Justin Trudeau: Hier entschuldigt sich Kanadas Premier bei Juden aus Hamburg
Kanada entschuldigt sich für 1939 – Juden abgewiesen
Justin Trudeau: Der kanadische Premierminister sprach in einer Rede über das Flüchtlingsschiff “St. Louis”. (Quelle: Sammy Minkoff/imago)

Kanada hat vor dem Zweiten Weltkrieg fast 1.000 jüdische Flüchtlinge zurückgewiesen. Dafür hat Premierminister Trudeau nun um Verzeihung gebeten. Die Entschuldigung sei schon längst fällig gewesen. 

Das Gelobte Land lag vor den Flüchtlingen. Sie sahen die Lichter von Miami, die palmengesäumte Küste Floridas; wenige Tage später die Skyline von New York und, als Ausdruck der bittersten Ironie, die Freiheitsstatue. Eine Fata Morgana der Hoffnung, so nah und doch so fern. Denn das Land, das sich in seiner Nationalhymne "the Land of the Free", "das Land der Freien", nennt, blieb den nach einer neuen Heimat Suchenden verschlossen. So ging es wieder zurück über den Atlantik, nach Europa – und für einen Teil der Passagiere in den Tod.Es war im Mai 1939, als die Irrfahrt des Dampfers "St. Louis" Schlagzeilen machte und bei vielen US-Amerikanern tiefes Mitgefühl auslöste – nicht indes bei den Behörden und dem Kongress. Als die "St. Louis" Hamburg verlassen hatte, befanden sich mehr als 900 Passagiere an Bord, fast alle waren jüdischer Herkunft. Während einige, die über ein Visum verfügten, in Kuba an Land gehen durften, erfüllte sich für die meisten der Traum von einem Leben in Amerika nicht. Die USA und Kanada verweigerten dem Schiff das Andocken in einem Hafen.Die "St. Louis" dampfte schließlich Richtung England, wo ein Teil der Passagiere an Land gehen durfte. Andere gingen nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande – alle drei Länder wurden genau ein Jahr später von Hitlers Kriegsmaschinerie überrollt. Historiker gehen davon aus, dass mehr als 250 ehemalige Passagiere der "St. Louis" in Konzentrationslagern ermordet wurden.Quelle: KNA

Abgewiesene jüdische Flüchtlinge: Trudeau entschuldigt sich für fehlende Hilfe 1939

Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat sich im Namen seines Landes für die Abweisung jüdischer Flüchtlinge kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entschuldigt. “Wir entschuldigen uns für die Herzlosigkeit von Kanadas Antwort”, sagte Trudeau am Mittwoch im Parlament in Ottawa. Kanada habe sich geweigert zu helfen, wo es habe helfen können, und damit zum “grausamen Schicksal” vieler Menschen beigetragen, die später in NS-Konzentrationslagern wie Auschwitz ermordet wurden.

"Es gibt kaum Zweifel daran, dass unser Schweigen den Nazis erlaubt hat, ihre eigene 'Endlösung der Judenfrage' zu entwickeln", sagte der Premier. In den 30er und 40er Jahren hätten kanadische Politiker die Gesetze des Landes missbraucht, um Antisemitismus zu verschleiern. Das Hegen von Hass und Gleichgültigkeit gegenüber den Flüchtlingen, bedeute, dass Kanada einen Teil der moralischen Verantwortung für ihren Tod mittrage. Trudeau rief die Kanadier dazu auf, sich Ausländerhass und Antisemitismus entgegenzustellen. Juden würden immer noch Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Zuvor hatte sich der Premierminister mit einer der Überlebenden der "St. Louis" getroffen.

In seiner Rede bezog sich Trudeau auf das Flüchtlingsschiff “St. Louis”. Das Schiff war im Mai 1939 mit mehr als 900 Juden an Bord auf der Flucht vor der NS-Verfolgung in Hamburg in See gestochen. Die Passagiere wurden aber weder in Kuba, noch in den USA, noch in Kanada an Land gelassen.

"Die Zeit hat Kanada nicht von seiner Schuld freigesprochen oder das Gewicht der Schande gemindert", sagte Trudeau. Quelle: Reuters Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat sich im Namen seines Landes für die Ablehnung eines Schiffes mit Hunderten Juden entschuldigt, die 1939 aus Nazideutschland fliehen wollten. Hitler habe zugeschaut, wie "wir ihre Visa abgelehnt, ihre Briefe ignoriert und ihnen den Eintritt verweigert haben", sagte er im Parlament. Das Schiff "MS St. Louis" war damals auch von Kuba und den Vereinigten Staaten abgewiesen worden.

