtet, die Maßnahme zum Großteil zu finanzieren.

Nach dem Dioxin-Fund in Boberg stehe man mit der Umweltbehörde im engen Kontakt, sagt eine Unternehmenssprecherin auf WELT-Nachfrage. Man warte die Ergebnisse der weiteren Proben ab – noch sei nicht abschließend geklärt, woher das Gift stamme. Wir nehmen das sehr ernst und werden in jeder Hinsicht kooperieren, sagt sie.

Die Umweltbehörde rechnet allerdings erst für Januar mit den Ergebnissen der Untersuchung – wissenschaftlich sei der Nachweis von Dioxin sehr aufwendig, heißt es. Erst dann will sich Senator Jens Kerstan zu Maßnahmen äußern. Da Dioxin über Nahrung in den Organismus gelangt, wurden die Pilze in der Umgebung abgeerntet, außerdem hat die Behörde das Angeln in zwei benachbarten Fischteichen verboten.

Dioxin gehört zu den stärksten Umweltgiften, jede Belastungsquelle für Mensch und Natur muss umgehend beseitigt werden. Wichtig ist eine umfassende Information der Bevölkerung und eine konsequente Absperrung, da das Gebiet von vielen Spaziergängern, Hundebesitzern und Anglern genutzt wurde, sagt Manfred Braasch, Chef des BUND Hamburg. Am 13. November um 18 Uhr gibt es in der Stadtteilschule Mümmelmannsberg eine öffentliche Infoveranstaltung.

In jedem Fall, sagt Braasch, müsse der Verursacher dingfest gemacht werden. Denn es könnten schnell Entsorgungskosten von 50 bis 100 Millionen Euro zusammen kommen.

0 Anzeige Es soll nur eine Stichprobe sein, die die Mitarbeiter der Umweltbehörde in der grünen Idylle von Boberg neben einer Böschung aus dem Boden holen. Reine Routine – regelmäßig suchen die Experten der Umweltbehörde Hamburgs Erdreich ab. Nach Schwermetallen, nach Arsen oder Quecksilber. Doch als die Zuständigen die Proben im Labor untersuchen, werden sie stutzig: Zwar finden sie keine Schwermetalle. Dafür entdecken sie in den Erdklumpen Hinweise auf Dioxin.

Es folgen aufwendige Tests, Ende September hat die Umweltbehörde schwarz auf weiß, was die Chemiker im Labor bereits befürchtet haben: Die Dioxinbelastung liegt bei mehr als 720 Mikrogramm pro Kilogramm. Enorm hoch, sagt Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne).

Seit Ende Oktober ist der Fundort nun weiträumig abgesperrt, in Schutzanzügen entnehmen Spezialisten weitere Proben. Vier Hektar Fläche werden akribisch untersucht, vom Rand aus arbeitet sich das Bodenerkundungsteam systematisch zur Mitte vor.

Denn noch ist das Ausmaß der Verseuchung unklar. Ist der Boden nur punktuell vergiftet? Oder eine ganze Grünfläche mit dem krebserregenden Stoff belastet? Egal wie groß die Fläche am Ende sein wird: Schon jetzt ist das ein schweres Umweltvergehen. Deshalb laufen die Ermittlungen durch uns und die Polizei nach dem Ursprung des Dioxins auf Hochtouren, sagt Jens Kerstan.

Das Dioxin, so erklären es die Experten, könne in verschiedenen Zusammensetzungen vorkommen. So ergebe sich eine Art chemischer Fingerabdruck, der die Quelle verrate. Und bei dem Gift in Boberg, da sind sich die Zuständigen sicher, handelt es sich um ein Abfallprodukt aus der Pflanzenschutzmittelproduktion.

Und in dieser Zusammensetzung sei es nach bisherigem Kenntnisstand in Hamburg nur im Boehringer-Werk, das wenige Kilometer entfernt liegt, angefallen, sagt Jens Kerstan. Wie es in die Boberger Niederung gekommen ist, wissen wir nicht. Ein Luftbild aus dem Jahr 1962 lege allerdings die Vermutung nahe, dass in dem Areal Industrieabfall illegal abgekippt wurde.

Bis Mitte der 80er-Jahre stellte das Chemie-Unternehmen in seinem Werk in Hamburg-Moorfleet Pestizide gegen Schädlinge her, verseuchte Boden und Grundwasser, verursachte so einen Umweltskandal. Dioxin wurde im Boden nachgewiesen, außerdem in Pflanzen und in der Milch der Kühe aus der Umgebung. Aktivisten protestierten auf dem Werksgelände, 1984 machten die Behörden das Werk dicht. Für viele Angestellte kam der Schritt viel zu spät.

Boehringer Ingelheim 31 Jahre nach Dioxin-Skandal wird saniert Jahrelang hatten sie ohne Schutzanzüge mit dem Gift hantiert, viele erkrankten in den Folgejahren an Krebs. Eine Studie aus dem Jahr 2011 belegt, dass die Boehringer-Mitarbeiter im Zeitraum von 1980 bis 2007 eine im Vergleich zum Hamburger Durchschnitt signifikant erhöhte Sterblichkeitsrate hatten. Ingesamt zeigt sich eine erhöhte Mortalität aufgrund von Krebserkrankungen, heißt es darin.

Bis heute hat die Stadt mit dem Erbe der Giftfabrik zu kämpfen. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände an der Andreas-Meyer-Straße in Moorfleet schlummern noch immer tonnenweise Gift im Boden. Die Behörden haben rund um das Betriebsgelände eine Art Schutzkapsel bauen lassen, einen 1,5 Kilometer langen und bis zu 50 Meter tiefen Betonwall, der das Gift einschließt.

In den nächsten Jahrzehnten sollen Spezialunternehmen außerdem das Grundwasser reinigen, sollen die Schadstoffe aus der sogenannten Fahne entfernen. Boehringer hat sich freiwillig verpflichtet, die Maßnahme zum Großteil zu finanzieren.

Nach dem Dioxin-Fund in Boberg stehe man mit der Umweltbehörde im engen Kontakt, sagt eine Unternehmenssprecherin auf WELT-Nachfrage. Man warte die Ergebnisse der weiteren Proben ab – noch sei nicht abschließend geklärt, woher das Gift stamme. Wir nehmen das sehr ernst und werden in jeder Hinsicht kooperieren, sagt sie.

Die Umweltbehörde rechnet allerdings erst für Januar mit den Ergebnissen der Untersuchung – wissenschaftlich sei der Nachweis von Dioxin sehr aufwendig, heißt es. Erst dann will sich Senator Jens Kerstan zu Maßnahmen äußern. Da Dioxin über Nahrung in den Organismus gelangt, wurden die Pilze in der Umgebung abgeerntet, außerdem hat die Behörde das Angeln in zwei benachbarten Fischteichen verboten.

Dioxin gehört zu den stärksten Umweltgiften, jede Belastungsquelle für Mensch und Natur muss umgehend beseitigt werden. Wichtig ist eine umfassende Information der Bevölkerung und eine konsequente Absperrung, da das Gebiet von vielen Spaziergängern, Hundebesitzern und Anglern genutzt wurde, sagt Manfred Braasch, Chef des BUND Hamburg. Am 13. November um 18 Uhr gibt es in der Stadtteilschule Mümmelmannsberg eine öffentliche Infoveranstaltung.

In jedem Fall, sagt Braasch, müsse der Verursacher dingfest gemacht werden. Denn es könnten schnell Entsorgungskosten von 50 bis 100 Millionen Euro zusammen kommen.