Die Alte Post wechselt den Eigentümer. Bei dem Käufer handelt es sich aber nicht um die Frankfurter “a.a.a.”, die bisher als Interessent aufgetreten ist, sondern um einen heimischen Unternehmer.

Das ist ein Paukenschlag: Seit Freitagabend steht endgültig fest, dass Karim Shobeiri und seine Schwester Silvia Würtele die Alte Post verkauft haben. Neuer Besitzer ist aber nicht das Frankfurter Unternehmen aktiengesellschaft allgemeine anlageverwaltung a.a.a., das mit den Besitzern Mitte Februar einen Kaufvertrag mit Rücktrittsoption geschlossen hatte, sondern Kai Laumann, der Geschäftsführer der gleichnamigen Zimmerei und Bedachungs GmbH aus Wettenberg.

Der 44-Jährige fungiert in diesem Immobiliengeschäft als Geschäftsführer der neuen »Alte Post Gießen GmbH und Co. KG«. Diese Entwicklung ist eine spektakuläre und überraschende Wende im Kampf um den Erhalt des Kulturdenkmals. Diesmal gibt es keine Option und keine Rücktrittsklausel. Nach Informationen dieser Zeitung ist der Kaufvertrag rechtskräftig.

Stadtrat Peter Neidel freute sich am Freitagabend über den Verkauf der Alten Post. Dass Laumann der Käufer ist, wollte der CDU-Politiker aber nicht bestätigen. Dazu könne er  keine Angaben machen. Wohl aber über den Vorgang an sich, über den er informiert worden war: »Dass ich bei der Alten Post ein Enteignungsverfahren und beim Samen-Hahn-Gelände ein Baugebot auf den Weg gebracht habe, hat mit Sicherheit dazu beigetragen, dass die Besitzer sich jetzt für einen Verkauf entschieden haben«, erklärte Neidel. Dass die Stadt den Druck auf die Besitzerfamilie aufrechterhalten und klargestellt habe, dass man bei einem Scheitern des Deals mit a.a.a. an der Ersatzvornahme festhalten würde, sei ebenfalls ein sehr wichtiger Schritt in diesem Prozess gewesen. »Wir werden uns mit dem Käufer jetzt abstimmen, um das Projekt zu einem gemeinsamen Erfolg zu führen«, betonte Stadtrat Neidel. .  

Anfang September hatte sich bereits angedeutet, dass das Frankfurter Unternehmen von der Rücktrittsklausel im Kaufvertrag über 4,5 Millionen Euro Gebrauch machen würde. Bei der genauen Untersuchung der Alten Post und des zu dem Areal gehörenden Telegraphenamts, die die Frankfurter unter anderem bei den Gießener Ingenieuren Sachmann & Lange in Auftrag gegeben hatten, war herausgekommen, dass die Statik der Gebäude Probleme macht. Nach mehr als 100 Gebäudeöffnungen, um die Bausubstanz im Detail zu überprüfen, kam ans Tageslicht, dass eine von a.a.a. geplante Hotelnutzung zwar nicht ausgeschlossen ist, allerdings aufgrund der dafür unzureichenden Tragfähigkeit der Decken – vor allem im Telegraphenamt – nur mit erheblichem finanziellen Mehraufwand zu realisieren wäre. Eine Hotelkette als langfristiger Mieter war jedoch eine der Säulen der Frankfurter, um die Rettung des Kulturdenkmals wirtschaftlich darzustellen.

a.a.a. sagte der interessierten Hotelkette daraufhin ab und informierte die Anwälte der beiden Besitzer, dass der Kaufvertrag nur zustande kommen werden, falls sich der zuvor festgesetzte Kaufpreis von 4,5 Millionen Euro drastisch reduzieren ließe. Gespräche zwischen a.a.a.-Vorstandsmitglied Hendryk Sittig und den Besitzern Würtele/Shobeiri führten aber offenbar nicht zum Erfolg, sodass sich die Frankfurter zuletzt gegen einen Kauf der Alten Post entschieden haben. Eine Bestätigung war von a.a.a. am Freitag nicht zu erhalten. Sittig, der mit dem Projekt Alte Post vertraut ist, weilt im Urlaub.

Laumann hatte diese Entwicklung offenbar genau verfolgt und die Gunst der Stunde genutzt. Am Freitag schloss er mit Shobeiri/Würtele einen Kaufvertrag und beurkundete das Immobiliengeschäft. Über die Modalitäten des Verkaufs sollen beide Seite Stillschweigen vereinbart haben. Dem Vernehmen nach liegt die Summe aber unter dem von a.a.a. angebotenen Kaufpreis. Was Laumann im Detail mit dem Objekt plant, wurde am Freitag noch nicht bekannt. Grundsätzlich werde auch er an dem von a.a.a. geplanten Dreiklang Alte Post, Telegraphenamt und Neubau festhalten, hieß es.

Kai Laumann stammt aus Lollar-Ruttershausen. Er ist 44 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Gemeinsam mit seiner Schwester führt er die Kai Laumann Zimmerei- und Bedachungs GmbH in Wettenberg. Der überraschende Tod seines Vaters zwang ihn im Alter von 24 Jahren dazu, in die Selbstständigkeit zu treten. Aus seinem damaligen Ein-Mann-Betrieb hat der Workaholic ein Unternehmen mit 70 Mitarbeitern gemacht. Doch das ist Laumann nicht genug. Mittlerweile ist er in die Immobilienbranche eingestiegen und vermietet in Gießen mehr als 50 hochwertige Studentenappartemens. Als Zimmermann gilt Laumann als Experte für Modulbauten. Er ist Querdenker und kann in seinem ursprünglichen Beruf getrost als »Zimmermann 2.0« bezeichnet werden. Laumann engagiert sich aber auch auf anderen Ebenen. »Ich finde es toll, soziale und kulturelle Dinge in der Heimat voranzubringen«, sagte er kürzlich in einem Porträt in dieser Zeitung. Dass es ihm auch immer um das Stadtbild seiner Heimatstadt Gießen geht, zeigen seine bisherigen Objekte in der Südanlage, der Schanzenstraße, der Alicenstraße sowie der Nordanlage (ehemalige Esculap-Klinik), die er aufwendig restauriert und herausgeputzt, bzw. erbaut hat. Gleiches hat der leidenschaftliche Skifahrer nun mit der Alten Post und dem Telegraphenamt vor.

Sven Rothenberger und sein Unternehmen a.a.a. sind die neuen Besitzer der Alten Post. Im Interview spricht er über das Kulturdenkmal, seine Gießener Vergangenheit, und er sagt, was jetzt noch schiefgehen kann.

28 Tage vor Ablauf der Rücktrittsoption im Kaufvertrag über die Alte Post steht das Projekt vor einer unklaren Zukunft. Ein neues Gutachten wirft die bisherigen Pläne über den Haufen.

In diesem Teil unserer Quiz-Serie Kennen Sie Gießen suchen wir ein Brückenbauwerk. Das Kulturdenkmal ist Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut worden.

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