Die “St. Louis” musste deswegen nach Europa zurückkehren, viele der Juden wurden später von den Nazis ermordet. Die Irrfahrt des Schiffes wurde später in dem Drama “Reise der Verdammten” verfilmt.

Die Passagiere mussten schließlich nach Europa zurückkehren. Mehr als 250 der insgesamt 907 Menschen wurden später in NS-Konzentrationslagern wie Auschwitz ermordet. Die Irrfahrt des Schiffes wurde später in dem Drama "Reise der Verdammten" verfilmt. Zwischen 1933 und 1945 beschränkte Kanada die Einwanderung von Juden massiv. In dem Zeitraum wurden lediglich rund 5.000 jüdische Flüchtlinge ins Land gelassen.

“Die Zeit hat Kanada nicht von seiner Schuld freigesprochen oder das Gewicht der Schande gemindert”, sagte Trudeau am Mittwoch. Die Entschuldigung seines Landes sei “lange überfällig”. Er rief zudem die Kanadier dazu auf, sich Ausländerhass und Antisemitismus entgegenzustellen. Juden würden immer noch Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Zuvor hatte sich der Premierminister mit einer der Überlebenden der “St. Louis” getroffen.

1939 schrieb die "MS St. Louis" Geschichte: Die USA, Kuba und Kanada wiesen den Dampfer mit jüdischen Flüchtlingen ab. Fast 80 Jahre später entschuldigt sich Kanadas Premier.

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“Keiner ist schon zu viel” – unter diesem Motto wies Kanada 1939 ein Schiff mit jüdischen Flüchtlingen ab. Viele Passagiere wurden später von den Nazis ermordet. Jetzt bat das Land um Entschuldigung.

“Die Reise der Verdammten” – so heißt der Film, der die Irrfahrt des Überseedampfers “MS St. Louis” von 1939 erzählt. Fort aus Nazi-Deutschland, über den Atlantik Richtung der schon greifbar geglaubten Rettung.

Ein Passagier, damals noch ein kleines Kind, erinnert sich später: Er habe an eine Urlaubsfahrt in die Freiheit geglaubt. Doch es kommt ganz anders. Mit 907 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland an Bord steuert das Schiff im Mai 1939 Kuba an, dann die Vereinigten Staaten, schließlich Kanada. Überall aber heißt es: Nein, nicht willkommen.

Kanadas aggressive, antisemitische Antwort auf die Frage, wie viele Juden das Land während der Nazi-Verfolgung denn aufnehmen wolle, lautet damals: “None is too many” – “Keiner ist schon zu viel”.

Daran hat jetzt Kanadas Premier Justin Trudeau erinnert. Vor dem Unterhaus sprach er eine lang überfällige Entschuldigung an die jüdischen Flüchtlinge, die Kanada abwies. “Wir entschuldigen uns auch bei all jenen, die den Preis für unser Nichtstun bezahlt haben. Die wir zu dem Horror der Todeslager verdammt haben.”

Kanada hat diese Entschuldigung bereits vor einem halben Jahr angekündigt. Nun kommt sie kurz vor dem 80. Jahrestag der Pogromnacht in Deutschland. Sie kommt inmitten der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg – wie das die Vereinten Nationen beschreiben – und inmitten eines auch in den USA wieder aufflammenden Antisemitismus, was zuletzt der brutale Anschlag auf die Synagoge von Pittsburgh bewiesen hat.

17 Prozent aller Hassverbrechen in Kanada richteten sich gegen Juden, sagt Trudeau. Holocaust-Leugner und Hakenkreuz-Schmierereien bewiesen: Der Antisemitismus sei immer noch da.

Kuba, die USA, schließlich Kanada – überall abgewiesen kehrt die St. Louis nach Europa zurück, geht in Antwerpen vor Anker, die Flüchtlingen verteilen sich auf Frankreich, Belgien, die Niederlande. Historiker haben ihre Spuren verfolgt: Danach ermordeten die Nazis 254 von ihnen während des Holocausts.

Die Herzen der Kanadier seien damals verschlossen gewesen, sagt nun der konservative Oppositionsführer Andrew Scheer. “Es ist keine Schande für ein Land, schändliche Taten der Vergangenheit einzuräumen. Eine echte Schande wäre es, sie zu vergessen und nicht von ihnen zu lernen”, meint er.

Premier Trudeau beschreibt ein anderes, ein gewandeltes Kanada. Ein Land, zu dem Juden wie überhaupt alle Einwanderer einen enormen Beitrag leisteten.

„Nie wieder!“ – Kanadas späte Entschuldigung für Zurückweisung jüdischer FlüchtlingeKai Clement, ARD New York 08.11.2018 06:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk “Informationen am Morgen” am 08. November 2018 um 05:45 Uhr.